Veröffentlicht: 21.06.2026. Rubrik: Satirisches
Der Albtraum einer Handarbeitslehrerin
Frau Kalbpen, seit dreißig Jahren Handarbeitslehrerin, die Geduld in Persona, stand vor mir, und überreichte mr feierlich zwei Stäbchen.

„Spielen wir Mikado?“ fragte ich.
„Nein, nein. Heute lernen wir Stricken“, antwortete sie. Wobei sie nicht wissen konnte, dass dieses „Wir“ mich ausschloss.
„Wir fangen ganz einfach an“, sagte sie.
Der nächste, verbale Fehler, denn einfach und Stricken ist genauso absurd, wie trocken und Schwimmen.
Ich sollte Maschen aufnehmen. Ich – ausgerechnet ich. Jeder Kinderschutzbund würde das heute als Nötigung bewerten und Frau Kalbpen aus dem Dienst suspendieren. Aber damals wurde noch mit voller Härte, erbarmungslos unterrichtet.
Als mentalen Zuspruch sagte Frau Kabpen:"Du schaffst das."
und zeigte mir dabei, wie ich den Wollfaden um meine Finger wickeln und dann mit einem der „Schaschlik Spieße“ bearbeiten sollte.
Keine Chance. Die Wolle rutschte mir aus den Fingern wie ein nasser Aal. Die Schlaufen wurden zu Schlingen, die Schlingen zu Knoten, und die Knoten zu etwas, das vermutlich in einem Museum für moderne Kunst hätte ausgestellt werden können. Frau Kalbpens’ linkes Augenlid begann zu zucken.
„Vielleicht… versuchen wir es mit der Nähmaschine“, sagte sie schließlich, in der Hoffnung, dass ich handarbeitstechnisch doch noch für irgendetwas zu gebrauchen sein könnte.
Ich setzte mich an die Maschine und trat aufs Pedal – zu fest und zu früh. Die Nadel brach. Frau Kalbpen gab mir eine zweite Chance und dieses Mal brach nicht nur die Nadel, die ganze Maschine stöhnte, wie ein sterbender Toaster. Ich tippe es war ein Hilfeschrei.
„Interessant“, murmelte Frau Kalbpen, wobei ihre Stirn mehr Falten hatte, als ihr Plisseerock.
Ich hatte tatsächlich, mit 2 Versuchen, 2 Nadeln geschreddert und einen mythologischen Fadensalat zu Stande gebracht. Der Faden hatte sich, wie eine wütende Krake, um die Spule gewickelt.
Frau Kalbpen starrte auf das Chaos, als würde sie innerlich ihre Berufswahl in Frage stellen oder über den Antrag auf Frührente nachdenken.
„Weißt du“, sagte sie schließlich, „manche Menschen haben ein Talent fürs Handarbeiten… und manche… haben andere Talente.“
Ich nickte und mir kam es so vor, als ob der Fadenknoten ebenfalls nicken würde.
„Vielleicht“ fuhr sie fort, „solltest du… etwas machen, was nicht ganz so filigran ist."
„Zum Beispiel?“
Sie dachte kurz nach. „Technisches Werken“.
Und so endete mein Handarbeitsversuch – und Frau Kalbpens Albtraum – mit einem tiefen Seufzer, und begann meine erfolgreiche Ausbildung in Technischem Werken.




