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geschrieben 2026 von Henrik Radeck (HenrikRadeck).
Veröffentlicht: 07.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Nur noch 5 Minuten

Als Martin durch die Haustür ging, kratzte die verzogene Holztür über das Parkett im Flur. Er schaute besorgt und ein wenig genervt auf den Parkettboden und hoffte, dass die Haustür auch diesmal keine großartigen Spuren auf dem Parkett hinterließ. Martin wollte die Haustür schon seit Monaten ersetzen. Zwischen PowerPoint-Präsentationen, Meetings planen, Kundengespräche organisieren und Bilanzen auswerten musste er sich als Ehemann und Vater der sechsjährigen Hannah allerdings um unzählige Dinge kümmern. Die Haustür blieb dabei genauso auf der Strecke wie einige andere Projekte im Haus. Nicht selten musste ihn seine Frau Sophie an die Reparatur des Heizkörpers im Badezimmer oder das Anbringen der Zierleisten im Kinderzimmer erinnern. „Ich muss unbedingt jemanden beauftragen, der mir diese Haustür auswechselt“, dachte sich Martin.

„Ich bin zu Hause“, rief Martin so fröhlich wie möglich in den Flur, um sich seine schlechte Laune wegen der Überstunden und der noch ausstehenden Arbeitsaufträge, die er in seiner Aktentasche mit nach Hause genommen hatte, nicht anmerken zu lassen. „Papaaa“, rief seine Tochter und kam mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch den Flur gerannt, um ihren Vater endlich in den Arm nehmen zu können.

Hannah war Martins und Sophies einzige Tochter. Mehrere Jahre hatten die beiden versucht, ein Kind zu bekommen. Umso glücklicher waren sie, als Sophie damals wortlos und mit Tränen in den Augen aus dem Badezimmer kam. Martin wusste sofort, wie das Ergebnis des Tests ausgefallen war. In diesem Moment durchströmten so viele Emotionen Martins Körper, dass seine Gänsehaut über Minuten anhielt. Er liebte seine Tochter abgöttisch. Das beruhte auf Gegenseitigkeit, denn Hannah war ein absolutes Papa-Kind. Sie wusste genau: Wenn Ärger drohte, nahm Papa sie in Schutz.

Sophie kam aus der Küche in den Flur und beobachtete lächelnd, wie Martin in der Hocke seine Tochter zur Begrüßung fest umarmte. „Heute hat Giuseppe für uns gekocht“, freute sie sich. Auch Martin freute sich, das zu hören. Das bedeutete nämlich, dass seine Frau bei Giuseppe, dem Pizzalieferdienst aus der Innenstadt, bestellt hatte.

Als sich nur noch vier Pizzastücke über die drei Pizzakartons verteilten und die kleine Familie sichtlich satt war, fragte Martin seine Tochter: „Schaffst du es heute, allein ins Bett zu gehen, Prinzessin? Papa hat noch einiges für die Arbeit zu tun.“ Hannah schaute erst mit traurigem Blick, der aber zunehmend selbstbewusster wurde, ihren Vater an. „Na klar schaffe ich das, Papa“, antwortete sie.

Nachdem der Küchentisch abgeräumt war und Hannah sich liebevoll von ihren Eltern verabschiedete, lief sie die Treppen hinauf in ihr Kinderzimmer. Martin bereitete derweil die Unterlagen aus seiner Aktentasche vor, die er mitgebracht hatte und noch durcharbeiten musste. Er schaute dabei kurz auf seine Smartwatch. 19:34 Uhr und drei verpasste Anrufe. „Das war sicher Thomas“, dachte er sich, während er sein Telefon aus der Hosentasche holte. Thomas war Martins Abteilungsleiter, für den der Begriff Feierabend ein Fremdwort war. Selbst im Spanienurlaub letztes Jahr musste Martin sein Handy zuhause lassen, um sicherzugehen, durch die ständigen Anrufe und eingehenden Mails nicht gestört zu werden. Martin war gerade dabei, seinen Abteilungsleiter widerwillig zurückzurufen, als er durch ein lautes Rufen seiner Tochter abgelenkt wurde.

Während er sich überlegte, was Thomas wohl jetzt wieder von ihm verlangen würde, stieg er langsam die Treppen hinauf in Richtung des Kinderzimmers, wo Hannah schon auf ihren Vater wartete. „Ich habe noch so einen Durst, Papa. Kannst du mir vielleicht eine kleine Flasche Wasser bringen?“, fragte sie. Martin machte seiner Tochter kurz klar, dass er noch einiges zu tun hatte und er selbst schon müde war, in der Hoffnung, Hannah würde bald einschlafen. Nachdem seine Tochter mit Wasser versorgt war, entschied sich Martin, Thomas heute nicht mehr zurückzurufen, sondern sich erstmal um den Stapel Unterlagen zu kümmern, der am nächsten Tag fertig sein musste.

Als Sophie zu ihm kam und sich erkundigen wollte, wie Martins Arbeitstag heute war, antwortete er in einem unangemessenen, patzigen Ton: „Es war und ist viel zu tun, Sophie.“ Seine unpassende Tonlage wurde ihm sofort nach dem Aussprechen bewusst und er entschuldigte sich sofort bei ihr. „Tut mir leid, Schatz. Es ist einfach sehr viel zu tun im Moment“, rechtfertigte er sich. Sophie hatte Verständnis dafür und wollte ihm keine Szene machen, weil sie in dem Moment bemerkte, dass sein Handy vibrierte. Martin schaute aufs Smartphone, während auf dem Display „Thomas ruft an“ erschien. „Heute nicht mehr“, dachte Martin und drückte seinen Abteilungsleiter weg.

Martin begann seine Unterlagen zu sortieren. Sophie fragte sich, wie er in so ein Blätterchaos mit so vielen Dokumenten Ordnung bringen wollte. Wie er gerade richtig anfangen wollte, hörte er erneut seine Tochter Hannah aus ihrem Kinderzimmer nach ihrem Vater rufen. „Meine Güte“, sagte Martin genervt und machte sich auf den Weg nach oben. „Hannah, du musst nun wirklich schlafen“, sagte er zu ihr. Diesmal in einem ernsteren Ton. „Tut mir leid, Papa. Aber ich glaube, das Fenster ist nicht richtig zu. Irgendwie pustet es da die ganze Zeit rein“, erklärte Hannah ihrem Vater. Martin schaute sich das Fenster an und hielt seine Hand an die Dichtung des Fensters. „Hannah, hier ist alles dicht. Das Fenster ist zu“, stellte er genervt fest. Mit einem schnellen, aber liebevoll gemeinten „Hab dich lieb, Prinzessin“ verabschiedete sich Martin, um seiner Arbeit weiter nachzugehen, obwohl er inzwischen nichts lieber gemacht hätte, als selbst ins Bett zu gehen. Der anstrengende Tag hatte so langsam seine Spuren bei ihm hinterlassen.

Unten, an seinem provisorisch eingerichteten Arbeitsplatz angekommen, schaute Martin auf sein Handy. Natürlich hatte Thomas es nicht kommentarlos hingenommen, von seinem Mitarbeiter weggedrückt zu werden. Martin wertete die inzwischen zwölf eingegangenen WhatsApp-Nachrichten von seinem Abteilungsleiter aus und begann diese chronologisch zu beantworten. Als er sich nun endlich um die Dokumente vor ihm hätte kümmern können, nahm er eine kleine Bewegung im Augenwinkel wahr.

Im Türrahmen war das traurige Gesicht seiner Tochter Hannah zu erkennen. „Was ist denn jetzt wieder, Hannah?“, fragte Martin seine Tochter. „Es tut mir leid, Papa. Ich schaffe es nicht, allein einzuschlafen. Kannst du dich nur fünf Minuten zu mir setzen?“, fragte Hannah mit trauriger Stimme. Wenn Hannah traurig war, konnte Martin nicht anders, als ihren Wünschen nachzukommen. „Na klar, Prinzessin“, antwortete er und schnappte sich in einer gewohnten Bewegung sein Smartphone, um mit Hannah zurück ins Kinderzimmer zu gehen.

Oben angekommen kuschelte sich Hannah glücklich in ihre Decke. Martin saß am Bettrand und musste die nächste Nachricht seines Abteilungsleiters beantworten. Während Martin nun über die Auswertung von Geschäftsberichten eine WhatsApp Nachricht nach der anderen verfasste, fing Hannah einfach so an, über ihren Tag zu erzählen. „Tamara und ich haben heute in der großen Pause Hexe gespielt. Das hat Spaß gemacht, Papa. Aber Robin wollte dann auch unbedingt mitspielen. Das wollten wir aber nicht. Du weißt ja, der will immer alles bestimmen“, erzählte Hannah so vor sich hin. „Auf dem Weg nach Hause habe ich mich schon wieder total erschrocken, als der Hund bei dem roten Haus angefangen hat zu bellen. Jedes Mal erschrecke ich mich da“, stellte sie fest. Martin entgegnete ihr mit einem gelegentlichen „Okay“, während er auf das hell leuchtende Display seines Handys tippte. Auch wenn er nicht vollständig mitbekommen hatte, was Hannah ihm erzählte, streichelte er ihr über die Schulter und lächelte sie ab und zu an. Hannah machte das glücklich. Es dauerte nicht lange, bis sie immer weniger erzählte und ihre Stimme ruhiger wurde. Hannah drehte sich auf die Seite und war kurz davor einzuschlafen.

Mit schläfriger, leiser Stimme sagte Hannah: „Wenn ich groß bin, musst du nicht mehr hierbleiben.“

Martin drehte den Kopf zu Hannah, die mit dem Rücken zu ihm gekehrt neben ihm lag. Er wiederholte in Gedanken das von Hannah Gesagte. Ein schmerzhaftes Gefühl packte ihn wie eine Schlinge, die sich immer weiter zuzog. Er wollte bei Hannah nicht das Gefühl erwecken, dass er nicht bei ihr sein wollte. Ganz im Gegenteil. Er verbrachte gerne Zeit mit ihr. Er blickte in Gedanken verloren durch das Kinderzimmer. Auf der Kommode in der Ecke des Zimmers entdeckte er den rosa Plüschteddy, den Hannah sonst immer mit bei sich im Bett hatte.

Sophie war damals allein ins Krankenhaus gefahren, als die Wehen immer stärker wurden. Martin machte sich nach der Alarmierung von Sophie direkt auf den Weg von der Firma ins Krankenhaus. Aufgeregt und hektisch rannte er in die sehr groß dimensionierte Eingangshalle des Krankenhauses, in der er auch einen Kiosk entdeckte. Ein rosa Plüschteddy, der auf dem Tresen des Kiosks saß, weckte sofort seine Aufmerksamkeit. Er wusste: Das sollte das erste Geschenk für seine Tochter werden. Mit dem Teddy unterm Arm rannte er in Richtung des Kreißsaals. Eine halbe Stunde später erblickte die kleine Hannah gesund das Licht der Welt.

Martin hatte noch immer sein Smartphone in der Hand, dessen Display das halbe Zimmer ausleuchtete. Er sperrte den Bildschirm und legte das Handy mit dem Rücken nach oben neben ihn auf die Matratze.

Sein Blick fuhr weiter Richtung Zimmertür. Er erkannte die waagerechten Markierungen, die alle in verschiedenen Farben an die Türzarge gemalt waren. Bei jedem Geburtstag von Hannah wurde ein neuer Strich gesetzt, der ihre Körpergröße anzeigte. Martin sah, wie klein Hannah bei den ersten Strichen war und wie die Abstände zu den letzten Markierungen immer größer wurden. „Sie ist so schnell groß geworden“, dachte er sich und hielt einen Moment inne.

Kurz darauf zog er sich seine Schuhe aus, schaltete sein Smartphone aus und legte sich neben Hannah ins Bett. Er legte seinen Arm sanft um sie. Hannah kuschelte sich an seinen Arm. „Du kannst jetzt gehen“, murmelte sie. „Ich weiß“, antwortete Martin und schloss die Augen.

Ende.

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