Veröffentlicht: 24.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Wollen Sie Zucker?
"Wollen Sie noch Zucker oder Milch?", fragend blickt die Kellnerin mich an. Bevor ich dankend ablehnen kann, antwortet meine Verabredung schon: "Ja, Zucker bitte." Die Kellnerin stellt diesen neben mir ab und verschwindet wieder, um sich um die anderen Kunden zu kümmern. Mit zwei Fingern schiebe ich die kleine Dose mit dem Kristallzucker auf die andere Seite des Tisches.
Fasziniert beobachte ich mein Gegenüber, wie sie Zucker in ihren Tee gibt. Ich kann meinen Blick nicht von dem Schauspiel lösen, ein Löffel nach dem anderen verschwindet in dem Heißgetränk, ich zähle acht insgesamt. Allein der Gedanke an die damit verbundene Süße lässt mich das Gesicht verziehen. Ich schiele auf meinen schwarzen Kaffee, der so bitter schmeckt, dass man das Gefühl hat, er würde sich durch die Magenschleimhaut ätzen. Genüsslich trinke ich einen Schluck.
Ich schaue zurück auf den Tee und frage mich, ob man diesen überhaupt trinken könne oder direkt an einem Zuckerschock sterben würde. Meine Begleitung hebt die mit Blümchenmuster verzierte Tasse an und nippt an ihr. Dann nimmt sie einen großen Schluck. Erwartungsvoll sehe ich wie gebannt dabei zu. Es passiert nichts. Klirrend stellt sie ihre Tasse zurück auf den ebenfalls geblümten Untersetzer. Irgendwie bin ich fast ein wenig enttäuscht.
"Ist alles gut bei Ihnen?" Scheinbar hat sie mein Starren bemerkt. Ich fühle mich ertappt, doch versuche das so gut wie möglich zu verbergen. "Ist da noch Tee in Ihrem Zucker?" Verwirrt schaut sie mich an, um dann in Lachen auszubrechen. Erleichterung macht sich in mir breit, ich hatte schon Sorge, sie könne meine neckische Frage negativ aufgreifen.
"Wissen Sie, um ehrlich zu sein bin ich eigentlich kein sonderlicher Teetrinker, doch ich wollte nicht unhöflich erscheinen und nur ein Wasser bestellen. Außerdem brauche ich etwas zum Wachwerden, doch anders als so ist Schwarztee einfach nicht genießbar. Naja, immerhin noch besser als diese Schlammbrühe, die Sie da trinken."
"Das ist feinster Kaffee aus gerösteten Bohnen mit bester Qualität, nur deswegen gehe ich in dieses Cafe", erwidere ich empört, fange dann aber schallend an zu Lachen. Auch sie lacht wieder. Es ist ein schönes, glucksendes, aufrichtiges Lachen, eines von der Sorte, bei denen man das Gefühl hat, sie würden mit ihrer Wärme direkt bis ins Herz eindringen.
"Sie können mich gerne duzen!", ich strecke ihr meine Hand entgegen, die sie lächelnd ergreift. "Du mich natürlich auch."
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