Veröffentlicht: 10.08.2026. Rubrik: Fantastisches
Waldspaziergang mit Pudel
Ich musste mir eingestehen, dass ich mich verlaufen hatte. Als meine Füße an einer Abzweigung zum Stehen kamen, fiel mir auf, wie matschig der Boden war. Obwohl ich mitten im Wald sein musste, wehte ein unangenehm kalter Wind. Ich blickte mich um. Wohin nur? Gefühlt müsste es nach rechts in Richtung Straße gehen, aber als ich das letzte Mal meinem Gefühl gefolgt war, hatte es nicht geklappt. Leider sah in diesem Wald alles gleich aus und nichts kam mir bekannt vor. Ich beschloss, einfach zurückzulaufen und zu versuchen, mich an meinen bisherigen Pfad zu erinnern. Da sah ich ein weißes Fellwesen hinter einer Buche kauern. Ein Pudel. Könnte das …
„Mephisto! Komm heraus, ich weiß ganz genau, dass du es bist.“
Der Hund winselte kurz, aber er zierte sich nicht lange. Mit einem Zucken verwandelte er sich in eine Art Zwerg mit rotem Gesicht und einer Hakennase.
„Woran hast du mich erkannt?“, fragte er beinahe empört. „Oder weißt du einfach, dass ich ein Pudel bin?“
„Natürlich weiß ich das.“ Ich verdrehte die Augen. „Jeder weiß das“, fügte ich hinzu.
Mephisto runzelte die Stirn und blickte mich argwöhnisch an. Doch seine Miene verwandelte sich schnell in ein Grinsen: „Was machst du hier überhaupt? Mitten im Wald und dann noch in so einem Anzug.“
Ich schnaubte. „Das ist einfach Sportkleidung, du Pappnase. Das ist doch offensichtlich. Du hängst einfach zu viel im Mittelalter herum.“ Ich fügte hinzu: „Und was ich mache, ist doch ganz klar. Ich trainiere, aber vor allen Dingen habe ich mich verlaufen.“
Mephistos Grinsen wurde noch viel breiter. „Wofür trainierst du denn? Und warum überhaupt hier? Gibt es keine Sporthallen mehr?“
„Natürlich gibt es die. Aber ein Waldlauf ist bei einem Ausdauer- und Lauftraining eben besonders hilfreich. Außerdem macht es Spaß.“
Mephisto lachte nun laut auf. „Sieht man ja!“
Ich hielt mich davon ab, etwas zu erwidern. Stattdessen überlegte ich, ob mir Mephisto nicht helfen könnte. Sicher, er war nicht besonders vertrauenswürdig und auch nicht gerade praktisch. Aber er besaß beachtliche magische Kräfte, damit sollte er mir zumindest einen Weg zeigen können.
„Könntest du mir nicht helfen? Du weißt doch bestimmt, wie man hier rauskommt… Ich will einfach raus aus diesem Wald, nichts weiter.“
Mephisto schnaubte verächtlich und lief auf eine Tanne zu. „Raus aus dem Wald…ts ts. Wie ein Anfänger. Nee, wir machen einfach das Ding weg, aus dem du raus willst. Verstehst du? Das ist viel cooler.“ Während er diese Worte aussprach, ging der Baum vor ihm in Flammen auf.
„Um Himmels willen, nein, doch nicht den Wald abbrennen! Sag mir einfach, in welche Richtung ich gehen muss, damit ich aus diesem Wald rauskomme.“
Mephisto schien zunächst darüber nachzudenken, ob er mir gehorchen sollte, verdrehte dann die Augen und löschte das Feuer mit einem Schnippen seiner länglichen, nagellosen Finger.
„Dich führen… wie langweilig. Aber gut, ich habe ja eh nichts Besseres zu tun.“ Er drehte sich nach rechts und rief herrisch: „DA LANG!“
Während wir schweigend nebeneinander her liefen, dachte ich darüber nach, ob ich ihm eigentlich vertrauen konnte. Nach allem, was passiert war. Er hatte zwar geschworen, dass es „keine weiteren Disintegrationen“ mehr geben würde, aber warum sollte ich ihm das glauben? Zudem kam mir dieser Spruch irgendwie seltsam bekannt vor. Mephistos krächzende Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
„Für was genau trainierst du eigentlich? Was ist dein Ziel?“
„Nun, ich möchte einen Wettkampf gewinnen. Genau genommen einen Halbmarathon, der in zwei Wochen stattfindet.“
Mephistos Augen begannen zu leuchten. „Ein Wettbewerb! Wie schön. Und wie einfach. Mach dir keine Sorgen, alle anderen Teilnehmer werden an diesem Tag… nun sagen wir, sie werden Probleme haben.“ Daraufhin begann er - anders kann ich es leider nicht beschreiben - dämonisch zu lachen.
Ich erklärte Mephisto, dass dies ziemlich sinnlos wäre, da ja schließlich der ganze Sinn so eines Laufs sei, ihn auch zu absolvieren. „Der Weg ist das Ziel,“ sagte ich feierlich, woraufhin er nur verächtlich schnaubte. Ich fügte hinzu, dass ich den anderen Teilnehmern ja auch nichts Böses wollte und das zudem sicherlich strafbar wäre.
„Nichts Böses, ts ts. Ich will auch niemandem etwas Böses. Es macht mir nur Spaß, verstehst du?“
Wieder kam mir der Gedanke, ob man Mephisto vertrauen könnte. Aber was hatte ich zu verlieren? Ich hatte keine Alternative, sonst würde ich noch ewig durch diesen Wald irren.
„Weißt du eigentlich, wie verrückt du klingst?“
Mephisto sah mich pikiert an. „Verrückt, ich? So ein Unsinn. Ich bin ausgeglichen, Yin und Yang. Erst letzte Woche habe ich noch mit Buddha gesprochen. Und gestern mit Jesus. Spannender Typ! Sein Buch hab‘ ich auch gelesen.“
Ich versuchte Mephisto zu erklären, dass die Bibel nicht im wörtlichen Sinne Jesus‘ Buch sei, aber ihn interessierte das nicht. Er begann, querbeet aus der Bibel zu zitieren. Tatsächlich wollte er gar nicht mehr aufhören zu reden, er schien regelrecht begeistert: „Am besten ist doch die Stelle, wo Jesus in der Wüste ist. Kennst du die?“
So ging es ewig weiter. Ich fragte mich, wann wir endlich aus dem Wald kommen würden. Es fühlte sich eher so an, als ob wir immer tiefer in den Wald hineinliefen. Andererseits vertraute ich meinem Orientierungssinn nicht wirklich. Vielleicht konnte man Mephisto nun doch vertrauen? Er schien sich tatsächlich verändert zu haben. Immerhin las er nun die Bibel und hatte sich angeblich mit Jesus unterhalten. Vielleicht hatte er auch eine Midlife-Crisis und überdachte nun viele seiner Missetaten.
„HAALT STOPP!“
Ich blickte Mephisto irritiert an. Wir standen nach wir vor im Wald, genau genommen war neben uns ein tiefes Sumpfgebiet. Mephisto grinste breit. „Wie versprochen. Wir sind raus aus dem Wald. Raus aus dem Wald, rein ins Moor!“ Er begann sich vor Lachen zu kringeln.
Ich sagte gar nichts. Ich hätte es ja wissen müssen. Ganz schön naiv, gerade Mephisto zu vertrauen.
„Du bist unfassbar witzig, Mephisto. Genialer Streich, den du mir gespielt hast.“ Mephisto hörte mir gar nicht mehr zu, er kam aus dem Lachen nicht mehr heraus und wälzte sich auf dem Boden.
Da hörte ich einige Meter entfernt ein Rascheln. Schritte? Als ich aufblickte, sah ich einen Mann in grüner Arbeitskleidung hinter einem Busch hervortreten. Er blickte uns mit skeptischer Miene an.
„Ja, sagen Sie mal, reden Sie etwa mit Ihrem Pudel?“
„Äh ja, so kann man das wohl sagen,“ antwortete ich. Der Pudel bellte.
„Was machen Sie denn hier?“, fragte der Mann.
„Nun, um ehrlich zu sein, ich hab‘ mich verlaufen…“
„Dann kommen Sie mal mit. Ich bin Förster hier. Bis zur nächsten Straße müssen Sie aber ein paar Kilometer laufen.“
Ich folgte dem Förster schweigend und drehte mich noch einmal um. Der Pudel war verschwunden.
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