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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Vea (vea).
Veröffentlicht: 07.10.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Engel

Der Regen pochte leise, fast schon sachte an das Fenster. Es schien so, als würde er höfflich und unscheinbar nach einem Einlass beten. Der Mann ignorierte es vollkommen. Seine Augen waren auf den Fernseher gerichtet. Bunte, verzerrte Gestalten flitzen über den flimmernden Bildschirm und hinterließen ein Schlachtfeld aus lautem Geschrei und hysterischem Gelächter. Die Töne drangen nicht zu dem Mann hindurch, zu sehr war er in seiner eigenen Welt. Er dachte nicht wirklich nach, er saß nur ruhig da. Er wartete. Seit einer Ewigkeit saß er so da und wartete. Doch sie kam nicht. Schmerz durchzuckte seinen Körper und entwich als ein leises Schluchzen. Seine Augen richteten sich auf das Stück Papier, das er in der Hand hielt. Er begann es erneut zu lesen. Zum hundertsten Mal. Seine spröden Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. Die Wörter schrien sich in seinem Kopf an und begannen wild miteinander zu kämpfen. Seine Gedanken übertönten, dass sinnlose Gekreische im Fernseher. Es wurde immer lauter und nun begann der Mann selbst zu schreien, in der Hoffnung, dass die Gedanken untergingen. Doch je lauter er schrie, desto lauter wurden seine Gedanken. Er hatte das Gefühl, dass sein Kopf platzte. Seine schwitzigen Hände krallten sich in das Papier und der Schweiß begann über die fein säuberliche Schrift zu laufen, tropfte auf den Boden und bildete einen See, in dem er ertrinken könnte. Mit einem Mal war es still. Der Fernseher, er selbst und seine Gedanken gaben keinen Ton mehr von sich. Lautlos rannten ihm die Tränen über das bärtige Gesicht, vermischte sich mit dem Schweiß und machten den See, der jetzt zu einem reißenden Fluss geworden war, komplett. Er atmete tief ein und aus. Sein Brustkorb senkte sich schmerzhaft, trotzdem gab er sich einen Ruck und las die letzten zwei Sätze auf dem Blatt Papier:“ Du hast mich früher immer Engel genannt und Engel müssen fliegen. Ich liebe dich Papa“. Ein schmerzvolles Wimmern drang über seine Lippen, bevor sich seine Augen wieder auf das Geflimmer im Fernseher richteten. Engel können nicht ewig fliegen und dann wird sie hoffentlich wieder zurückkommen.

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