Veröffentlicht: 11.06.2026. Rubrik: Satirisches
Wenn ich wollte ....
„Wenn ich wollte, könnte ich ein absolut normales Leben führen“, dachte Frau Miezmann – eine dreifarbige Glückskatze - während sie auf dem Küchentisch thronte wie eine gelangweilte Sphinx. „Aber was ist schon normal und warum sollte ich?“

Die Langeweile verschwand, als sie begann ihren Dosenöffner zu beobachten, der gerade versuchte, ein Marmeladenbrot zu schmieren, das Frau Mietzmann immer wieder zu erhaschen versuchte. Ein hoffnungsloses Unterfangen – für beide.
„Wenn ich wollte, könnte ich ja höflich bitten“, überlegte Frau Miezmann. Aber ne – wozu denn - schließlich bin ich eine Katze. Und immer und immer wieder versetzte sie dem Brot einen leichten Klaps, bis sie keine Lust mehr auf dieses Spiel hatte und ganz demonstrativ eine Gabel vom Tisch wischte.
Kling-kling-kling hüpfte die Gabel über den Boden. Ein schönes Geräusch – zumindest für die Katze – die den unschuldigsten Gesichtsausdruck aufsetzte, den sie in ihrem Repertoire hat. Der Mensch seufzte – ging – kam zurück und bückte sich. Nicht etwa, um die Gabel aufzuheben. Oh, nein – der Dosenöffner stellte eine Schüssel mit Thunfisch auf den Boden.
Frau Miezmann erstarrte. „Thunfisch? Einfach so? Ohne dass ich darum gebettelt habe?“
Sie war empört – misstrauisch - neugierig. Neugierde, eine typische Haltung von Katzen. Nur ihr Eigensinn ist noch dominanter. Daran erinnerte sich Frau Mietzmann gerade noch rechtzeitig und beschloss auf ihrer Empore: „Wenn ich wollte, könnte ich jetzt sofort hinlaufen. Aber ich bin eine Katze. Ich gehe erst hin, wenn es aussieht, als wäre es meine Idee.“
Offensichtlich gelangweilt richtete sie ihren Blick zur Decke, leckte ihre Pfötchen, blinzelte und sprang vom Tisch. In Zeitlupe defilierte sie durch die Küche. Den roten Teppich schien sie im Gedanken auf den Boden projiziert zu haben. Der Thunfischduft zog sie magisch an. Ihre Schritte wurden schneller, das Schnuppern intensiver und mit letzter Kraft heuchelte sie, für 5 Sekunden, Desinteresse, um dann, innerhalb von 14 Sekunden, den Thunfisch zu verschlingen. Immer und immer wieder leckte sie über ihr Mäulchen, um die letzten Tröpfchen und Stückchen zu erhaschen. Alles andere wäre pure Verschwendung.
Der Mensch lächelte deutlich sichtbar. Frau Mietzmann tat es innerlich – schließlich muss man ja nicht übertreiben.
Genüsslich räkelte sie sich auf dem Boden und dachte: „Wenn ich wollte, könnte ich nett sein“ und würgte demonstrativ ein Haarbällchen auf den Teppich.




