Veröffentlicht: 12.06.2026. Rubrik: Menschliches
Leni und der Griesgram
Im Stadtpark, auf einer schiefen Holzbank am Ententeich, saß der griesgrämige Herr Brandlmayr, ein ehemaliger Uhrmacher. Seine 82 Jahre waren nicht zu übersehen. Die Enten, die er fütterte, störte das nicht.
Da kam die kleine Leni, mit einem Roller angeflitzt, bremste zu spät und landete fast in seinem Schoß.
„Himmel, Mädel, willst du mich ins Altersheim schießen“, brummte er.
„Ich übe gerade Bremsen“, sagte Leni stolz. „Papa sagt, man muss üben, damit man besser wird.“
„Mit mir als Zielscheibe?“ knurrte Herr Brandlmayr.
„Sie sind halt gut zu treffen,“ entgegnete Leni mit einem frechen Grinsen.
Leni setzte sich neben ihn. „Warum füttern Sie die Enten mit Brot? Das ist ungesund.“
„Ach was. Ich ess auch Brot, und ich leb noch.“
„Ja, aber Sie sind kein Vogel.“
Sie grinste und er tat so, als würde er nicht zurückgrinsen.
„Warum sind so griesgrämig?“ fragte das Kind.
„Das kommt von selbst, wenn man alt wird. Da braucht man keinen Grund.“
„Kann man das auch, wenn man noch klein ist?“
„Mal schaun. Ich zeigs Dir. Also, erstens: Du musst immer so tun, als wär früher alles besser gewesen.“
„War es das?“
„Natürlich nicht. Aber das sagt man so.“
„Okay. Früher war alles besser“, sagte Leni und versuchte dabei, die brummige Stimme von Herrn Brandlmayr zu imitieren.
„Sehr gut. Zweitens: Wenn jemand was Neues macht, sagst du: ‚Das braucht kein Mensch.‘“
„Das braucht kein Mensch“, wiederholte Leni, mit unüberhörbarer Bestimmtheit und kniff dabei ihre Augen zusammen, um möglichst grimmig zu wirken.
„Perfekt. Und drittens: Wenn du jemanden magst, dann tust du so, als wär er dir wurscht.“
Leni nickte. „So wie Sie bei mir.“
Er räusperte sich. „Genau so. Ich mag dich nämlich nicht. Ich ertrag dich nur.“
„Ich mag Sie auch nicht. Aber ich find Sie lustig“.
Sie grinsten sich an und schwiegen. Ein junges „Duracell-Häschen“ und ein „Altes Uhrwerk“ die plötzlich im Einklang tickten.
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