Veröffentlicht: 24.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Das Paket
Ich sitze auf meinem grünen, durchgesessenen Sofa. Ich habe es vor zwei Jahren auf der Straße entdeckt und mich direkt verliebt. Wahrscheinlich war es zum Sperrmüll rausgestellt, aber das hatte mich nicht gestört, es ist zwar ein wenig demoliert, aber man sieht noch seinen alten Charme. Die meisten finden es grauenvoll, es ist ihnen zu außergewöhnlich. Genau das mag ich.
Gebannt schaue ich auf den Fernseher, ein Krimi, gerade beginnt eine Verfolgungsjagt. Der Bildschirm flackert, es rauscht und knistert, der Sturm, der gegen das Fenster peitscht, stört das Signal. Genervt seufze ich auf, vielleicht sollte ich doch in einen besseren Fernseher investieren.
Es klingelt an der Tür, laut schallt das blecherne Geräusch der großen Glocke, die ich in einer verworrenen Konstellation befestigt habe durch das Haus. Wer will denn um diese Zeit etwas von mir? Mit einem wehmütigen Blick zum Fernseher stehe ich auf, jetzt werde ich wohl das Wichtigste verpassen.
Ich laufe über den von meiner Großmutter geerbten Orientteppich zur buntbemalten Haustür, reiße sie erwartungsvoll auf. Nichts. Ich mache ein paar Schritte nach draußen, der Regen schlägt über mir zusammen, ich schaue mich um. Nichts. Hatte ich mir das Klingeln doch nur eingebildet? Das wäre auch nicht allzu erstaunlich.
Enttäuscht drehe ich mich um. Dann halte ich inne. An der Hauswand links neben der Tür liegt etwas. Ein braunes, bisschen zerknautschtes Paket. Ich habe gar nichts bestellt, vielleicht für die Nachbarn. Diese Paketboten heutzutage, die gar keine Zeit mehr haben, um noch zu warten bis jemand kommt, sondern das Paket nur schnell hinschmeißen. Ich beuge mich darüber. Als Empfänger steht mein Name und meine Adresse drauf. "Cornelia Reuter, Fichtenstraße 36, Fahnheim, Deutschland". Kein Absender. Na sowas.
Ich hebe es auf, relativ schwer, nehme es mit rein und stelle es auf den hölzernen Wohnzimmertisch, dessen eines Bein deutlich kürzer ist als die anderen, weswegen er wackelt. Erst jetzt fällt mir das Offensichtlichste an dem Paket auf, in dicken roten Buchstaben prangt da "Nicht öffnen!".
Wieso dann überhaupt das Paket? Soll das ein Test sein? Oder ist etwas Gefährliches darin? Wieso macht jemand so etwas?
Erneut hebe ich das Paket hoch, mustere es genau. Es sieht mitgenommen aus, der Karton wellt sich, überall sind Kratzer und Dellen. Aber nichts, was einen Hinweis auf den Inhalt gibt. Leicht neige ich es zur Seite, ich spüre keine Gewichtsverlagerung, nichts rutscht im Innern herum. Ungehalten schüttele ich es jetzt. Immer noch keine Regung. Was ist da bloß drin? Es muss etwas drin sein, schließlich ist es so schwer.
Frustriert stelle ich es wieder auf den Tisch und lasse mich auf das Sofa sinken. Lange sitze ich so da, weiß selbst nicht, was ich erwarte. Dass plötzlich ein Blitz vom Himmel kommt und Zombies aus dem Paket steigen? Wieso sollte ich es nicht einfach öffnen? Nur weil irgendwelche blöden Buchstaben darauf stehen?
Aus Nervosität ziehe ich an meinen Ohrläppchen, eine Angewohnheit, die ich mir wohl irgendwann zugelegt habe. Ich könnte das Paket auch einfach ignorieren, in den Müll schmeißen und nie mehr einen Gedanken daran verschwenden. Aber was, wenn etwas Nützliches drinnen ist? Geld, ein Heilmittel gegen Krebs? Oder gar etwas Gefährliches, das irgendwann von selbst ausbricht, doch in Richtung Zombies. Oder es ist erst gefährlich, wenn man es öffnet.
Wurde es mir anvertraut, im Glauben bei mir wäre es gut aufgehoben, dass ich es schon nicht aufmachen würde? Wer hat es mir gegeben? Nichts bringt mich irgendwie weiter.
In jedem Fall ist es eine verzwickte Situation. Ich kann nur wissen, was in dem Paket drin ist, wenn ich es aufmache. Momentan kann wirklich alles darin sein. Das Problem ist, ich soll es aus irgendeinem Grund nicht öffnen. Das Ganze erinnert mich an Schrödingers Katze. Ein Mischzustand zwischen tot und lebendig. Wissen und Nichtwissen. Erst bei Beobachtung enthüllt sich die Gestalt. Ist es vielleicht wirklich einfach nur ein Test, um zu schauen, wie ich reagiere?
Die Müdigkeit überkommt mich, besonders auf Grund der Aussichtslosigkeit der Situation. Schon als es an der Tür klingelte, war es nicht gerade früh, schon da bin ich fast während des Films eingeschlafen. Mittlerweile, nachdem ich mir schon viel zu lange den Kopf zerbrochen habe, kann ich nur noch schwer die Augen offenhalten. Ich möchte ins Bett, das Paket muss bis morgen warten, ich soll es ja sowieso nicht öffnen.
Mein schöner Krimi lief noch die ganze Zeit im Hintergrund, aber ich habe die Auflösung natürlich nicht mitbekommen. Ein weiterer ungelöster Fall. Und ich, Cornelia Reuter, mittendrin, als Detektivin. Ich angle nach der Fernbedienung, dabei schmeiße ich sie aus Versehen auf den Boden. Ich bücke mich. Mein Kopf ist dicht neben dem Paket. Ich erstarre. Ein Sirren. Ein Sirren kommt aus dem Paket. Bisher habe ich noch gar nicht geprüft, ob es Geräusche macht, hoffnungslose Detektivin.
Nun raschelt es auch noch in dem Paket, ich zucke zurück und knalle mit dem Kopf gegen die Sofakante, die trotz des Polsters nicht sehr angenehm ist. Ich reibe mir den Kopf und blicke starr auf das Paket. Mein Atem geht schnell und unregelmäßig. Es kam ein deutliches, ungleichmäßiges Geräusch aus dem Paket. Schrödingers Katze lebt. Wissen über Nichtwissen.
Ich ziehe das Paket auf meinen Schoß. Ich bin einfach zu neugierig, ich wusste, dass das Mal nicht vorteilhaft sein wird. Ich kann das Paket nicht länger nicht öffnen. Was, wenn wegen mir ein Tier im Inneren erstickt? Ich fahre mit meinen Fingern über das glatte Paketklebeband. Ich reiße es ab. Ich öffne das Paket.
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