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geschrieben 2025 von Aion (Aion).
Veröffentlicht: 09.07.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Das Wesen der Zeit

Ich bin auf der Suche nach dem Wesen der Zeit. Hat sie einen Anfang, oder war sie immer schon da? Was bewirkt die Zeit? Wie viel Zeit vergeht pro Zeit. Ich habe philosophische, naturwissenschaftlich und theologische Quellen berücksichtigt, um dem Phänomen Zeit auf die Spur zu kommen. Für letztere Betrachtung habe ich zwei Textstellen aus der Bibel herangezogen. Keine Angst, ich will niemanden bekehren und auch keine fundamentalistischen Bibelauslegungen streuen, im Gegenteil.

Eine steht im Alten Testament, die andere im Neuen und nimmt Bezug auf die Ältere. Diese zeitlich weitreichende Beziehung ist häufig anzutreffen. Oft kehrt eine alttestamentliche Prophezeiung im Neuen Testament wieder oder eine alttestamentliche Verkündigung wird neu interpretiert. So auch in den zwei Bibelstellen, die ich im Folgenden zitieren möchte. Beide leiten das Buch, in dem sie stehen, ein und beide beschäftigen sich mit dem Anfang, einmal im ersten Buche Mose, und zum anderen im Prolog des Johannesevangeliums.

Genesis 1:1. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

Johannes 1:1. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Die Bibelstellen weisen Parallelen und Unterschiede auf, und zwar bereits beim ersten Wort.

Genesis: „Am Anfang“ übersetzt aus dem hebräischen „Bereschit“.
Be – am, Reschit – Anfang. Reschit ist abgeleitet von Rosch – das Haupt, der Kopf, der Anfang. Der gute Rutsch, den wir uns am Jahresbeginn wünschen nimmt Bezug auf einen guten Anfang und nicht auf eine Schlitterpartie im neu gefallenen Schnee. Noch eine kleine Hebräischkunde: Die Eigenschaft der Erde vor dem Schöpfungsakt im zweiten Satz „wüst und leer“ – heißt im hebräischen Original „Tohuwabohu“.

Am Anfang betont, dass es einen Beginn gab. Es wird bekräftigt, dass es einen Startpunkt des zeitlichen und materiellen Universums gibt.

„Im Anfang war das Wort.“ So hat Martin Luther den griechischen Originaltext des Johannesevangeliums übersetzt. Diese Formulierung legt eine Interpretation nahe, dass das Wort existierte, bevor die Schöpfung begann. Es impliziert eine zeitlose Existenz und die Präexistenz des Wortes bei Gott, was auf seine ewige Natur hinweist. „Im Anfang“ betont die Zeitlosigkeit des Wortes.

Man muss dazu wissen, dass das Johannesevangelium mehr als eintausend Jahre nach dem ersten Buch Mose geschrieben wurde. Die griechische Sprache und die hellenistische Philosophie, die abstrakte und zeitlose Prinzipien kannten, hatten ihren Einfluss.

„Im Anfang war das Wort“. Der altgriechische Ausdruck Logos wurde ins Deutsche mit „Wort“ übersetzt. „Im Anfang war Logos“, heißt es im Originaltext. Logos besitzt ein weitreichendes Bedeutungsspektrum. Es wird unspezifisch im Sinne von „Wort“ und „Rede“, aber auch deren Gehalt, folglich „Sinn“ gebraucht. In der antiken Philosophie wurde Logos als das Prinzip der kosmischen Ordnung sowie die alles durchdringende Vernunft verstanden. Logos hatte immer schon Bestand.

Knapp zweitausend Jahre nach dem Johannesevangelium entwickelte sich eine neue Vorstellung von der Entstehung der Welt, basierend auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften. Die Urknalltheorie, zunächst ein Konzept der theoretischen Physik, fand ihren Weg aus der Spitzenforschung in den Schulunterricht. Der Urknall bezeichnet keine Explosion in einem bestehenden Raum, sondern die rapide Expansion des Raumes selbst. Aus einem extrem dichten Anfangszustand auf kleinstem Raum entsteht die Welt, wie wir sie heute kennen. Durch die Beobachtung der Fluchtgeschwindigkeit entfernter Galaxien und Messung deren Entfernungen kann dieser Zeitpunkt zurückgerechnet werden. Diese physikalische Singularität stellt den ultimativen Anfang dar, der sich unserer Vorstellung entzieht und sich nur mit wissenschaftlichen Methoden beschreiben lässt.

Wollte man diesen Prozess in eine biblische Ausdrucksweise überführen, müsste es heißen: „Am Anfang war der Urknall.“ Damit würde betont, dass der Urknall als fundamentales Ereignis die zeitliche und räumliche Ordnung unseres Universums hervorgebracht hat. Der Urknall war ein Zustand, in dem die uns bekannten Naturgesetze außer Kraft waren. Erst nach diesem Einschnitt begannen sie unsere Welt zu bestimmen.

Die moderne Physik strebt nach einer einheitlichen Theorie, die alle elementaren Kräfte und Teilchen des Universums, die der Urknall hat entstehen lassen, von der Gravitation über die elektromagnetische Wechselwirkung bis hin zu den Kernkräften, in einer Weltformel vereint. Dieses Bestreben kann als wissenschaftliche Fortsetzung der philosophischen und theologischen Ausführungen über den Logos gesehen werden. Während die Theologie im Logos den Ursprung allen Seins erkennt, ohne das Wort oder die Sätze oder gar Naturgesetze auszusprechen, sucht die Physik nach den fundamentalen mathematischen Strukturen, die das Universum formen und beschreiben.

Beide Ansätze sind Teil derselben menschlichen Suche nach Erkenntnis. Es ist die Sehnsucht, die tiefsten Geheimnisse der Existenz zu ergründen und zu verstehen, wie alles miteinander verbunden ist.

Auf das Licht, das den Tag erhellt und von der Finsternis nicht ergriffen wird, gehe ich gerne im Rahmen eines weiteren Aufsatzes ein.

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