Veröffentlicht: 07.08.2026. Rubrik: Aktionen
Die innere Uhr
Die älteste Uhr der Welt hat keine Zeiger, keine Zahnräder und auch kein Ziffernblatt.
Auch Nina verfügte über eine solche Uhr, die sie aber nicht am Handgelenk trug sondern in ihrem Inneren. Und genau diese Uhr blieb eines Tages stehen. Nina wachte viel zu spät auf und sie fühlte – anders. Unsortiert, orientierungslos.
Nina horchte in sich hinein und merkte: Ihre innere Uhr war stehen geblieben. Kein Ticken, kein Pulsieren – Nichts. Tot.
Nina ging durch den Tag wie durch einen Raum, in dem jemand alle Möbel verrückt hatte. Der Kaffee schmeckte nach Abend, obwohl es früher Morgen war. Und Nina merkte, wie sehr sie sich auf etwas verlassen hatte, das sie nie mit eigenen Augen gesehen hatte – das aber zweifellos da war und bisher auch immer funktionierte.
Am Abend setzte sie sich ans Fenster, und ganz in ihrer Nähe begann ein Vogel zu singen, obwohl Vögel um diese Zeit eigentlich längst schlafen sollten. Nina lächelte. Vielleicht war die ganze Welt aus dem Takt geraten – und nicht nur sie.
Sie schloss die Augen und fiel in einen leichten Dämmerschlaf. Das laute Hupen eines Busses riss sie abrupt aus ihren Träumen. Ein sanftes Pochen durchfuhr ihren Körper, und flüsterte ihr ins Ohr:“ Schön, dass Du wieder da bist.“
Die innere Uhr hatte zu Nina zurückgefunden. Nicht, weil sie repariert worden war, sondern weil Nina vorher zu erschöpft war, um sie wahrzunehmen. Und Nina erkannte, dass manche Dinge ihren Rhythmus erst dann finden, wenn man ihnen erlaubt, einen Moment innezuhalten.





