Veröffentlicht: 31.05.2026. Rubrik: Unsortiert
Einsame Stille
Es stand außer Frage, dass ich wegen ihr um diese Uhrzeit hier draußen war. Doch etwas hatte sich verändert. Die Luft fühlte sich anders an. Dichter. Schwerer. Wie ein Schleier lag der Nebel über der Stadt und verschluckte jedes Geräusch.
Von der Brücke aus konnte man das Industriegebiet erkennen. Die grellen LED-Lichter wurden von der Nacht beinahe verschlungen, und nur vereinzelt drang ihr kaltes Leuchten durch die Dunkelheit. Ich hatte diesen Ort schon oft gesehen, doch heute wirkte alles fremd.
An das Geländer gelehnt, blickte ich schweigend auf das Wasser unter mir.
In solchen Momenten stellte ich mir immer wieder dieselben Fragen.
Wo bin ich falsch abgebogen?
Was hätte ich anders machen können?
Der Wind strich kalt über die Brücke, während mein Blick auf der dunklen Oberfläche des Kanals ruhte.
Wie tief das Wasser wohl war?
Wie lange würde man fallen?
Diese Gedanken wurden immer lauter in meinem Kopf. Gleichzeitig verstummte die Musik in meinen Kopfhörer immer mehr, bis nur noch das Rauschen meines zittrigen Atems blieb. Mein ganzer Körper kribbelte, als würde etwas mich nach vorne ziehen. Doch jedes Mal wanderte mein Blick wieder nach unten, auf meine eigene Spiegelung im Wasser.
Die Fragen in meinem Kopf blieben unbeantwortet. Doch tief in mir gab es noch einen Wunsch: vielleicht ein Ziel, eine Aufgabe oder einfach nur eine Person, die zeigen könnte, dass ich nicht vollkommen allein war.
Und genau diese stille Einsamkeit gab mir schließlich die Kraft und den Wunsch, weiterzumachen und die Brücke zu verlassen.
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