Veröffentlicht: 31.05.2026. Rubrik: Satirisches
70 ist die neue 50
Endlich konnte ich einen Termin beim Orthopäden wahrnehmen. Das gefüllte Wartezimmer gab mir Zeit, mich mit den ausgelegten Broschüren zu befassen.
Eine Parteibroschüre erregte mein Interesse. „70 ist die neue 50“, las ich in großen Lettern.
Ich war irritiert.
Nicht wegen der Zahl.
Wegen der Mathematik.
Wenn 70 die neue 50 ist, dann müsste mein Rücken der von 1998 sein.
Stattdessen knackt er wie ein Kaminfeuer in einem alten Fachwerkhaus.
Ich wollte dieser Aussage auf den Grund gehen, notierte mir die Adresse des Parteibüros und machte mich nach der Behandlung auf den Weg dahin.

Schon vor der Tür hing ein Banner:
„AKTIV ALTERN HEISST: LÄNGER ARBEITEN, LÄNGER KONSUMIEREN, LÄNGER WÄHLEN.“
Darunter stand in kleiner Schrift:
„UND BITTE MÖGLICHST GESUND STERBEN.“
Drinnen im Büro saßen etwa zwanzig Parteifunktionäre in ergonomischen Sesseln und diskutierten angeregt.
Der jüngste Teilnehmer war vermutlich 63 und galt intern noch als Nachwuchstalent.
Ein Mann mit einem gedrechselten Brillenrahmen aus Treibholz, glatt gegeltem Haar und staatsmännischer Haltung erklärte die Kampagne:
„Der Satz ‚70 ist die neue 50‘ steht für gesellschaftliche Dynamik.“
Alle nickten ehrfürchtig.
„Die Menschen von heute“, fuhr er fort, „sind länger fit, wesentlicher aktiver und belastbarer.“
„Wir wollen“, sagte er weiter, „ein positives Altersbild vermitteln.“
Er nickte einem anderen Parteifunktionär zu. Dieser stand auf und präsentierte Zahlen:
„Früher galt man mit 70 als alt. Heute joggen Menschen mit 70 Marathon.“
Kurzes Schweigen.
Dann räusperte sich jemand hektisch und wechselte das Thema zu „gesellschaftlicher Teilhabe“.
Ein besonders engagierter Funktionär erklärte:
„Die ältere Generation ist heute mitten im Leben!“
Das Publikum applaudierte vorsichtig, um die Schultergelenke nicht zu überlasten.
„70“, sagte er pathetisch, „ist kein Alter mehr. 70, das ist Erfahrung. Kompetenz. Zukunft.“
Vorsichtig öffnete sich die Tür zum Büro.
Ein Bundestagsabgeordneter trat ein. Maßanzug. Silbernes Haar. Schwarze Designerbrille. Gesichtsausdruck wie jemand, der seit 1987 prinzipiell keine normale Frage mehr gestellt hat und nur mit Nicken sein Geld verdient.
Er hob die Hand.
„Entschuldigen Sie“, sagte er, „gilt dieser Satz eigentlich für alle?“
Der Raum wurde still. Der Sitzungsleiter lächelte dünn.
„Nein“, sagte er ruhig.
„Für uns gilt nach wie vor:
50 ist die goldene 70.“
Betretenes Schweigen.
Dann nickten alle verständnisvoll.
Denn plötzlich ergab alles Sinn. Alles passte nun zusammen:
Die Frühpensionierung mit 49.
Die dauerhaften Posten in Ausschüssen.
Dienstwagen mit orthopädischer Komfortausstattung.
Die politischen Erinnerungsbücher ab Mitte fünfzig.
Und die erstaunliche Fähigkeit, mit 58 gleichzeitig als „frisches Reformgesicht“ zu gelten.
Ein Funktionär erklärte:
„In der Politik altern Menschen anders.“
„Wie denn?“, fragte ich.
„Biologisch langsam. Moralisch gar nicht. Und ideologisch rückwärts.“
Zustimmendes Gemurmel.
Ein anderer ergänzte:
„Normale Bürger sollen mit 70 noch digital flexibel sein und Vollzeit arbeiten. Politiker dagegen benötigen ab 52 dringend Ruhe, einen Beiratsposten und eine autobiografische Dokumentation im Öffentlich-Rechtlichen.“
Wieder Applaus.
Dieses Mal länger.
Zum Abschluss der Sitzung wurde eine neue Kampagne vorgestellt:
„Alt ist man erst, wenn man keinen Beratervertrag mehr bekommt.“
Darunter das Parteimotto:
„Mehr Zukunft wagen.“
Als ich später mit meinem Rollator nach Hause wackelte, dachte ich lange über dieses Treffen mit diesen Parteifunktionären nach.
Vielleicht stimmt der Satz ja wirklich.
Vielleicht ist 70 tatsächlich die neue 50.
Zumindest für Menschen, die mit 50 schon so leben, als wären sie 70.
Und für Menschen, die mit 70 noch arbeiten sollen, als wären sie 50.
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