Veröffentlicht: 02.05.2026. Rubrik: Unsortiert
Bist Du wach?
Der Bus glitt durch die Abenddämmerung. Ich saß links, die Stirn leicht ans Fenster gelehnt, der Geist noch weit und leer nach der Zen-Stunde. Kein Gedanke, nur das leise Summen der Reifen und der Mond, der rund und silbern über den Dächern hing.
*Estou vendo a lua*, schrieb ich meiner Liebsten, dreihundert Kilometer entfernt auf Kur. Ein kleines Lächeln. Ein Foto würde es perfekt machen.
Der Bus bog ab. Plötzlich kam der Mond von rechts vorne herein. Ich hob das Handy, zoomte zehnfach. Der helle Fleck tanzte wild, das Bild wackelte wie verrückt. Eine Minute kämpfte ich, dann gab ich auf, ließ das Telefon sinken und schaute einfach wieder hinaus.
„Entschuldigung… können Sie mir helfen?“
Die Frauenstimme von hinten. Ich drehte mich um, schon halb in Sorge. Notfall? Jemandem war schlecht?
„Konnten Sie die Tafel fotografieren?“
Tafel? Im Bus gab es keine. Nur vier junge Mädchen rechts vorne, die leise tuschelten.
„Ich… es gibt hier keine Tafel“, sagte ich verwirrt und wandte mich wieder nach vorn.
Die Stimme wurde schärfer. „Sie dürfen von fremden Personen keine Fotos machen.“
Da fiel der Cent. Der Zoom. Der Winkel. Die vier Mädchen. Für sie hatte es ausgesehen, als hätte ich genau sie ins Visier genommen – eine Minute lang.
Ich wandte mich an die 4 Mädchen, ruhig, höflich. „Entschuldigung. Ich wollte Sie wirklich in keiner Weise belästigen. Ich wollte nur ein Bild vom Mond machen. Für meine Frau.“
Ich hielt ihnen das Handy hin. Galerie. Nur Landschaften.. Kein Gesicht.
Sie starrten. Und starrten weiter. Als wäre ich ein Monster, das sich gerade eine harmlose Ausrede ausgedacht hatte.
Ich stieg aus. Ging schnell nach Hause.
Draußen war ich noch ruhig gewesen. Unangenehm berührt, ja, aber rational. Ich hatte mich entschuldigt. Was wollten sie mehr? Sollte ich mich zur Sühne am nächsten Baum aufknüpfen?
Dann kamen sie. Die alten Geschichten. Die Schulzeit vor fünfzig Jahren. Die ständigen Demütigungen und Beschuldigungen, besonders durch Mädchen und Frauen. Die Jahrzehnte danach – die Einsamkeit. Bis ich vor siebenundzwanzig Jahren endlich meine Frau gefunden hatte.
Ich erzählte ihr die Sache noch am selben Abend. Sie lachte nur amüsiert. Das half ein bisschen.
Trotzdem nahm ich ein Schlafmittel. Die Nacht war ein Wirrwarr aus Träumen, die ich niemandem erzählen möchte.
Am nächsten Morgen traute ich mich kaum aus dem Haus. Die Angst war da: Stadtweit verleumdet. Der „ perverse Typ im Bus“. Ich ging trotzdem einkaufen, leise mit mir selbst sprechend, den Blick stur auf den Boden gerichtet. Keine weibliche Entität auch nur ansehen.
In der Bank stellte ich mich fünf Meter hinter die Frau am Geldautomaten, drehte ihr den Rücken zu.
„Wollen Sie vor?“, fragte sie plötzlich freundlich. „Ich mache eine Pause, ich habe noch viele Rechnungen zu bezahlen.“
Ich war überrascht. „Danke, das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“
Ich hob mein Geld ab, verabschiedete mich höflich. „Danke nochmal. Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen!“, antwortete sie.
Vor der Bank blieb ich stehen.
Milder Wind strich über mein Gesicht. Es roch nach frischen Blumen. Es war der zweite Mai.
Der Frühling hatte begonnen.
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