Veröffentlicht: 08.05.2026. Rubrik: Kinder und Jugend
Das Geräusch in der Nacht
Die erste Ferienwoche hatte begonnen und dieser Sommer versprach lang und heiß zu werden.
Lisa und Britta kannten sich schon, seit sie klein waren. Sie trafen sich jeden Tag zum Spielen, Toben und Faulenzen.
„Ich würde gern mal zelten“, sagte Lisa.
„Das wäre cool!“ Britta war sofort begeistert. „Einmal ein richtiges Abenteuer erleben …“
„Ob unsere Eltern das erlauben werden?“
„Warum nicht? Die Wiese vom Bauer Hansen ist doch gleich um die Ecke.“
Gemeinsam überlegten sie, was sie für ihr Abenteuer im Zelt brauchten. Lisa lief ins Haus und kam mit einem Stift und einem Zettel zurück.
Britta fing an aufzuzählen, und Lisa versuchte mitzuschreiben.
„Ein Zelt, Taschenlampen, Schlafsäcke …“
„Halt, nicht so schnell“, unterbrach Lisa sie. „Was kam nach Schlafsäcke?“
„Isomatten. Und wir brauchen Wolldecken, einen Campingkocher und Teller …“
„Besteck!“, rief Lisa und schrieb es schnell auf.
„Ja – und was zu essen!“
„Butter, Tomaten und vielleicht ein paar Dosen …“
„Und Brot! Und Würstchen! Die können wir über dem Feuer grillen!“, rief Britta.
„Brot ist okay – aber grillen? Ist das nicht zu gefährlich?“
„Ach, das kriegen wir hin. Ich weiß, wie man ein Feuer macht.“
Lisa runzelte die Stirn. „Schön. Aber weißt du auch, wie man es wieder ausmacht?“
Britta guckte verdutzt. Dann mussten beide kichern.
„Los!“ Lisa lachte. „Wir fragen unsere Eltern, ob wir dürfen!“
Lisas Mutter war erst gar nicht dafür. Aber Britta konnte sie schließlich überzeugen. Sie rief bei ihren Eltern an – und bekam ebenfalls die Erlaubnis.
Die beiden konnten ihr Glück kaum fassen.
Am nächsten Tag sollte es losgehen. Die Fahrräder waren schwer beladen mit Zelt, einer Kühlbox voller Lebensmittel und all den „wichtigen“ Dingen, die man fürs Zelten auf einer Wiese brauchte.
Sie fuhren zu Bauer Hansen und er erlaubte ihnen, auf seiner Wiese zu zelten.
Kurz darauf schoben sie ihre Fahrräder zu ihrem neuen „Ferienort“.
„Boah, ist das schön hier!“ Lisa drehte sich einmal im Kreis.
„Da hinten!“, rief Britta und zeigte auf die Bäume. „Lass uns das Zelt da aufbauen. Da ist weniger Wind.“
Lisa nickte.
„Mega, der Platz.“
„Guck mal!“ Britta lief ein paar Schritte vor. „Da ist sogar eine Wasserpumpe! Fließendes Wasser!“
„Und da!“, kicherte Lisa. „Unser eigener Pool!“
Sie deutete auf den See am Rand der Wiese.
Sie brachten ihre Sachen in den Schatten der Bäume und begannen das Zelt aufzubauen. Das war gar nicht so einfach.
„Das gehört da nicht hin!“
„Doch! Das passt!“
Sie lachten, stritten und zogen an den Stangen herum.
Am Ende stand das kleine Zelt – ein bisschen schief, aber es stand.
„Los, lass uns baden gehen!“, rief Britta und rannte zum See.
Lisa lief hinterher, und der Tag verging mit Baden und Toben viel zu schnell.
Am Abend saßen sie vor dem Zelt und aßen.
Bauer Hansen war noch einmal vorbeigekommen und hatte nach dem Rechten gesehen. Mit seiner Hilfe hatten sie eine kleine Feuerstelle eingerichtet.
Jetzt saßen sie am Feuer und erzählten sich Geschichten.
Eine Weile sagte keiner etwas.
„Schon cool hier“, sagte Lisa leise. „Ganz ohne Eltern.“
Britta nickte.
Bald wurden sie müde und krochen in ihr kleines gemütliches Zelt.
Britta verschwand sofort im Schlafsack.
Lisa ließ sich Zeit.
Jetzt, wo es dunkel war, fühlte sich alles anders an.
Die Wiese war plötzlich viel größer.
Sie redeten noch ein wenig und bald war Britta mit dem Daumen im Mund eingeschlafen.
Lisa lag noch wach in ihrem Schlafsack.
Sie hörte Brittas ruhigen Atem neben sich.
Draußen wurde es still.
Zu still.
Auf einmal hörte sie es.
Ein Rascheln.
„Britta, bist du das?“
Britta murmelte etwas Unverständliches, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter.
Lisa atmete flach. Sie hatte die Augen weit auf und lauschte in die Nacht.
Ein unheimlicher Ruf ertönte.
Nur eine Eule, dachte Lisa. Das ist nur eine Eule …
Wieder hörte sie dieses Rascheln.
Es war näher gekommen. Das Rascheln war jetzt lauter.
Ein leises Schmatzen.
Lisa richtete sich auf.
Wo war ihre Taschenlampe?
Sie erinnerte sich: Sie lag draußen auf der Kühlbox, wo ihr Frühstück auf sie wartete.
Unsicher sank Lisa zurück auf die Isomatte.
„Britta…? W... was war das?“
Keine Antwort.
Ein Schnaufen, als müsste jemand ganz schwer tragen.
Lisa schreckte hoch.
„Da draußen ist jemand!“
Britta fuhr hoch.
„Was?“, murmelte sie verschlafen und richtete sich auf.
„Da draußen ist jemand!“, flüsterte Lisa jetzt hektischer.
„Du spinnst. Wer soll denn hier sein?“, sagte Britta und gähnte.
Dann hörte sie es auch.
Ein Schmatzen.
Ein Rascheln.
Ein Schnaufen.
„Du hast recht. Da ist jemand“, flüsterte Britta erschrocken.
„Hoffentlich kommt der nicht ins Zelt …“
„Wenn du jetzt auch Angst kriegst“, sagte Lisa leise, „krieg ich richtig Schiss.“
„Ich geh jetzt nachgucken“, sagte Britta entschlossen, wühlte sich aus dem Schlafsack und zögerte.
Sie drehte sich zu Lisa um.
„Geh du lieber zuerst.“
„Warum ich?“, fragte Lisa.
„Es ist dein Monster!“, antwortete Britta.
„Wir gehen zusammen“, entschied Lisa nach kurzem Überlegen.
„Okay. Aber du gehst vor“, wisperte Britta.
Zusammen zwängten sie sich durch die kleine Zeltöffnung.
Lisa fand ihre Taschenlampe genau da, wo sie sie abgelegt hatte.
Das Feuer war heruntergebrannt, die Glut spendete noch ein wenig Wärme.
Sie hörten die Geräusche wieder.
Unheimlich und deutlich.
Entschlossen knipste Lisa die Taschenlampe an und leuchtete in die Nacht.
Nichts.
„Vielleicht hinter dem Zelt?“, flüsterte Britta.
Sie schlichen um das Zelt.
„Leuchte doch mal dahin …“
Ein Igel!
Die beiden Mädchen sahen sich an und mussten lachen.
„Du hast mich wegen einem Igel geweckt?“, kicherte Britta, als sie sich wieder beruhigt hatte.
Gemeinsam krochen sie zurück ins Zelt.
Sie hörten die Geräusche des Igels. Britta überlegte sich einen Namen.
„Das ist Igor Igel!“
Lisa fing an, sich eine Geschichte über ‚Igor Igel‘ auszudenken und sie mussten wieder lachen.
Am nächsten Morgen krochen sie verschlafen aus dem Zelt.
Lisa breitete eine Tischdecke aus und stellte das Geschirr auf. Britta suchte Brot, Käse und Tomaten aus der Kühlbox.
„Das war gestern ein Abenteuer“, sagte Lisa.
Britta drehte sich um.
„Und wenn du mich nächste Nacht wieder weckst, sag ich Igor Igel Bescheid.“
Sie sahen sich an und lachten.
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