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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Julia Siebenstern (siebensternchen).
Veröffentlicht: 16.12.2018. Rubrik: Lustiges


Das Gerücht

Einen Tag nach der Rückkehr aus meinem Sommerurlaub traf ich Frau Westhagen, die älteste Bewohnerin unserer Siedlung beim Einkaufen. Bevor ich mich wehren konnte, zog sie mich mit ernster Miene auf die Seite: „Frau Lacher, wie schön, dass Sie wieder hier sind. Es tut gut, ein anständiges Gesicht zu sehen", raunte sie mir verschwörerisch zu.

„HalloFrau Westhagen, was meinen Sie denn damit?",fragte ich irritiert,während ich mir den Schweiß von der Stirn wischte.

„Ach wissen Sie, kurz nachdem Sie in den Urlaub gefahren sind, hatte Frau Boisenberg mir erzählt, dass sie ihre Mutter in München besuchen will."

Die Boisenbergs waren vor zwei Jahre in unsere Reihenhaussiedlung gezogen. Karin Boisenberg liebte ihren Garten. Schon im Frühjahr hatte sie begonnen, die Beete nach Blumenfarben getrennt zu bepflanzen, Gartenmöbel umzustellen und weiße Eisentische mit Teelichtern zu schmücken.

In ihrem gelben Minikleid, der grünen Katzenaugen Sonnenbrille und ihrer blonde Haarmähne, die sie mit einem knalligen pinkfarbenen Kopftuch bändigte, sah sie aus,wie eine Hollywood Diva aus den Sechzigern. Vorbeilaufende Anwohner grüßte sie mit einem zwitschernden: "Hallo, wie geht es Ihnen heute?", während sie, mit einer Gartenschere bewaffnet, winkte.

So offen und freundlich wie Karin mit den Nachbarn sprach, so verschlossen und abweisend wirkte Jörg Boisenberg. Sobald er auf Menschen traf, umwehte der Hauch eines heranziehenden Gewitters seine schmalen zusammengepressten Lippen. Seine Frau schien er aber sehr zu lieben, denn sooft das Wetter es zuließ, tummelten die beiden sich scherzend und lachend auf den Liegestühlen, die ganz eng beieinanderstanden.

„Okay?",fragte ich genervt, und dachte mir dabei, dass Karin wohl das Opfer einer Inquisition geworden war.

„Kaum war sie abgereist, da kam 'ne junge Frau zu Besuch - ziemlich aufgemacht und zurecht geputzt. Sie wissen schon - eine von der Sorte, die Ärger machen. Die ist immer noch da und heute kommt Frau Boisenberg zurück", sprudelte es aus dem krabbenrot geschminkten Mund, der bei jedem Wort sensationslüstern bebte.

„Was meinen sie denn mit 'der Sorte die Ärger machen'?",fragte ich begriffsstutzig.

„Naja, so 'ne Dame,die den Ehefrauen die Männer wegschnappt. Die Nachbarn sind ganz schön empört, kann ich Ihnen sagen. Dass der Mann seine Frau betrügt, dass sieht man doch sofort. Mein Hartmut wollte schon rübergehen und dem eine knallen - so wütend war der."

Frau Westhagens Wangen glühten rot und ihre Augen schimmerten feucht, lustvoll und grauenerregend. In diesem Moment erinnerte sie mich an Zeichnungen der Medusa, kurz bevor sie Männer zu Salzsäulen verwandelt.

„Frau Westhagen, ich bin mir nicht sicher, ob Ihre Schlussfolgerungen stimmen", sagte ich lahm, da ich mich jetzt ganz im Griff ihres hypnotisierenden Blickes befand.

„Ich versichere Ihnen, dass es sich so verhält. Wenn ich mir überlege, dass die ahnungslose Frau Boisenberg morgen Mittag nach Hause kommt, wird mir jetzt schon anders. Wir müssen unsere nachbarschaftlichePflicht tun, und sie vor dem Wüstling und seiner Geliebten schützen. Wer weiß, was da alles passieren kann - Schlaganfall, Herzinfarkt, oder was Schlimmeres."

„Was schwebt Ihnen denn vor?", fragte ich verunsichert.

„Frau Boisenberg kommt auf dem Weg zu ihrem Heim an meinem Haus vorbei. Ich rufe Sie dann an. Es ist wichtig, dass wir sie vor ihrer Türabfangen und ihr beistehen. Kann ich mit Ihnen rechnen?" Sie hatte ihren faltigen Hals wie eine Schildkröte ausgefahren und sah mich fragend an.

„Ähm,ich weiß nicht....", antwortete ich zögernd. Frau Westhagen richtete sich triumphierend auf. „Prima Frau Lacher, ich melde mich bei Ihnen.", sagte sie, drehte sich um und ließ mich mit offenem Mund im Laden stehen.

Am nächsten Tag klingelte das Telefon. „Sie kommt den Weg herauf, ich kann sie sehen. Beeilen Sie sich", krächzte Frau Westhagen aufgeregt in den Hörer. Das Ganze gefiel mir nicht, doch ich hatte eine schlaflose Nacht hinter mir, und mein Hirn war zu einer tauben Murmel zusammen-geschrumpft.

Ich traf sie vor dem Haus der Boisenbergs. Einige Sekunden später kam Karin um die Ecke gelaufen. Als sie uns sah, stutze sie kurz, lief dann aber lächelnd auf uns zu. Da hörte ich Frau Westhagen auch schon sagen: „Meine liebe Frau Boisenberg, es tut mir ja so leid!" Karin schaute uns verdutzt an.

Hinter uns wurde die Tür aufgerissen. Fröhliche Stimmen riefen:„Herzlich Willkommen!" Überrascht drehten wir uns um und starrten in zwei verwunderte Augenpaare. Jörg Boisenberg und die Frau hielten Fäden in den Händen, an deren Enden bemalte Ballons schwebten. Stille breitete sich aus. In meinem Kopf fing es plötzlich an, wie wild zu klopfen und mir wurde übel.

„Oh Laura, das ist ja eine tolle Überraschung!", durchbrach Karin die ungemütliche Atmosphäre und stürzte in die Arme der dunkelhaarigen Frau. Dann drehte sie sich zu uns um. „Das ist Laura Boisenberg, meine Schwägerin."

Ich sah, wie Frau Westhagens Wangen von der Farbe eines roten Apfels zum fahlen Weiß eines Totenhemdes wechselten. Ihre Lippen zitterten und sie schwankte leicht. „Oh, das ist aber schön. Da will ich nicht stören", nuschelte sie durch ihre zusammengepresste Zähne und huschte eilig davon.

Knallrot verabschiedete ich mich von den Boisenbergs und ging nach Hause. Dort angekommen, rief ich wutentbrannt Frau Westhagen an, die sich mit leiser Stimme am Telefon meldete. „Frau Westhagen, ich rate Ihnen dringend, dieses Gerücht aus der Welt zu schaffen. Ich hoffe für Sie, dass Karin Boisenberg nichts von Ihrer gutgemeinten Anteilnahme erfährt", platze es aus mir heraus. Dann rammte ich den Hörer in die Ladestation und legte mich mit einem Brummschädel ins Bett.

Als Karin mich einige Tage später fragte, was dieser seltsame Auftritt zu bedeuten hatte, sagte ich beiläufig: „Weißt du Karin, ich glaube, die Hitze macht uns allen zu schaffen." Dann wechselten wir das Thema.

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