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geschrieben 2025 von Marc Minsky (Marc Minsky).
Veröffentlicht: 30.07.2026. Rubrik: Spannung


Der Seiltänzer

Es ist ein später Freitagabend, als ich zum Zirkusplatz fahren muss. Ich bin ewig nicht mehr dort gewesen, seitdem die Kinder nicht mehr klein sind. Ich fahre aus Gewohnheit mit offenem Fenster, obwohl es eigentlich nicht mehr warm ist. Als ich an einer roten Ampel halten muss, schaue ich durch die Windschutzscheibe auf die Sterne, die man wegen der Lichtverschmutzung nur spärlich sehen kann. Ich denke über die kurze Meldung nach, die ich vorhin erhalten habe: Ein Seil sei gerissen und ein Seiltänzer abgestürzt. Nein, es gebe keine Hinweise auf ein „technisches Problem“ (so nannte ich das) und normalerweise seien diese Seile ohnehin immer zu 100 % reißfest. So hat man es mir erklärt. Eine Streife sei bereits dort, und es gebe ein enormes Chaos. Gut, das wundert mich wenig, denke ich mir, während ich etwas zu schnell auf der Landstraße fahre. Es ist nun ein bisschen neblig geworden. Dennoch sehe ich in der Ferne ein geheimnisvolles Leuchten. Als ich auf das Gelände des Zirkus einbiege, ist der Nebel dichter geworden, sodass man den Himmel kaum noch sehen kann. Ich stelle den Wagen ab und eile in Richtung Zirkuszelt, das wie ein rotblauer Vulkan in der Mitte des Platzes thront.

Männer, Frauen und Kinder strömen kreuz und quer über das Gelände, die meisten zu ihren Autos. Aber nicht alle, man ist ja auch neugierig. Ich unterhalte mich mit den Streifenpolizisten und erfahre wenig Neues, außer dass der sogenannte Vorfall in der ersten halben Stunde der Vorstellung passiert sei. Die Spurensicherung ist nun auch da. Ihre Arbeit ist heute gar nicht leicht: Denn der Tatort (wenn es denn eine Tat gibt, aber davon scheint man auszugehen) ist ja quasi in 50 Metern Höhe. Um genau zu sein, ist er einer der beiden Masten, an dem das Seil aufgespannt war, welches ohne jede Vorwarnung gerissen war.
Der Direktor stürzt auf mich zu, er will reden, sein Gesicht ist rot und totenbleich zugleich.
„Noch nie passiert. Unmöglich. Da muss jemand was gemacht haben. Sabotage. Ein Anschlag!“ Und so weiter und so fort. Ich antworte zunächst nicht und nicke nur.
„Da werden Sie in alle Richtungen ermitteln müssen!“ Ich nicke wieder und sage schließlich mit besonders ernst klingender Stimme: „Ich werde alle ermittlungstechnischen und kriminaltheoretischen Methoden anwenden, um ein bestmögliches Ergebnis garantieren zu können.“ Damit verabschiede ich mich, um in Richtung der Manege zu laufen. Dabei passt mich einer der Streifenpolizisten ab, der mein Gespräch mit dem Direktor zufällig mitgehört hat.
„Was sollte das eigentlich eben mit „ermittlungstechnische und kriminaltheoretische Methoden“? Was bedeutet das überhaupt?“, fragt er.
„Keine Ahnung“, entgegne ich, „aber es beruhigt die Leute enorm. Sie müssen das auch mal ausprobieren.“ Er schüttelt nur den Kopf, ich gehe weiter. Als ich die Manege betrete, fällt mir auf, wie unwirklich so ein Ort wirkt, wenn keine Zuschauer da sind. Die Ränge sind komplett schwarz, wirklich beleuchtet ist nur die Manege. Die ist voller goldenem Sand, der an einer Stelle dunkelrot ist. Den Abgestürzten hat man bereits abtransportiert. Die Spurensicherung ist zugange. Man hat sich anscheinend damit abgefunden, zunächst einmal den Absturzort abzusichern, auf den Mast würde man sich erst mit einer ordentlichen Leiter hinaufwagen.
Der Herr von der Spurensicherung spricht nun mit mir. Das sei ja alles ganz schrecklich, man denke nur an die Kinder, die das alles mitansehen mussten. Traumatisiert fürs Leben. Ich nicke mehrmals und mache eine Kopfbewegung, die Anteilnahme signalisieren soll. „Heute machen wir hier nicht mehr viel. Morgen geht es weiter“, sagt er mit entschiedener Miene. Ich stimme zu und fahre nach Hause.

Morgen geht es tatsächlich weiter und in den nächsten Tagen und Wochen. Die Analysen der Spurensicherung ergeben, dass tatsächlich irgendjemand das Seil manipuliert hat. Genau so, dass es reißen musste, wenn eine Person sich darauf bewegen würde. Und zwar bei exakt der ersten Person, die das tun würde. Also ein Mord. Ich vernehme nahezu die gesamte Belegschaft des Zirkus einschließlich des Direktors. Leider gibt es viele hieb- und stichfeste Alibis: Man war schließlich mit Vorbereiten, Aufwärmen und Proben beschäftigt. Schon nach der fünften Vernehmung bin ich müde. Bei Vernehmung Nummer 21 verwechsele ich den Dompteur mit dem Zauberer. Sind Zauberer nicht immer automatisch verdächtig? Aber dieser hat ein perfektes Alibi.

Eines Nachmittags sitze ich in meinem Büro am Schreibtisch, nachdem ich den fünften Kaffee des Tages getrunken habe. Ich gestehe mir ein, dass ich feststecke. Nicht, dass es daran Zweifel gäbe. Ich habe fast alle 124 Zirkusmitarbeiter vernommen, viele haben Alibis, und die wenigen, die keins haben, haben kein Motiv. Wer sollte auch einen unbedarften, blutjungen Artisten ermorden wollen? Vermutlich ein Psychopath. Ein Wahnsinniger. Man liest ja immer wieder über solche Fälle in der Zeitung. Aber: Dann könnte es ja tatsächlich jeder gewesen sein. Dann müsste man den Ermittlungskreis auf jede Person, die an diesem Abend im Zirkus war, ausweiten. Gibt es überhaupt eine Liste mit allen Gästen an diesem Abend? Wohl kaum, viele werden ihr Ticket an der Abendkasse gekauft haben. Und der Datenschutz erst! Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen und greife nach meiner Kaffeetasse, besinne mich dann aber eines Besseren und entscheide mich schließlich, spazieren zu gehen.

Ich gehe planlos durch den Park, irgendwann bleibe ich vor einem Baum stehen. Heute ist es angenehm warm, Sonnenstrahlen fallen mir ins Gesicht. Ich merke, dass ich immer noch an den Fall denke. Der Seiltänzermord. Mir fällt auf, dass ein Spatz auf einem der Äste steht. Er singt sogar ein bisschen. Der Spatz beginnt, auf dem dünnen Ast entlangzulaufen. Ob der Ast nicht zu schwach ist, um ihn zu halten? Er geht sehr langsam, balanciert geradezu. Wie ein Seiltänzer. Ich muss müde lächeln und gehe weiter.
Aus dem Augenwinkel vernehme ich eine Bewegung. Neben dem Spatz steht auf einmal ein zweiter, und auch er beginnt, über den Ast zu laufen. Ich bleibe abrupt stehen und drehe mich um. Ein zweiter Spatz. Wie ein zweiter Seiltänzer. Ein zweiter Seiltänzer - diese Worte spreche ich immer wieder laut aus.
Ich eile in mein Büro zurück, stolpere beinahe die Treppe hinauf. Als ich wieder an meinem Schreibtisch sitze, schlage ich in meiner Liste nach. Und tatsächlich: Es gibt einen zweiten Seiltänzer. Mit ihm habe ich noch nicht gesprochen, tatsächlich ist er seit Wochen krankgeschrieben.
Der zweite Seiltänzer ist der Vertreter des Ersten. Vor allem ist er wahrscheinlich sein Konkurrent, denn er würde gerne jeden Freitagabend anstelle seiner auftreten. Auftreten, begeistern, vielleicht berühmt werden. Aber als zweiter Seiltänzer kann er das alles nicht. Doch jetzt ist er nicht mehr der Zweite.

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