Veröffentlicht: 26.08.2026. Rubrik: Unsortiert
Traumerfüller
Traumerfüller
Lange hat sie in jener Nacht vor ihrem sechsten Geburtstag wachgelegen, sagt sie.
Bedacht beginnt meine beste Freundin zu sprechen.
Damals fragte sie sich, ob ein paar ihrer Träume in Erfüllung gehen würden. So manches Mal erwähnte sie ihre Wünsche, sehr leise. Hatten es die Eltern und Großeltern gehört? Wie hatten sie es verstanden?
Das letzte Wochenende vor ihrem sechsten Geburtstag kamen ihre Großeltern extra aus der weit entfernten Stadt zu Besuch. Gemeinsam starteten sie einen Ausflug in einen Tierpark unweit ihres Zuhauses.
Damals war sie sehr aufgeregt und gespannt.
Heimlich wünschte sie sich oft, eine Forscherin zu sein. Von Biologie hatte sie schon mal etwas gehört. Da gab es dieses Buch in Papas Bücherregal: „Weltall, Erde, Mensch“. Bald wird sie es selbst lesen können.
Am Wegesrand entdeckte sie in der Sonne auf den Grashalmen der Butterblumen, ihren Lieblingsblumen, viele kleine Käfer. Oma erklärte ihr: „Es sind Marienkäfer. Mein Kind, diese kleinen Käfer lassen jedes Kinderherz höher schlagen. Kinder zählen die Punkte auf dem Rücken dieser kleinen Glücksbringer.“
Und schon saß einer dieser Glückskäfer auf ihrem rechten Handrücken. Stolz rief sie: „Mama, Papa, schaut mal, mein Käfer hat sechs Punkte.“ Ihr Opa räusperte sich damals und meinte: „Das bringt dir Glück.“
Später saßen alle auf einer Decke im saftiggrünen Feld bei einem Picknick. Sie kuschelte sich an ihre Eltern und schloss ihre blauen Augen. Dabei schlief sie wohl ein.
An den Traum von damals kann sie sich heute noch sehr genau erinnern. Immer wieder erzählte sie diesen ihren Eltern/Großeltern und später ihren eigenen Kindern.
Heute komme ich in den Genuss, diesen Traum zu erfahren.
Aufmerksam lausche ich nun ihrer Erzählung.
Die Käferkinder waren müde und fingen an zu quengeln. Deshalb beschlossen die Käfereltern, sich mit ihren Kindern auf einer Blüte auszuruhen. Der Wind schaukelte den Stengel der Blüte hin und her. Das Summen der Bienen beruhigte die Käferfamilie. Sie fühlten sich entspannt und glücklich. Am Himmel sahen sie dunkle Wolken vorüberziehen. Langsam schlossen sich die Blütenblätter.
Ihr Opa zupfte sie an einem ihrer kleinen Ohren. „Komm, mein Kind, es gibt noch viel zu entdecken, meine wissbegierige kleine Forscherin.“
Sie öffnete ihre Augen: „Wo sind sie, die kleinen Käfer? „Weggeflogen, mein Kindchen.“
Seit jenem Ausflug waren ein paar Tage vergangen.
Ein zartes Klopfen an der Kinderzimmertür ließ sie hochschrecken.
Sie erinnert sich: Lange schon hatte sie wach in ihrem Bettchen gelegen und auf diesen Moment gewartet. Ihre Eltern gratulierten ihr mit einem Blumenstrauß, Kuchen und brennenden Kerzen.
Die Kerzen pustete sie auf einmal aus. Auf einer Blüte ihrer Butterblume konnte sie einen Käfer erkennen. Sie rief: „Mama, Papa, es ist der Käfer aus meinem Traum.“ Stolz zählte sie die schwarzen Punkte auf dem Rücken des Marienkäfers, es waren sechs. Ihr Herz schlug vor Freude schneller.
Nun konnte sie es kaum erwarten, ihr Geschenk auszupacken, erzählt sie mir.
Dabei hüpfte sie vom rechten auf das linke Bein.
Ob sie das bekommt, was sie sich so sehr wünschte und erträumte? Heimlich hatte sie ihren Wunsch den Käfern im Traum erzählt.
Behutsam zog sie an der roten Schleife.
Langsam öffnete sie das kleine Kistchen. Wow, was blinkte ihr da entgegen?
Eine goldene Kette mit einem schwarz/roten Marienkäferanhänger. Sie sprang vor Freude in die Höhe und tanzte und drehte sich im Kreis. Ihr Traum hatte sich erfüllt. Sie war so glücklich.
Danke, beste Freundin, dass du mir diese Geschichte erzählt hast.
Schmunzelnd kramt sie in ihrer Umhängetasche und tatsächlich hält sie diesen einzigartigen Anhänger, den sie vor vielen Jahrzehnten von ihren Eltern geschenkt bekam, in ihren in die Jahre gekommenen, gepflegten Händen.
Dieser Käfer hat mir schon so manches Mal geholfen, die für mich richtige Entscheidung zu treffen.
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