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geschrieben 2006 von Jan (Flachs2002).
Veröffentlicht: 01.02.2026. Rubrik: Historisches


Winter 1915/1916, Tīreļpurvs vor Riga

Ich erinnere mich zuerst an die Kälte. Nicht an die Schüsse, nicht an die Russen, nicht an den Schlamm. Unser Atem fror an den Schals fest. Wenn man den Kopf bewegte, knackte es leise, wie zerbrechendes Porzellan.
Die Kälte kam nicht plötzlich. Sie kroch. Jeden Tag ein Stück tiefer in die Stiefel, in die Finger, in die Knochen. In der zweiten Januarhälfte fiel das Thermometer auf minus achtzehn Grad. Die Luft war so klar, dass man glaubte, sie müsse zerspringen, wenn man atmete.
Wir lagen im Tirelis-Moor, einem Ort, der kein Ort war. Ein Sumpf, der im Sommer stank und im Winter gefror wie Glas. Zwischen Babite-See und Mitau hatten wir den „Deutschen Wall“ gebaut — schwere Balken, in den Boden gerammt, mit Eis überzogen, als hätten wir eine Festung aus gefrorenem Holz errichtet.
Ich war Pionier. Das hieß: graben, schleppen, bauen, frieren. Und manchmal sterben, ohne dass jemand es merkte.
Ich trug die Schaufel des Mannes, der vor mir gestorben war. Ein Hamburger, mit dem ich nie gesprochen hatte, weil wir beim Graben keine Luft dafür hatten. Der Stiel war mit Hanf umwickelt, an der Klinge rosteten seine Initialen: F.M. Ich wusste nicht, wie er geheißen hatte. Manchmal sprach ich mit ihm, wenn niemand hörte, fragte ihn, ob der Boden heute härter sei als gestern. Er antwortete nie, aber das Gewicht der Schaufel veränderte sich, als hätte er zugehört.
Der Boden war hart wie Stein. Die Schaufeln sprangen zurück, als wollten sie uns verhöhnen. Wir hackten Löcher in den gefrorenen Sumpf, um Pfähle zu setzen, die im Frühjahr wieder versinken würden. Aber niemand dachte an Frühjahr. Wir dachten nur an den nächsten Tag. Und an Essen.
Essen gab es kaum. Wild war verschwunden, Vieh gab es nicht mehr. Manchmal fanden wir Spuren im Schnee — Rehe, Hasen — aber sie endeten oft in Blut und Fellresten. Die Wölfe waren schneller.
Seit drei Tagen saß er dort. Ein einzelner, schwarzgrauer Schatten zwischen den vereisten Drahtverhauen, wo im Herbst noch Schilf gestanden hatte. Größer als ein Schäferhund, schmächtiger. Er saß auf dem gefrorenen Boden, die Pfoten ordentlich unter den Leib gelegt, wie ein Wachhund auf einer Treppe. Manchmal drehte er den Kopf, wenn eine Granate einschlug, aber er lief nicht weg.
„Der wartet“, sagte Unteroffizier Müller. Er war Förster aus Thüringen. Er kannte sich mit Tieren aus — jedenfalls behauptete er das. „Der wartet auf Verstärkung.“
„Auf was?“
„Auf die, die nicht mehr alleine kommen.“
Am Abend, kurz vor der Dämmerung, hörten wir Schüsse von der russischen Seite. Nicht auf uns. Zu schnell, zu unregelmäßig. Kein Feuerstoß, kein Gefecht. Dann Schreie. Dann wieder Schüsse.
„Wölfe“, sagte Müller. Er schnaufte, als hätte er den Gestank schon in der Nase. Er war der Einzige bei uns, der noch einen Kragen trug, starr vor Schweiß und Eis. Seit Tannenberg hatte er keine Nachricht mehr von seiner Frau, und das machte ihn bedachtsam, nicht wütend. Er betrachtete die Dinge jetzt so, wie er früher Rehe betrachtet hatte: lange, sehr lange, bevor er den Abzug betätigte.
„Die sind krank“, sagte er leise. „Hört ihr das? Das Heulen zittert. Das ist nicht Warnung. Das ist Hunger.“
In der Nacht griffen sie uns an.
Nicht wie im Märchen. Nicht mit Gebrüll. Sie kamen lautlos. Ein Schatten, dann ein zweiter. Ein Fauchen, ein Rissgeräusch, ein Schrei, der sofort erstickte.
Wir schossen blind in die Dunkelheit. Die Wölfe wichen zurück, aber sie gingen nicht weg. Sie warteten.
Am nächsten Morgen lag Schnee über allem. Und Blut unter dem Schnee.
Zwei Tage später geschah etwas, das ich nie vergessen werde.
Es war der elfte Januar, ein grauer, toter Tag ohne Schatten. Die Sonne war ein blasser Fleck hinter Eisnebel, und ich erinnere mich genau, dass ich an F.M. denken musste, an seine Initialen an der Schaufel, als ich sie gerade absetzen wollte, um die Hände zu wärmen.
Dann kam der Schrei.
Nicht von uns. Nicht aus der Ferne. Direkt vor uns, aus dem Niemandsland, wo die Erde aufgewühlt war wie ein braunes, gefrorenes Meer.
Ein Russe — ich sah ihn deutlich, weil er keine Mütze trug und sein blondes Haar im Wind flatterte — rannte auf unsere Stellung zu. Nicht angreifend. Er rannte rückwärts. Und er schrie immer wieder dasselbe Wort:
„Wolki! Wolki!“
Müller hob die Hand. Niemand schoss.
Der Russe blieb zwanzig Meter vor unserem Draht stehen. Er zitterte. Nein — er bebte. Er deutete mit dem Gewehr nach hinten, und dann sah ich sie.
Nicht zehn. Vielleicht fünfzehn.
Sie kamen nicht laufend. Sie kamen gleitend. Eine Welle aus Grau und Gelb und schwarzen Rippen, die sich mit jeder Sekunde schneller bewegte.
Der Russe drehte sich zu uns um. Seine Augen waren blau, verquollen, jung. Er sah aus wie mein Bruder.
„Bitte“, sagte er auf Deutsch. Ein einziges Wort. Dann hob er sein Gewehr — nicht gegen uns, sondern neben sich, in den Himmel. Ein Zeichen.
Müller atmete aus. Ich hörte es trotz der Entfernung, trotz des Windes. Er atmete aus und sagte leise:
„Feuer frei. Auf die Tiere. Nicht auf den Jungen.“
Der erste Schuss kam von rechts. Ein Russe, irgendwo in ihrem Graben, feuerte. Dann wir. Dann sie.
Es dauerte vielleicht Minuten. Vielleicht Sekunden. In der Dunkelheit verlor die Zeit ihre Bedeutung.
Es war kein Gefecht. Es war eine Wand aus Blei.
Die Wölfe sprangen, verfingen sich im Draht, brachen durch, fielen. Einer kam bis auf zehn Meter heran, so nah, dass ich die gelben Augen sehen konnte, milchig vor Hunger und Kummer. Er sah mich an. Nicht anklagend. Nur müde.
Dann traf ihn Müllers Kugel.
Als der letzte Wolf — ein Rüde, riesig, mit aufgerissenem Fell am Hals — zusammenbrach, war es still. Rauch hing zwischen den Gräben wie ein schmutziger Vorhang.
Der blonde Russe stand immer noch da. Er hatte nicht geschossen. Er hatte nur zugesehen, den Mund offen, als wolle er etwas schreien, aber es kam kein Ton.
Dann hob er langsam die Hand. Nicht zur Faust. Zum Winken. Ein kurzes, hölzernes Auf und Ab.
Müller nickte ihm zu. Nicht freundlich. Nur anerkennend. Wie man einem anderen Jäger zunickt, wenn man sich im Wald trifft.
Der Russe drehte sich um und lief zurück zu seinem Graben. Er stolperte zweimal, aber er lief.
„Spasibo“, rief jemand von drüben. Diesmal nicht der Blonde. Ein älterer Mann, mit Bart wie ein Prophet.
Müller kratzte sich mit dem Daumen unter der Nase. „Nicht dafür“, murmelte er. Aber er sagte es auf Deutsch, und niemand dort drüben verstand ihn.
Wir begruben unsere Toten — zwei Männer, die im Handgemenge mit den Wölfen aufgerissen worden waren — am Rand des Grabens. Die Russen taten dasselbe. Wir sahen zu, wie sie ihre Leichen über die Schultern hoben, drei Stück, schwer und unnachgiebig wie Säcke mit Steinen.
Der Blonde war bei ihnen. Er trug einen Toten, und als er sich dabei aufrichtete, sah er zu uns herüber. Erhobenen Hauptes. Nicht triumphierend. Nur müde.
Dann senkte er den Kopf wieder, und die Gräben verschluckten ihn.
Der Schnee begann zu fallen, und bis zur nächsten Morgendämmerung wurden alle Spuren zugeweht. Alle.

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