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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Luzius Rosing (Luzius Rosing).
Veröffentlicht: 04.11.2017. Rubrik: Spannung


Forgetful

Wer bin ich? Wo bin ich und was mach ich hier? Ich bekam Panik …
Plötzlich trat ein Mann in die Tür,er blickte zu mir rüber und sah wie ich mich in meinem Bett verbarrikadierte. Der Mann muss meine Schnappatmung gehört haben. Wir sahen uns tief in die Augen,sie waren blutunterlaufen,glasig und geschwollen. Er war ein buckliger alter Mann,krause graue Haare,eine klaprige Figur, geschmückt mit einem schmierigen alten Pullover. „Hallo Lea“, keuchte er mit hoher Stimme, „alles ist gut!“ Langsam schleppt er sich an mein Bett und griff meine Hand. Ich zog weg,doch er packte mich erneut und grinste mich abstoßend an. Seine Hand fühlte sich kalt und leblos an, sie war blass und mit Adern übersät. „Hier mein Engel“, zierpte er und drückte mir ein dickes rosafarbendes Buch in die Hand. „Für mich ist das auch nicht einfach,Tag für Tag das selbe durchzumachen“, stöhnte er. Was meinte er bloß? Der Mann drängte mich dazu, dass rosa Buch zu öffnen. Die Seiten waren nach Datum sortiert. Am 29.04.1967 wurde der erste Eintrag verfasst,bis hin zum 24.09.1971. „20.April-Flugzeugunglück nahe Nikosia auf Zypern versetzt ein ganzes Land in Trauer“,so eine eingeheftete Schlagzeile auf den ersten Seiten de Buches. „126 Insassen kommen zu Tode, vier überleben das Unglück der schweizer Globe Air Maschine“, fuhr ich fort. Einen Moment schwieg ich das Buch an. Ich sah keinen Zusammenhang zwischen mir und jener Katastrophe,was versuchte mir der Mann zu sagen? Ich blätterte eine Seite weiter. Eine Sterbeanzeige der Familie Hoffer, „In Gedenken an Anna und Johann Hoffer- sie hinterlassen eine wunderschöne Tochter“.... Ich schluckte, „Lea Hoffer“. Mir wurde anders, kreidebleich schaut ich dem Männlein an meiner Seite in die Augen: „bin ich....?“. „Lea Hofffer?“, fiel er mir ins Wort, „Ja, die bist du mein Engel. Es ist mittlerweile 4Jahre her,du warst damals zehn, deine Eltern und du wollten mal wieder die Welt erkunden. Von Norwegen in Richtung Kanada über den Mount Rushmore in die Wärme der Toskana. Dem Mann kullerte eine Träne über die Wange, trotzdem kicherte er. Es schien mir so, als gedenke er die alten Tage,bevor ihn das Glück verließ. Auf einmal war mir der Mann ganz nah,er wirkte nicht mehr fremd, im Gegenteil, ich hätte ihn am liebsten in die Arme geschlossen, aber irgendetwas hinderte mich, irgendetwas stand zwischen uns.“Aber jetzt sind sie weg und du kannst dich nicht einmal an sie erinnern, auch nicht an mich ,deinen alten Opa. Das finde ich schrecklich!“
Der Katastrophe hast du dein Kurzeitgedächtnis zu verdanken,Tag für Tag schildere ich dir diese Situation,aber das mache ich ja gerne für meinen Engel“, sagte der Mann, während er behutsam meine Wange streichelte.Erneut hatte ich nicht mehr das Gefühl dem Mann fremd zu sein, aber wieder hinderte mich etwas. Plötzlich überkam es mich und ich begann zu weinen. Eine dicke Träne kullerte mein Gesicht runter, welche das Männlein liebevoll abtupfte.“Ich erinnere mich nicht an meine eigenen Eltern, was wir erlebt haben, nicht einmal an ihre Gesichter und wenn ich morgen aufwache, schluchste ich, erlebe ich den gleichen Albtraum erneut,genau wie in einer Woche sowie in einem ganzen Jahr, wo soll das denn hinführen? „Eines sollst du wissen, sagte mein Großvater, das mag zwar keine einfache Zeit sein, aber ich bin bei dir, und werde es auch immer bleiben.“
Nach unserem Gespräch begann mein Teufelskreis von vorne, ich konnte mich den Tag über zu nichts aufraffen, da mir morgen jegliche Erinnerung an meine Taten fehlen würden. Ich zog mich stundenlang in mein Zimmer zurück, blickte aus dem Fenster, und stellte mir vor wie sie waren, wie sie aussahen, was wir erlebten und wie wir meine heile Welt hätten gestalten können. Doch plötzlich riss mich eine wunderschöne Musik aus meinen Gedanken.Sie kam aus dem Nebenzimmer. Ebenso hörte ich rhytmische Fußschritte auf dem quietschenden Paket aus besagten Raum. Berührt von der Tiefe der Musik und angetrieben von meiner Neugier folgte ich der Melodie zu ihrem Ursprung. Da stand ich nun, vor einer alten Tür. Ich horchte in der Hoffnung mehr als nur die lieblichen Klänge wahrzunehmen, doch ohne Erfolg. Daraufhin atmete ich einmal tief durch und öffnete die Tür. Ein rustikaler Raum kam zum Vorschein, in der Ecke des eher düsteren Raums stand ein verstaubter Plattenspieler im Vordergrund tanzte mein Opa mit gespreitzten Armen leichtfüßig über den Boden. Er war nicht allein das spürte ich. Lieblich summte er die Melodie mit, schloss seine Augen und drückte die Luft fest an seine Brust. Einige Sekunden verharrte er so ehe das Lied sein Ende nahm und er seine geschwollenen Augen wieder öffnete und mich anschaute. Plötzlich brach er in Tränen aus. „Weißt du Lea“, sagte er und nahm mich in den Arm“, „so ein Verlust ist nichts einfaches, ich kann dich verstehen. Es ist mittlerweile 14-Jahre her, Ich lag auf dem Krankenbett deiner Oma, nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Wange. Ein letztes mal flüstere sie „ich liebe dich von ganzen Herzen“ bevor sie in meinen Armen starb.“ Ich schaute ihn an und auch ich konnte mir meine Tränen nicht verkneifen. „Ich hatte niemanden mehr außer dich und deine Eltern“, fügte er hinzu, „aber du weißt schon. Darauf hin drückte ich mich fest in seine Arme. Einige Augenblicke verharrten wir so, ich hörte sein Herz schlagen. Sein warmer Atem in meinem Nacken gab mir das Gefühl von Geborgenheit. „Dieses Lied, das war das liebste deiner Oma“, sagte er. „Dann bring es mir bei“, schluchste ich und wischte mir die Tränen aus meinem Gesicht. Daraufhin begangen wir zu tanzen, Schritt für Schritt, Takt für Takt, Stunde für Stunde, die ganze Nacht hindurch. Nichts brachte uns aus dem Konzept, weder die aufgehnde Sonne noch Polizei Syrenen von draußen und schon gar nicht die lautstark streitenden Nachbarn. Wir lagen uns in den Armen und vergaßen alles um uns herum, unsere Probleme waren plötzlich ganz klein. Doch dann schepperte es an der Eingangstür. „Polizei!“, schalte es durch das gesamte Treppenhaus. Mit einem Ruck brach die Tür auf. Mehrere dick gepanzerte Polizisten stürmten die Wohnung und kamen in das zierliche Wohnzimmer. „Uwe Neumann“, schreien sie, „sie sind verhaftet wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs und haben das Recht zu schweigen. Mit aller Kraft zerrte ein Beamter meinen Opa von mir weg. Wie paralysiert sah ich ihnen dabei zu wie sie ihm Handschellen anlegen wollten. Aber was passierte hier? Kindesmissbrauch, Polizei, ist dieser Mann nicht mein Opa?, was war dann mit meinem Tagebuch?, wer bin dann ich? All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, doch mir fehlten die Antworten. Plötzlich riss sich mein Opa los, rannte auf mich zu und schrie mit letzter Kraft: „ich will doch nur nicht allein sein“. Daraufhin griffen die Polizisten nach ihren Waffen. Für eine Sekunde blieb die Zeit stehen. Wir blickten uns tief in die Augen, ich sah seine Angst, seine Trauer, sein Reue und sein elend. Dann ein Schuss... und alles war vorbei.

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