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geschrieben 2026 von Catarina (Catarina).
Veröffentlicht: 19.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Gedanken auf dem Balkon

Manchmal sitzt Franz auf seinem Balkon, hört in der Ferne das rege Treiben der Stadt und fragt sich, ob die Welt wirklich so viel brutaler geworden ist – oder ob man früher nur weniger wusste.

In seiner Kindheit und Jugend gab es die Tageszeitung, in der es – mehr oder weniger Wissenswertes – aus dem näheren Umkreis zu lesen gab. Im Fernsehen und Radio lauschte man den Nachrichten. Was dort nicht erwähnt wurde, existierte auch nicht.

Eine Messerstecherei in Hinterupfingen? Nie gehört. Ein Überfall in Nirgendwo? Wen interessierts? Die Welt war kleiner – oder sagen wir – die eigene Welt. Der Teil der Welt, für den man sich interessierte und von dem man wusste.

Heute dagegen vibriert das Handy im selben Moment, wenn etwas passiert. Ein Video von einer Schlägerei, ein Bericht über einen Brandanschlag, ein Livestream vom anderen Ende der Welt, in dem jemand weinend erzählt, was ihm passiert ist. Alles in Echtzeit, alles ungefiltert.

Franz lehnt sich zurück. „Gibt es wirklich ein so viel Mehr an Gewalt?“, murmelt er. Die Vögel in den Bäumen antworten nicht.

Er denkt erneut an seine Jugend, an Kneipenschlägereien, vom Nachbarn, der regelmäßig seine Frau verdrosch. Von einem Jungen, der vom Vater so vermöbelt wurde, dass er wochenlang nicht zur Schule kommen konnte. Von einem Krämer, der seine Orden aus dem 2. Weltkrieg in allen Ehren hielt und offen über seine Sympatien zum damaligen Regime redete. Damals gab es keine Videos davon, keine Posts, keine Schlagzeilen. Nur Geschichten, die man entweder hörte – oder nie erfuhr.

Vielleicht, denkt Franz, war die Welt nie so richtig friedlich. Vielleicht war sie nur leiser – mit anderen Prioritäten.

Ein Krankenwagen fährt vorbei. Der Wagen selbst ist nicht sichtbar, aber das Martinshorn hörbar, lange bevor das Fahrzeug sein Haus erreicht und auch noch eine ganze Weile danach. Wie die Nachrichten über alles Mögliche in den digitalen Medien.

Franz trinkt einen Schluck Kaffee, der inzwischen nur noch lauwarm ist und denkt bei sich: „Vielleicht gibt es heute nicht mehr Gewalt. Vielleicht haben wir nur mehr Augen.“

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