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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2015 von Manfred Siebenrock (heuberger).
Veröffentlicht: 20.07.2015. Rubrik: Unsortiert


EINE DAME BEIM TELLERWASCHEN

Unser allgemeiner Hang zur Vereinheitlichung schränkt unsere Vorstellungskraft oft dermaßen ein, dass wir unfähig werden, in Gegensätzen zu denken. Wir können uns kaum vorstellen, dass reiche Leute einmal arm waren, alte jung, traurige fröhlich und so weiter. Wir gehen von einer statischen, festgefügten, unveränderbaren Welt aus. An diesem Grundsatz gibt es nichts zu rütteln. Ein ehernes Prinzip dieser Anschauung ist es daher, dass Reiche schon immer reich waren, und somit grundsätzlich böse und verdorben zu sein haben. Da beißt die Maus keinen Faden ab! Unsere selbstgestrickte geistige Einschränkung führt uns geradewegs in die Beschränktheit des Denkens in Vorurteilen. So wird jede Möglichkeit einer Veränderung oder gar Entwicklung, und sei sie auch nur im Ansatz erkennbar, strikt abgelehnt und geleugnet. Das sind aber nicht ehrenhafte Grundsatztreue, oder Zuverlässigkeit, nicht mal Sturheit, das ist bereits grenzenlose Dummheit des Dünkels!
Es fehlt uns einfach nur die notwendige geistige Flexibilität.
Wenn sich jemand, den wir nur als gebildet, wohlerzogen und mit vorbildlichen Manieren kennen, einmal daneben benimmt, so liegt es an seiner folgenden Reaktion, bzw. an der unsrigen, wie solch ein Geschehen anzusehen und zu bewerten ist. Als ich jung war, geschah es manchmal bei einer Gesellschaft, dass ältere Herren laut und deutlich vernehmbar „einen fahren ließen“, um dann sofort zu sagen: „Verzeihung, altes Kriegsleiden!“ Daraufhin folgte ein Gelächter der Anwesenden, die Spannung war gelöst, die Stimmung prächtig, und der Abend war gerettet.
Unsere Geschichte hier ist noch weitaus harmloser. Die Heldin hat sie selber so erzählt. Es war für lange Zeit der letzte Tag für Frau Lydia S. in der vornehmen Welt in Flims, dem noblen und mondänen Touristenort in Graubünden in der Schweiz. Sie hatte ihre Tochter Annie besucht, die in Zürich eine Ausbildung machte, und anschließend hatte sie sich drei Tage in Flims gegönnt, und zwar in einer Pension, die gerade noch bezahlbar war. Die Mahlzeiten nahm sie in einem der zahlreichen Restaurants am Ort ein. Die Schweizer Küche begeisterte sie durch ihre Qualität.
Aber dennoch wollte sie sich am letzten Tag ihrer Anwesenheit noch etwas ganz Besonderes, Einmaliges gönnen: Ein Mittagessen im „Waldhaus“, einem Fünfsternehotel, das damals sogar zu der Gruppe der „leading Hotels of the World“ gehörte. Es handelte sich also tatsächlich um eines der allerersten Häuser, weltweit. Sie wusste nicht, ob sich je noch ein zweites Mal in ihrem Leben eine derartige Gelegenheit böte, Luxus pur zu kosten. Dementsprechend waren denn auch die Preise. Aber Frau Lydia fand dies vollkommen in Ordnung. Außerordentliche Dinge und Ereignisse rechtfertigten eben auch einen außerordentlichen Preis.
Auch sie selbst war eine außerordentliche Frau. Ich erinnere mich an sie, als ich noch ein Kind war. Sie war Hausdame und Haushälterin beim Direktor des großen Elektrizitätswerks am Ort. Über alles weitere wurde geschwiegen. So verklemmt waren damals noch die Lebensumstände auf dem Lande mit seiner unerbittlichen Moral. Außerdem fiel mir bereits als Kind auf, dass sie ein Riesentalent hatte, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, mit voller Konzentration: Bei einer Einladung empfing sie die Gäste, bereitete das Essen zu, machte Spiele mit den Kindern, führte die Konversation mit den Erwachsenen, versorgte und pflegte die alte Mutter ihres Chefs, die damals bereits ein Pflegefall war und ging von Zeit zu Zeit immer wieder in die Küche, um nach dem Stand des Essens zu sehen. Heute nennen wir derartige erstaunliche Fähigkeiten ein Talent zum Multitasking. Ihr elterliches Zuhause war ein großer Bauernhof gewesen. So hatte sie früh in ihrer Jugend gelernt, ordentlich zuzupacken. Später, nach ihrem Weggang von zuhause, hatte sie einen Wirt geheiratet, der ein großes Gasthaus führte. Leider verstarb er sehr früh. Jetzt musste sie sich alleine mit ihrer kleinen Tochter bewähren und durchsetzen. Da konnte sich ihr Talent prächtig weiter entwickeln. Sie wurde Wirtin mit Leib und Seele. Nach einigen Jahren übernahm ihr Schwager den Gasthof, sie schickte ihre Tochter zur Ausbildung in die Schweiz, und trat ihre neue Arbeit an. Und so kam es, dass eine Bauerntochter aus Hundersingen, hoch über der Donau, „vo dr Schwäbische Alb ra“, sich plötzlich in Flims in einem der weltweit renommiertesten Hotels zum Mittagessen einfand. Heute ist so etwas selbstverständlich. Damals aber war das noch ein außerordentliches Ereignis, das auch ein entsprechendes Äußeres verlangte. Ich spreche vom Outfit.
Sie war dazu extra noch zum Frisör gegangen und hatte sich eine moderne Frisur machen lassen, mit der passenden Dauerwelle. Ihr bestes Kostüm war gerade gut genug, dazu Stöckelschuhe, einen passenden, breitkrempigen, eleganten Hut und Abendhandschuhe, die bis an den Ellbogen reichten. Dazu hatte sie noch den passenden Lippenstift aufgetragen, und war dezent parfümiert. Ironisch meinte sie selber, sie hätte in Kampfmontur bei voller Kriegsbemalung das Hotel „Waldhaus“ betreten, wäre also sozusagen in passender Aufmachung „hereingeschwebt“; heute würde man sagen „hochgestylt“.
Dementsprechend fiel auch die Reaktion der anwesenden Gäste im Speisesaal aus. Sie stand augenblicklich im Mittelpunkt des Interesses. Schließlich war sie auch eine auffallend elegante Erscheinung. Besonders einige Herren, die allein an ihren Tischen saßen, versuchten, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Einer am Neben-tisch begann direkt, mit ihr zu flirten. Als der Ober ihr die Speisekarte brachte, wählte sie aus und bestellte. Leider habe ich vergessen, was sie sich da ausgesucht hatte. Es musste aber wunderbar gewesen sein, denn sie geriet, auch in der Erinnerung, immer wieder ins Schwärmen darüber. Nach dem Bestellen begann das große Warten. Der Aperitif machte Hunger . Und sie, obwohl selbst Wirtin, lernte nochmals die erste Lektion der Spitzengastronomie kennen: ALKOHOL VOR DEM ESSEN STEIGERT DAS HUNGERGEFÜHL. SO WIRD DER APPETIT ANGEREGT. Das Glas war leer. Das Essen ließ weiterhin auf sich warten. Also bestellte sie noch einen Aperitif, sozusagen zur zweiten Lektion: LASS DEINE GÄSTE AUF DAS ESSEN WARTEN BIS KURZ VOR DEM ZUSAMMENBRUCH. Inzwischen hatte sie vor lauter Hunger ihren Flirtpartner vom Nebentisch beinahe vergessen. Der beobachtete sie aber weiterhin amüsiert. Schließlich, als sie sich bereits im Hungerdelirium wähnte, ging die Saaltür auf, und ihr Essen wurde gebracht. Sie glaubte, sie hätte Halluzinationen, als sie sah, wie winzig die Portion auf dem Teller war. Dafür waren aber immerhin 3 Kellner im Einsatz, die sich um sie kümmerten. Und sie erlebte die dritte Lektion: TU IMMER ZU WENIG AUF DEN TELLER, LASS DIE GÄSTE NICHT VÖLLIG SATT WERDEN.
Und dann aß sie. Und gleich beim ersten Bissen tat es einen lauten Knall in ihrem Kopf, sie war plötzlich in einer anderen Welt, voll der Wonne. Innerlich stieß sie einen lauten Schrei des Entzückens aus, gefolgt von einem brüllenden Stöhnen, das in ein Dauerwimmern überging. Alles innerlich. Niemand vernahm es, obwohl sie sich da nicht so ganz sicher war. Und dies war ihre vierte Lektion: WENDE ALLE DEINE KOCHKÜNSTE AUF UND KOCHE SO GUT, DASS DER GAST IN DEN ZUSTAND VÖLLIGER VERZÜCKUNG GERÄT. Beim zweiten Bissen fiel ihr auf, dass der noch besser schmeckte als vorhin der erste. Ihr Geschmackssinn war also mitnichten abgestumpft. Im Gegenteil, das Geschmacksempfinden steigerte sich mit jedem Bissen. So allmählich geriet sie in Ekstase, jedesmal noch mehr. Der Rest der ohnehin schon karg berechneten Portion schmolz bedenklich dahin, er wurde immer kleiner. Schließlich war der Teller leer, die Lust am Essen war aber immer noch da. - Was tun? Madame Lydia überlegte. „Mein Teller ist leer, aber es war so gut, dass ich immer noch nicht genug davon habe. Wenn ich jetzt aber nochmals bestelle, dann kann ich mich hier niemals wieder blicken lassen. In einer derart vornehmen Umgebung leistet man sich einfach keine Verfressenheit. Das passt hier nicht.“
Die Versuchung war also abgewehrt. - Wenigstens vorerst. Und doch : Hmm - na ja - mein Teller ist leer. Beim Spülen wird er dann auch noch sauber, und niemand kann mehr sehen, welch wunderbares Essen einmal darauf lag - einfach schade. Hmmm - Man müsste sich vergewissern, dass wirklich niemand zusieht.“
So langsam verlor sie die Contenance. „Ich kann das aber nicht unter dem Tisch tun, sowas fällt auf, und was mach ich dann? - Andererseits, wenn ich dabei erwischt werde, so ist das zwar äußerst peinlich - ABER - ich bin nicht von hier, ich bin Ausländerin, habe eben keine Manieren, oder noch besser, in meiner Heimat herrschen andere Sitten. ES LEBE DIE VIELFALT DER KULTUREN!“
Und nach einer kurzen Weile:
„Verdammt noch mal, jetzt tu ich´s einfach!“
Sie schaute sich verstohlen um, ob auch ja niemand hersah.
Und dann geschah es: IM SPEISESAAL EINES DER BESTEN HOTELS DER WELT SASS EINE ELEGANTE DAME AM TISCH,
HIELT IHREN TELLER MIT BEIDEN HÄNDEN VORS GESICHT -
UND LECKTE IHN GIERIG AB. Geschafft! Beinahe triumphierend stellte sie den blitzsauberen Teller auf den Tisch zurück. Da winkte ihr der Herr vom Nebentisch zu: „Es freut mich sehr, dass es Ihnen bei uns so gut geschmeckt hat!“ Er war der Besitzer des Hotels. Frau Lydia hörte auf zu atmen. Sie überlegte sich, was jetzt besser sei, zu erklären, dass sie sich in Grund und Boden schämte, oder gleich am Tisch tot zusammenzubrechen. Hauptsache, sie hatte wunderbar gegessen! Vielleicht aber träumte sie das Ganze auch bloß und wachte gleich aus einem Alptraum auf. Sie kniff sich kräftig in den Arm. Es schmerzte stark, aber sonst geschah nichts. Also war die Situation real. Als dann auch noch kein Mauseloch da war, in das sie sich hätte verkriechen können, beschloss sie, mutig den Schritt nach vorne zu tun, und um Entschuldigung für ihren fauxpas zu bitten. Doch es kam anders. Gerade als sie zum Sprechen ansetzen wollte, kam ihr die groteske Komik der ganzen Szene voll zu Bewusstsein, und es überkam sie eine unbändige Lust zu lachen, und sie platzte los, prustete und hustete und schüttelte sich vor Lachen. Der Hotelbesitzer fiel mit ein. Schließlich lachten beide so laut und ausdauernd, dass die anderen Gäste etwas befremdet zu ihnen herüber sahen. Sie hatten von der ganzen Situation vorher rein gar nichts bemerkt.
Wie Frau Lydia berichtete, war sie noch oft im Hotel „Waldhaus“ in Flims, speiste jedesmal vorzüglich und war dort ein immer wieder gern gesehener Gast. (Merkwürdigerweise kam der internationale Hotel- und Gaststättenverband bis auf den heutigen Tag noch nicht auf die Idee, diesen Vorfall zu vermarkten, indem er ihn zu Reklamezwecken veröffentlichte.)
Als sie diese Geschichte erzählte und versicherte, dies sei der peinlichste Augenblick in ihrem ganzen Leben gewesen, und nie mehr hätte sie sich dermaßen geschämt, glaubte ich ihr dieses nicht, denn, wenn Urinstinkte losbrechen, und ein Rückfall in ursprüngliches menschliches Denken samt Verhaltensmuster durchbricht, so löst das immer wieder Heiterkeit aus, und
WER IN SOLCH EINER SITUATION SO VON HERZEN SCHALLEND LACHEN KANN, DER BRAUCHT SICH SOWIESO NICHT ZU SCHÄMEN, UND MUSS SICH AUCH GANZ GEWISS NICHT HINTER IRGENDWELCHEN VERDÄCHTIGEN ALTEN KRIEGSLEIDEN VERSTECKEN!
MADAME, SIE HABEN SICH GLÄNZEND AUFGEFÜHRT:
ÜBER PEINLICHES, DAS EINEM SELBER PASSIERT IST, ZU SPRECHEN, DAS IST SOUVERÄNITÄT!
VORZÜGLICH ZU SPEISEN, DANN FÜR HERVORRAGENDE UNTERHALTUNG UND HEITERKEIT ZU SORGEN, SO, DASS NIE LANGEWEILE AUFKOMMT, UND DASS DER TAG IM GEDÄCHTNIS HAFTEN BLEIBT, DAS IST EINE KUNST!
HERZLICHEN DANK!
AN IHNEN IST EINE GLÄNZENDE ENTERTAINERIN VERLOREN GEGANGEN!

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von ehemaliges Mitglied am 06.08.2015:

WOW eine tolle Geschichte und ich erinnere mich gut,das wir dies als Kinder auch machten!" Einerseits leckten wir den Teller ab ,weil es sehr gut geschmeckt hat,aber anderseits waren wir noch hungrig,um den Teller unabgeleckt in die Küche zu tragen. Meine MUTTER schimpfte immer,weil so was gehört sich nicht!" Meine Kinder machten die auch oft und mein MANN bekam ein Anfall,weil so was tut man nicht,aber Pupsen am Tisch das konnte er und dann noch sagen:,,„Verzeihung, altes Kriegsleiden!“

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