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geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 06.05.2026. Rubrik: Abenteuerliches


Zahltag

Mitte Januar 2002, kurz nach siebzehn Uhr. Die Sonne stand schon tief über dem Tejo, ein kalter, goldener Streifen Licht auf dem Wasser. Ich saß auf einem großen Felsbrocken am Ufer, irgendwo zwischen Parede und Estoril. Nur wenige Spaziergänger waren unterwegs. Ich genoss die Stille. Mein erstes Jahr in Portugal.

Ein Mann um die fünfzig kam näher. Graue Haare, Lumberjack, wettergegerbtes Gesicht. Er fragte nach Feuer. Ich hatte keines. Er ging weiter.

Zehn Minuten später stand er wieder vor mir – diesmal mit einem jungen Begleiter. Der Junge trug eine billige Windjacke mit dem Logo einer Tankstellenkette. Beide blieben direkt vor meinem Felsen stehen.

„Das Sitzen hier kostet zweitausend Escudos“, sagte der Ältere ruhig. Umgerechnet damals etwa 10 Euro.

Ich lächelte noch, dachte, es sei ein schlechter Witz. „Ich zahle morgen.“

Plötzlich blitzten zwei Taschenmesser auf. Klein, aber ernst gemeint.

„Nein. Heute ist Zahltag.“

Ich starrte auf die Klingen. Dann zog ich langsam meine Geldbörse heraus. „Ich habe keine zweitausend Escudos. Nur zwanzig Euro.“

Das waren damals über viertausend Escudos. Sie konnten nicht kopfrechnen. Sie rissen mir die Börse aus der Hand, fanden meine Kreditkarte und eine von meiner Frau, die sie mir unglücklicherweise ein paar Tage vorher geborgt hatte. Fragten nach den PINs.

Ich gab ihnen falsche.

Der Ältere setzte sich neben mich auf den Stein, legte mir fast freundschaftlich den linken Arm über die Schulter. Der Junge verschwand mit den Karten in Richtung Straße. Ich spürte den warmen Atem des Mannes an meinem Ohr und sah die Klinge, die er locker in der rechten Hand hielt.

Vor mir fiel das Ufer steil zum Fluss ab. Drei, vielleicht vier Meter. Ein Sprung, und ich wäre im Wasser gewesen. Aber ich wartete. Wartete, bis der Junge weit genug weg war.

Dann explodierte ich.

Ich sprang auf, machte zwei Schritte Richtung Straße – da packte mich der Ältere an der Jacke. Wir drehten uns im Kreis wie betrunkene Tänzer. Er versuchte mich zu Fall zu bringen und gleichzeitig zuzustechen. „Filha da puta!“, brüllte er. Der Junge kam zurück und trat nach meinem Kopf. Er traf nur die Augenbraue. Für einen winzigen Moment stand der Ältere offen. Ein klarer Gedanke schoss durch meinen Schädel: "Brich ihm das Genick." Ich sah es vor mir – die Bewegung, hörte das Knacken. Ich tat es nicht.

Stattdessen standen wir drei plötzlich ratlos da, schwer atmend.

Dann beugte sich der Alte vor und rammte mir das Messer durch die Jeans in den rechten Oberschenkel, knapp über dem Knie, außen. Es ging hinein wie in Butter. Ich spürte erst nichts. Dann kam das Blut – ein warmer, dünner Bach, der sofort meine Hose tränkte.

Sie packten mich links und rechts, schleiften mich ein paar Meter ins Gebüsch und warfen mich hin. Ich hockte auf dem Boden, die Welt pulsierte rot und schwarz. Die Hoffnungslosigkeit war abgrundtief. "Wenn die PINs falsch sind ..." sagte der Alte und fuhr sich mit dem Finger über die Kehle. Der Junge übte wieder Karate. Ich spürte die Tritte kaum.

„Die PINs waren falsch“, flüsterte ich schließlich. Dann gab ich ihnen die richtigen.

Sie nahmen mir noch das Handy ab, blätterten meinen Pass durch – wahrscheinlich, um zu wissen, wen sie gleich umbringen würden. Dann wollten sie mir die Schuhe ausziehen. Ich verstand nicht, warum. Schließlich ließen sie mich liegen.

„Danke“, sagten sie im Weggehen.

Im Schock rief ich ihnen nach: „E agora?“ – Und jetzt?

Sie lachten.

Ich rappelte mich auf. Das Blut lief mir das Bein hinunter. An der Straße versuchte ich Autos anzuhalten. Niemand blieb stehen. Ich sah aus wie ein Junkie auf einem schlechten Trip. Ich humpelte über die Straße zu ein paar Häusern. Die Türen blieben zu.

Irgendwann kam ein junger Mann. „Ich hab von Weitem alles gesehen“, sagte er und reichte mir sein Handy. Ich dachte nur: Danke für das Handy und dass du nicht sofort die Polizei gerufen hast.

Ich rief die Ambulanz. Dann meine Frau. „Lass die Karten sperren. Mir geht’s soweit gut. Wurde überfallen. Irgendwo bei São Pedro.“

Die Ambulanz kam. Meine Frau fuhr hinterher. Im Krankenhaus betrachtete die Ärztin die Wunde und schüttelte den Kopf. „Wegen so einem kleinen Stich so ein Theater? - Hm, aber tief ist es.“ Sie betäubte lokal, füllte die Wunde mit Desinfektionsmittel. Tief drinnen erwachte ein dumpfer, brennender Schmerz – und wurde sofort betäubt. Ein einziger Stich zum Nähen. Dicker Verband. „Es wird noch bluten und nässen. Normal. Gute Besserung.“

Danach zur Polizei, noch in der blutigen Jeans, um ein wenig Eindruck zu schinden. Meine Frau erstattete Anzeige. Der junge Polizist nickte nur. „Der mit der Tankstellenjacke. Den kennen wir. Genau da gab’s schon mehrere Überfälle. Heute wollte ich mich selbst als Lockvogel hinsetzen. Wurde aber woanders hingeschickt.“ Beruhigend.

Zu Hause: Zweihundert Euro waren abgebucht worden, bevor die Karten gesperrt waren. Ich lag die ganze Nacht wach, voll Adrenalin, war seltsam gut gelaunt. Meine Frau nicht. Sie sah mich immer wieder an, als könnte ich jeden Moment verschwinden. Meine Jacke war ruiniert, aber sie hatte das Ärgste abgehalten. Trotzdem war mein Rücken voll von oberflächlichen Stichwunden, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte.

In den nächsten Tagen hörte ich es von Freunden wieder und wieder: „Man setzt sich nicht auf einen Stein am Ufer, wenn gegenüber eine Favela liegt.“ - Tja, das wusste ich inzwischen.

Ein paar Monate später ging ich wieder dort spazieren. Ich setzte mich nicht hin. Aber ich schaute hinunter in den Abgrund, in den ich damals fast gesprungen wäre. Es waren mindestens sieben Meter ...

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