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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Sun-Go.
Veröffentlicht: 27.05.2026. Rubrik: Persönliches


Ein zweiter Abschied

Ich habe versucht, mir einzureden, dass das Gehirn nachts einfach nur irgendwelche Bilder zusammensetzt. Erinnerungen, Emotionen, Fragmente. Ein biologischer Bildschirmfehler, weiter nichts. Aber je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass das Unterbewusstsein ein verdammt talentierter Geschichtenschreiber ist. Einer, der genau weiß, welche Worte, welche Szenen und welche Hoffnungen er benutzen muss, damit man beim Aufwachen für ein paar Sekunden vergisst, in welcher Realität man eigentlich lebt.

Heute Mittag schlief ich ein. Nicht lange. Gerade lange genug, damit mein Kopf wieder anfangen konnte zu schreiben.

Wir waren auf irgendeiner Veranstaltung. Nichts Besonderes. Keine romantisierte Kulisse. Kein Sonnenuntergang. Kein dramatischer Regen. Einfach nur Menschen. Geräusche. Bewegung. Realität. Vielleicht genau deshalb fühlte es sich so echt an. Irgendwann brach die Gruppe auf und sie hielt mich zurück. Alleine das fühlte sich bereits absurd vertraut an. Dieses „Warte kurz“. Dieses Gefühl, dass da noch etwas Ungesagtes zwischen zwei Menschen steht.

Und dann begann sie zu reden.

Sie erzählte mir, dass sie die Dinge umgesetzt hätte, welche sie sich damals vorgenommen hatte. Die Dinge, weswegen sie gegangen ist. Dass sie sich zusammengerissen hat. Sich geändert hat. Nicht auf diese romantisierte Film-Art, in welcher Menschen plötzlich perfekt werden. Sondern auf die hässliche, anstrengende Weise. Die Art, bei der man sich selbst jeden Tag neu ertragen muss. Sie fragte mich, ob ich ihr diesen Egoismus verzeihen könne.

Das Interessante daran war nicht einmal ihre Bitte. Sondern meine Reaktion.

Früher wären meine Träume anders verlaufen. Früher hätte mein Kopf keine Sekunde gezögert. Früher hätten wir uns geküsst, geweint und irgendeine kitschige Wiedervereinigung erlebt, nur damit ich beim Aufwachen wieder die gleiche Strafe kassiere: diese paar Sekunden morgens, in denen man glaubt, die Welt sei repariert, bevor die Realität einem mit einem Baseballschläger die Zähne einschlägt.

Doch diesmal war es anders.

Ich war distanziert. Fast abgestoßen. Nicht von ihr selbst, sondern von der Idee. Vielleicht weil man irgendwann versteht, dass Liebe alleine keinerlei Wert besitzt, wenn die Gründe für das Scheitern weiterhin existieren. Vielleicht weil mein Kopf mittlerweile gelernt hat, dass Sehnsucht und Realität zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind.

Und trotzdem sah ich etwas in ihr. Nicht Reue. Nicht Schuld. Sondern Erschöpfung. Diese Art von Müdigkeit, die nur Menschen besitzen, die tatsächlich versucht haben, sich selbst zu verändern. Plötzlich wirkte der Traum nicht mehr wie eine Wunschfantasie, sondern wie eine Verhandlung zwischen zwei Versionen der Vergangenheit.

Also sagte ich ihr, dass ich Zeit brauche.

Kein Kontakt bis dahin. Kein Schreiben. Kein romantisches Theater. Nur ein Ort und eine Uhrzeit. Ich wollte nachdenken. Und das tat ich auch. Selbst im Traum wollte ein Teil von mir rational bleiben. Als müsste ich erst prüfen, ob mein eigenes Glück eine logische Entscheidung sein darf.

Und irgendwann traf ich meine Entscheidung.

Ich wollte es versuchen.

Nicht weil ich vergessen hätte, was war. Sondern weil der Gedanke schön war, dass zwei kaputte Menschen vielleicht doch irgendwann zur richtigen Zeit dieselben Kämpfe gewinnen könnten.

Als ich zum Treffpunkt kam, wartete sie bereits dort. Mit diesem breiten, ehrlichen Grinsen, welches Menschen nur tragen, wenn sie hoffen, dass das Leben ihnen vielleicht doch noch einmal gnädig begegnet.

Und genau dort wachte ich auf.

Natürlich.

Denn mein Gehirn liebt keine glücklichen Enden. Es liebt Möglichkeiten. Offene Türen. Vielleichts. Es zeigt mir keine Zukunft. Es zeigt mir den Schmerz darüber, dass ich mir eine Zukunft überhaupt noch vorstellen kann.

Das ist vermutlich das Grausamste an solchen Träumen.

Nicht, dass man die Vergangenheit vermisst. Sondern dass der Kopf einem für ein paar Minuten beweist, dass irgendwo tief in einem noch immer die Fähigkeit existiert zu hoffen. Obwohl man längst verstanden hat, dass Hoffnung und Wahrscheinlichkeit nichts miteinander zu tun haben müssen.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, weshalb ich manchmal Angst vorm Einschlafen habe.

Nicht weil ich sie sehen könnte.

Sondern weil ich beim Aufwachen wieder Abschied von etwas nehmen muss, das nie wirklich existiert hat.

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