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geschrieben 2026 von Catarina (Catarina).
Veröffentlicht: 12.07.2026. Rubrik: Historisches


Jahre vergehen, Armut bleibt 1726 – 1764 Teil 1

Neben der Religion ist die Dorfgemeinschaft so wichtig, wie das tägliche Brot. Man hilft sich gegenseitig, bei der Aussaat und Ernte, genau wie beim Haus- und Brunnenbau, denn schließlich kämpfen sie alle ums blanke Überleben. Höhepunkte ihres harten Lebens sind kirchliche und weltliche Feste, denen Jung und Alt entgegenfiebern. Die 160 Einwohner sehen sich wie eine große Familie. Und irgendwie ist jeder mit jedem verwandt.
Der Winter geht, das Frühjahr kommt. Die Menschen leben fast alle von der Landwirtschaft, einem kräftezehrenden Gewerbe. Obwohl - eigentlich zehrt das ganze Leben an ihren Kräften.
Die Tage werden länger. Der Schnee ist verschwunden. Die ersten Schwalben treffen, als Vorboten des Sommers ein. Mit ihrem fröhlichen Gezwitscher heitern sie die Menschen auf. Die Stille des Winters war gestern – reges Treiben auf den Feldern und im Garten ist heute. Misthaufen haben beträchtlich an Höhe dazugewonnen. Die Jauchegruben sind bis zum Rand voll. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden. Mit viel Geduld werden die Kühe, die über Monate hinweg nur im Stall standen, wieder an ihr Zuggeschirr gewöhnt, damit sie den Wagen, mit Güllefass oder Mist, zu den Feldern bringen.
Langsam und keuchend lockert der Bauer die Erde auf seinem Acker, mit einer Egge und einer Harke. Eine karge Brotzeit, die ihm seine Frau zubereitet hat, erneuert zumindest ein klein wenig die verbrauchte Energie. In einem Sack, den er auf dem Handwagen transportiert hat, wartet die frische Saat, die er jetzt auf dem Feld verteilen kann.
Der gleichmäßige Schwung, mit dem er seinen rechten Arm in einem Halbkreis bewegt, folgt einem lautlosen Rhythmus. Immer und immer wieder greift die Hand in den Sack und verteilt, in einem gelichmäßigen Bogen, die Körner. In jedem Korn steckt die Hoffnung auf eine gute Ernte.
Erschöpft, aber zufrieden kehrt er zu seinem Hof zurück. „Jetzt müssen wir warten und beten, dass die Saat gut gedeiht“. Mit kritischen Blicken begutachten er und die anderen Bauern das Wachstum ihrer Aussaat. Leider wächst und gedeiht auch das Unkraut.
Die Temperaturen steigen weiter und der goldene Schimmer des Getreides hüllt die Landschaft in ihr edelstes Gewandt. Keine Nahrung für Mensch und Tier ohne Korn. Kein Brot, kein Brei und kein Bier. Inzwischen sind die Getreidespeicher fast leer. Das letzte Jahr hatte den Bauern keine hohen Erträge beschert. Statt Getreidesuppe kochen die Frauen bereits Mehlsuppe. Kurz rösten sie Mehl in einem Topf und gießen es mit Wasser auf. Salz und ein paar Kräuter sollen der faden Brühe Geschmack verleihen. Wer hat, gibt noch einen Löffel Schmalz dazu.
Genau dann, wenn die Hitze am größten und die Sonne am unerbittlichsten ist, wird es Zeit für die Bauern, dass sie festlegen, in welcher Reihenfolge die Getreideäcker gemäht werden.
Das Schlagen des Dengelhammers hallt morgens und abends durch die Gassen. In den Höfen sitzen Bauern und Schmiede vor einem Dengelklotz, das Sensenblatt auf dem Amboss. Im rhythmischen Gleichklang, mit langen, hellen Hammerschlägen bearbeiten sie die Schnittfläche der Sense. Durch das Hämmern wird der Stahl ausgedünnt, gerichtet und gehärtet. Ein falscher Schlag, und das Blatt ist zerstört. Kenner hören bereits am Klang der Schläge, wer gut dengeln kann und wer nicht. Ihre Devise lautet: „Gut gedengelt ist halb gemäht. “ Mit dem Daumen prüfen die Männer sorgfältig die Qualität der Schneide. Eine scharfe Sense macht die schwere Arbeit des Mähens wenigstens in bisschen leichter.
König Friedrich Wilhelm ist erbost, dass die von ihm angeordnete Schulpflicht, für alle Kinder vom 5. bis 12. Lebensjahr, auf dem Land nicht befolgt wird. Der Landadel scheint kein Interesse an Bildung seiner Leibeigenen zu haben. Die Bauern stellen ihre eigenen Prioritäten in den Vordergrund. Sie sind auf die Arbeitskraft der Söhne und Töchter angewiesen. Bei der Ernte muss man nicht Rechnen und Schreiben können. Hier heißt es: anpacken.
Sorgfältig bedecken die Frauen ihre Haare mit Kopftüchern. Sie werden zumindest ein klein wenig Schutz vor der gleißenden Mittagssonne spenden. In einem Korb haben sie eine Kanne mit Essigwasser und Schmalzbrote verstaut. Mit Sensen bewaffnet ziehen sie los, auch die Kinder. Mit ausholenden Bewegungen mähen die Männer die erste Reihe der Frucht, die gegen die noch stehenden Halme fällt. Hinter ihnen schließen die Frauen und älteren Kinder auf, die die Mahd zu Bündeln zusammenraffen.
Die Jüngsten drehen aus mehreren Halmen eine Art Schnüre, mit denen die Garben zusammengebunden werden. Immer drei Arm voll Getreide werden auf eine „Wirre “ gelegt. Mit den Knien drückt ein Helfer das Korn zusammen, um das Seil mit einem 60cm langen Holzstück zu knebeln.
Die Gesichter der Älteren sind schmerzverzerrt. Immer wieder richten sie sich auf und versuchen, mit ihren Händen, dem geschundenen Rücken Halt zu geben. Weiter, immer weiter, die Hälfte ist schon geschafft.
Im Schatten eines Baumes legen sie eine Pause ein und packen die Brotzeit aus dem Korb aus. Gesprochen wird nicht viel – sie sind einfach zu erschöpft. Angelockt vom Schweißgeruch, schwirren Mücken und Fliegen um ihre Köpfe. Einfach ignorieren - der Tag ist noch lang. Da heißt es mit den Kräften haushalten.
Die Kinder jammern, denn die Disteln und anderes Unkraut, das sich zwischen den Getreidehalmen befindet, zerkratzt ihre Arme und Hände. Niemand schenkt ihnen Aufmerksamkeit oder hat gar Mitleid mit ihnen. “Schneller – da habt ihr etwas übersehen“, rufen die Erwachsenen ihnen zu. Das Feld muss bis zum Mittag ganz sauber sein. Jede Ähre zählt, da dürfen die paar Kratzer von den Disteln keine Rolle spielen.
In der Zeit, wo das gemähte Getreide der ersten Bauern trocknet, wird bei dem Nächsten und Übernächsten gemäht. Nur am Sonntag gönnen sie sich einen Tag Pause.

Auszug aus meiner Familienchronik, basierend auf Tatsachen

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