Kurzgeschichten-Stories
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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Torsten Radisch (Torsten Radisch).
Veröffentlicht: 08.11.2018. Rubrik: Total Verrücktes


Billy

Als ich allein im wilden Hain
versuchte schnell zu jagen
tauchte eine Wolke auf
und hinderte zu fliegen
Mit einer Flasche in der Hand
Hätt’ ich’s wohl geschafft
den Teufel zu erniedrigen
doch Kopf an Kopf
da trank er mehr
ich konn’t ihn nicht besiegen

Als ich erwache brummt irgendwas. Ich versuche aufzustehen. Ö-Ha! Ich muss mich wieder setzen. Ich hab wohl doch die letzte Nacht dem Bacchus etwas zu viel meiner Huldigung zugemutet. Und jetzt weis ich nicht ob ich eine Umarmung, vier Aspirin, sechs Schnäpse oder einfach zwei Wochen Schlaf brauche… Die Götter nehmen mir die Entscheidung ab und senden mich aufs Klo. Der Druck auf der Innenseite meiner Blase war aber auch schon besorgniserregend… Danach hätte ich gern ein Reparatur-Bier. Das dauert aber da ich meine Sonnenbrille nicht finden kann. Und in meinem Zustand kann ich ohne die nicht den Kühlschrank öffnen, ohne mir die Netzhaut zu verbrennen, wenn das Licht angeht. Ich finde das Teil und tollkühn öffne ich den Sarkophag.
So – geschafft.
Der junge Gott (Das Alter spielt keine Rolle – es zählt allein der Kilometerstand!) kratzt sich den Sack und überlegt woher er jetzt Zufuhr von Biomaterie erhält. Ich entscheide mich und hüpf noch schnell ins Bad. Da ich noch zu betrunken bin um mit dem Rad rumzueiern fahr ich halt mit dem Auto – da kann ich nicht umfallen und mich jederzeit festhalten. Der Schmuggler ist mein Ziel. Das Lokal hab ich schon im Knabenalter heimgesucht. Na, ja – fast… Ich freu mich, dass mein Tisch frei ist, Mantel weg, Hut weg, Telefon aus und da kommt auch schon die Verena. Sie fragt mich gar nicht was ich bestellen will – ein Blick, Nicken, Servus, ein Lächeln und Alles klar! Es gibt nichts Befreienderes als das Lächeln einer hübschen Bedienung…
Ich muss mich erst mal sortieren. In meiner Sakko-Tasche finde ich eine Visitenkarte. Tanja? Ach ja – die Süße aus München. Aber – die Schläfe pocht – was war noch mal gestern? Und wo? Herrje…
Die Verena bring mir eine Goaßnhalbe und zum Futtern gibt’s Ham’n’Eggs.
Es ist ein sehr verregneter Sonntag und ich schau durchs Fenster auf die Straße. Ab und zu fährt jemand vorbei. Alte Blues-Sachen laufen im Hintergrund. Das Lokal füllt sich langsam; ein Hund bellt…
Zufall ist der Spitzname der Vorsehung...
Als ich so vor mich hinträume und an meinem Bier lutsche kommt eine junge Frau herein. Sie hat so merkwürdige Sachen an – so 30’ger Jahre. Ein Kostüm vielleicht Rochas oder Balenciaga mit Stehkragen, Spitzeneinsatz, Ärmelvucants, Kette, Glockenrock also Flapper und unter ihrem Sport Flatcap lodern ihre rotblonden Locken hervor. Sie schaut sich verwirrt um als wenn sie jemanden sucht. Ihr Blick fällt auf mich und sie kommt mit flottem Fuß auf mich zu.
Sie fragt mich in einem furchtbaren Südstaaten-Akzent wo sie denn sei. Ich antworte: „Auf der Erde Süße.“ Sie setzt sich zitternd und scheint mehr als verwirrt. Ich denke noch: Ich bin ein Deppen-Magnet. Die Verwirrten kommen immer nur zu mir…
Nachdem sie eine Zeit lang nichts mehr gesagt hat, frag ich sie halt: „Warum?“
Sie schaut mich an und fragt mich nach meinem Namen. Ich sag: „Ich bin Torsten. Torsten Radisch aus Freilassing.“
Sie gibt mir etwas zittrig die Pfote und sagt:

„Ich bin Billy.

Billy JD Preston aus Rowena, Runnels County, Texas.”

Ich schau der Kleinen in ihre schönen blauen Augen. Sie sind unstet und glänzen. Tom Waits singt für uns

Crest fallen sidekick in an old cafe
never slept with a dream before I had to go away
there’s a bell in the tower
Uncle Ray bought a round
don’t worry bout the army
in the cold cold ground
cold cold ground

Sie zittert jetzt fast nicht mehr. Verena kommt und fragt was die Süße trinken will. Sie versteht wohl kein Deutsch, deshalb sag ich zur Verena: „Bring das dasselbe was ich hab aber gleich zweimal!“ Sie lächelt und verschwindet.
„Billy.“ sag ich. „Was machst du hier? Urlaub?“ Sie sieht mich mit großen Augen an und mit einem abfälligen und ungläubigen Lächeln meint sie: „Urlaub? Wenn das hier Urlaub ist, dann…“ Sie bricht den Satz ab und sieht aus dem Fenster. Verena-Schatz bringt die Getränke mit einem Lächeln. „Vor wem läufst du denn weg Billy?“ will ich wissen. Sie schaut mich an und meint leicht verunsichert: „Wieso? Hast du Bullen gesehen?“ Aha! Dacht ich mirs doch... In diesem Moment singt Tom die Zeile:

Gimme a Winchester rifle and a whole box of shells
blow the roof off the goat barn, let it roll down the hill

Billy muss so lachen, dass sie sich an ihrem Bier fast verschluckt. Sie hustet ein wenig, trinkt einen Schluck und lacht weiter.

The piano is firewood
Time square is a dream
I find we’ll lay down together
In the cold cold ground
The cold cold ground

Ich frage sie wo sie denn jetzt herkommt? Und was sie hier will? Sie meint sie hätte keine Ahnung; sie war plötzlich hier und alles scheint ihr so fremd. Sie will wissen wo sie überhaupt ist? Ich sage: „Du bist in Bayern, Deutschland…“ Sie blickt ungläubig. „…Europa?“ füge ich hinzu. Sie sagt, dass kann nicht sein. „Doch!“ sag ich. Welches Datum wir schreiben fragt sie. „Wir haben den 7. Januar.“ antworte ich. Sie schaut verwirrt und fragt welches Jahr? „2019.“ antworte ich ungläubig. „Aus welchem Jahrhundert stammst du denn?“ frag ich etwas ironisch. Jetzt schaut sie noch mehr verwirrt. Sie will sich eine Zigarette anzünden. „Hier darfst du nicht rauchen.“ sag ich. Sie murmelt so was wie: „Falsches Land… In der Kneipe nicht rauchen…“ Um sie zu beruhigen sag ich: „Trink einen Schluck!“ Sie folgt meiner Aufforderung, trinkt einen kräftigen Schluck und meint sie möchte sich jetzt gerne etwas ausruhen. „Na gut“. sag ich und „Komm mit!“ Ich bezahle noch eben an der Theke Speis und Trank und los geht’s. Ich fahre. Sie meint, dass das aber ein merkwürdiges Auto ist. So bequem und schnell. Ich denke noch: 'Alter Skandinavier - wo kommt die denn her? Haben die in Texas keine Autos?' Wir sind gleich bei mir. Dort angekommen sieht sich um und schaut. Ich frag: „Was willst du trinken?“ „Whiskey!“ fordert sie. „Ich habe einen Honey Liqueur, also so was wie Whiskey. Hat aber ordentlich Drehzahl.“ sag ich noch während ich ihr einen einschenke. Sie nimmt einen groben Schluck, hustet, lächelt und murmelt so was wie „Passt!“ Ich mach mir ein Bier auf.
Ich schalte den Computer an, um etwas Musik zu hören. Billy ist fasziniert von dem ganzen Zeug und staunt nur. Der Compi ist hochgefahren.

Als Desktop-Hintergrund habe ich ein Foto von Bonnie & Clyde.

Als sie dieses Bild sieht dreht sie sich zu mir um und verpasst mir eine rechte Gerade, dass ich blutspritzend nach hinten auf den Boden fall. Damit hatte ich jetzt grad nicht gerechnet... Während ich versuche mich an imaginären Stangen aufzurappeln plärrt sie mich an: „Ich wusste du bist ‘n scheiß Bulle!“ Ich versteh nix, rappel mich auf, geh zum Becken und wasch das scharlachfarbene Zeug aus dem Gesicht. Sie boxt mich von hinten in den Rücken. Ich drehe mich um und halte ihre Arme fest. „Ich bin kein Bulle! Was bist du denn für Eine?“ plärr ich Sie weicht einen Schritt zurück, ich lasse sie los. Sie zeigt auf den Bildschirm und schreit:

„UND WARUM HAST DU DANN EINE PHOTOGRAPHIE VON MIR IN DEINEM ZIMMER?“

„Des is ja spooky.“ stammle ich hervor. Mir wird heiß und mein Magen rebelliert; ich muss mich setzen.
„Du bist Bonnie Elizabeth Parker? Was für ‘n Scheiß! Ich bring dich besser zurück in die Klapse!“ plärr ich. Sie schreit zurück: „Du hast eine Photographie von mir und weißt meinen Namen? Natürlich bist du’n Bulle!“ Kopfschütteln ist bei mir grad Mode. Billy – äh – Bonnie – wie auch immer… bringt mir mein Bier und setzt sich neben mich. Ich sag: „Zeig mir dein rechtes Knie!“ „Was soll ich?“ fragt sie. „Tu es einfach!“ befehle ich. Sie entblößt verschämt ihr Knie und ich erkenne das Tattoo ‚Roy and Bonnie’ über ihrem Knie. Heiliges Plumpsklo! Ich murmle: „Dann bist du 108 Jahre alt…“ Ich trinke einen beherzten Schluck und spiele einfach mit. Ich frag: „Ja – wie kommst du denn hierher?“ Sie legt ihren Arm auf meine Schulter als ob sie mich trösten will. „Ja.“ meint sie. „Das Letzte was sie weis ist, dass sie in dem Ford in Louisiana saß und plötzlich Schüsse fielen. Dann ist sie hier aufgewacht.“ erklärt sie. Keine Orientierung und deswegen erst mal ins Diner. Und euphorisch weiter: „Hey – da du doch ‘n Bulle bist – hast du ne Kanone?“ Ich verdreh die Augen. „Ich bin kein Bulle! Herrgott noch mal! Natürlich hab ich eine Pistole, aber die werde ich dir verrücktes Huhn nicht in die Hufe geben!“ sage ich etwas lauter. Sie streichelt mir übers Kinn, lächelt und meint verführerisch: „Oh – doch. Das wirst du.“ Na supi! Denke ich. Was mach ich jetzt mit der Verrückten? Billy meint, sie müsse mal und verschwindet. Sicherheitshalber schieb ich mir unbemerkt von der Verrückten meine kleine Walther P22 ins Sakko.
Sie kommt wieder zurück, nimmt den Whiskey und setzt sich neben mich. Sie lächelt und nimmt dann einen respekteinflößenden Schluck. Sie rülpst fast unbemerkt, damenhaft und grinst mich an. „Du spielst Gitarre?“ fragt sie und deutet auf meine Gittis, die da so rumstehen. „Na, ja…“ sag ich. „Die meisten bluten aus den Ohren, wenn ich aufklampfe…“ will ich mich rausreden. „Spiel für mich!“ fordert sie. OMG… Ich schnapp mir eine Akustik und denke, wenn sie sich für Bonnie Parker hält wird ihr das gefallen. Johnny Cash ‚Folsom Prison Blues’. Das kann ich (sind nur drei Akkorde…).

“When I was just a young boy my Mama told me son
Always be a good boy don’t ever play with guns
But I shoot a Man in Reno, just to watch him die
When I hear that Whistle blowing
I hang my Head and cry”

Billy summt leise mit (die Melodie ist recht einfach…). Auch als ich schon zu Ende bin summt sie verträumt mit einem Lächeln und geschlossenen Augen weiter. Ich betrachte sie; sie ist so schön; wiegt sich leicht zur Melodie. In diesem Moment haben die Dornen Rosen getragen…
Aufwachen Radisch! Denk ich noch. Aber es ist kein Traum. Ich überlege tatsächlich ob ich die Kleine nicht direkt beim Krankenhaus absetze. Ein Freund – Manfred – arbeitet als Pfleger in der Geschlossenen; vielleicht gebe ich sie einfach dort ab…
So – jetzt reicht’s! Ich versuche meinen Spezl Tobi aus Berlin zu erreichen, scheitere aber an seiner Mehlbochs. Es läuft ‚Sweet Home Alabama’ von Lynyrd Skynyrd. Ich sag zur Billy: „Wir fahren zu meinem Bruder; der kennt sich mit so was aus.“ Sie nickt zustimmend. Während ich ein paar Sachen in meinen alten Armee-Rucksack stopfe macht sich Billy im Bad etwas frisch. Was auch immer das bei Frauen bedeuten mag… Wahrscheinlich is scheißen… So – die Frisur sitzt; ins Auto und ab die Post! An der Tanke kauf ich noch Bier, Wasser – als Deko - und Zigaretten. Ab auf die Straße!
Ich fahr auf die 20’ger; Piding auf die 8’ter und weiter erst mal Richtung Monaco. Ich mach Musik. Canned Heat – 'On The Road Again'. Der alte Straßenhund und ein hammermäßiges Madl. Billy hat die Schuhe ausgezogen, die Beine auf die Ablage hochgelegt und raucht genüsslich eine Kippe nach der anderen. Auf mein Verlangen reicht sie mir mein Bier; sie nimmt auch immer einen Schluck. Schöner kann die Welt nicht sein. Aus Gewohnheit streichel ich ihr Knie. Sie haut die Pfote weg und flucht etwas das ich nicht verstehe. „Schuldigung…“ mein ich noch. Aber sie lächelt wissend als sie sich zum Fenster dreht. Eine Frau ist die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert… Es läuft grad Lou Reed – 'Walk On The Wild Side'. Sie wippt im Takt mit, betrachtet die vorbeisausende Landschaft und scheint glücklich zu sein. Wie auch immer. In Bernau fahr ich ab zur alten Biker-Boazn. Als wir das Lokal betreten werden wir ausgiebig gemustert. Sie im Kostüm; ich im Anzug; in einem Biker-Lokal. Ich sage laut in die Runde: „Servus!“ Alle drehen sich wieder um. Ich bestelle zwo Kilkenny. Und zur Billy sag ich: „Hier darfst du rauchen.“ Und schon brennt die Fluppe.
Ich mein zu ihr: „Und wie geht es weiter? Hast du überhaupt Geld?“ Sie kramt herum und holt eine Rolle Geldscheine hervor. Natürlich Dollar. Ich wuzzel die Rolle auseinander und staune nicht schlecht. „Wie viel ist denn das?“ frag ich noch blöd. „Es reicht.“ meint Billy gelangweilt. Wir trinken unser Bier schweigend. Ich muss mal… Als ich aus den heiligen Hallen zurückkehre steht Billy mit meiner Pistole in der Hand vor dem Barkeeper. Wie hat die Fotze die Waffe aus meinem Sakko geklaut? Sie plärrt irgendwas das ich nicht verstehe und so wie der Barkeeper guckt versteht er es auch nicht so ganz. Ich lauf noch hin als er ihr die Scheine aus der Kasse geben will. Ich schnab mir natürlich sofort die Pistole und hau sie ihr auf den Kopf. Zweimal. Ich beschimpfe sie auf bairisch. Blöd schaun kann’s auch. Nachdem ich etwas Luft geholt habe geb ich dem Barmann das Geld wieder und mein nur: „Die ist ned ganz dicht.“ Er meint: „Schon gut. Ich brauch auch keine Bullen wegen dem Gezeter.“ Ich bezahle die Biere und wir schleichen uns wozu ich Billy am Arm packe und dann über meine Schulter werf, um sie mit Nachdruck ans Tageslicht zu befördern. Die Biker lachen nur. „Ja – Applaus, Applaus!“ sag ich noch. Billy grinst über alle vier Backen und deutet das Victory-Zeichen. Die Biker hauen vor Lachen auf die Tische.
Als sie sich anschnallt – das musste ich ihr erst mal beibringen – denke ich noch ob ich den Gurt nicht fixieren könnte – damit mir das Weib nicht schon wieder Unfug treibt.
Eigentlich sollte ich sie an einem Autobahnparkplatz aussetzen. Aber als ich sie anschaue guckt sie wieder wie ein Lämmchen, blinzelt und gibt mir einen Schmatz auf die Wange. Tja – Männer… Wir fahren weiter.
Bei der Tanke kurz vor der Auffahrt bleib ich stehen da mein Telefon Krawall macht. Ich erfahre nichts Gutes. Zum telefonieren steig ich aus. Bei der Beifahrertür angekommen leg ich auf und öffne die Tür. „Du bist dran mit fahren!“ sag ich zur Billy. Während sie hektisch versucht die Gurtschnalle zu lösen meint sie: „Mit so einem Wagen bin ich noch nie gefahren.“ Ich dulde keinen Widerspruch. Sie rutscht umständlich über die Feststellbremse und hält sich am Lenkrad fest. Ich steig ein. „Und ab die Post!“ mein ich noch voller naiver Zuversicht. Sie stolpert los, der Wagen hüpft und bockt. „Stopp! Stopp! Du musst die Kupplung auch betätigen; die freut sich, wenn sie Besuch bekommt.“ lache ich. „Kupplung?“ fragt sie und ihr Gesicht verzieht sich zu einem Fragezeichen. Ach – Scheißdreck. Ich erlöse sie und sag: „Ich fahr wieder.“ Anstatt dass sie aussteigt klettert sie wie ein Muli über die Feststellbremse auf den Beifahrersitz zurück. Dabei kommt sie aus Versehen auf die Hupe und erschrickt. Was mich zum Lächeln bringt. So. Ich fahr aber nicht auf die Autobahn, sondern die Landstraße Richtung Prien. Im Radio läuft von The Pogues: 'The Parting Glass'. Ich sinniere über den Anruf vorhin. Ich muss mir andere Freunde suchen. Die eine Hälfte habe ich zu Grabe getragen, die andere Hälfte sitzt im Knast… Tolle Wurst…
Keine Zeit für solche Gedanken. Als wir uns Prien nähern meint sie was das für ein See sei? „Chiemsee.“ sag ich so lapidar. Sie versucht in ihrem furchtbaren Akzent ‚Chiemsee’ zu sagen. Ich muss lachen. Aber sie probiert es immer wieder. Vor Lachen mach ich mir schon in die Hose. Na - fast… Ich fahr in Prien ein, da meint die Verrückte – äh - Billy: „Da sind ja Schiffe! Können wir fahren? Bitte! Können wir?“ Ich denke: Na, gut. Versenkst du sie halt im See… Ich kurble rum bis ich einen Parkplatz habe. Ich hol aus meinem Rucksack eine dicke Jacke die ich Billy über die Schultern leg. Wir latschen zum Pier; ich erwerbe Tickets und wir dürfen bereits das Boot betreten. Nach wenigen Minuten geht’s los. Billy freut sich so sehr; schaut links, bald rechts; ihre Haare wuseln im Wind. Die Fahrt dauert nicht lange – wahrscheinlich zu kurz für die Kleine – und wir legen an Herrenchiemsee an. Wir schwanken vom Boot. Auf dem Weg meint ich noch zu der Gschupstn: „Hier ist ein Kloster! Also benimm dich!“ „Jahaa…“ meint sie noch.
Wir flanieren ein wenig; ich erkläre: Kloster; König Ludwig; Bla, Bla… Billy guck mich nur an als ob sie einen Hobbit sieht – wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass sie so was gar nicht kennt. Uns wird kalt; wir kehren in die Gaststube des Schlosswirtes ein. Billy studiert die Speisekarte und ich armer Tropf muss den Dolmetsch machen. Was heißt noch mal Kaspressknödel auf Englisch? Ja - Versuch mal Bierkutschergulasch zu übersetzten! Als die Bedienung kommt mach ich’s wie beim Chinesen: „Zwomal die 15 und zwo Bier.“ Passt. Nach dem Mahl mahne ich zum Aufbruch. Es ist schon Nachmittag und wir wollen doch noch zu meinem Bruder. Allerdings – denke ich – der wird uns auch nicht weiterhelfen können, was mir – zu meiner eigenen Überraschung – ein Lächeln abringt. Irgendwie hab ich die kleine Chaotin doch ganz gern. Wieder übern See; Billy hängt an der Reling und lässt den kalten Wind durch die Haare streicheln. So sausen wir kurz darauf wieder übers Land. Billy hat es sich schon kommod gemacht; Jacke nach hinten; Schuhe aus; Beinchen auf die Ablage; Zigarette. Ich bemerke wie sie mich von der Seite her ansieht. Sie nimmt meine Hand und legt sie auf ihr Bein. Mir wird warm. Ich fahre auch leicht über ihren Schenkel; spüre die feinen Härchen; bis fast zum Funky Broadway, dort wo sich die Schenkel berühren und die Haut so zart ist. Ich bemerke ein Grinsen in ihrem Antlitz und denke noch: 'Beende was du begonnen hast, Legionär!'
Am Stadtrand von Rosenheim sag ich: „Es wird schon dunkel. Wir nehmen ein Zimmer.“ Bei der ersten Pension halte ich. Pension Ziegler. Wir stiefeln hinein. Die Dame des Hauses ist freundlich und gibt uns ein Zimmer. Während sie voran geht meint die Dame – und deutet auf Billy – dass sie schon lange kein so schönes Kostüm mehr gesehen hat. Wo wir denn her sind? Will sie wissen. Ich mein halt pragmatisch: „Freilassing.“ Die Dame meint: „Ihre Frau spricht wohl nicht sehr viel?“ Ich sag: „Die hat einen furchtbaren niederbayrischen Dialekt. Ich versteh sie auch nur durch Zeichensprache“. „Aha…“ meint die Dame etwas verwirrt. Wir beziehen das Zimmer. Großes Bett, Fernseher, Bad – alles da! Billy legt ab und meint sie macht sich im Bad frisch. Geht die schon wieder scheißen? Des mit dem Frischmachen muss ich noch explizit detektieren…
Ich liege auf dem Bett. Fernseher. Bayern verliert… Billy kommt herein – Nein! – Erscheint! Der Raum hat sofort ein anderes Licht. Sie nimmt die Fernbedienung und schaltet aus. Das weis sie aber eine Kupplung ist Fremdwort! Sie trägt nichts außer einem Negligé. Und mir wird die Hose eng. Sie zerrt an dieser meiner Hose. „Ich mach schon; ich mach schon.“ sag ich noch zu ihr (wer weiß was die sonst noch kaputt macht…). Sanft fasse ich ihr Hemdchen; sie lächelt; ich lasse es zärtlich über ihre Schultern laufen. Als wir beide nackt sind kniet sie über mir. Gott hat die Figur! Billy weis ganz genau wo sie hinlangen soll. Abbruch! Abbruch! Wir wollen hier ja keinen Porno – den Rest könnt ihr euch ja denken…
Als ich später aus dem Bad komme räkelt sie sich im Bett. Ich schlupf unter die Decke und eine schöne warme Frau schmiegt sich an mich. Im Radio läuft ‚Claire de Lune’ von Debussy. Ich denk noch: 'Ein Cello wäre schön…' Ich gebe ihr einen schlafenden Kuss. Wer hat je die Sterne für dich gezählt? Irgendwann penn ich weg…
Als die Sonne den Morgen grüßt steh ich auf, kratz mir den Arsch und gehe Richtung Bad. Rasieren, duschen, aber des kennt ja jeder. ‚Ich verschwand mit dem Teufel in der Nacht und bin am andern Morgen mit ‘nem Engel aufgewacht’. Fällt mir ein. Nur Billy ist nicht da. Ja, die wird wohl zum Frühstück gegangen sein. Ich pack alles zusammen, häng das grüne Schild ‚Please tidy up the Room’ an die Tür und lauf runter zur Rezeption. Ich frag wo der Frühstücksraum ist, da ich eine kleine Nervensäge vermisse. „Oh!“ sag die Dame. „Die ist ja schon abgereist. Sie meinte wegen einem Termin, wenn ich ihren niederbayrischen Dialekt richtig verstanden hab.“ Mein erster Griff gilt der Pistole. Weg. Autoschlüssel. Weg. „So eine Fotze!“ sag ich noch laut, dass die Dame des Hauses errötet. „Na.“ sag ich. „Mit dem Auto kommt sie ja nicht weit.“
So – was mach ich jetzt? Ich habe in fremden Landen als Soldat gedient, hab Männern beigebracht wie man mit Munition, Waffen, Sprengstoffen hantiert und wie man im Krieg überlebt. Aber Billy… Zuerst fällt sie über mich her wie Hitler über Polen und jetzt scheitere ich an ihr wie Napoleon bei Waterloo! So ein Mist! Fotze! Wie der feine Herr zu sagen pflegen tät. Aber sie ist so süß… Ja, Scheißdreck! Die hat mich wirklich eingelullt…
Ich checke aus und geh erst mal zum Parkplatz. Der Wagen ist wirklich weg. So ein Mist! Wie hat die Kleine das bloß geschafft? Die weis doch nicht mal was ein Rückwärtsgang ist! Ich latsch zur nächsten Bushaltestelle und warte auf einen Bus Richtung Hauptbahnhof. Ich steh da wie ein begossener Dackel, äh, Pudel – irgendwas mit Hufen… ‚Die Welt scheint auch mich zu hassen. ’ Shakespeare. Richard III. Fällt mir grad ein. Mein Telefon krawallt wieder. Es ist mein Bruder Oliver. Gott sei’s getrommelt! Ich erkläre kurz meine Situation und mein Bruder lacht sie schief. „Ja, Danke.“ sag ich noch genervt. Immer schön nachtreten… Als Oliver wieder Luft hat meint er: „Ich hol dich ab; kann aber ein wenig dauern.“ Ich geh wieder zurück in die Pension Ziegler und fordere mein Frühstück ein. Ich frag noch ob ich eine Zugabe in den Kaffee haben kann. Das Mädchen meint: „Ja – Zucker und Milch sind doch da.“ Sie versteht mich nicht. „Mit Schuss!“ sag ich. „Ach so…“ zuckt sie mit den Achseln, verschwindet und kommt mit einer kleinen Flasche Rum zurück. Danke. Nachdem ich das Fläschchen Rum mit Kaffee gestreckt habe höre ich von nebenan laute Worte. Plötzlich steht Billy im Frühstücksraum, kommt auf mich zu, packt mich am Arm (ich kann gerade noch meinen Rucksack mitziehen) und zerrt mich nach draußen. Mein Wagen ist genial ideal quer auf der Straße geparkt. Billy schiebt mich zur Fahrertür, nimmt meinen Rucksack, geht auf die andere Seite, schmeißt den Rucksack auf die Rückbank, steigt ein. Ok – ich steige auch ein. Billy plärrt nur: „Fahr!“ Ich guck sie von der Seite an und mir wird ein wenig schlecht da ich Schlimmes ahne. Von fern höre ich das Sondersignal der Polizei. „Fahr!“ plärrt die Verrückte. Ich steig aufs Gas, dass die Reifen quietschen und los geht der wilde Ritt. Ich plärr sie noch an: „Was hast du getan? Habe ich dir letzte Nacht dein restliches Gehirn rausgevögelt? Oder denkst du prinzipiell nur mit dem Rückenmark? Gibt es eigentlich Sauerstoff auf deinem Planeten?“ Billy bekommt hektische Flecken und plärrt immer nur: „Fahr!“ Meine Nerven drücken auf den Magen. Ich bin einfach zu alt für den Scheiß… Ich schlag Hacken wie ein Hase durch die Stadt und schaff es irgendwie die Polizei abzuhängen. Ich biege schnell ab in eine offene Garage. Durchschnaufen. „Nun, gut.“ sag ich einigermaßen ruhig. „Was zum Teufel hast du gemacht?“ Billy schaut wieder wie ein Kätzlein, blinzelt und ihre Augen sind groß wie die eines Welpen. „So!“ schnaub ich. „Das zieht nicht mehr bei mir!“ Ja – ein bisschen schon… „Ab jetzt führe ich das Kommando!“ Meinen Blick versteht die Verrückte durchaus. So! Wir nehmen unsere Sachen; ich schließe das Garagentor und wir gehen die Straße hinauf, nächste Seitenstraße rein und ich ruf meinen Bruder an. Nach einer kurzen Darstellung der Lage höre ich nur noch Lachen. „Olli!“ plärr ich. „Hol uns hier ab!“ Ich sag ihm den Straßennamen und die nächste Hausnummer. „Ja.“ meint Oliver „Ich beeil mich.“ und fängt wieder laut zu lachen an. Ich leg auf. Ich wende mich zu der Gschupstn: „So, du Malefizweib! Jetzt brennt die Thermik! Was ist passiert?“ Sie lächelt nur. Ich sag: „Du hast uns die Bullen auf den Hals gehetzt; mein Wagen ist weg. Übrigens - wo ist meine Pistole?“ Billy sieht, dass ich es erst meine und gibt mir mit einem verlegenen Grinsen die Waffe. Ich rieche erst mal am Verschluss. „Du hast geschossen?!“ Ich kann es nicht fassen… Ich lass das Magazin rauslaufen und zähle die Patronen. Es fehlen drei Stück! So! Billy bekommt eine Ohrfeige von mir! Sie bleibt ruhig – sie weiß ja warum. Sie holt grinsend aus ihrer Tasche einen Revolver – einen .357 Magnum - und lächelt mich an wie ein Kind, das ein Ostergedeck im Garten gefunden hat... „Du hast mit meiner Pistole ein Waffengeschäft ausgeraubt?“ plärr ich. Wegen der bekomm ich noch ein Magengeschwür… „Außerdem“ sag ich so vor mich hin „Der Rückstoß renkt dir doch die Schulter aus Mädchen…“
Endlich saust mein Bruder heran und grinst nur noch. „So! Billy! Cap runter, meine RedBull-Jacke anziehen, auf den Rücksitz und Klappe halten!“ befehle ich. Sie folgt unerwartet brav. Sie schaut sich die Jacke an, liest das RedBull-Logo und meint: „Ist das deine Gang?“ Mein Bruder düst los und lacht und lacht. Manchmal muss er sich eine Träne wegwischen. Ich mein genervt: „Olli hör endlich auf.“ Von hinten kommentiert Billy in Richtung Oliver: „Fahr!“ Ich dreh mich zur Billy um und sie ist sofort ruhig und schaut unschuldig aus dem Fenster. Berechtigterweise fragt mich Oliver wo wir denn jetzt hinwollen? Und er sagt richtig: „Die haben dein Auto sicher schon gefunden und damit auch deinen Namen. Und auch somit meinen Namen und Adresse! Die kommen sicher bald bei mir vorbei.“ „Ja“ murmle ich „Schon klar. Ich muss denken.“ Von hinten wieder: „Fahr, Oliver, fahr!“ Ich kann nur den Kopf schütteln und der Olli lacht sich krank. Ich sag zum Olli: „Wenn das deine Frau erfährt lachst du nicht mehr!“ Jetzt muss mein Bruder noch mehr lachen und klopft sich auf den Schenkel. Vielleicht ist es besser, wenn ich fahre. Denk ich noch. Uns kommt eine Tanke entgegen. „Halt mal, Olli.“ sag ich. „Ich brauch Schnaps.“ Ich gehe in den Shop, kauf mir Bier und einen kleinen Sorgenkiller. Als ich wieder ins Auto steigen will fehlt was. „Wo ist sie?“ frag ich mit Nachdruck meinen Bruder. „Och – die wollte auch was kaufen.“ meint er. Mir wird wieder schlecht. Da kommt sie schon angelaufen mit zwei Flaschen Whiskey in den Händen, grinst, springt behände auf den Rücksitz und plärrt: „Fahr, Oliver, fahr!“ Oliver gibt Gas. Diesmal bin ich es der lacht. „Sag mal, Torsten.“ meint Oliver. „Die hat doch bezahlt, oder?“ Jetzt muss ich Tränen lachen. „Das heißt Nein?“ fragt Olli und schon hat er die Antwort. Er schüttelt mit dem Kopf. „Wir müssen aber trotz allem noch kurz zu mir.“ meint er. Wir fahren. Im Radio läuft von Sportfreunde Stiller ‚New York, Rio, Rosenheim’. Der Olli und ich grinsen uns an. Bald erreichen wir das Domizil. Als Olli aufsperrt werkelt Sarah grad in der Küche. Sie lacht, umarmt mich, ich stelle vor: „Des do is die Billy. Füttere sie nie nach Mitternacht!“ Sarah lacht und begrüßt sie. Wir setzen uns an den Esstisch. Olli bringt Getränke; es gibt Bier für die Männer und roten Wein für die Dame – und für die Geschupste auch… Ich berichte in kurzen Worten was geschehen ist. Bei jedem Satz grinst Sarah mehr und mehr. Als ich mit meiner Geschichte bei der Tanke ankomme ist es geschehen. Sarah prustet laut los. Olli lacht, Billy lacht und ich weis jetzt grad nicht was gar so lustig sein soll. „So!“ sag ich. „Ich geh jetzt mal aufs Gästeklo – ich muss mich mal frischmachen!“ Als ich frisch bin stehen Billy und Sarah beieinander und reden wohl über das Kostüm von Billy. Sarah hat schon Billys Cap auf. Ich setz mich zum Oliver. Wir trinken schweigend und geduldig unser Bier. Wir beide wissen: Wenn sich die Weiber über Klamotten unterhalten brauchen wir mindestens noch zwo Bier… Erst als es energisch an der Tür läutet schrecken wir auf. Sarah fragt über die Gegensprechanlage wer da ist. Es ist nur die Post. Durchatmen. Aber Oliver mahnt „Wir sollten dann mal los.“ „Wir brauchen ein Auto.“ sag ich zum Olli. Der meint: „Spätestens seit dem Tanke-Schmarrn wird mein Wagen auch gesucht.“ Sarah kommt ins Zimmer. „Und meinen kann ich auch nicht geben. Ist ja auch gemeldet auf Radisch.“ meint sie. „Aber wir müssen doch verschwinden!“ sag ich. Olli und Sarah grinsen sich an und haben wohl denselben Gedanken. „Wir kommen einfach mit!“ sagt Sarah. Ich mein zu ihr: „Wir werden polizeilich gesucht! Das ist kein romantischer Road-Trip!“ „Doch!“ sagt die Sarah. „Wir machen ihn dazu!“ Sie schnappt sich Olli und beide gehen ins Schlafzimmer packen. Ich sag: „Tja, Billy. Jetzt sind wir dreimal Radisch, einmal Parker – äh – Preston.“ Billy lacht. „Mein Name ist doch Bonnie!“ „Glaub ich nicht!“ sag ich. Sie lächelt wie Mona Lisa. Olli und Sarah kommen mit Gepäck. Wir stoßen alle zusammen an und trinken aus.
Jeder noch mal auf Klo und wir reiten los! Ich entscheide: „Wir nehmen Sarahs Wagen – gibt uns wahrscheinlich einen kleinen Vorsprung. Und das gilt für alle: Telefon aus, Akku raus – wenn’s geht. Sonst kann man uns orten.“ Jeder fummelt an seinem Telefon, nur Bonnie nicht. Ich frag sie noch ob sie kein Telefon hat. Sie meint: „Ja, das schon. Aber das hängt in Texas an einem Kabel.“ Wir müssen alle laut lachen. Bonnie und ich machen es uns im Fond kommod. Sarah fährt. Sie will wissen wohin wir eigentlich fahren? Bonnie meint: „Ich wollte schon immer mal nach Australien.“ Alle lachen. Olli meint: „Wir bringen dich nach Austria, da gibt’s aber keine Kängurus…“ Ich sag: „Wir fahren nach Italien und lassen Bonnie einfach nach Australien schwimmen!“ Fast alle lachen. Da ich das auf Deutsch gesagt habe versteht Bonnie das Gelächter nicht. Jetzt verschränkt sie beleidigt die Arme und schmollt aus dem Fenster. Mit meinem Finger streichele ich ihr Kinn. „Na du kleiner Schmoll-Fisch?“ Sie haut mir die Pfote weg und brabbelt irgendwelche Flüche, die keiner versteht.
Ich sag: „Ich hab eine Entscheidung getroffen. Wir fahren nirgendwo hin. Wenn man nicht weis welchen Hafen man ansteuert ist jeder Wind von Vorteil.“ „Ja“ meldet sich Bonnie „Lasst uns herausfinden wo der Wind uns hintreibt!“ Ich sinniere: „Bis Texas wohl nicht…“ Wir gleiten durch die Dunkelheit. Bonnie meint irgendwann: „Ich brauch Fleisch!“ Oliver stimmt sofort zu: „Ja – Auf zum Burger King!“ Ich sag noch zur Sarah: „Solange die Meute Hunger hat wird das sowieso nix.“ Sie stimmt nickend zu. Beim Amerikaner angekommen bestellt jeder. Bonnie will ihren Burger selber zahlen und langt in ihre Tasche. Ich denke: Wenn die jetzt den Revolver zieht verpasst ich ihr eine, dass sie bis Montag schläft! Sie holt die Rolle Dollar raus, zieht einen Hunderter und hält ihn dem verunsicherten Burschen hinter der Theke hin. Der stottert nur: Wir nehmen nur Euro. Ich nehm Bonnie zur Seite und sag: „Steck die toten Präsidenten weg! Ich zahl.“ Von wegen nicht auffallen...
Das Rudel speist. Sarah fragt mich mit vollem Mund warum ich Bonnie sag. „Die heißt doch Billy!“ Bonnie schmeißt ihren Burger hin und berichtet wer sie wirklich ist und dazu die ganze Geschichte. Sarah, Olli und ich wechseln Blicke. Bonnie bemerkt es und plärrt: „Ich bin nicht eine Geschubbsta! Ich bin Bonnie Elizabeth Parker aus Rowena, Runnels County, Texas… - äh… Vereinigte Staaten!“ meint sie verzweifelt. Sie nimmt meinen Arm und meint: „Du hast mein Tattoo gesehen. Mein erster Mann Roy! Hier mein Ehering!“ Ich sehe ihren flehenden Blick. Ich streichele ihr übers Haar und sag: „Du musst verstehen. Das ist für uns nicht leicht zu kapieren, Bonnie…“ Sie wird nervös und kramt in ihrer Tasche. In dem Moment als sie den Revolver hervorzaubert nehm ich ihn ihr ab. Kann die böse gucken. Während ich die Waffe betrachte murmle ich vor mich hin: „Ist es nicht pure Ironie, dass Smith & Wesson diesen Revolver erstmals 1934 hergestellt hat – das Jahr deines Todes?“ Ich lass die Trommel zur Seite gleiten und nehm eine Patrone heraus. Echte. Patrone zurück. Mit einer Handbewegung schmeiß ich die Trommel zurück und steck die Waffe ein. Bonnie boxt mich auf den Arm und schreit: „Gib mir meine Kanone zurück!“ „Nö.“ sag ich. Sie schimpft in fremden Zungen und schmollt mal wieder. Ihren Burger verspeist sie mit bösem Blick. Vor jedem Bissen flucht sie leise vor sich hin. Olli und ich grinsen. Nach dem Festmahl stackseln wir Richtung Auto.

Wir sehen schon von weitem, dass Polizei beim Wagen steht. Bonnie schubst mich und mit einer Bewegung hat sie den Revolver in der Hand. Sie läuft auf die Polizisten zu und schießt wie ein Cowgirl. Ich lauf noch hinterher. Olli zieht Sarah hinter sich; ich plärr noch Bonnie nach. Die ist mal wieder belehrungsresistent. Die Polizisten ziehen ebenfalls ihre Dienstwaffen. Ich schrei noch zu Bonnie: „Triff nicht das Auto!“ Die Polizisten schießen; ich nehm meine Pistole und schieße zurück. Hektik. Eine wilde Schießerei. Dann liegen die beiden Polizisten auf der Erde. Bonnie und ich schauen uns verschwitzt an. Sarah läuft zum Auto und steigt ein; Olli hinterher; Bonnie und ich hüpfen in den Wagen; Bonnie springt noch mal raus und nimmt die Dienstwaffen samt Ersatzmagazine mit. Sarah saust mit durchdrehenden Rädern los. Sie kurbelt um die Häuser. Ich wusste nicht, dass die so fahren kann. Bonnie wischt sich mit ihrem Ärmel die Stirn ab; dreht sich zu mir und grinst so wie sie es nur kann. „Gut?“ fragt sie. „Ja, gut“. lach ich. „Der Teufel kriegt uns früh genug!“ Ich frag nach vorne: „Na – wie fühlt es sich an Verbrecher zu sein?“ Olli grinst mich an; Sarah lacht. Wir sausen durch die Stadt. Bonnie macht eine Flasche Whiskey auf und nimmt einen großen Schluck. Sie gibt mir die Flasche. Oh – das brennt gut! Ich reiche die Flasche nach vorn. Oliver nimmt einen Schluck; Sarah nimmt sie ihm aus der Hand. „Gib her!“ sagt sie und trinkt – so mein subjektiver Eindruck - die halbe Flasche leer. Bonnie will wissen ob noch eine Bank offen hat? Ich sag: „Wo saugst denn du die Luft an? Jetzt ein Überfall?“ Bonnie meint ganz abgeklärt: „Ja – jetzt wo alle Bullen zum Diner fahren wäre das doch perfekt!“ Und grinst, dass die Zähne blitzen. Die Idee entbehrt nicht einer gewissen Logik. Doch wir müssen erst mal Land gewinnen. Ich sag zur Sarah: „Fahr langsam, normal und benutze Seitenstraßen.“ Sie nickt. Bonnie füllt ihren Revolver wieder; Ich munitioniere auch wieder auf. Sarah meint: „Und was ist mit uns?“ Bonnie nimmt die beiden Polizeiwaffen; prüft die Magazine; nimmt die Ersatzmagazine; lässt sie in die Pistolen laufen und reicht sie nach vorn. Olli meint: „Ich weiß doch gar nicht wie man die bedient.“ Sarah sagt ganz ruhig: „Das ist eine Walther P99Q kal 9 mm. Also: Den Verschluss ganz nach hinten; wieder nach vorn – geladen – zum Schießen den Verschlussfanghebel nach oben: Double Action. Wenn du vor dem Laden entsicherst ist der Hahn schon gespannt: Single Action.“ Olli schaut seine Frau an und erkennt sie nicht wieder. „Woher weißt du denn so was?“ will Oliver wissen. „Och“ meint Sarah „Habe ich mal gelesen...“ „Ja, klar!“ meint Olli. Bonnie grinst und meint: „Die Kleine hat Potenzial!“ Ich kann sehen wie Sarah im Rückspiegel Bonnie angrinst. Oliver wirft mir einen Blick zu den ich wohl erkenne: Was haben wir nur für Weiber? Allerdings schwingt auch ein gewisser Stolz mit…
Ich frag noch Olli: „Wo sind wir denn jetzt?“ Er dreht das Navi zu sich. Ich schlag die Hände vor den Kopf! „Das Navi hab ich vergessen! Olli mach deinen Mädchenkompass aus!“ befehle ich. „Wieso?“ will er wissen. „Mach es einfach.“ sag ich. Er nimmt das mobile Navi, lässt das Fenster runter und schmeißt es aus dem Auto. Sarah lacht. Bonnie versteht nix. Ich schüttele den Kopf.
Als wir bei einem noch geöffnetem Einkaufscenter vorbeikommen sag ich zur Sarah: „Fahr auf den Parkplatz und such einen dunkleren Halteplatz.“ Wird prompt gemacht. Ich sag zum Oliver: „Olli komm mal mit.“ Wir steigen aus. Ich sag nur: „Du vorne, ich hinten.“ Er versteht und nickt zustimmend. Wir nehmen die Kennzeichen ab und nehmen sie mit. Wir schlendern über den Parkplatz und finden einen passenden Wagen. Ein Blick – Alles klar. Wir wechseln die Kennzeichen, gehen zum Auto zurück und montieren die neu erworbenen Schilder. „Das verschafft uns vielleicht einen Vorsprung.“ mein ich noch. Olli nickt und wir steigen wieder ein. Zur Sarah sag ich: „Mach nen Polnischen!“ „Was is?“ fragt sie. „Wir hauen ab.“ übersetze ich. Sie braust los.
„Wo fahren wir jetzt hin? Hat jemand einen Plan?“ will Sarah wissen. Ich mein: „Wenn wir uns bis Bernau durchschlagen können“ ich klopf Olli auf die Schulter „Du weißt die alte Biker-Boazn?“ Olli nickt zustimmend und meint: „Da traut sich kein Bulle rein.“ „Und“ führe ich fort „Die haben auch Zimmer, da könnten wir zur Ruhe kommen.“ Alle sind einverstanden.
Wir fahren über Landstraßen und machen manchmal einen Umweg über die Dörfer. Sarah meint fragend: „Was ist, wenn wir in eine Kontrolle kommen?“ Oliver meint: „Wir sind sicher schon zur Fahndung ausgeschrieben.“ Sarah wieder: „Und Bonnie hat sicher keine Papiere.“ Sie fragt Richtung Bonnie: „Hast du einen Pass?“ Bonnie meint: „Na, jetzt grad nicht, aber wir könnten welche klauen!“ Ich sag nur: „Dann werden wir halt dafür sorgen, dass wir nicht in eine Kontrolle geraten.“ Oliver nickt und Bonnie grinst.
Als wir abends durch Prien kommen scheint sich Bonnie zu erinnern, hebt einen Arm und ruft: „Schiffe!“ Ich nehm ihren Arm runter und sag: „Jetzt nicht.“ Sie schaut leicht beleidigt. Ich sag noch: „Um diese Uhrzeit fahren die Boote nicht mehr.“ „Na, gut…“ meint sie und schaut aus dem Fenster. Irgendwie schaffen wir es bis Bernau. Wir parken ziemlich abseits. Als wir die Kneipe betreten ist die Hütte voll. Aus der Jukebox dröhnt: ‚Goo Goo Muck’ von The Cramps. Auftritt Radisch Gang in Zeitlupe. Wir nehmen einen Tisch – also wir verscheuchen nur mit unseren Blicken die dort sitzenden Gäste, die ihre Gläser nehmen und schnell weiterziehen. Bonnie faucht ihnen noch hinterher. Wir setzen uns und der Barkeeper kommt zu uns. Er deutet mit seinem Geschirrtuch in der Hand auf Bonnie und sagt: „Was will die denn schon wieder hier?“ „Hab ich alles im Griff!“ sag ich zu ihm. „Sag mal: Hast du für heute zwei Doppelzimmer frei?“ Er: „Habt ihr Kinder oder Tiere dabei?“ Wir verneinen. „Ok.“ meint er. „Bezahlung im Voraus – Cash! - und Frühstück gibt’s keins!“ „Gut!“ sag ich. Handschlag. „Dann eine Runde Kilkenny und eine Flasche Whiskey – aber den guten Irischen!“ bestelle ich. „Alles was ihr wollt.“ sagt der Wirt. Wir trinken eine Runde nach der anderen. Irgendwann muss ich mal meinen Aggregatzustand wechseln. Als ich vom Klo komme hab ich ein Déjà-vu: Bonnie steht an der Theke. Gott - mir wird schon wieder übel. Nicht schon wieder! Ich lauf los, merke aber bald, dass Bonnie sich mit dem Barkeeper nur unterhält. Schnauf! Ich setz mich an unseren Tisch. Bonnie kommt wieder und natürlich frag ich sie sofort was sie denn jetzt schon wieder angestellt hat? Sie meint sie hat nur gefragt ob er auch Dollar nimmt und dann gleich alles bezahlt. So Bier und Zimmer, Schnaps und das. Und eine Runde hat sie auch gleich bestellt. Sarah, Oliver und ich klopfen auf den Tisch und geben Applaus. Bonnie dreht sich um sich selbst und verbeugt sich. Sie nimmt wieder Platz. Die Jukebox plärrt: ‚Girls Got Rhythm’ von ACDC. Bonnie wippt im Takt mit und fragt in die Runde was das denn für eine interessante Musik sein? Ich sag: „Die sind aus Australien. Willst du deswegen dorthin?“ Bonnie lacht: „Ja – wenn dort überall so Musik läuft! Worauf warten wir?“ Gelächter auch vom Nebentisch. Prost! Wir zechen die ganze Nacht. Die Kneipe leert sich. Irgendwann sind wir die einzigen Gäste. Ich ruf zum Wirt: „Wann hast du Sperrstunde?“ Er ruft zurück: „Wenn der letzte Gast gegangen ist!“ „Ja – dann. Noch eine Runde!“ ruf ich. „Geht klar.“ meint der Chef und zapft wieder. Bald meinen unsere Mädels sie seien doch schon etwas müde. Ich lach: „Ihr seid besoffen, aber die Aufforderung haben wir kapiert. Komm, Olli! Bringen wir die Ladies ins Bett!“ Der Wirt zeigt uns die Zimmer. „Danke, Meister!“ sag ich noch artig. Bonnie und ich fallen sofort ins Bett. Sie kuschelt sich in meinen Arm. „Sex?“ frag ich. „Bloß nicht!“ meint sie. „Gott sei Dank…“ murmle ich noch. Wir pennen bald weg.
Am nächsten Tag muss ich mich mal dringend frischmachen. Als ich aus dem Bad komme sind Olli und Sarah auch schon da. Ich schau in die Runde und mein: „Also – wir sehen aus wie Statisten für Planet der Affen.“ Alle stimmen zu. Bonnie fragt Sarah, ob sie vielleicht Unterwäsche für sie hätte, sie will sich waschen. Sarah nimmt ihre Tasche mit der einen Hand und mit der anderen schnappt sie Bonnie und die Damen verschwinden ins Bad. Ich nehm aus meinem Rucksack zwei Dosen Becks, drück Olli eine in die Hand. „Is zur Reparatur, also rein für die Gesundheit.“ sag ich noch. Olli hat die Dose schon längst geknackt; wir stoßen an.
Wir überlegen wie es weitergeht. Ich sag: „In Salzburg kenn ich ein paar üble Knaben; dort könnten wir untertauchen.“ Olli sinniert: „Oder eine Alm in den Tiroler Bergen. Italien ist auch nicht weit. Oder gleich weiter nach Kroatien.“ „Ja“ mein ich „Aber zu viele videoüberwachte Mautstationen und auf dem Balkan Grenzkontrollen.“ „In die Schweiz?“ meint Olli. „Keine EU!“ „Ja, aber die haben doch auch Abkommen.“ werfe ich ein. „Obwohl ich jemand in St. Gallen kenne, die aus dem Milieu kommt, die würde schon…“ Überlege ich laut. So koppeln wir die Macht unserer männlichen Gehirne zusammen und: Kein Plan… Auch nach dem zweiten Bier fällt uns nix Vernünftiges ins Hirn.
„Da wir beim Thema sind: Wo bleiben eigentlich unsere Mädels?“ fragt Olli. Ich antworte: „Es ist nun mal das Privileg schöner Frauen uns Männer warten zu lassen…“ Darauf trinken wir einen Schluck.
Da öffnet sich theatralisch die Badtür und unsere Grazien erscheinen! Beide geduscht und wachsversiegelt. Olli und ich gucken wohl nicht gar so intelligent da Sarah meint: „Olli! Mach den Mund zu - dein Herz wird kalt!“ Ich knuff Olli in die Seite und mein: „Was die können…“ Olli saust in sein Zimmer; ich geh in unser Bad. Das volle Programm. Mit Unterbodenschutz… Vor dem Zähneputzen trink ich noch die Dose Bier leer. So - der Anzug sitzt. Wir packen unsere Sachen und gehen runter. In der Bar ist noch nix los. Bonnie will Kaffee. Aber einen Irischen! Der Wirt grinst. Sarah und Oliver kommen nach und setzen sich zu uns. Bonnie pfeift durch die Zähne: „Oliver! Gut siehst du aus!“ Sarah: „He! Lass mal schön dein Höschen an, Bitch!“ Alle lachen.
Wir frühstücken. Kaffee, Bier, Zigaretten und Crisps. Sarah hat ihr Kinn in eine Hand gestützt und fragt: „Gibt es hier Sehenswürdigkeiten?“ Ich lach: „Ja – den Knast! Den wirst du aber eh nicht besichtigen dürfen, da hier nur Männer einsitzen…“ „Ja, danke schön.“ sagt sie. Ich trete nach: „In Traunstein ist es auch ganz nett…“ Sarahs Augen blitzen böse…

„Es ist nicht die Zeit die vergeht – wir vergehen… Man muss allein sein, um Nähe zu fühlen…“ sinniere ich…

Während die Runde fröhlich lacht fällt plötzlich ein Schatten auf Bonnie. Sie wirkt so Schwarz/Weiß. Sie schaut mich fragend an. Ich sag zu ihr:

“As the Flowers are all made sweeter
by the Sunshine and the dew
So this old World is made brighter
by the Lives of Folks like you”

Sie sagt: „Das ist schön. Was ist das?“ „Das ist deine Grabinschrift in Dallas. Willst du wirklich zurück?“ frag ich. Bonnie setzt sich auf meinen Schoss, umarmt mich, gibt mir einen von Liebe zeugenden Kuss und sagt: „Wenn es mein Schicksal ist…“
„So – genug!“ sag ich und schmeiß Bonnie von meinen Knien. „Wir fahren weiter!“ kommandiere ich. Alle trinken aus und packen ihre Sachen. Wir latschen Richtung Wagen. Dort angekommen sag ich in die Runde: „Nehmt alles raus, was wir noch brauchen können. Der Wagen bleibt hier.“ Alle wuseln in Sarahs Auto. Ich stell mich auf die Straße. Der nächste Fahrer steigt in die Eisen, ich nehm meine Pistole, ziele auf ihn und geh auf ihn zu. Mit der Waffe klopf ich an die Scheibe, er lässt sie herunter. „Ich brauch deinen Wagen.“ sage ich entspannt. Er schnallt sich ab und steigt aus. Ich sag: „Hau ab! Und gib uns einen kleinen Vorsprung.“ Bonnie steht schon neben mir und drückt ihm einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand. „Geh in die Kneipe!“ für ich hinzu. Er nickt verwirrt, macht es aber. Wir packen alles ins neue Auto. Ich fahre.
Wir fahren Landstraße Richtung Übersee. Da gibt es ein Schrankenwärterhäusl an der Bahnstrecke. Vor dem Haus bleib ich stehen. Oliver fragt natürlich: „Warum halten wir hier?“ „Mitkommen!“ befehle ich. Alle latschen hinter mir her. Ich klopfe. Da Hellei öffnet uns die Tür. „He! Oida Zipfeklatscher!“ schallt es mir entgegen. „Hast Zeit für a Bier?“ frag ich noch blöd. „Hupfts eina!“ meint freundlich der Helmut. Kurz darauf sitzen wir bei Kaffee und Bier zusammen. Da Hellei will wissen warum wir hier sind. „Wir sind auf Durchreise.“ meint Olli. „Wohin?“ fragt Hellei. „Ja“ meint Sarah „Das ist noch ungewiss.“ Bonnie schaut nur. Sie versteht ja kein Bairisch. „Wie kommen wir unbemerkt in den Süden?“ frag ich. „Wir wollen nicht über die Autobahn.“ Hellei nimmt einen tiefen Zug, bläst den Rauch genüsslich aus, trinkt einen Schluck Bier, schaut mich an und meint: „Wos hast jetzt scho wida gmocht, oide Wurschthaut?“ „Spielt keine Rolle.“ sag ich. „Richtung Grassau und dann? Du kennst doch die alten Schmugglerpfade durch die Berg.“ Hellei lässt sich beim Rauchen viel Zeit. Bonnie murmelt so was wie: „Wenn der nicht gleich auspackt erschieß ich ihn…“ Ich halte Bonnie zurück und mein zu ihr: „Wir sind in Bayern.“ Damit ist alles gesagt. Zeitverzögert holt der Helmut eine alte Karte aus der Schublade unter dem Tisch hervor. Er zeigt mir: „Do geht’s; do geht’s.“ Ich unterbreche: „Wir brauchen eine befahrbare Straße oder Feldweg. Wir haben Gepäck dabei.“ „Jo – dann“ meint Hellei gemütlich „Dann do oder do.“ Ich geb Olli die Karte und sag: „Jetzt bist du das Navi. Wenn wir uns verfahren schmeiß ich dich aus dem Fenster!“ Alle lachen. Der Hellei lacht auch mit. Wahrscheinlich aus bajuwarischer Geschlossenheit. So! Wir trinken aus und dann naus beim Loch! Wir kurbeln über die Häuser. Unsere Mädels auf der Rückbank tuscheln und lachen. Oliver dirigiert mich durch die Landschaft. „Sind wir jetzt schon in Österreich?“ fragt Sarah. Ich schau Olli an und der schüttelt den Kopf. Wir fahren eine kleine Straße entlang. Und ich seh noch im Vorbeifahren das Polizeiauto. Kaum sind wir vorbei geht die Gaudi los: Mit Licht und Horn pfeifen die Bullen hinter uns her. Ich überlege: Seit Jahren spiel ich am Compi Auto-Rennspiele. Schau mer mal ob ich’s kann… Wir fahren die kleine Straße den Berg hinauf. In manchen Kurven hab ich übersteuern (das Heck bricht aus); ich kompensiere mit Gegenlenken und Spiel mit Kupplung und Gas. Der Striezel wäre stolz auf mich! Denk ich noch. Die Bullen hängen etwas zurück. Es geht wieder runter ins Tal. Oliver meint: „Die haben doch schon gefunkt.“ „Jahaa – der Gedanke kam mir auch schon…“ sag ich.
Und tatsächlich fahren wir auf eine Straßensperre im Tal auf. Vorne die Tiroler Polizei, hinter uns die Bayrische. Bonnie erkennt sofort die Lage: Noch bevor ich halte springt sie aus dem noch rollenden Fahrzeug und schießt Richtung Achtern – äh - Arschlings – also nach hinten. Oliver, Sarah und ich springen aus dem Wagen und schießen auf die Polizisten vor uns. Ich denk mir noch – der Olli kann doch schießen wenn’s pressiert. Nachdem kein Polizist mehr schießen kann mach ich mir ein Bild der Lage. Bonnie läuft zu mir. Ich schau in die Runde: Alle da. Gut. „Olli!“ sag ich. „Fahr eines der Fahrzeuge weg, dass wir weiterkönnen. Bonnie, Sarah: Ihr sammelt die Ersatzmagazine und die 17’ner Glocks der Österreicher ein.“ Alle wuseln los. Olli hat dann einen Polizeiwagen auf die Seite gefahren und kommt zurück. Er blutet stark aus dem Bauch. „Scheiße!“ sag ich ahnend und schau mir die Sache näher an. „Bonnie!“ plärr ich. „Bring meinen Rucksack! Sofort!“ Sarah ist schneller, kommt angelaufen und drückt mir meinen Rucksack in die Hand. Ich pack das Not-Erste-Hilfe aus, zieh mir die Einmalhandschuhe über und hol alles raus was ich brauch. Ich versuche die Wunde zu versorgen. Ich hoffe auf einen Streifschuss, aber Olli spuckt Blut. Ich dreh Olli um und hab auch wieder Blut an den Händen. Ich nehm den Sekundenkleber aus dem EH-Set und kleistere die Wunde zu. Verbinde sie notdürftig und mach dasselbe an seinem Bauch. Zur Sarah sag ich: „Ein Durchschuss! Du nimmst den Polizeiwagen und fährst zu einem Arzt!“ „Aber die werden uns sofort verhaften!“ sorgt sich Sarah zurecht. „Wurscht!“ plärr ich. „Willst du eine Ehefrau sein oder eine Witwe?“ Sie nimmt Oliver unter den Arm und zieht ihn zum Polizeivehikel. „Bonnie! Gib den beiden die Magazine und geh dann zurück zum Wagen.“ befehle ich. Das macht sie brav. Sarah und Olli fahren davon. Plötzlich geht der Folgeton an. Aha! Denk ich. Hat jemand den Schalter gefunden. Keine schlechte Idee. Bonnie hält meinen Arm und flüstert nur: „Alles Gute für Oliver.“ Wir steigen ins Auto und fahren los. Ich sag: „Wenn die mit Licht und Musik vor uns fahren haben wir freie Fahrt.“ Bonnie lacht und hustet dabei. Wir sausen den beiden hinterher bis die im Dörfli bei einem Schild ‚Krankenhaus’ mit quietschenden Reifen scharf rechts abbiegen. Ich fahre weiter geradeaus. Ich seh das blaue Schild ‚Autobahn’ und sag zur Bonnie: „Wir fahren jetzt auf den Highway, da sind wir schneller.“ Bonnie fragt: „Wohin?“ „Ich kenne jemanden nicht weit von hier.“ mein ich. Wir fahren auf der Autobahn. Im Radio läuft ‚Lakmé’. Ich fasse Bonnies Bein und sag: „Wir schaffen das schon! Wir kriegen das hin!“
Bei der Ausfahrt ‚Schwaz’ fahr ich ab. Wir fahren in die Silberstadt ein und ich suche das Haus von der Kathi. Ich kurble rum und fluche laut! „Was is?“ will Bonnie wissen. „Ich finde das scheiß Haus nicht!“ plärr ich. Sie legt ihre Hand auf mein Bein und meint: „Ganz ruhig, Cowboy. Wir werden was finden. Autsch!“ „Was is?“ frag ich. „Nix! Fahr weiter!“ sagt Bonnie. Wir kommen an der Pension ‚Clara’ vorbei. Ich parke. Wir stiefeln zur Rezeption. „Wir bräuchten ein Doppelzimmer.“ sag ich. Der Herr meint: „Kein Problem; macht € 39,- pro Person.“ „Gut.“ stimme ich zu. Wir bekommen die Karte und schleichen uns auf unser Zimmer. Bonnie verschwindet sofort im Bad. Ich entnehme meinem mobilen Bierautomat (Rucksack) eine Dose und knack sie gleich. Durchatmen.
Bonnie kommt aus dem Bad, fasst sich den Bauch, ist furchtbar blass und meint: „Ich glaub wir haben ein Problem.“ Sie nimmt ihre Hand weg und ich sehe nur Blut. So ein Mist! „Ausziehen!“ ruf ich und kram schon wieder in meinem Rucksack. Sie hat eine Eintrittswunde im Bauch. Ich sag: „Beiß mal die Zähne zusammen!“ „Was?“ fragt sie noch und schon dreh ich sie um. „Aua!“ plärrt sie. Ich sehe keine Austrittswunde. Na, toll! Ein Steckschuss! Ich leg sie aufs Bett und versorge die Wunde so gut es geht. Kein Wunder, dass der Sekundenkleber extra fürs Militär entwickelt wurde… „Aber wir brauchen einen Arzt.“ sag ich. Bonnie will nichts von einem Quacksalber wissen. „Du dumme Nuss! Du verblutest innerlich – ich bring dich jetzt zu einem Arzt! Kein Widerspruch!“ sag ich bestimmend. Bonnie stimmt schmerzverzerrt zu und meint: „Das versaut mir den ganzen Tag…“

Das Universum ist eine scheiß Gegend…

Ich kleide Bonnie so einigermaßen wieder an. Wir gehen runter. Ich geb Bonnie den Wagenschlüssel und frag: „Schaffst du es zum Auto?“ „Ja.“ sagt sie. Ich geh zur Rezeption und frag nach dem nächsten Krankenhaus. „Warum? Was is’n los?“ will der Portier wissen. „Die ungeschickte Kuh hat sich geschnitten…“ lüg ich. Er meint: „Innschbrugg.“ Ich leg die Zimmerkarte und die Kreditkarte auf den Tresen und mein: „Wir haben noch Gepäck im Zimmer. Ich bin gleich zurück.“ „Passt scho.“ glaubt er…
Dass es in Schwaz auch ein Krankenhaus gibt hat er mir wohl mit Absicht verschwiegen. Am Auto angekommen hüpf ich hinein. Bonnie hat schon den Schlüssel in der Zündung. Ich saus los. Bonnie ist blass, fahl, ich kann sie kaum noch sehen. „Du bleibst jetzt hier!“ schrei ich sie an. Sie nickt und wirft mir einen Blick zu den ich nicht beschreiben kann und nie vergessen darf. Sie bittet mich: „Sag noch mal die Inschrift in Dallas.“

“As the Flowers are all made sweeter
by the Sunshine and the dew
So this old World is made brighter
by the Lives of Folks like you”

Sie lächelt. Ich fahr sehr schnell über die Autobahn Richtung Innsbruck. Um sie aufzumuntern sag ich: „Wenn du heute stirbst dann kann ja dein Grab gar nicht in Dallas sein.“ Sie versucht zu lachen, hustet. Sie nimmt meine Hand, sieht mich an und flüstert: „Bring mich nach Haus…“
„Denk an… …an deine Schwester! Billie Jean Moon!“ sag ich. Sie will lachen, hustet aber Blut. So ein Mist. „Bleib hier!“ befehle ich. „Werd wütend!“
Kurz vor Innsbruck ist viel Blaulicht! Eine Straßensperre. Mein Gedanke ist: Anhalten; die Polizisten bitten einen Notarzt zu rufen; ich stelle mich!
Kaum, dass ich fast angehalten habe eröffnen die Polizisten den Beschuss. Im Radio läuft von Leonard Cohen: 'Halleluja'. Die ersten Schüsse höre ich noch. Bonnie und ich schauen uns an. Ein letzter Kuss. Ein letzter Blick. Den ersten Treffer spüre ich noch.

Als mein Leben zerbricht sehe ich noch Bonnie wie sie zerschossen wird. Sie drückt noch einmal fest meine Hand…

Jemand rüttelt mich wach. Ich reib mir die Augen. Es ist die Verena. „Bist eingeschlafen?“ lacht sie. „Danke.“ sag ich noch.
Ich sitz im Schmuggler.
Alles nur ein schöner schlimmer Traum? Ich trink einen Schluck um Verstand zu erlangen. Es läuft ‚Over The Rainbow’.

Da betritt eine schöne junge Frau das Lokal die so 30’ger Jahre Klamotten trägt, schreitet auf mich zu mit einem allzu vertrauten Lächeln:

„Ich bin Billy…“

1xhab ich gern gelesen

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