Veröffentlicht: 03.05.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Die Puppe
Es war sieben Uhr abends.
Leon hatte mit seinen Eltern zu Abend gegessen und durfte noch eine Folge seiner Lieblingssendung sehen.
Nach dem Zähneputzen ging er in das Kinderzimmer, schlüpfte in den Schlafanzug und kuschelte sich in seine Bettdecke.
„Gute Nacht Leon“, sagte seine Mutter und schaltete das Licht aus.
„Gute Nacht, Mama!“ antwortete er und drehte sich auf die Seite.
Die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages schienen durch die zugezogenen Gardinen und tauchten das Zimmer in ein dunkles Zwielicht.
Gegenüber von Leons Bett stand der Kleiderschrank. Es war ein einfacher Schrank mit einer Schranktür und zwei Schubladen. Auf dem Schrank saß eine große alte Stoffpuppe. Sie hatte einen blauen schlaffen Körper, die Füße steckten in spitz zulaufenden Schuhen, die sich nach oben bogen und sie trug eine kurze rote Weste mit gelben Ponpons als Knöpfe. Die Hände und der Kopf waren aus harten Kunststoff. Das Gesicht war zu einem starren Lachen verzerrt.
Die Puppe trug eine rote Mütze.
Die braunen Haare waren mit Wollfäden angedeutet.
Leon lag auf der Seite und blickte zu dem Schrank. Die Puppe schien zurück zu starren. Es waren diese großen, offenen Augen, die einen immer anzugucken schienen - egal wo man sich im Zimmer befand.
Diese Augen sahen einem immer.
Leon fing an zu frösteln, obwohl der Tag das Zimmer aufgeheizt hatte und er unter der Bettdecke lag. Entschlossen drehte er sich auf die andere Seite und sah sich die Wand an.
Er spürte den Blick der Puppe im Nacken. Mit einem Ruck drehte er sich wieder zum Schrank.
Die Puppe saß noch auf ihrem Platz. Aber irgendwas war anders.
Ein leises Knarzen.
Es kam nicht vom Fenster und auch nicht von der Tür.
Leon schreckte hoch. Er sprang auf die Füße, lief zur Tür und suchte den Lichtschalter. Er tastete die Wand ab – den Türrahmen. Er drehte sich noch einmal um, das Herz raste - endlich!
Der Lichtschalter.
Das Licht durchflutete das Kinderzimmer.
Alles sah normal aus.
Leon sah sich im Zimmer um. Die Puppe saß noch an ihrem Platz und alles war wie immer.
Und doch schauderte er.
Der rechte Arm.
Er war sich sicher, dass er vorher anders gelegen hatte.
Die Zimmertür ging auf.
„Hey, Leon, was machst du denn noch? Du solltest doch schlafen“, sagte seine Mutter.
Leon schluckte.
„Ich… ich wollte nur noch einen Schluck Wasser trinken.“
Seine Mutter lächelte.
„Leg dich wieder hin. Ich bring dir gleich etwas.“
Leon kroch zurück unter die Decke und ließ den Schrank nicht aus den Augen.
Die Puppe saß still da.
Aber ihr Blick… er fühlte sich falsch an.
Seine Mutter kam zurück und stellte das Glas auf den Nachttisch.
„So. Jetzt wird geschlafen“, sagte sie leise und strich ihm über die Haare.
Leon nickte.
Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und schaltete das Licht aus.
Die Tür fiel leise ins Schloss.
Das Zimmer wurde wieder dunkel.
Leon lag still unter der Decke.
Er hörte nur seinen eigenen Atem. Langsam drehte er den Kopf.
Der Schrank war kaum noch zu erkennen.
Die Puppe saß dort oben.
Reglos.
Still.
Leon schloss die Augen. Er wollte nicht mehr hinsehen. Er wusste, dass sie noch da war.
Und dass sie ihn ansah.
Er kniff die Augen fest zusammen. Dann hörte er es.
Tapp.
Tapp.
Tapp.
Leon riss die Augen auf. Das Zimmer lag im Dunkeln. Aber es war anders.
Größer.
Sehr viel größer. Die Wände schienen weiter entfernt zu sein. Nur das Bett stand noch dicht an der Wand. Er konnte sie mit dem Rücken fühlen.
Leon wagte kaum zu atmen.
Nicht hinsehen.
Bloß nicht hinsehen.
Er wusste, dass sie noch da war.
Und dass sie ihn ansah.
Wieder dieses leise Knarzen.
Leon riss die Augen auf.
Die Puppe saß noch auf ihrem Platz.
Der Arm lag jetzt wieder so wie vorher.
Der Schrank stand weit weg. Und die Puppe thronte hoch oben darauf.
Ihr Grinsen war da.
Unverändert.
Und doch… lebendig.
Die falschen Augen starrten ihn an.
Leon war sich sicher: Die Puppe wusste, dass er Angst hatte.
Er hörte dieses Lachen.
Leise.
Trocken.
Es kam aus keinem Winkel des Zimmers.
Und doch war es da.
Ganz nah.
Leon spürte, wie ihm der Schweiß über die Stirn lief. Er wollte aufstehen.
Weg hier. Raus aus dem Zimmer.
Er schlug um sich.
Die Decke hielt ihn fest.
Er strampelte, versuchte sich zu befreien.
Vergeblich.
Du bleibst hier.
Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
Und doch klangen sie falsch.
So falsch wie das Lachen.
Die Puppe wurde größer. Ganz langsam.
Leon sah es. Ihr Kopf bewegte sich.
Nur ein kleines Stück.
Doch das Grinsen blieb.
Leon strampelte immer weiter. Sein Atem ging stoßweise.
Die Puppe neigte den Kopf.
Nur ein wenig näher.
Und Leon schrie.
„Leon? Schatz, was ist denn los?“
Seine Mutter stand neben dem Bett. Helles Licht fiel ins Zimmer. Leon riss die Augen auf.
Sein Atem ging schnell. Er war wieder da.
Alles war wie immer.
Er blickte an seiner Mutter vorbei zum Schrank.
Die Puppe saß dort.
Still.
Reglos.
Wie immer.
Leon schluckte.
Für einen Moment glaubte er, sich geirrt zu haben. Dann sah er es.
Das Grinsen.
Es war genau dasselbe.
Und doch…
„Heute Abend sehen wir uns wieder ...“
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