Veröffentlicht: 14.05.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Grausame Weihnachten
Heiligabend 2020
Maelle war eine wunderschöne Frau Anfang 20, deren schönes Gesicht, grüne Augen und feuerrotes Haar jeden zu bezaubern vermochte. Es war ein Heiligabend wie Maelle ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Die Straßen von Paris waren wie ausgestorben und es ging an diesem Heiligabend auch niemand in die Kirche. Sie durfte auch nicht ihre Eltern besuchen und feierte erstmals alleine mit ihrem langjährigen Freund Xavier. Schuld daran war die Corona-Pandemie, welche das Leben aller Menschen völlig auf den Kopf gestellt hatte und die Regierung Menschenansammlungen verboten hatte. Eigentlich war dieses Verbot gar nicht nötig, weil sehr viele Menschen noch große Angst vor dem neuen Virus hatten.
Trotzdem war Maelle glücklicher denn je, denn Xavier hatte ihr das wundervollste aller Geschenke gemacht. Sie wollten nicht auf den nächsten Morgen warten und haben wie die Menschen in Deutschland die Bescherung bereits an Heiligabend gemacht. Sie hatte ihm eine teure Modelleisenbahn gekauft, von der er bereits seit Monaten gesprochen hatte. Er hatte ihr hingegen einen Urlaub nach Japan geschenkt, in dem sogar schon Flugtickets für den Herbst 2021 dabei lagen. Natürlich wussten beide nicht, ob die Pandemie bis dahin schon vorbei sein würde, aber dieses Geschenk war das Schönste, was sie je bekommen hatte. Und dann tat Xavier um 20 Uhr noch etwas Anderes. Er stand plötzlich auf und kniete vor ihr nieder. Er zückte eine kleine Box hervor, in der ein wundervoller Diamanten-Ring schlummerte. Sie wusste sofort, dass dies ein Swarovski Diamant gewesen war. "Maelle Maurel, möchtest du meine Frau werden?" Das waren die einzigen Worte, die sie verstanden hatte, als die Emotionen sie überkamen und sie wie verrückt nickte und ihren Verlobten tief und innig küsste. Ihr kamen sogar Freudentränen ins Gesicht und Xavier lachte: "Ich liebe dich, mein kleiner Wasserfall." Ja, Maelle war glücklich und nichts auf dieser Welt hätte ihr Leben jetzt noch aus den Fugen bringen können.
Während beide sich wild küssten und mit den Fingern einander herumspielten, wurde ihr plötzlich fürchterlich schlecht. "Entschuldige Schatz, ich muss leider wieder schnell auf die Toilette." Xavier ließ sofort von ihr ab, denn mittlerweile wusste er, was diese Worte bedeuteten. Sie würde sich wieder übergeben müssen. Er blickte ihr besorgt nach und starrte ratlos auf den prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum. Auf der Krone des Weihnachtsbaums lächelte ihn ein Engel an und versuchte ihm die Sorgen zu nehmen. Aber Xavier blieb besorgt, denn seine große Liebe musste sich in letzter Zeit oft übergeben, obwohl die Ärzte bisher noch keine Ursache gefunden hatten. Maelles letzte Untersuchung war allerdings auch schon einige Wochen her und vielleicht würden die Ärzte ja jetzt eine Ursache finden.
Maelle kauerte über den Toilettendeckel und übergab sich. Ihre Hände fingen dabei krampfhaft an zu zittern, weil es eine große Kraftanstrengung für sie war. Sie griff nach ihrer Handtasche und blickte zur Tür, denn sie wollte sichergehen, dass Xavier nicht doch nach ihr sehen würde. Sie zückte einen Schwangerschaftstest aus ihrer Handtasche hervor, starrte den Test an und rührte sich lange nicht. Die Ärzte hatten vor Wochen nichts gefunden, daher konnte sie nicht schwanger sein und dieser Test war eine dumme Idee. Oder nicht? Sie holte tief Luft und schob sich den Test zwischen die Beine. Sie holte erneut tief Luft und verkrampfte sich innerlich vor Nervosität. Nach einiger Zeit holte sie den Test hervor und blickte ihn fassungslos und stumm an. POSITIV.
Das konnte und durfte nicht sein, sie wollte noch keine Kinder haben. Sie fasste sich an die Stirn und biss sich auf die Hand, um nicht laut loszuschreien. Sie blieb fast eine halbe Stunde wie festgefroren auf dem Toilettendeckel sitzen, als ein zögerliches Klopfen sie wieder in die Realität zurückholte. "Schatz? Geht es dir gut? Brauchst du etwas? Soll ich einen Arzt rufen?"
Sie fasste sich wieder: "Mir geht es gut, ich komme raus."
Sie kam aus der Toilette und fiel ihrem bald-Ehemann in die Arme. "Oh... womit habe ich diese liebevolle Umarmung verdient?" Sie drückte ihn feste an sich. "Weil du der tollste Mann auf diesem Planeten bist." Er drückte sie leicht von sich weg und blickte ihr in die Augen. "Das bin ich nicht, aber ich versuche für dich der beste Mann zu sein, der ich sein kann." Er lächelte sie an und sie erwiderte sein Lächeln, als ihr plötzlich etwas einfiel: "Mach die Weihnacht-Instrumental-CD" an. Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich." "Ohhh?", erwiderte er lachend und holte die besagte CD aus dem Schrank und legte sie in seinen Blu-ray-Player. "Welches Lied darf es denn sein?" "Stille Nacht." Er runzelte die Stirn, aber tat worum sie ihn gebeten hatte und anschließend setzte er sich aufs Sofa.
Und so begann Maelle mit engelsgleicher Stimme zu singen:
"Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh,
schlaf in himmlischer Ruh.
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel Alleluja,
Tönt es laut bei Ferne und Nah:
Christ, der Retter ist da!
Christ, der Retter ist da!
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt."
Maelle merkte, wie sie durch das Singen sich innerlich wieder von dem Schock erholte und hatte einen Entschluss gefasst. "Wow", sagte Xavier beeindruckt und hatte feuchte Augen bekommen. "Das war die schönste Version von Stille Nacht, die ich je gehört habe. Wie komme ich zu dieser Ehre? Willst du mir damit etwas Besonderes sagen?" Sie setzte sich lächelnd zu ihm: "Nein, ich will einfach nur das dieser perfekte Abend, dieser perfekte Moment niemals endet. Heute bin ich glücklicher denn je und das, obwohl die ganze Welt verrückt spielt. Aber hier mit dir zu sein, diesen Weihnachtsbaum anzustarren und einfach den Geist der Weihnacht zu spüren, macht mich selbst in diesen unsicheren Zeiten unendlich glücklich." Xavier wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, denn diese Worte waren einfach zu schön, um ihnen eine gerechte Antwort geben zu können. Er küsste stattdessen seine Verlobte und beide gingen ins Bett und taten etwas, bei dem sogar die Jungfrau Maria vor Neid erblasst wäre.
Am nächsten Morgen stand Maelle vor der weltberühmten Kirche Sacré-Cœur und klopfte lautstark an der Eingangstür. "Pfarrer Martin, sind Sie da? Ich bin es, Maelle Maurel. Ich muss mit Ihnen sprechen und ich dürfte eigentlich nicht hier sein." Kaum hatte sie diese Worte gesagt, blickte sie sich besorgt um, ob irgendwo Polizisten in der Nähe waren. Aber niemand war da, denn an Weihnachten schienen selbst die Polizisten bei ihren Familien zu bleiben. Maelle wollte schon gehen, als plötzlich die große, uralte Stahltür sich langsam öffnete und ein freundlich aussehender, alter Mann an der Türschwelle stand, "Maelle, mein liebes Kind", sagte der Mann sichtlich erfreut und Maelle umarmte ihn. "Ich bin so froh Euch zu sehen, Pfarrer Martin!" Er bat sie herein und Maellle blickte sich noch einmal um, ob der Platz vor der Kirche auch weiterhin noch frei von Zeugen war. Sie setzte sich auf eine der langen Bänke und starrte schweigend den großen Altar an, an dem Jesus an ein Kreuz genagelt hing, als Pfarrer Martin sich direkt neben sie setzte.
"Was liegt dir auf dem Herzen, mein Kind? Ich sehe, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist." Sie lächelte ihn kurz verlegen an und daraufhin wurde ihr Gesicht ernst. "Wir kennen uns schon mein ganzes Leben lang und wir sind Freunde. Oder nicht?" Pfarrer Martin lachte verwundert: "Was ist denn das für eine Frage? Natürlich sind wir Freunde, schon seitdem du das erste Mal im Alter von 5 Jahren hierhergekommen bist und laut gerufen hast, ich sei Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft" und ich solle dir gefälligst meine Zeitmaschine zeigen!" "Ja... Jeder andere Pfarrer hätte mich danach wohl zur Hölle verdammt, aber Ihr habt einfach nur herzhaft gelacht." "Das stimmt." "Deshalb muss ich Euch etwas erzählen und benötige Euren Segen. Ich will, dass Ihr mir Eure ehrliche Meinung sagt. Nicht als Pfarrer, sondern als mein Freund." Der alte Mann runzelte die Stirn, denn solche ernsten Worte war er von Maelle nicht gewohnt. Er nickte ihr zu.
"Ich bin schwanger." Das Gesicht des Pfarrers strahlte und er wollte sie schon beglückwünschen, als Maelle noch nachsetzte: "Aber ich will es nicht und werde es abtreiben." "A... Abtreiben...?", flüsterte Martin ungläubig. "Ja, Xavier und ich haben noch kein gefestigtes Leben und wir wollen nächstes Jahr auch endlich nach Japan. Und dann wäre da noch diese fürchterliche Pandemie. In solch unsicheren Zeiten will ich noch kein Kind in die Welt setzen. Erst wenn die Pandemie vorbei und wir beide bereit sind, dem Kind all die Liebe zuteil lassen zu können, die es verdient hat." Martin blickte sie lange schweigend an. "Und was sagt Xavier dazu?" "Er weiß davon nichts." Martin holte tief Luft und starrte auf seine faltige Hand. "Mein Glaube würde mir befehlen, dir diese Idee auszureden. Aber als dein Freund kann ich deine Argumentation verstehen und es ist dein Leben und dein Körper. Der Herr wird dich trotzdem weiterhin lieben. Aber..." "Aber?" "Bevor du es tust, erzähl Xavier davon. Er hat ein Recht darauf es zu erfahren und auch etwas dazu zu sagen. Er war dir schließlich immer loyal, aufrichtig und ehrlich gegenüber. Versprich mir bitte, dass du ihm davon erzählst." Maelle gab ihm ein warmes Lächeln. Es war dieses warme Lächeln, durch das er ihr schon seit ihren Kindheitstagen nie böse sein konnte. "Ich verspreche es." Danach sprachen die Beiden noch über viele Dinge und sie erzählte Martin von Xaviers Heiratsantrag. Sie sprachen so lange miteinander, dass sie völlig den starken Schneefall verpassten und Maelle sich später über diese weiße Weihnacht wunderte.
Es war der Morgen des 28. Dezember, als Maelle eine Abtreibungsklinik kontaktiert hatte und über die Abtreibungsmöglichkeiten informiert worden war. Sie entschied sich für den operativen Eingriff, weil dieser sehr schnell durchzuführen war und sie für diesen sogar noch einen Termin am selben Tag bekommen hatte. Bei diesem Kurzeingriff würde man sie unter Kurznarkose setzen, ein dünnes Röhrchen in ihre Gebärmutter schieben und den unfertigen Fötus absaugen. Der gesamte Eingriff würde nur ca. 15 Minuten dauern und sie könnte schnell die Klinik wieder verlassen. Diese Schnelligkeit war ihr nämlich sehr wichtig, weil sie weder Aufmerksamkeit noch Verdacht auf sich ziehen wollte. Sie hatte nämlich ihr Versprechen gebrochen und Xavier nichts davon erzählt. Sie hatte nur ihrer besten Freundin Clotilde davon erzählt und sie ermahnt Xavier kein Wort davon zu erzählen. Clotilde hatte zwar anfangs noch laut protestiert, gab aber zum Wohle ihrer langjährigen Freundschaft auf und versprach Xavier kein Wort zu erzählen.
Xavier war auch Zuhause und arbeitete per Home-Office an einer Präsentation für seine Firma. Er bekam nichts von dem mit, was seine Verlobte in den anderen Zimmern trieb. Maelle klopfte vorsichtig an seine Tür und brachte ihn eine Tasse Kaffee und ein paar Scheiben Käse. Xavier strahlte über das ganze Gesicht: "Danke Schatz, das wäre doch nicht nötig gewesen." Sie küsste ihn kurz und verließ darauf wieder das Zimmer. Xavier ahnte nichts und Clotilde hatte ihr Wort gehalten.
Es war bereits Mittag, als Maelle im Wartezimmer der Klinik wartete. Sie war tatsächlich die einzige Person in dem Raum. Sie streichelte sanft ihren Bauch und flüsterte: "Andere freuen sich über die Nachwuchsnachricht an Weihnachten und was mache ich?" Sie spürte, wie eine Träne aus einem ihrer Augen kam. Sie wischte sich die Träne aus dem Gesicht und lächelte das ungeborene Kind in ihrem Bauch an. "Ich... Ich werde dir leider gleich sehr wehtun müssen, mein kleiner Spatz. Ich will... Ich will..." Ihre Stimme stockte und sie blickte schweigend aus dem Fenster. Es schneite wie verrückt draußen und die Straßen und Dächer der Häuser erstrahlten im wundervollen weiß. Sie flüsterte: "Ich will, dass du weißt, dass ich dich trotzdem liebe. Es ist alles nicht deine Schuld und auch nicht meine." Sie begann für ihr Kind ein letztes Mal das "Stille Nacht" zu singen, woraufhin die Chefärztin schweigend an der Türschwelle verweilte und dem Schauspiel zuschaute. Als Maelle schließlich den Song mit den Worten "Schlaf in himmlicher Ruh" beendet hatte, bemerkte sie die Frau und die Ärztin sagte: "Sind Sie sicher, dass Sie es sich nicht noch einmal anders überlegen wollen?" Maelle griff nach ihrer Tasche und trat an die Ärztin heran. "Ich bin mir sicher. Ich fand es nur passend, meinem Kind noch einmal das Stille Nacht vorzusingen." Die Ärztin nickte bedächtig und führte Maelle in den Operationssaal.
Dort wurde sie schließlich unter Narkose gesetzt und Maelle bekam nicht mit, wie ihr Kind "abgesaugt" wurde und aus ihrem Körper verschwand. Sie schlief tief und hatte wundervolle Träume. Die Ärzte entsorgten die Gewebereste in einen Behälter und gaben sie der Verbrennung preis. Maelle erwachte wenige Minuten nach dem Eingriff wieder, als alle Ärzte bereits damit beschäftigt waren die Überreste zu entsorgen. Sie war noch benommen und sah nur die unscharfen Konturen einer Person, die an der Türschwelle stand. Sie versuchte sich angestrengt zu konzentrieren und langsam wurden Konturen sichtbar. Als sie die Person schließlich erkannte, stockte ihr der Atem und sie flüsterte: "Xavier?" Es war tatsächlich Xavier gewesen. Er starrte sie mit festgefrorener Miene und feuchten Augen an. Er konnte nicht glauben, was er da vor sich sah und was sie getan hatte. Er flüsterte nur: "Wie konntest du nur?" "Ich... Ich kann es erklären..." erwiderte sie benommen und erschöpft. Aber Xavier reagierte nicht auf ihre Worte und hielt seine Hand hoch. Er zog seinen Verlobungsring ab und warf ihn wütend auf den Boden. Maelle begriff was gerade passierte und wollte noch nach ihm rufen, aber da war Xavier bereits verschwunden und verschwand gleichzeitig auch aus Maelles Leben.
Als die Chefärztin zurückkam, erblickte sie Maelles verweintes Gesicht. "Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Reaktion ist normal. Viele Frauen weinen nach einer Abtreibung, weil sie plötzlich falsche Schuldgefühle entwickeln. Sie müssen sich nur klarmachen, dass ihr Baby noch nicht wirklich gelebt hat. Es wird besser werden und spätestens in einer Woche sind diese Schuldgefühle verschwunden und sie können ihr Leben wie zuvor weiterleben. Vertrauen Sie mir." Ein gequältes Lächeln kam über Maelles Lippen, um der Chefärztin ihre Zustimmung zu zeigen. Die Chefärztin konnte schließlich nicht die wahren Gründe für Maelles Tränen wissen. Als die Chefärztin schließlich ging, blieb Maelle alleine zurück. Alleine in einem neuen und einsamen Leben.
Heiligabend 2022
2 Jahre waren vergangen, seitdem Maelle ihre Schwangerschaft frühzeitig beendet hatte und Xavier sie für immer verlassen hatte. Er hatte seit diesem Tag jeden Kontaktversuch von ihr eiskalt ignoriert und ihre Nummer mittlerweile geblockt. Er hatte sogar seinen Arbeitsplatz gewechselt, damit sie nicht versuchen konnte ihm aufzulauern. Mit Clotilde hatte sie sich auch mittlerweile zerstritten, denn es war Clotilde gewesen, die ein schlechtes Gewissen bekommen hatte und Xavier kontaktiert hatte. Sie hatte die Hoffnung gehabt, dass er die Abtreibung noch rechtzeitig verhindern könnte. Clotilde hatte sich immer wieder bei ihr entschuldigt, aber Maelle konnte ihr einfach nicht verzeihen und so zerbrach ihre Freundschaft schließlich. Durch diesen Freundschaftsbruch erfuhren auch noch andere Freunde von ihrer "hinterhältigen Tat" ihrem Verlobten gegenüber und kündigten ihr daraufhin die Freundschaft. Maelle hatte niemanden mehr und war seit fast 2 Jahren völlig alleine. Nur Pfarrer Martin traf sie noch ab und zu, aber er war mittlerweile sehr alt und gebrechlich geworden. Er hatte sich 2021 mit Covid-19 infiziert und seitdem war er nicht mehr derselbe und hatte kaum die Kraft noch regelmäßig Messen zu halten oder Besuch zu empfangen. Maelle war alleine auf sich gestellt.
Die Welt hatte sich endlich von der Pandemie erholt und Frankreich feierte das erste, richtige Weihnachten seit 3 Jahren. Es war bereits spät am Abend und die Sonne war untergegangen, als Maelle auf dem Gelände des Louvre durch die Straßen schlenderte. Es war eine weiße Weihnacht, denn es war den ganzen Tag über schon am Schneien. Es waren sehr wenige Menschen auf den Straßen, weil die meisten Menschen den Abend mit ihren Familien und Freunden verbrachten. Es gab nur die obligatorischen Nachtschwärmer, Männer in Weihnachtsmannkostümen und Gruppen, die auf den Straßen Weihnachtslieder sangen. Es lag eine magische Atmosphäre in der Luft, aber Maelle nahm davon kaum etwas wahr, da sie schon lange keinen Blick mehr für die schönen Dinge im Leben hatte. Sie schlenderte in einen Tunnel hinein, als sie plötzlich ein seltsames Geräusch direkt hinter sich vernahm.
Am Ende des Tunnels standen plötzlich 2 Bäume oder Stahlträger, die zuvor nicht dort gestanden hatten. Maelle blickte die beiden Objekte misstrauisch an, weil sie sich sehr sicher war, dass sie vor wenigen Sekunden noch nicht dort gestanden hatten. Sie erblickte einen Mann, der sich den beiden Objekten näherte, aber er schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Er betrat den Tunnel, ohne auch nur einen Blick auf diese Objekte zu verschwenden. "Ich habe wohl schon Halluzinationen durch meine Einsamkeit bekommen", flüsterte sie zu sich selbst und schüttelte den Kopf. Der Mann blieb plötzlich stehen und starrte sie an, wahrscheinlich weil er sich durch ihre Kopfbewegung angesprochen gefühlt hatte. Der Mann war nicht mehr als eine dunkle Gestalt und Maelle wurde sichtlich nervös. Plötzlich bemerkte sie, wie sich die beiden Objekte bewegten und eine riesige Klaue griff nach dem Mann und zog ihn aus dem Tunnel heraus. Der Mann schrie fürchterlich und Maelle hielt sich geschockt die Hand vor dem Mund, um nicht loszuschreien. Sie hörte ein fürchterliches Geräusch, als würde dieses Etwas den Mann auseinanderreißen. Die 2 Beine verschwanden genauso plötzlich wie sie aufgetaucht waren und der Mann stürzte vom Himmel wieder zu Boden.
Maelle ging in die Knie, um sich nicht sofort bemerkbar zu machen und blickte den reglosen Mann ängstlich an. Dieser stand plötzlich wieder auf und torkelte in ihre Richtung. Seine torkelnden Schritte waren merkwürdig und sehr unbeholfen. Sie wusste nicht, ob er wegen seiner Verletzungen so komisch lief oder ob es noch andere Gründe gab. Als der Mann endlich ins Licht trat, blieb Maelle fast das Herz stehen. Der Mann erblickte sie ebenfalls und blieb plötzlich regungslos stehen. Er wirkte falsch, alles an ihm war falsch und wie aus einem Albtraum. Überall war die Haut an den Seiten aufgerissen und voll mit Blut und Fleischfetzen. Die Haut hing auch halb herunter. Besonders sein Gesicht wirkte wie eine groteske Fratze. Die Haut hing schlaff herab, die Augen waren blutrot und halb aufgequollen. Der Mann wirkte, als habe jemand ohne Sinn und Verstand ihm die Haut einfach draufgesetzt. Es war ein fürchterlicher Anblick und Maelle ging einige Schritte zurück. Der Mann sagte weiterhin kein Wort und blickte sie weiter schweigend an. Maelle beschloss kein Risiko einzureden, drehte sich um und rannte dem grotesken Mann davon. Sie rannte so schnell wie sie konnte, als sie plötzlich wieder dieses reißende Geräusch hörte und schließlich blieb sie aus Neugier stehen. Sie drehte sich wieder um und wo zuvor der groteske Mann gestanden hatte, lag nur noch etwas, dass aus der Ferne wie abgezogene Haut aussah, auf dem Boden des Tunnels. "In was für einen Alptraum bin ich hier geraten?", fragte sie sich und blickte sich ängstlich um. Aber es schien sonst niemand mehr im Tunnel zu sein.
Sie trat vorsichtig an das Fleischbündel heran und je näher sie kam, umso mehr erkannte sie, dass es sich tatsächlich um abgezogene Haut handelte. "Oh mein Gott", stammelte sie und griff mit zitternden Händen nach ihrem Handy. Sie tippte die Nummer der Polizei, als sie plötzlich aus der Dunkelheit vor sich ein wehleidiges Schluchzen hörte. "Hallo? Wer ist da?" Eine wehleidige Stimme erwiderte: "Warum halten sie nicht?" "Kommen Sie nicht näher, hier ist irgendwas Gefährliches in diesem Tunnel. Ich bin schon dabei die Polzeit zu rufen!" Doch die Stimme fragte erneut "Warum halten Sie nicht?" und Maelle stockte der Atem. Diese Stimme, diese furchtbare Stimme... Sie klang wie aus einem Alptraum, wehleidig und gleichzeitig tief und bösartig. Es klang als würden mehrere Personen gleichzeitig sprechen. Maelle ging wieder einige Schritte zurück, als sie ein lautes Stampfen vernahm und aus der Dunkelheit eins der langen Beine ins Licht trat. Jetzt konnte sie es endlich erkennen. Es war weder ein Baum, noch ein Stahlträger. Es war ein fleischiger Klumpen, mit 4 Zehen und spitzen Krallen als Zehen. "Sie fallen immer so schnell wieder herab... Ich kann sie nicht lange tragen...", sagte die Stimme erneut und Maelle erkannte im Schatten vor sich eine riesige Gestalt im Dunkeln. Was immer es auch war, es musste an die 4-5 Meter groß sein und stand gebückt im Tunnel.
"Ihre Haut ist schlecht, hält nicht lange... Aber..." Das Geschöpf begann zu schnüffeln. "Ohhhhhhhh, aber deine Haut... Deine Haut ist nicht schlecht..." Und in genau diesem Moment trat das Geschöpf ins Licht und ihr Anblick brachte Maelle zum Schreien. Die Kreatur wirkte wie völlig falsch zusammen gesetzt. Sie hatte mehrere Kiefer und Mäuler, deren Zähne eine Mischung aus menschlichen Zähnen und Reißzähnen eines wilden Tieres waren. Trotz dieser Ähnlichkeit wirkten diese Zähne trotzdem falsch zusammengesetzt. Die Arme hatten am Ende mehrere Hände, die wie wild zusammengesetzt waren und keine Haut zu besitzen schienen. Das ganze Geschöpf hatte keine Haut und wirkte wie gehäutet, obwohl es nicht einen Tropfen Blut zu verlieren schien. Auf dem Kopf der Kreatur ragten Teile einer nach außen gerichteten Wirbelsäule hervor, die wie eine Krone auf dem Kopf der Kreatur saß. Und über den vielen Mäulern der Kreatur lagen 2 überlagerte und in die Länge gezogene Augen. Doch diese Augen wirkten wie Knopfaugen und wirkten nicht in ihrer Entwicklung vollendet. Die ganze Kreatur sah aus, als sei das Innere eines Menschen von innen nach außen gerichtet worden. Die Kreatur kam langsam näher und Speichel tropfte aus ihren vielen Mäulern. "Du... Du bist nicht real...", stotterte Maelle. Die Kreatur hielt plötzlich inne und blickte Maelle lange an. Maelle trat einige Schritte zurück, um Distanz von der Kreatur aufzubauen und weil sie die Hoffnung hatte, dass die Kreatur mit diesen unterentwickelten Augen schlecht sehen konnte. Die Kreatur blieb weiter still stehen und beobachtete Maelle aufmerksam.
Plötzlich vernahm Maelle hinter sich ein Lachen und blickte zum anderen Ende des Tunnels. Dort hatte ein Pärchen den Tunnel betreten und nach ihrem Gang zu urteilen schienen sie angetrunken zu sein. Sie richtete wieder ihren Blick auf die Kreatur und sah, wie die Kreatur bereits auf sie zustürmte. Maelle schrie und rannte so schnell sie konnte dem Pärchen entgegen, während sie hinter sich das Trampeln der Füße des Monsters vernahm und hörte wie das Monster schrie: "GIB MIR DEINE HAUT!" Maelle rannte und fiel fast über ihre eigenen Füße. Zu ihrem Glück konnte die Kreatur sich im Tunnel nicht allzu schnell bewegen und Maelle konnte schnell einen großen Abstand aufbauen. Sie schrie weiterhin wie verrückt und schrie dem Pärchen zu: "LAUFT! ES KOMMT!" "Was kommt?", riefen Sie zurück. Maelle rannte an ihnen vorbei und schrie erneut ungläubig: "SEHT IHR ES DENN NICHT?" Das Pärchen blickte in den Tunnel hinein und direkt auf das schnell näherkommende Monster, aber sie schienen es in der Tat nicht zu sehen. Maelle war es endlich gelungen aus dem Tunnel zu gelangen und sie befand sich mitten im Jardin des Tuileries, einen der größten Parks in ganz Paris. Sie fackelte nicht lange und suchte sich das nächstbeste, verschneite Gebüsch, um sich dahinter zu verstecken. Dabei achtete sie darauf, ihre Spuren im Schnee zu verwischen, als sie schließlich doch fürchterliche Schreie aus dem Tunnel hörte. Die Kreatur war wohl über das Pärchen hergefallen. Maelle schmiss sich hinter das Gebüsch und beobachtete durch das Gestrüpp die Tunnelöffnung.
Eine gewaltige Klaue, an der noch weitere Klauen hingen, kam zum Vorschein und hielt sich an der Tunnelöffnung fest. Der Rest der Kreatur folgte kurz darauf und Maelle sah, wie die zerbrochenen Körper des Pärchens in den anderen Klauen hingen. Die Kreatur blickte die zerbrochenen Körper an und schleuderte sie gleichgültig durch die Luft. Das Monstrum trat aus dem Tunnel und stellte sich endlich aufrecht hin. Maelle erstarrte, als die diesen 4-5 Meter Koloss direkt vor sich sah. Jeder Schritt wurde von einem lauten Trampeln begleitet. Die Kreatur schnüffelte wieder. Sie fasste sich an den Kopf und wirkte unbeholfen und verwirrt. "Ich kann sie riechen... und dann wieder nicht riechen... Wo ist sie?" Die Kreatur blickte sich um und blickte hinter einige der Gebüsche und kam auch Maelles Gebüsch sehr nahe. "Es wird mich entdecken, es wird mich entdecken", dachte sie panikartig und begann vor lauter Angst zu schwitzen. Die Kreatur schnüffelte wieder und zuckte zusammen. Was immer sie auch gerochen hatte, schien ihr nicht gefallen zu haben. Die Kreatur kam trotzdem näher und war mit ihrem Kopf fast schon so weit vorgestoßen, dass sie Maelle schon bald erblicken würde. Maelle zitterte und konnte sich vor lauter Angst und Unterkühlung nicht rühren. "Das ist mein Ende, ich werde hier sterben", dachte sie sich. Plötzlich vernahmen sie und die Kreatur ein Geräusch in der Ferne. Die Kreatur blickte sofort auf und rannte mit großer Geschwindigkeit in die Richtung des Geräuschs.
Maelle konnte endlich wieder atmen und fasste sich an die Brust. Sie blieb noch ein paar Minuten so liegen und lauschte nach der Kreatur. Doch sie konnte weder weitere Schreie, noch das Trampeln großer Schritte vernehmen. Schließlich wagte sie sich doch aus ihrem Versteck und blickte sich ängstlich um. Als sie einen Schritt vor den anderen setzte, bemerkte sie plötzlich etwas Feuchtes und blickte auf sich herab. "Ich habe mir in die Hose gepinkelt..." Das war wohl der unangenehme Geruch, den die Kreatur vernommen und angewidert hatte. Sie blickte sich erneut um und dabei fiel ihr auf, dass die Kreatur nirgendwo Fußspuren hinterlassen hatte. Sie fasste sich an den Hinterkopf und blickte sich erneut ungläubig um. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Hatte sie sich die Kreatur etwa eingebildet? Genau, das Pärchen, deren Körper mussten irgendwo liegen. Doch Maelles Suche blieb erfolglos, zu hoch und zu dick war der Schnee gewesen, um irgendetwas finden zu können. Sie geriet wieder in Panik und hielt sich wieder die Hand an die Brust. "Ruhig ein- und ausatmen", flüsterte sie leise zu sich selbst und beruhigte sich wieder etwas. Sie fasste in ihrem Kopf die Ereignisse nochmal zusammen. Sie hatte ein unmögliches Monster gesehen, dass außer ihr niemand sonst sehen kann und das auch keine Fußspuren hinterlässt. Es stand fest, sie musste wirklich an Halluzinationen leiden. Die Erinnerung an Heiligabend vor 2 Jahren musste ihr einen seelischen Knall beschert haben. Das wird es gewesen sein.
Sie putzte sich schließlich den Schnee von den Klamotten und beschloss durch den Jardin des Tuileries in Richtung Champs Élysées zu laufen. Dort würden auch an Heiligabend Menschen unterwegs sein und sie würde sich wieder sicherer fühlen. Sie lief schnellen Schrittes durch den Park und obwohl sie sich sicher war, sich das alles nur eingebildet zu haben, lauschte sie trotzdem jedem Geräusch und blickte sich konstant um. Aber außer ihren eigenen Schrittgeräuschen im Schnee war weit und breit kein anderes Geräusch zu vernehmen. Vor ihr türmten hohe Heckenbäume auf und sie rannte um jeden dieser riesigen Bäume herum. Sie wollte einfach nur sichergehen, dass ihr niemand irgendwo auflauerte. Sie kam schließlich an einen Bereich, in dem sich der Park etwas öffnete und ein Springbrunnen mitten vor ihr lag. An den Seiten des Springbrunnens standen große Steinstatuen. Dabei fiel Maelle ganz besonders eine Statue auf. Diese hielt sich die Hand vor das Gesicht, als wollte sie ihr sagen: "Gott, bist du dumm." "Ja, damit hast du wahrscheinlich auch recht", sagte sie belustigt zu der Statue. Um den Teich herum standen einige Stühle, die völlig vom Schnee bedeckt waren. Im Sommer saßen die Menschen gerne auf diesen Stühlen und genossen den Tag. Jetzt waren sie allerdings nur ein Relikt an schönere Tage und Maelle spürte einen Schmerz in ihrem Herzen. "Schönere Tage", diese Worte taten weh.
Es war nicht mehr weit bis zum Ausgang des Parks und sie konnte bereits die Champs Élysées und den Triumphbogen sehen. Dort würde sie in die nächste Metro Station einsteigen können und würde endlich diesen alptraumhaften Ort verlassen. Bei diesem Gedanken huschte ein breites Lächeln über ihre Lippen. Genau in diesem Moment vernahm sie weitere Schrittgeräusche und sah, wie im Augenwinkel jemand auf der anderen Seite des Brunnens stand. Sie blickte langsam zu der Gestalt rüber und erblickte einen älteren Mann. Er trug einen weißen Bart, eine rote Pudelmütze und einen roten Mantel. Der Mann war eindeutig als Weihnachtsmann verkleidet. Sie erinnerte sich, dass es ein Weihnachts-Event in dem Park gegeben hatte und das dieser Weihnachtsmann wohl noch ein Teil davon gewesen war. Sie lachte erleichtert und winkte dem fremden Mann zu. "Ho, ho, ho, Frohe Weihnachten", rief sie dem Mann zu. Der Mann winkte nicht zurück und blickte sie nur stumm an. Maelles Lachen verstummte schließlich, da ihr die Situation doch zu unheimlich wurde. Plötzlich hob der Mann seinen rechten Arm hoch und zeigte mit seinem Finger direkt auf Maelle. Dabei ließ er einen fürchterlichen Schrei los, als plötzlich die Haut an seinem Arm und an seinem Gesicht begann schlaff herunterzuhängen. "Nein...", flüsterte Maelle, als die Haut des Mannes oberhalb der Pudelmütze aufbrach und die gewaltige Fratze mit ihren unzähligen Mäulern zum Vorschein kam.
Maelle schrie und rannte sofort los in Richtung Champs Élysées. Die Kreatur rannte ihr hinterher und je mehr Haut des Weihnachtsmannes von ihr abfiel, umso schneller und größer wurde sie und nahm letzten Endes ihre volle Größe wieder ein. Die gewaltige Kreatur rannte mit voller Geschwindigkeit hinter Maelle her und Maelle hörte hinter sich das Trampeln immer näher kommen. Sie schrie so laut wie sie nur konnte und ihre Augen weiteten sich in Todesangst. Sie hatte es endlich aus dem Park geschafft und hatte schon fast die Champs Élysées erreicht, als sie an einer Straße ankam und viele Autos auf der Straße fuhren. Sie konnte nicht stehenbleiben, sonst würde das Monster sie kriegen. Sie rannte schließlich auf die Straße und wurde dabei fast von einem Elektrofahrzeug der Firma Nissen getroffen. Ehe der Fahrer sie anschreien konnte, schleuderte eine unsichtbare Kraft sein Fahrzeug regelrecht durch die Luft. Die anderen Autofahrer hielten panikartig an und fuhren einander auf, wodurch die Menschen von allen Seiten wie verrückt schrien und sich in Sicherheit brachten. Niemand beachtete Maelle, die endlich die Champs Élysées erreicht hatte. Die Straße war genauso voll gewesen, wie Maelle erwartet hatte und das war mit der Kreatur im Schlepptau ein großes Problem. Sie schrie so laut wie sie nur konnte: "TERRORISTEN!!! LAUFT!!!" Tatsächlich funktionierte ihr Plan und die Menschen begannen tatsächlich in die gleiche Richtung wie sie zu rennen. Sie wagte einen kurzen Blick über die Schulter und als sie sah, dass die gewaltige Kreatur nur wenige Zentimeter hinter ihr war, schrie sie erneut und rief erstmals um Hilfe.
Doch niemand half ihr. Alle waren damit beschäftigt, vor imaginären Terroristen davonzulaufen. Doch es dauerte nicht lange, bis Maelle einige Leute überholt hatte und kurz darauf laute Schreie hinter sich hörte. Neben den Schreien hörte sie auch laute Knackgeräusche, als würden Körper mit ganzer Kraft gegen etwas geschleudert und zerbrachen daran. Sie brauchte sich nicht umzusehen, sie wusste genau was hinter ihr vor sich ging. Die Kreatur schleuderte jeden aus dem Weg, der ihr im Weg stand und tötete diese Menschen dabei. Die Schreie wurden immer lauter und auch das Brüllen des Monsters wurden immer lauter. Maelle sah, wie einige Polizisten am Champs Élysées Stellung nahmen und nicht wussten auf was oder wen sie schießen sollten. Sie sahen nur rennende Menschen und in einigen Momenten Menschen, die plötzlich durch die Luft geschleudert wurden. Sie richteten ihre Waffen in alle Richtungen, gaben aber nicht einen Schuss ab. Maelle spürte, wie langsam ihre Kondition nachließ und ihre Beine ihre Kräfte verloren. Sie stand kurz vorm Triumphbogen und jeden Augenblick würde sie die Treppe zur Metro erblicken. Sie erblickte endlich die Treppe und spürte bereits den kalten Atem der Kreatur in ihrem Nacken. Maelle setzte alles auf eine Karte und sprang schließlich die Treppe herunter. Die Kreatur griff daneben und stürzte ebenfalls die Treppe herab. Maelle rollte die letzten Stufen herunter und blickte panikartig die Treppe hoch. Da stand die viel zu große Kreatur und versuchte mit ihren Krallen sie zu erreichen. Doch ihre vielen Hände waren nicht lang genug, um die junge Frau erreichen zu können. Maelle war sichtlich verletzt von dem Sturz und bemerkte überhaupt nicht, dass sich eine kleine Gruppe von Menschen, um sie herum versammelt hatte.
Sie blickte in viele schockierte Gesichter. "Können Sie stehen?", fragte ein freundlich aussehender, schwarzer Mann. "Ich..." Sie versuchte aufzustehen und ging sofort schmerzerfüllt wieder zu Boden. Sofort ergriff der Mann einen ihrer Arme und ein anderer Mann arabischer Herkunft ergriff ihren anderen Arm und half ihr auf. Sie blickte das Monster an und lachte: "Da staunst du was? Du kannst mir nichts mehr anhaben! Lass mich endlich in Ruhe!" Die Menschengruppe blickte sie verwundert an und eine ältere Frau sagte schließlich: "Sie hat sich bei dem Aufprall wohl den Kopf gestoßen!" Die Kreatur ließ von ihr schließlich ab, ging die Stufen wieder hinauf und schien sich umzusehen. Obwohl Maelle vom Sturz noch etwas benommen war, begriff sie sofort was die Kreatur tat. Sie suchte nach neuer Haut, damit sie in Menschengestalt ihr in die U-Bahn folgen konnte. Sie wandte sich an die beiden Männer, die sie aufrecht hielten. "Bitte, ich muss hier schnell weg. Können Sie mich zum Sacré-Cœur bringen?" "Zum Sacré-Cœur? Wir sollten Sie in ein Krankenhaus bringen." "Bitte nicht, ich habe im Sacré-Cœur einen guten Freund. Bei dem bin ich sicher und er kann mir wieder auf die Beine helfen. Ich flehe sie an." Die beiden Männer wirkten nicht sehr überzeugt, willigten aber schließlich ein und halfen Maelle die nächsten Stufen hinabzusteigen. Genau in diesem Moment erklang endlich das Geräusch von Maschinengewehren. Die Polizei hatte endlich ein Ziel gefunden, auf das sie schießen konnte. Die Kreatur musste wie verrückt an der Oberfläche wüten. Die Schüsse hatten allerdings den negativen Effekt, dass die Menschen in der Metro Station in Panik gerieten und zu den Gleisen rannten. Jeder wollte nur noch weg von Champs Élysées und niemand nahm Rücksicht darauf, eine verletzte Person wie Maelle anzurempeln. Bei jedem Stoß schrie Maelle vor Schmerz auf und die beiden Männer hatten Schwierigkeiten damit, sie erfolgreich auf den Beinen zu halten.
Sie erreichten schließlich das richtige Gleis und die Männer halfen Maelle in ihre U-Bahn einzusteigen. Gerade als die beiden Männer auch einsteigen wollten, wurden sie von den flüchtenden Menschenmassen beiseite geschoben und die U-Bahn fuhr ohne die beiden Männer los. "Putain", fauchte Maelle und setzte sich auf einen Sitzplatz, von dem sie aus den ganzen Wagon beobachten konnte. Als sie endlich saß, spürte sie erstmals wie sehr ihr ganzer Körper wirklich schmerzte. Nicht nur von dem Sturz, sondern auch von dem Marathonlauf den sie hingelegt hatte, um der Kreatur zu entkommen. Kreatur... Was, wenn sie einen Körper gefunden hat und es noch geschafft hat die gleiche U-Bahn zu nehmen? Sie blickte sofort nervös alle Passagiere an und spürte ihre Schmerzen jetzt noch intensiver. "Nein, so schnell kann sie nicht gewesen sein. Sie wird noch an der Haltestelle sein und sich wundern, wo ich hingefahren sein könnte. Genau. Ich habe sie abgehängt und bei Pfarrer Martin werde ich sicher sein. So leicht kommt nichts durch diese schweren Türen und Dämonen können heiligen Boden nicht berühren. Genau. Dämonen. Was sollte diese Kreatur sonst sein, wenn nicht ein Dämon aus der Hölle?" Ihr fiel wieder ein, dass sie ja noch ein Handy hatte und zog es hervor. Das Display war durch den Sturz stark beschädigt worden, aber das Handy schien noch einwandfrei zu funktionieren. Die Nachrichten handelten alle von einem angeblichen Terror-Anschlag in Paris und in allen stand im Grunde das Gleiche. Niemand wusste irgendetwas... Maelle blickte kurz auf ihr WhatsApp Symbol und natürlich hatte sie wieder keine Nachricht bekommen. Selbst bei einem scheinbaren Terror-Angriff erkundigte sich niemand nach ihrem Wohlergehen. Der Terror der ganzen Nacht und die Gleichgültigkeit der Menschen, die sie eigentlich liebte, brachten sie schließlich zum Weinen. Sie konnte es nicht mehr einhalten und lies endlich alles raus. Es war ihr egal, ob die anderen Menschen in diesem Wagon sie anstarren würden.
Als sie weinend auf den Boden starrte, bemerkte sie neben sich eine leere Bierflasche. Sie griff nach dieser Flasche, damit sie wenigstens eine Waffe hatte. Als sie wieder aufblickte, starrte sie wieder die anderen Passanten an und dabei bemerkte sie, dass ein hellhäutiger Mann mittleren Alters sie konstant anstarrte. Er wandte nicht ein einziges Mal seinen Blick von ihr. Er kratzte sich immer wieder an seinen Nacken und Hinterkopf und hatte schließlich Blut an den Händen. Maelle wandte erschrocken ihren Blick von ihm und suchte nach einem Fluchtweg. Sie war sich sicher, dieser Mann musste die Kreatur sein. Warum sollte er sich sonst ständig kratzen und dabei überall Blut an den Händen haben? Sie blickte wieder zu ihm rüber und er starrte sie immer noch an. Die U-Bahn kam der nächsten Haltestelle näher und setzte den Bremsvorgang in Gang. Maelle dachte schon daran, an dieser Haltestelle einfach auszusteigen, als der Mann ihr plötzlich zuvorzukommen schien und aufstand. Er kam auf sie zu und lächelte auf freundliche und doch gruselige Art sie an. Er stand schließlich direkt an der Tür neben Maelle und blickte sie weiter lächelnd an. "Weinen Sie doch nicht. Jemand mit solch einer schönen Haut sollte nicht weinen müssen." Maelle zerbrach völlig in Panik die Flasche und rammte den spitzen Flaschenkopf den Mann in den Hals. Dieser blickte sie überrascht an und ging blutend zu Boden. Die Menschen schrien auf und riefen: "Sie hat ihn getötet! Die Alte ist irre! Bringt euch in Sicherheit!" Maelle stand vorsichtig auf und spuckte den sterbenden Mann an. "Meine Haut gehört mir! Verstehst du? Mir!" Da bemerkte sie, dass der Mann lediglich rote Farbe an seinen Händen hatte. Es war kein Blut gewesen.
"Bravo!"
Maelle blickte verwundert in Richtung der in Panik geratenen Passagiere und erblickte ein kleines Mädchen. Sie konnte nicht älter als 5 Jahre gewesen sein, hatte blondes Haar und kleine Zöpfe. Das Kind klatschte und rief Maelle zu: "Bravo! Bravo!" Die Kleine ging schließlich in Maelles Richtung und dabei änderte sich langsam der Gang der Kleinen und wurde unbeholfener und tollpatschiger. Auch den anderen Passagieren fiel schließlich auf, dass die Kleine seltsam war. "Oh mein Gott, was ist das?", rief jemand, als plötzlich die Haut der Kleinen abfiel und das Monster zum Vorschein kam und Maelle anlächelte. Maelle schrie und drückte wie verrückt auf den Stopp-Knopf der U-Bahn, damit die Tür zur Haltestelle sich schnell öffnete. "Gib mir endlich deine Haut", fauchte die Kreatur und bahnte sich ihren Weg in ihre Richtung. Überall schleuderte sie Passagiere quer durch den Wagon, biss einigen in den Kopf und zerbrach die Körper einiger Anderer in 2 Hälften. Und das Schlimmste daran war, dass keiner dieser Passagiere den Tod kommen sehen konnte. Sie konnten die Kreatur nicht sehen und wussten nicht wovor sie davonrennen sollten und auch nicht in welche Richtung sie rennen sollten. Die Kreatur richtete ein regelrechtes Massaker unter den Passagieren an und kam Maelle immer näher. Der Zug fuhr endlich in die Haltestelle ein und ließ sich Zeit zum Stehen zu kommen. Maelle trat wie verrückt gegen die Tür, in der Hoffnung sie so aufbrechen zu können. Sie war dermaßen adrenalingeladen, dass sie ihre Schmerzen nicht länger wahrnahm. Die Kreatur streckte ihre Klaue nach Maelle aus und konnte bereits ihre Haare leicht streifen. Nur noch ein kleines Stück und sie hätte sie. Die Kreatur zog sich etwas weiter vor und streckte erneut den Arm aus. Jetzt würde sie Maelle kriegen. Gerade als ihre Klaue Maelle erreichte, öffnete sich die Tür der U-Bahn und Maelle konnte in letzter Sekunde aus dem Zug springen.
Sie rannte so schnell, wie ihre geschundenen Füße es ihr erlaubten. Es interessierte sie nicht mehr, ob der Zug mit der Kreatur weiter gefahren war oder ob die Kreatur auch noch den Absprung geschafft hatte. Sie musste Pfarrer Martin erreichen, weil dieses Monster früher oder später sie finden würde. Egal ob sie ihr gerade noch auf den Fersen war oder etwas später zu ihr stoßen würde. Sie stieg mühsam die Treppen hinauf und erblickte endlich den Sacré-Cœur und sah sich weiteren, sehr langen Treppen gegenüber. "Ich muss nur noch diese Treppen schaffen... Aber ich kann nicht mehr..." Sie schleppte sich langsam die Stufen nach oben und blickte immer wieder zurück in Richtung des Metro-Eingangs. Die Kreatur schien tatsächlich nicht den Absprung aus der U-Bahn geschafft zu haben. Weder tauchte die Kreatur auf, noch vernahm Maelle Schreie in der Ferne. Das Einzige, was sie hören konnte, waren Sirenen in weiter Ferne und sie sah in der Ferne auch die Lichter von Krankenwagen und Polizei. Alle Polizisten und Soldaten in Frankreich suchten nach einem Terroristen und Maelle konnte nicht ausschließen, dass man sie dafür verantwortlich machen würde. Es gab schließlich genug Zeugen, die sie an jeden einzigen dieser Tatorte gesehen hatten. Es war alles ein nicht enden wollender Alptraum. Es gelang ihr schließlich die Stufen zu erklimmen und sie schlug gegen die Türe der Kirche. "Pfarrer Martin! Ich bins Maelle! Helfen Sie mir! Es geht um Leben und Tod!" Doch niemand reagierte. Sie schlug wieder mit ganzer Kraft gegen die Tür. Es konnte doch nicht sein, dass dies das Ende sein würde. "Bitte...", schluchzte sie und fiel auf die Knie. Sie konnte nicht mehr, ihre Kraft war erloschen. Würde das Monster jetzt kommen, könnte sie nicht mehr länger davonlaufen. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Armen und versuchte sich dadurch irgendwie warmzuhalten.
Es vergingen 10 Minuten, in denen Maelle so regungslos sitzen blieb, als sich plötzlich doch die Tür der Kirche öffnete. Maelle blickte erleichtert auf: "Pfarrer Martin?" Aber sie blickte nicht in das Gesicht von Martin, sondern in das Gesicht seiner Messdienerin. Die Messdienerin war eine sehr alte Frau und trug einen Umhang mit Kapuze, der ihr Gesicht halb in Dunkelheit hüllte. "Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie seien Pfarrer Martin. Ist er da?" Die alte Frau nickte. "Hält er gerade eine Weihnachtsmesse ab?" Wieder nickte die Frau. "Kann ich ihn sehen? Ich bins Maelle." Die Frau nickte erneut und gewährte ihr Einlass. Die Frau zeigte mit der Hand zum Altar, wo Maelle tatsächlich ihren alten Freund stehen sah. Sie bedankte sich bei der Frau und humpelte in Richtung des Pfarrers. Dabei bemerkte sie, dass die Kirche völlig leer stand. Pfarrer Martin hielt wohl nur noch Weihnachtsmessen ohne Publikum ab. "Pfarrer Martin! Dämonen sind real! Ich werde von einem verfolgt!" Doch Pfarrer Martin reagierte nicht und blickte weiter still den Altar an. Maelle hatte endlich ihren alten Freund erreicht. "Pfarrer Martin. Könnt Ihr mich denn nicht hören?" Wieder reagierte der Pfarrer nicht und blickte starr zum Altar. Maelle blickte verzweifelt zur Messdienerin herüber und zuckte verwirrt mit den Achseln. Die Frau zeigte eine Bewegung, die überdeutlich machte, dass Maelle den Pfarrer antippen sollte. Maelle nickte und wandte sich wieder dem Pfarrer zu. Sie tippte ihn schließlich an und genau in dem Moment, als sie ihn berührte, fiel er völlig in sich zusammen und seine Haut fiel zu Boden. "Aber... Aber was...?" Dort wo zuvor der Pfarrer gestanden hatte, stand eine Apparatur mit einem Kleiderbügel. Man hatte die Haut des Pfarrers dort aufgehängt, damit es so aussieht, als wäre er noch am Leben und im Gebet versunken.
"Pfarrer Martin!", zischte eine ihr zu gut bekannte Stimme. "Ich habe ihn getragen... Ich habe ihn als Ersten getragen... Bis er sich ausgetragen hatte..." Maelle blickte zu der Messdienerin herüber, doch dort wo eben noch die Frau gestanden hatte, lag ebenfalls nur noch ein Bündel Haut auf dem Boden. "Bitte...", flehte Maelle. Die Stimme fuhr fort: "Sie halten alle nicht lange... Immer zu kurz... Aber du... Deine Haut ist anders... Gib sie mir endlich!" Genau in diesem Moment brach die Kreatur unter dem Altar hervor und griff nach Maelle. Maelle fiel rückwärts zu Boden und blickte die Kreatur erschrocken an. "Ich... Bitte..." Sie klammerte sich an eine der Bänke und zog sich an ihr hoch. Sie wandte der Kreatur den Rücken zu und humpelte in Richtung Ausgang. Die Kreatur kroch aus dem Loch unter dem Altar hervor, blickte ihr nach und blickte danach den zerstörten Altar an. Die ans Kreuz genagelte Jesus-Statue warf ihren Schatten auf die Kreatur und hüllte sie in ein beinahe heiliges Licht. Diese "heilige Lichtgestalt" stampfte schließlich Maelle hinterher. Gerade als Maelle die Ausgangstür erreicht und geöffnet hatte, wurde sie endlich von der Kreatur gepackt und die Kreatur drückte sie draußen, an der frischen Luft, gegen eine im Schatten verborgene Wand. Der Griff der vielen Hände war fest und Maelle konnte sich nicht mehr wehren. Es war vorbei. Sie hatte diese Nacht alles gegeben, um am Leben zu bleiben und jetzt sollte doch alles enden. Die Kreatur lächelte sie an und Maelle wusste nicht, wo sie genau hinschauen sollte, denn der ganze Anblick der Kreatur war widerlich. Und jetzt wo sie die Kreatur auf ihrer Haut spüren konnte, wurde sie noch widerlicher. Denn alles, was Maelle von der Kreatur auf ihrer Haut spürte, bestand aus offen stehendem Fleisch. Die Kreatur drückte sie jetzt fester an die Wand und flüsterte: "Deine Haut ist mein." Sie begann mit einer spitzen Kralle an ihrer Haut zu schlitzen, damit sie die Haut im Anschluss einfach abziehen könnte.
Doch dann hielt die Kreatur plötzlich inne und lauschte. "Hörst du das?", flüsterte sie Maelle zu. Maelle hatte zu große Angst, um irgendwas anderes als ihren eigenen Herzschlag zu hören. Die Kreatur wurde ganz still und lauschte. Jetzt konnte Maelle es auch hören, vor dem Sacré-Cœur hatten sich Menschen versammelt und sangen für Pfarrer Martin: "Stille Nacht, heilige Nacht..."
Maelle und die Bestie waren völlig still und lauschten dem schönsten aller Weihnachtslieder und irgendwie glaubte Maelle, in diesem Moment eine Art von Verbindung zu dem Ungeheuer zu spüren. Die Kreatur wandte ihren Blick wieder auf Maelle. "Ich mag dieses Lied... Ich habe es schon immer gemocht... Ich liebte es, seitdem du es mir vorgesungen hattest... Niemand singt es so schön wie du..." Maelle verstand nicht, was die Kreatur da sagte. "Wovon redest du?" "Du hast es mir vorgesungen, auch an dem Tag, als du mir so unglaublich weh getan hattest..." Da begriff Maelle endlich. "Das kann nicht sein..." "Ich wollte leben, Mama." Maelle schossen die Tränen ins Gesicht: "Das kann nicht sein. Die Ärzte hatten mir doch gesagt... Sie sagten mir, dass zu dem Zeitpunkt noch kein echtes Leben existiert hat und man daher keinen Mord begehrt... Ich..." Die Kreatur sah sie lange an und war über die Tränen von Maelle überrascht. "Ich weiß nicht, was die Ärzte unter Leben verstehen... Aber ich konnte fühlen, vielleicht noch nicht denken, aber fühlen und ich fühlte deine und meine Liebe und Stille Nacht... Ich wollte leben und mehr fühlen... Und dann... Und dann hast du es mir noch einmal vorgesungen und mir das Leben genommen." "Es... Es tut mir so leid..." "Dann lass mich leben... Ich kann nur mit deiner Haut leben. Du bist doch unglücklich seitdem ich tot bin und Papa fort ist. Du hast nie wieder gelacht, nie wieder Freunde gefunden, nie wieder versucht zu leben... Ich aber will leben..."
Maelle blickte zu der Kirche rüber, wo mittlerweile der Gesang verstummt war. Die Kreatur, nein, ihr Kind, hatte recht. Sie hatte einen fürchterlichen Fehler begangen und dadurch wirklich alles verloren. Wozu lebte sie überhaupt noch? Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum sie die ganze Nacht davon gerannt war. Aber jetzt hatte sie keine Angst mehr, denn sie war nicht länger allein und würde nicht in Einsamkeit sterben. Sie streckte ihre Hand aus und streichelte ihrem Kind über die Stirn. "Du musst in diesem Zustand so lange so einsam und verletzt gewesen sein. Ich sang dir Stille Nacht zum Abschied vor und jetzt lass mich dieses Lied noch einmal singen, um mich selbst in die himmlische Ruh zu versetzen. Möchtest du es noch einmal hören?"
Die Kreatur nickte und so begann Maelle:
""Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh,
schlaf in himmlischer Ruh."
Sie blickte das Monster lächelnd an: "Frohe Weihnachten!"
Mit diesen Worten verlor Maelle ihr Leben und ihr lebloser Körper fiel in den Schnee.
Die Menschengruppe hatte sich mittlerweile in Maelles Nähe befunden, weil sie ihren Gesang gehört hatten. Sie konnten Maelle zwar nicht in der Luft schweben sehen, aber sie hörten ihren Aufprall und sofort stürmten die Leute zu dem Geräusch. Sie fanden Maelles Körper mit dem Gesicht im Schnee vor. "Ist sie tot?", fragte eine der Frauen. Die Männer antworteten nicht und drehten Maelle um, damit sie nicht an dem Schnee ersticken würde. "Hey, kommen Sie wieder zu sich!" Maelle riss durch den Krach die Augen verwundert auf und blickte die Menschengruppe verwirrt an. "Wer seid ihr? Und was ist das?" Sie zeigte mit dem Finger auf den Schnee. Ehe die Gruppe ihr antworten konnte, erblickte Maelle Weihnachtslichter. "Und was ist das Schöne da vorne?" Einer der Männer kniete sich lachend neben sie: "Sie haben wohl ganz schön etwas auf dem Kopf bekommen, was? Das da vorne, DAS ist Weihnachten."
Maelle, oder die Frau die einst Maelle gewesen war, strahlte im Gesicht und wiederholte: "Das ist also Weihnachten! Das ist ja fast genauso eine gute Lüge wie die, die ich gerade dieser naiven Frau erzählt habe. Denn weißt du, sie halten nur ewig, wenn die Person freiwillig ihre Haut abtritt." "Bitte?", fragte der Mann und blickte Maelle misstrauisch an. Sie lächelte ihn an und ihre grünen Augen färbten sich rot. Ehe der Mann reagieren konnte, ging er in Flammen auf und seine Freunde ebenfalls. Ihre Schreie hallten durch die Nacht und Maelle sagte zu ihnen: "Die Welt geht nicht mit einem Knall unter, sondern mit einem Winseln."
"Und er fragte sie: Wie heißt du? Und sie antwortete ihm: LEGION ist mein Name, denn unser sind viele!"
ENDE
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