Veröffentlicht: 07.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Fremde Taschen
Es war bereits nach dreiundzwanzig Uhr. Aus der Küche drang noch das Klirren von Tellern, während Wasser in den Putzeimer rauschte und jemand einen Wischmopp über den Boden zog. Jonas war als Kellner in dem Restaurant in der Nähe des Hauptbahnhofs angestellt. Ihm gefiel sein Job. Heute war allerdings einer dieser Tage, an denen er einfach froh war, nach Hause zu kommen und die Arbeit hinter sich zu lassen. Das war öfter so, wenn die Gäste unfreundlich oder respektlos dem jugendlich aussehenden Kellner gegenüber waren. Hinzu kam heute, dass Jonas den ganzen Tag mit den Gedanken bei seiner Schwester war. Seit drei Tagen stand der Chat mit seiner Schwester ganz oben auf seinem Smartphonedisplay. Jonas hatte ihn nicht geöffnet. Er wusste auch so, wie das Gespräch enden würde. 
Kurz bevor Jonas endlich das Restaurant in Richtung Feierabend verlassen konnte, fiel ihm an der Garderobe eine Jacke auf, die von einem Gast vergessen wurde. „Auch das noch“, sagte er genervt zu sich, als er sich die Jacke genauer anschauen wollte. Es war eine braune Lederjacke, die ziemlich abgenutzt aussah. An der Knopfleiste der Jacke war zu erkennen, dass einer der Knöpfe schon einmal gegen einen anderen Knopf, der optisch überhaupt nicht zu den anderen passte, ausgetauscht wurde. Bevor er die Jacke zu seinem Chef nach hinten bringen wollte, prüfte er noch schnell die Taschen nach eventuellen Hinweisen auf den Besitzer. Die Suche war leider erfolglos. Außer ein paar Kleinigkeiten wie einer Fahrkarte für die S-Bahn, einer ungeschickte Kinderzeichnung auf einem kleinen Notizzettel und dem Kassenbon einer Apotheke war nichts zu finden. Jonas malte sich unterbewusst aus, was der Besitzer dieser Jacke wohl für ein Mensch war. Nach dem Zustand der Jacke stellte Jonas sich einen Mann vor, der häufiger aus Restaurants geworfen als hineingebeten wurde. Er ärgerte sich zwar über sich selbst, weil ihm dieses Bild so selbstverständlich erschien, hielt trotzdem daran fest.
Er war inzwischen müde und gereizt. „Mir doch egal, was damit passiert“, dachte er sich und hing die Jacke zurück an die Garderobe. Mit den Gedanken bei seiner Schwester und der kleinen Hoffnung, dass sie sich vielleicht eines Tages wieder so verstehen wie zu Kinderzeiten, trabte er erschöpft nach Hause in seinen verdienten Feierabend.
Am nächsten Tag sah die Welt schon ganz anders aus. Auch wenn er heute deutlich besser gelaunt war als am gestrigen Tag, war dieser Tag nicht weniger stressig. Sein kaputtes Fahrrad sorgte dafür, dass Jonas mit der S-Bahn zur Arbeit fahren musste. Typischerweise verspätete sie sich, sodass Jonas gerade noch so pünktlich das Restaurant betrat. Mit einem hektischen „Hallöchen, Chef!“ sprintete er zur Umkleide, um kurz darauf seine Schicht zu beginnen. Zwischendurch wanderte sein Blick immer mal wieder zur Garderobe. Die braune Lederjacke hing noch immer am Haken. Er fragte sich, ob und von wem sie wohl abgeholt werden würde. Nach unzähligen Tellern und Gläsern, die Jonas heute bewegt hatte, brachen auch die letzten Gäste des heutigen Abends auf. Während die Aufräumarbeiten begannen, fiel Jonas auf, dass die Jacke heute nicht abgeholt wurde. Er fragte seinen Chef, ob sich jemand nach der runtergekommenen Lederjacke erkundigt hatte. Dem war aber nicht so. Als sich Jonas in der Umkleide fertig machte für seinen Feierabend, hatte er Gelegenheit, endlich wieder auf sein Smartphone zu schauen. Überrascht weiteten sich seine Augen, als er auf dem Smartphone erkannte, dass seine Schwester ihm eine Nachricht geschrieben hatte. Als er zügig das Telefon entsperrte, um die Nachricht zu lesen, sah er im Chatfenster nur „Nachricht gelöscht“. „Das war ja klar!“, sagte Jonas wütend zu sich. „Nicht mal den Mumm haben, die Nachricht stehen zu lassen“, dachte er sich. Gereizt schnappte er sich seine Klamotten und machte sich auf den Weg nach Hause. Die Frage, was seine Schwester wohl in der Nachricht geschrieben hatte, ließ ihn nur schlecht einschlafen.
In den darauffolgenden Tagen hörte Jonas nichts mehr von seiner Schwester. Er betrachtete abends nach Schichtende direkt das Handy. Außer den Benachrichtigungen über eingegangene Spam-Mails war da nichts. Vor drei Tagen hatte er ihr geschrieben, dass er vorerst nichts mehr von ihr hören wollte. Insgeheim hatte er wohl erwartet, dass sie widersprechen würde.
Nach dem Wochenende begann Jonas seine Schicht wie gewohnt pünktlich um 14 Uhr. Als er gegen Abend einen Stapel mit Tellern von den Gästen zur Küche bringen wollte, fiel ihm erneut die fleckige braune Lederjacke an der Garderobe auf. „Jetzt reicht‘s!“, dachte sich Jonas. Nachdem die Teller in der Küche landeten und auf die Spülmaschine warteten, brachte Jonas die Lederjacke unter den Empfangstresen, um sie nach Feierabend mitzunehmen und sie am nächsten Tag im Fundbüro abzugeben.
Nach einiger Zeit näherte sich seine Schicht dem Ende und die letzten verbliebenen Gäste des Restaurants bereiteten sich auf den Heimweg vor. Während Jonas die letzten Gäste abrechnete, wurde er von der Glocke über der Eingangstür überrascht. Ein älterer, gut gekleideter Mann mit weißem Vollbart betrat zügig das Restaurant. „Wir sind im Begriff zu schließen“, sagte Jonas dem Mann, der schon fast bis auf die Höhe des Tresens vorgeeilt war. „Entschuldigen Sie, junger Mann. Ich bin auf der Suche nach meiner Jacke. Eine braune Lederjacke. Ist sie Ihnen vielleicht aufgefallen?“, entgegnete ihm der ältere Herr. Jonas war geschockt. Der Mann, der dort vor ihm stand und offensichtlich der Besitzer der runtergekommenen Lederjacke war, erschien ihm ganz anders, als er es vermutet hatte. „Ähm, ja, natürlich“, antwortete Jonas immer noch leicht verwirrt, da er eigentlich jemanden ungepflegteren erwartet hatte, der die Jacke abholen würde. Als Jonas dem Fremden die Jacke über den Tresen gab, erkannte man in den Augen des Mannes, wie froh er war, seine Jacke wiedergefunden zu haben. Hektisch tastete er die Lederjacke ab. Er durchwühlte jede einzelne Tasche und fand die Dinge, die Jonas ein paar Tage zuvor schon gefunden hatte. Der ältere Herr stellte seine hektischen Bewegungen sofort ein, als er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. Er nahm mit leicht zitternder Hand den geknüllten Notizzettel aus der Tasche, breitete ihn in seinen Händen aus und betrachtete die Zeichnung eines Kindes. Der Mann hob seinen Kopf und sah Jonas direkt in die Augen. Jonas erkannte die Tränen in den Augen des unsicher wirkenden Mannes. „Meine Tochter hat mir das gezeichnet.“ Er faltete den Zettel vorsichtig zusammen. „Ich habe nicht mehr viele Dinge von ihr“, sagte er mit trauriger Stimme.
Er steckte alles wieder ein, nahm die Lederjacke unter den Arm und verabschiedete sich bei Jonas mit einem stillen Nicken. Jonas war ganz aufgewühlt. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals in solch traurige Augen gesehen zu haben.
Er versuchte die Situation hinter sich zu lassen und begann mit den Aufräumarbeiten, da das Restaurant gerade von seinem Chef abgeschlossen wurde. So sehr er es auch versuchte, das Gespräch mit dem älteren Mann ließ ihn einfach nicht los. Gedankenversunken versuchte er sich in der Umkleide für den Feierabend vorzubereiten. Er saß auf der Bank und starrte auf sein Handy. Er tippte ein wenig darauf herum. Nachdem er sich umgezogen hatte, verließ er das Restaurant.
Vor der Tür blieb Jonas noch einmal stehen und schaute auf sein Handy. Auf dem Display wartete der Satz, den er bereits dreimal geschrieben und wieder gelöscht hatte.
„Hast du Donnerstag Zeit?“
Er las ihn ein letztes Mal, dann drückte er auf Senden.
Ende.
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