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geschrieben 2019 von Theraphosa (Theraphosa).
Veröffentlicht: 12.07.2019. Rubrik: Nachdenkliches


Vivien

Was sich für dich vielleicht nach Kindereien anhört, war für mich die Hölle. Ich hoffe, dass du nicht so jemand bist, der so etwas nicht ernst nimmt. In der Grundschule und später auf der weiterführenden Schule war Vivien meine beste Freundin und wir waren so gut wie jeden Tag zusammen. Wir haben alles zu zweit gemacht, waren immer zusammen mit dem Fahrrad unterwegs, um die Gegend in unserem Dorf zu erkunden oder um Süßigkeiten an der Tankstelle zu kaufen. Das hört sich zwar ganz toll an, aber wir hatten uns auch ziemlich oft satt. Fast jeden dritten Tag hatten wir irgendeinen Streit über banale Sachen. Vivien war auch immer sehr schnell eifersüchtig. Einmal saß ich im Bus neben einer anderen Freundin und sie sprach deswegen den ganzen Tag nicht mehr mit mir. Später in der neuen Schule waren wir in unserer Klasse dafür bekannt, nur aufeinander zu hocken und zu streiten. So als könnten wir nicht ohne aber auch nicht miteinander. Für die anderen sah das nach kindischen Kleinigkeiten aus, was im Nachhinein betrachtet auch stimmte, aber für mich war es damals jedes Mal aufs Neue ein tiefer Riss in mein Selbstwertgefühl. Vivien schaffte es, mir für alles ein schlechtes Gewissen zu machen, mich klein zu halten und dass ich alles tat, was sie wollte. Irgendwann gab ich einfach jedes Mal nach, ging dem Streit aus dem Weg und trotze ihr auch nicht mehr. Vivien hatte mich genau da wo sie mich haben wollte.

Unterbewusst baute ich Hass in mir auf. Wenn ich nachmittags nach der Schule zuhause saß und einen Anruf bekam, hoffte ich, dass es nicht Vivien war. Ich hoffte, eine andere Freundin würde mich fragen, ob ich Zeit hätte, doch viele Freunde hatte ich nicht mehr, da sich alle von mir abwandten. Sie fürchteten sich vor Vivien. Wie konnte ich mich nur weiterhin wie ein Spielzeug behandeln lassen, dachte ich irgendwann. Ich war elf, als ich das erste Mal gewalttätige Gedanken bekam. Nie ließ ich mir das anmerken, sonst hätten mich meine Eltern sicherlich zu einem Kinderpsychologen gebracht. Darum versteckte ich auch eine Zeichnung, die ich einmal von Vivien machte. Ich sollte eigentlich meine Hausaufgaben machen, stattdessen malte ich ein Bild von ihr, wie sie in Ketten am Boden festgehalten wurde und eine laufende Kreissäge auf sie zukam. Ihr Gesichtsausdruck war völlig verzehrt vor Angst und sie weinte hysterisch. Ich weiß, was du jetzt denkst, ich habe mit elf heimlich zu viele Horrorfilme gesehen. Ich fing an, mir alle möglichen Grausamkeiten auszudenken, die Vivien zustoßen könnten und malte jede einzelne auf. Ich erstellte sogar eine Mappe mit diesen Zeichnungen und beschriftete sie mit „Hausaufgaben“, damit meine Eltern keinen Verdacht schöpften, falls sie die Mappe in meinem Zimmer finden sollten. In der Schule war ich ziemlich gut, es gab also keinen Grund für sie, meine Unterrichtssachen zu kontrollieren. Und irgendwann war die Mappe voll. Ich fragte meine Mutter, ob sie mir eine neue mitbringen könnte, als sie zum Einkaufen fuhr. Jeden Tag aufs Neue schikanierte Vivien mich, kommandierte mich herum, verlangte, dass ich sie abschrieben ließ und verbat mir, in der Pause zum Klettergerüst zu gehen, weil sie lieber bei der Tischtennisplatte stehen wollte. Du kannst dir nicht vorstellen, was das mit einem Kind macht. Dann fragte sie mich, was ich nach der Schule vorhatte und ich sagte, dass meine Eltern mit mir zu unseren Großeltern fahren wollten. Vivien wollte aber mit mir in den Wald. Also gingen wir natürlich in den Wald. Meine Eltern waren enttäuscht, dass ich plötzlich behauptete, ich würde nicht mit zu Oma und Opa fahren wollen. Ich erwähnte dabei Vivien nicht, doch meine Eltern konnten sich sicher schon denken, dass sie dahinter steckte. Vivien hatte mich eben voll im Griff. Als ich hörte, dass Opa sehr krank geworden war, wurde ich noch wütender auf Vivien. Sie ließ mich ja nicht zu ihm, also brannte in mir eine Sicherung durch.

Ich nahm meine Mappen mit den Hassbildern, nahm einen dicken schwarzen Filzstift und schrieb auf jede einzelne Mappe die Worte „Ich hasse dich“. Dann steckte ich diese Vivien heimlich im Unterricht in die Schultasche. Ich war eben zu feige, es ihr ins Gesicht zu sagen. Sie sollte die Bilder sehen. Sie sollte die Angst spüren. Und in der Pause zeigte sie mir völlig aufgelöst die Bilder, nicht wissend, dass sie von mir waren und fing an zu weinen. „Ich habe einen Verfolger. Und der wird mich umbringen!“ Ich tat so, als würde ich sie trösten und achtete darauf, dass es die anderen Kinder auf dem Schulhof mitbekamen. Damit niemand dachte, dass ich etwas damit zu tun haben könnte.

Vivien war von nun an ziemlich zurückhaltend. Ihr bestimmendes Temperament war gezügelt. Sie schaute sich oft um, weil sie wohl dachte, sie könne so irgendwo ihren „Verfolger“ sehen. Hinter einem Baum oder zwischen einigen Schülern. Dabei stand dieser immer direkt neben ihr. Ich genoss es richtig, sie so leiden zu sehen. Ihre Angst brachte sie dazu, mir zuzustimmen, wenn ich etwas vorschlug, auf das ich Lust hatte. Hin und wieder kommandierte sie mich noch herum, doch immer häufiger knickte sie ein, war einfach zu sehr mit ihren Sorgen beschäftigt, als dass sie mir widersprechen konnte. Unfassbar, mit welchen Mitteln man das Verhalten eines Menschen ändern konnte. Das faszinierte mich. Ich hatte Vivien genau da wo ich sie haben wollte.

Nicht, dass ich ihr etwas antun würde, aber es machte Spaß, sie dabei zu hören, wie sie über die Gräueltaten auf den Zeichnungen sprach, als würde ihr etwas davon bald zustoßen. Wer weiß. Wenn sie sich brav anstellt, dann nicht.

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