geschrieben 2026 von Rautus Norvegicus (Rautus Norvegicus).
Veröffentlicht: 09.02.2026. Rubrik: Total Verrücktes
Der Schuh und die Taube
Martin ist bei mir zu Besuch, ich weiß gar nicht, wie er auf die Idee dazu kam. Ja sicher, wir kennen uns flüchtig, die selbe Schule, der selbe Jahrgang, aber Parallel-Klassen.

Gestern hatte ich ihn zufällig in der Stadt getroffen, wir haben Kaffee am Hauptbahnhof getrunken. Und weil ich nicht, oder eben nur sehr schlecht, Nein sagen kann, hat er sich kurzerhand für heute Nachmittag zu mir eingeladen. Grauhaarig ist er geworden, fällt mir sofort wieder auf. Er gab immer damit an, dass er beruflich die höhere Beamten - Laufbahn eingeschlagen hat, ich war und bin sehr zufrieden mit meinem Traumberuf Tischler und Schreiner. Jetzt ist er ein relativ hohes Tier im Rathaus, Stadt
Essen, er sitzt fast ganz oben in dem 106 Meter hohen Prachtbau!
Ich konnte das nicht verstehen, er ist gerade einmal durchschnittlicher Schüler gewesen, hat schon auf der Schule geschwänzt, gesoffen und gekifft! Aber so richtig erschwerend kommt noch hinzu, dass er ein geborener Depp, Trottel und Unglücksrabe ist!
Martin ist überpünktlich, wie angekündigt hat er eine Thermoskanne mit frisch aufgebrühtem, aromatisierten Tee mitgebracht. Nicht schlecht, obwohl ich normalerweise reiner Kaffeetrinker bin, schmeckt mir dieses Gebräu, so dass ich das erste Glas recht schnell leere und mir ein zweites aus der Kanne nachfülle. „Nicht so schnell trinken, Rautus,“ warnt er mich. “Ich muss mal auf den Lokus, wo hast du deine gekachelten Räume?“ Ich deute auf die entsprechende Tür, hinter die er verschwindet und leere ein weiteres Glas.
Steh auf, schalte den Amp ein, lege eine CD mit ZZ-Top in den CD-Player. Die Fernbedienung für das Gerät stecke ich ein und drehe meinen 2x120 Watt
Sinus Yamaha-Verstärker zu 50 % auf, gerade rechtzeitig sitze ich wieder auf der Couch. Martin kommt mit beseeltem Gesichtsausdruck vom stillen Örtchen, steht genau zwischen den beiden
Boxen. Grinsend drücke ich die Play-Taste der Fernsteuerung. In brüllender Lautstärke fetzt urplötzlich der Song 'Gimme all your Lovin', los. Obwohl von mir selber so ausgelöst, bekomme auch ich einen gehörigen Schock und sehe alles wie durch einen Nebel!
Der ahnungslose Martin macht einen steilen Sprung in die Höhe und tritt vor Schrecken in den Papierkorb. Fängt daraufhin an, vor Schmerzen laut zu schreien und zieht sein Bein zurück. Der Fuß bleibt, von dem Papierkorb
offensichtlich abgebissen, in ihm stecken. Der bedauernswerte Kerl hüpft auf einem Bein quiekend wie ein gebrühtes Schwein durch den Raum und springt durch das Glas aus dem geschlossenen Fenster. Während er abwärts segelt, realisiert er, dass es bis zur Straße noch mindestens 10 Meter sind! In seiner Panik kommt er an einer zufällig entlang fliegenden Taube vorbei und ergreift beherzt mit beiden Fäusten deren Beine.
Der Vogel, der mit dem zusätzlichen Gewicht eines großen Mannes völlig überfordert ist, kreischt laut auf. Verzweifelt mit den Flügeln schlagend, piepst er schrill vor sich hin. Der Papierkorb, der Martin den Fuß abgebissen hat, hört das empörte Wehgeschrei der Taube, rollt neugierig zum Fenster und schaut hinunter. Er verliert das Gleichgewicht und stürzt durch die zersplitterte Scheibe selber hinaus. Dabei fällt der abgebissene Fuß Martins, der
ja noch in ihm steckt, heraus auf einen Kater. Der schleicht gerade grimmig blickend über den Bürgersteig und erstarrt, seine Augen werden riesig und tellerrund vor Schrecken und Erstaunen. Der Schwanz peitscht wild von links nach rechts und bringt einen alten Mann zu Fall.
Der Alte verliert dabei seine Hose und erbricht auf allen Vieren eine soeben verspeiste Currywurst mit doppelt
Pommes rot-weiß in den Rinnstein. Er ist gerade fertig mit brechen, da kommt rittlings der Mann, der aus dem Fenster fiel, auf ihm zu sitzen. Fauchend, wie von einer wilden Wutz gebissen, rast
währenddessen die Katze mit durchdrehenden Pfoten über den Gehsteig. Dabei schnappt sie mit
ihrem Maul nach dem Schuh auf ihrem Rücken und schleudert ihn mit einem wilden Ruck hoch in die Luft.
Der zischt mit einem pfeifenden Geräusch in die Höhe und trifft die Taube am Kopf,
die ihre Augen verdreht, los kackt und gleichzeitig schockiert dem Mann in seine Hände pickt. Der daraufhin natürlich reflexartig die Beine des Vogels loslässt und weiter hinunter auf die Straße zurast.
So plötzlich von dem Gewicht des Mannes, der bis gerade noch an ihren Beinen hing, befreit, ploppt die Taube wie ein Sektkorken aus der Flasche hoch in den Himmel, bis über die Wolken! Dort kreist
gerade ein zweistrahliger Eurofighter der Nato, der von Jens Stoltenberg, ihrem Chef, persönlich geflogen wird, um eventuell widerrechtlich in den Luftraum eindringende russische Flugobjekte zu
eliminieren. Die tapfere, aber inzwischen völlig verwirrte Taube wird vorne in ein Triebwerk des Düsenjets eingesaugt und kommt hinten als rosa Chemtrail wieder heraus. Der Papierkorb ist inzwischen wieder auf der Straße gelandet und hat dabei einen Dackel erlegt. Auch der Schuh
kommt heulend wie ein Sturzkampfbomber herab gestoßen und landet gezielt mit lautem Klatschen
auf dem Rücken der armen Katze.
Die guckt empört und schellt bei mir Sturm, ich eile flugs zur Tür, um sie einzulassen. Auf dem Weg zur Wohnungstür treffe ich auf Martin. Mein Gott, den hatte ich ja ganz vergessen! „Ich geh nach Hause, Rautus, war toll, dich mal wiederzusehen. Und wenn
du wieder mal einen Hasch-Tee oder Hasch-Kekse möchtest, sag mir Bescheid. War doch gut, oder?“ Martin lacht und deutet vielsagend und gleichzeitig fragend auf den Rest Hasch-Tee, ob ich den mitnehmen will.
Ich grinse auch über alle Backen, mein Mund ist völlig ausgetrocknet. Nach einem Schluck Kaffee verabschiede ich mich.
„Lass mal gut sein, Martin, ich glaube, fürs Kiffen oder Shit im Tee bin ich zu alt.“ Ich deute auf den Rest Hagebutten-Hasch-Tee in der Thermoskanne. „Du hättest mir sagen müssen, dass du uns einen Haschtee gekocht hast, ich hab total wilde Sachen gesehen! Aus der Apotheke war der Shit aber wohl eher nicht, oder?“. „Ein bisschen Spaß muss sein Rautus, so haben wir das doch auch auf der Schule immer gehalten!“ Martin ignoriert elegant meine Frage und geht. Ich schließe sacht die Tür hinter ihm, damit ich seinen Schwanz, der hinten aus seiner Hose hängt, nicht einklemme. Kopfschüttelnd beschließe ich, mich noch für ein paar Stunden ins Bett zu legen und
meinen Rausch auszuschlafen!
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