Veröffentlicht: 21.08.2026. Rubrik: Unsortiert
David
Ich liebe es, durch unser kleines Kunstmuseum zu schlendern. Helle lichtdurchflutete Räume, Bilder und Statuen, die mit den Jahren zu Vertrauten werden. Aber auch immer wieder Neuerwerbungen, die die vorhandenen Exponate ergänzen oder andere Themenkreise eröffnen. Keine Originale, denn für die hohe Leihgebühr hat unser Museum kein Geld. Gute Reproduktionen, und manchmal sind auch einfach Kunstdrucke ausgestellt, die man nach dem Rundgang im Museumsshop kaufen kann.
In der Kunstlandschaft Hamburgs spielt dieses kleine Museum keine Rolle. Aber die engagierte Kuratorin sorgt mit wechselnden Ausstellungen und Veranstaltungen dafür, dass es immer im Gespräch bleibt.
„Italienisches Flair“. Ein großes Plakat an der Eingangstür mit goldenen Buchstaben. Dahinter die Landschaft der Toskana, die für uns Nordlichter der Inbegriff von Italien zu sein scheint. Der Duft von gebratenem Knoblauch aus dem Restaurant im Erdgeschoss zieht mich durch die Eingangstür.
‚Erst die Kunst und dann das Essen…‘ ermahne ich mich und steuere auf die Treppe zu. Im Foyer der ersten Etage steht er - der ‚David‘ von Michelangelo. Einer der schönsten Jungen der Kunstgeschichte. Samt seines Sockels ist er ca. drei Meter hoch und durch die geschickte Beleuchtung habe ich einen Moment den Eindruck, ich stände vor dem Original in Florenz.
Eine Gruppe Kinder verschiedenen Alters kommt die Treppe hochgestiefelt. Wie von Fäden gezogen laufen sie auf die Statue zu und bleiben mit offenen Mündern vor der Absperrkordel stehen. Eine Museumspädagogin folgt ihnen und lächelt mir zu.
„Ferienpass Hamburg“
Sie ruft die Kinder zusammen und beginnt zu erzählen:
Vom dem jungen David, der später der König des Volkes Israel werden sollte.
„Eines Tages wurde sein Volk von einem anderen, den Philistern, angegriffen. Ihr Anführer war ein Mann namens Goliath. Er war 3 Meter groß, also fast doppelt so groß wie David. Er trug einen Helm aus Bronze, einen Panzer und Schienen an den Beinen. Er war fast unverletzlich. Und er trug ein großes Schwert bei sich. David, der dem riesigen Mann entgegenlief, hatte kein Schwert. Aber er war klug und wusste, was er tun musste. Er griff in seine Hirtentasche, holte eine Schleuder und einen Stein hervor. Dann besann er sich einen Moment, legte den Stein in die Schleuder, zielte und traf Goliath mitten in die Stirn.
Die Kinder schweigen andächtig.
Jetzt erzählt die Pädagogin die Geschichte des magischen Marmorblocks.
„Der Block aus Marmor ließ sich schwer bearbeiten und schon zwei Bildhauer hatten sich vergeblich daran versucht. Dann wurde er erst einmal in der Werkstatt der Kathedrale – wisst ihr alle, was eine Kathedrale ist? – ja, genau, in der großen Kirche von Florenz aufbewahrt. Bis 26 Jahre später ein junger Mann mit dem Namen Michelangelo kam. Er befreite David aus dem Marmorblock und brauchte noch einmal vier Jahre dazu.
Nach dem Vortrag suche ich den Waschraum auf. Auf der Ablage am Waschbecken steht David. Goldglänzend und ca. 30 cm hoch. Zuerst muss ich schmunzeln, weil ich die Figur für Deko gehalten habe, aber dann sehe ich, dass sie mitten in der Seifenschale steht. Etwas unsicher an die Wand gelehnt. Das kann so nicht in Ordnung sein. Vielleicht hat sie jemand vergessen. Im Waschraum ist niemand außer mir. Also packe ich den schönen Jungen um die Mitte, um ihn bei einem der Museumswächter im Foyer abzugeben. Der beleibte Herr erhebt sich ächzend von seinem Plastikstuhl und kommt mir lächelnd entgegen.
„Sie haben einen Freund gefunden…“ schmunzelt er,
„Wir haben hier noch eine kleine Broschüre dazu…“
Schon sinkt er wieder auf sein Stühlchen. Ich öffne den Mund, um ihn zu erklären, wo ich den David gefunden habe, und…
„Sie können ihn im Museumsshop im Erdgeschoss bezahlen.“
Achselzuckend wende ich mich der breiten Treppe zu und mir wird bewusst, wie schwer die Figur in meiner Hand liegt. Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass es sich nicht um eine Nachbildung aus Messing handelt, sondern um ein wertvolles Replikat. Umso dringender muss ich es wieder loswerden. Vielleicht sollte ich es einfach irgendwo hinstellen, oder in den Waschraum zurückbringen. Aber David scheint sich gegen diesen Gedanken zu wehren. Er schmiegt sich warm in meine Handfläche, als wolle er Kontakt zu mir aufnehmen. Verwirrt bleibe ich einen Moment stehen.
Eine Dame mit berufsmäßigem Lächeln kommt auf mich zu. Hilflos halte ich ihr meinen David entgegen.
„Den können Sie im Museumsshop bezahlen, gleich gegenüber des Restaurants, die Broschüre ist kostenlos.“
Ich stehe da wie der sprichwörtlich begossene Pudel. Dann entdecke ich den Shop und vor ihm eine Verkaufsfläche mit an die dreißig Davidsfiguren. Alle so groß wie die in meiner Hand, aber aus ganz unterschiedlichen Materialien. In Messing, Marmor oder Gips, sogar in schwarz, Kunstharz in pink (jawohl, pink), quietschgrün und gelb. Einen Moment lang bin ich versucht, meinen David einfach dazuzustellen, aber es widerstrebt mir… wer weiß, wo er dann hingerät und ob dann überhaupt noch jemand seine Schönheit zu würdigen weiß. Nicht auszudenken, wenn er einen Kratzer bekäme…
„Der solls sein?“
Die Dame ist wie aus dem Nichts erschienen und erlöst mich aus meinem Dilemma. Sanft, aber bestimmt nimmt sie mir meinen David aus der Hand. Den Trennungsschmerz hatte ich nicht erwartet.
„Kommen Sie, die Kasse ist gerade frei.“
Sie betrachtet ihn von allen Seiten, wiegt ihn in der Hand…
„Ein schönes Stück, leider hat er kein Preisschild, sind sie mit 45,00 Euro einverstanden?“
Ehe mir bewusstwird, was ich tue, nicke ich und hole mein Portemonnaie aus der Handtasche. Dann sehe ich zu, wie sie ihm vorsichtig in einen Bogen Seidenpapier wickelt, danach in einen zweiten und ihn zum Schluss in eine grün-rosa Papiertragetasche mit dem Namensaufdruck des Museums legt. Die Broschüre und den Kassenbon dazu, und schon stehe ich wieder in dem breiten Gang zwischen Museumsshop und dem Restaurant.
„Hallo Karo, da bist du ja!!“
Meine Freundin Mara schiebt sich durch die Menschenansammlung wie der Bug eines Containerschiffs.
„Hast du mich vergessen? Wir wollten doch zusammen essen…“
Mein Mund ist so trocken, dass ich nicht antworten kann.
„Liebes, was ist denn, du siehst ja aus, als hättest du den heiligen Geist gesehen…?“
„Eher den heiligen David.“
Jetzt lachen wir beide und Mara manövriert mich ins Restaurant hinein an einen Tisch am Fenster. Unaufgefordert bringt uns der Kellner die Karte und jeder ein Glas Lambrusco. Man kennt uns hier. Bei Spaghetti und Wein erzähle ich Mara, was ich soeben erlebt habe. Sie lacht, bis ihr die Tränen die Wangen hinunterlaufen.
„Das bist typisch du…“ japst sie,
„aber mach dir keine Sorgen, sie haben dir den Jungen doch aufgedrängt, haben ihn in Seidenpapier gewickelt und du hast ihn bezahlt. Du hast sogar einen Kassenbon.“
„Und wenn das Ganze eine Falle ist?“
Der Teil meines Gehirns, der die Krimis schreibt, fängt an zu arbeiten. Er konstruiert eine Geschichte, an deren Ende mein schöner David in einem Panzerschrank verschwindet und ich lebenslänglich ins Gefängnis gesperrt werde.
„Das glaubst du doch wohl selbst nicht,“ Mara schüttelt den Kopf und lacht,
„ich bestell‘ uns noch zwei Amaretti.“
Ein halbes Jahr später sitzen Mara und ich in meinem Arbeitszimmer auf dem Fußboden. Zwischen uns das samstägliche Frühstück und das zerfledderte Abendblatt. Um uns herum Stapel von Büchern, Kunst – und Literaturzeitschriften, Manuskripte - mein kreatives Umfeld, ohne das ich nicht leben und nicht arbeiten kann.
„Lies‘ mal…“ Mara reicht mir ein einzelnes Zeitungsblatt,
„unten rechts…“.
„Wie erst jetzt bekannt wurde, ist dem ‚Museum für Kunstgeschichte‘ am Borgfelder Weg ein kostbares Replikat abhandengekommen. Es handelt sich um eine Nachbildung des ‚Davids‘ von Michelangelo. Die Figur ist ca. 30 cm hoch und aus 24 karätigem Gold.
Es wird vermutet, dass die Figur bereits im Sommer, während der Zeit der großen Ferien, verschwunden ist. Zu dieser Zeit lief eine Ausstellung über italienische Kunst, in deren Mittelpunkt der Mythos des Davids stand. Die Figur wurde einer Kunststudentin ausgehändigt, die sie zeichnen wollte. Danach ist sie nicht wieder aufgetaucht. Nun wird angenommen, dass entweder die Studentin die Figur verlegt hat oder dass sie zusammen mit den vielen Davids-Nachbildungen im Museumsshop verkauft wurde. Da zu den großen Ferien das Museum gut besucht war, und auch viele Ferienpass-Kinder im Haus waren, fanden zu dieser Zeit keine Taschenkontrollen statt.
Der Wert der Figur wird auf 200.000,- Euro geschätzt, wobei der Sammlerwert um einiges höher liegen kann. Da das ‚Museum für Kunstgeschichte‘ gut versichert ist, entsteht der Einrichtung kein finanzieller Schaden. Der Verlust für die Kunstwelt jedoch ist unermesslich.“
„Und…“ fragt Mara „willst du ihn zurückbringen?“
Ich sehe zu David hinüber, der auf der Fensterbank steht und gerade die ersten Schneeflocken seines Lebens bewundert.
„Warum? Ich habe ihn doch ehrlich erworben, OK, zum Schnäppchenpreis… aber er fühlt sich hier wohl und die Katze mag ihn auch.“
Mara füllt noch einmal Sekt in unsere Gläser,
„Wohlsein, auf David“





