Veröffentlicht: 07.07.2026. Rubrik: Lustiges
Das Fußballspiel
„Ivan, wenn du den Ball Tobias zugepasst hättest, hätten wir jetzt wahrscheinlich ein Tor geschossen und du weißt, wie wichtig das ist. Also wenn du noch mal so egoistisch bist, nehme ich dich vom Platz. Hast du mich verstanden?“ „Okay, Trainer, die Botschaft ist bei mir angekommen. Ich bin zwar hier mitten im Spiel und hab keine Zeit für Diskussionen, aber deswegen will ich auch nicht diskutieren. Ich will den Sieg genauso wie du, wie alle anderen hier. Und das war meine Entscheidung, direkt aufs Tor abzuziehen. Das nächste mal werde ich sehen, ob ich den Tobias oder sonst wen hier noch ein bisschen besser berücksichtigen kann, okay?“ „Ivan, rede nicht wie ein arrogantes Stück mit mir.“ „Trainer, ich bin kein arrogantes Stück. Ich versuche nur mein Gehirn auch beim Fußball zu benutzen. Und dabei kommen manchmal Entscheidungen raus und zwar im Bruchteil von Sekunden. Kannst dich ja selber dahinstellen. Dann gucken wir mal, ob du immer die richtigen Entscheidungen triffst. Bin ich dafür bekannt, ein sehr egoistischer Spieler zu sein oder was? Bin ich dafür verschrien? Ist das immer so oder was?“ „Ivan, wenn du nochmal so mit mir sprichst, nehme ich dich vom Platz und stelle dich beim nächsten Spiel erst gar nicht auf.“ „Okay, Trainer, alles klar. Die Botschaft ist angekommen. Vielen Dank.“

Als offensiver Mittelfeldspieler hat Ivan die Aufgabe, das Spiel zu orchestrieren. Er spielt unheimlich mannschaftsdienlich. Und er sieht zu, dass das Passspiel ordentlich funktioniert. Er achtet darauf, dass seine Pässe Möglichst immer genau dorthin kommen, wo sie hin sollen. Und er hat in der Vergangenheit immer wieder ganz hervorragende Spielzüge gehabt, zusammen mit anderen, die zum Erfolg geführt haben, zu Toren und zu wunderbaren Aktionen, auch wenn sie dann am Ende mal nicht von einem Tor gekrönt wurden. Ab und zu macht er Einzelaktionen, versucht, ein paar gegnerische Spieler auszutricksen, an ihnen vorbeizulaufen und dann selber abzuschließen, mit einem Torschuss. Und genau das hat er in der Situation mit Tobias gemacht. Seine Einschätzung war, ‚es ist besser, wenn ich versuche, die Aktion abzuschließen - gute Chance‘.
Leider hat Ivan den Ball nicht richtig erwischt. Er ist über seinen Spann gerutscht und ist am Tor vorbeigesaust. Und zwar ziemlich unglücklich und ätzend am Tor vorbeigerauscht, hat nicht gut ausgesehen. Tobias hat daraufhin herumgeheult, weil er den Ball nicht bekommen hat, obwohl er in einer vermeintlich besseren Situation gestanden hat, von der aus er hätte aufs Tor schießen können. Das hat der Trainer genauso gesehen. Aber nun gut. Sehen wir, wie das Spiel weiter verläuft.
Ivan passt zu Erich. Erich passt zu Ercan. Ercan macht einen gegnerischen Spieler nass, läuft schnell am nächsten vorbei und passt dann zu Ivan, der sich in der Nähe des gegnerischen 16 Meterraums angedient hat. Ercan spielt einen scharfen Pass mit Schmackes dahinter. Ivan zieht sofort ab aufs Tor. Der gegnerische Torwart berührt den Ball noch mit seinen Fingerspitzen. Aber er geht rein und großer Jubel bricht aus. Es ist das eins zu null in diesem Aufstiegsspiel. Wenn Ivans Team gewinnt, steigen sie in die Regionalliga auf. Es ist die 20. Spielminute. Noch jede Menge Zeit für den Gegner zu kontern, einen Ausgleich zu schießen, zu gewinnen. Ivan weiß, dass die Situation sehr gefährlich ist. Es wird darauf ankommen, die ganze restliche Spielzeit sowohl sehr anständig zu verteidigen, als auch zu versuchen, den Abstand zum Gegner am besten mit einem weiteren Tor zu vergrößern. Ivan freut sich nur kurz, denn er ist kein Freund großer Freudenausbrüche. Er läuft zurück mit der gesamten Mannschaft, hinter die Mittellinie. Der Gegner stößt den Ball zum Anstoß und es geht weiter.
Die Gegner haben ein paar sehr gute Einzelspieler, aber sie harmonieren auch als Mannschaft recht gut. Man kann schon sagen, dass der Gegner eine starke Mannschaft ist, auch wenn sie in der Relegation sind als Regionalligisten. Klar haben sie auch ein Interesse. Klar haben sie auch eine Motivation. Sie wollen nicht absteigen. Sie wollen den Klassenerhalt. Und natürlich wittern sie ihre Chance, dass sie den Klassenerhalt schaffen können.
Nun folgt eine Kombination der gegnerischen Mannschaft, die sie sehr schnell, viel zu schnell nach Ansicht von Ivan, vor das Tor von Ivans Mannschaft bringt. Der Gegner kommt auch dazu abzuschließen, schießt scharf und hart aufs Tor. Der Ball wird aber von einem Mitspieler Ivans geblockt, der ihn danach so brutal wie möglich, so weit wie möglich weg vom eigenen Tor ballert. Ivan findet, dass es genau richtig war. Manchmal ist es wichtig, einfach die Gefahr erst mal zu beenden, den Ball wegzuhauen. So weit wie möglich weg, um wieder zu Sinnen zu kommen, die Verteidigung ordentlich aufzubauen, früh zu stören und den Gegner so weit wie möglich weg vom eigenen Tor nicht mehr zu seinem Spiel kommen zu lassen. All diese Gedanken hat Ivan während er auf dem Platz läuft und natürlich auch selber zusieht, dass er sich körperlich und gezielt einbringt.
Der Gegner versucht, sein Spiel wieder aufzubauen. Doch Tobias kann es sehr früh stören. Ballverlust des Gegners, Ivans Mannschaft hat den Ball wieder. Wir befinden uns in der 40. Minute. Tobias passt zu Ivan. Ivan passt zu Ercan. Ercan passt zu Erich. Erich gibt Vollgas, läuft aufs gegnerische Tor zu. Erich ist einer der Schnellsten im Team. Jetzt stehen allerdings zwei gegnerische Abwehrspieler Erich gegenüber. Es sieht nicht gut aus. Er braucht eine Anspielstation. Ivan schreit. “Hey Erich, hinter Dir!“ Erich spielt Ivan den Ball mit der Hacke zu. Ivan und ein Gegner liefern sich ein Geschwindigkeitsduell hin zum Ball. Ivan schafft es, früher an den Ball zu kommen als der Gegner. Er spielt zu Tobias. Tobias reagiert blitzschnell und schießt sofort aufs Tor - aus einer Entfernung von circa 17 m. Doch leider geht das Leder am rechten Pfosten vorbei. Ein wunderbar platzierter Schuss. Der Torwart hätte wahrscheinlich keine Chance gehabt, das Ding zu halten. Aber leider ein Stück zu weit rechts vom Tor. Der Trainer schreit. „Tobias, Junge! Was war das denn für eine Scheiße? Du hättest schon noch ein bisschen mehr Zeit gehabt, um den Ball besser zu schießen. Was hast du denn vorgehabt? Wolltest du einen Kunstschuss machen oder was? Zimmer das Ding das nächste Mal einfach ordentlich mittig rein, schön feste. Wenn Du das gemacht hättest, hätten wir das Tor gehabt.“
Tobias hat sich sowieso schon geärgert, dass er das Ding daneben gezimmert hat. Jetzt wurde er wütend: „Trainer. Ich würde mich mal ein bisschen mehr darauf konzentrieren, von wem sich deine Frau immer wieder reinschießen lässt!“
Den Zuschauern ging die Kinnlader runter. Was hat Tobias da gerade gesagt? Hat er das wirklich gesagt? Ivan schaltet sich ein. „Ja, Tobias, da könntest du recht haben. Der Trainer hat definitiv ein paar andere Probleme, als sich hier ständig über uns zu beklagen.“
Jetzt fingen die ersten Zuschauer an zu lachen.
Hajo, der Trainer, bekam einen hochroten Kopf. Er bedeutete dem Schiedsrichter, dass er gerne auswechseln lassen will. Der Schiedsrichter leitete den Auswechselvorgang ein. Der Trainer nimmt Ivan und Tobias vom Platz.
Hajo nimmt die beiden Spieler zur Seite. Tobias und Ivan, beide sind total angepisst. Klar, ist ihnen unheimlich wichtig, bei diesem Aufstiegsspiel dabei zu sein. Und ja, sie sind tragende Säulen in diesem Team. Was soll die Scheiße? Was soll diese Auswechslung? Musste der Trainer ihre Worte auf die Goldwaage legen? Ivan spricht für beide: „Das ist eine hitzige Situation. Wir wollen alle gewinnen. Da musst dich beruhigen, Hajo, sonst schießen wir eben scharf zurück verbal. Sowas kann passieren. Du triffst die Entscheidung, uns beide vom Platz zu nehmen und andere reinzubringen in der 44. Minute, weil wir beide uns verbal etwas vergaloppiert haben?“ „Ivan, ich hab dir schon mal gesagt, wenn du nicht aufhörst, diese Scheiße zu labern, und Tobias für dich gilt das gleiche, dann nehme ich dich vom Platz. Und das hab ich jetzt gemacht. Ihr habt nicht mit mir zu diskutieren. Ich bin der Trainer. Und mit wem meine Alte rumpimpert? Das geht nur mich und Ilona alleine an. Habt ihr das kapiert? Und außerdem steht sie ein paar Meter hinter mir. Warum sagt ihr denn sowas? Ab auf die Bank!“
In der Halbzeit hält der Trainer eine kleine Rede in der Kabine, in der er sich noch mal dagegen verwahrt, dass sein Privatleben auf dem Platz thematisiert wird. Egal, wie emotional es zugehe bei diesem Aufstiegsspiel - so etwas dürfe nicht passieren. Aus Tobias bricht es heraus: „Trainer. Was hast du eigentlich vor, um diese Situation mit deiner Frau zu bereinigen? Die lässt sich wie ein Wanderpokal von jedem halbwegs gut aussehenden oder nicht gut aussehenden Typen in unserem Verein durchknallen. Und das Schlimmste ist, dass sie es auch mit Typen macht, die selbst verheiratet sind oder verlobt oder eine Freundin haben. Wir sind doch nicht der TUS Swinger Club 1908. Wir sind der TUS Erlensee 1908, Scheiße!“ „Tobias, ich hab die Schnauze voll. Dusche, zieh Dich an, verpiss dich. Ich will dich heute nicht mehr sehen. Hast du mich verstanden? Du scheinst es immer noch nicht gerafft zu haben, dass mein Privatleben hier nicht thematisiert wird.“ „Halt, halt, halt, Trainer! Dein Privatleben belastet die ganze Mannschaft!“, wirft Ivan ein. „Ivan, duschen, anziehen, verpissen. Ihr verlasst bitte das Vereinsgelände. Disziplinarische Maßnahmen folgen - für Euch beide.“
Tobias und Ivan sind nicht mehr auf dem Vereinsgelände. Es steht in der 80. Minute noch immer 1:0 für den TUS als jemand Ilona, die Ehefrau des Trainers von hinten antippt. Im nächsten Moment klatscht ihr eine ekelhaft stinkende braune Masse ins Gesicht. Sie schreit wie am Spieß. Als Hajo das hört und sieht bricht er zusammen. Die Spieler auf dem Feld hören auf zu spielen. Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel. Zwei vermummte Typen in schwarzen Klamotten laufen blitzschnell vom Vereinsgelände weg. Man hört das Aufheulen eines Automotors und quietschende Reifen.
Es wurde ein Wiederholungsspiel für diese Partie angesetzt, weil das Spiel nicht wieder aufgenommen worden ist. Hajo trennte sich von Ilona und verließ den Verein. Ivan und Tobias verließen ohne Begründung den TUS Erlensee 1908 hin zu einer Konkurrenzmannschaft.
Der TUS verlor das Relegationsspiel.
Es wurde nie aufgeklärt, wer hinter der Ekel-Attacke mit Hundescheiße gegen Hajos Ilona steckte. Wenige Wochen später installierte die Stadt Erlensee einen Hundekottütenspender in der Nähe des Vereinsgeländes.
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