Veröffentlicht: 25.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Käpt’n Popeye und das grüne Gold von Kyoto
Käpt’n Popeye und das grüne Gold von Kyoto
Der Wind auf den sieben Weltmeeren war rau, doch nichts hatte Käpt’n Popeye – den stattlichsten Birmakater zwischen Hamburg und Yokohama – auf die absolute Windstille dieses Raumes vorbereitet. Seine strahlend blauen Augen, sonst geschärft für heraufziehende Stürme, blickten leicht irritiert auf die zierliche Gestalt vor ihm.
Er saß, so gut es seine alten Seemannsknochen zuließen, auf einem seidenen Kissen. Seine weiße Matrosenmütze saß kerzengerade zwischen den dunklen Ohren, und seine老師-Pfeife (natürlich aus bestem Treibholz geschnitzt) steckte fest im Mundwinkel. Sein maßgeschneiderter, dunkelblauer Matrosenanzug spannte ein wenig am Bauch – der letzte Landgang war lang gewesen.
Ihm gegenüber kniete Oharu, eine Geisha von vollendeter Eleganz. Ihre Bewegungen waren so fließend wie eine ruhige See bei Sonnenaufgang. Mit einer rituellen Langsamkeit, die Popeyes Geduld auf eine harte Probe stellte, hob sie den Bambuslöffel. Sie goss heißes Wasser in die kunstvolle Keramikschale, in der sich bereits ein leuchtend grünes Pulver befand.
Popeye schluckte. Er war ein Kater der Tat. Wenn er Kraft brauchte, griff er nicht zu filigranem Bambusgeschirr. Er warf einen Blick nach unten, wo seine treue, seefeste Proviantdose stand. Auf dem rustikalen Blech prangten stolz die kunstvollen Kanji für Hōrensō – Spinat. Ein Hauch von Heimat in der Fremde. Seine Pfote mit dem stolzen Anker-Tattoo zuckte kurz, bereit, die Dose mit den Krallen aufzureißen.
Oharu bemerkte den Blick des pelzigen Seebären und lächelte milde. Sie begann, den Tee mit dem Chasen, dem Bambusbesen, zu schlagen, bis ein feiner, jadegrüner Schaum entstand.
„Für den edlen Gast aus fernen Ländern“, sprach sie mit einer Stimme, die wie Windspiele im Sommer klang. Sie drehte die Schale respektvoll zweimal und schob sie dem Kater hin. „Matcha. Das grüne Elixier der Ruhe.“
Popeye schnupperte misstrauisch. Es roch erdig, frisch, ein wenig nach Algen und Meer – aber vor allem extrem grün. Er blickte von der Schale zu seiner Spinatdose und wieder zurück. Ein tiefes, kehliges Schnurren entwich seiner Brust. „Beim Klabautermann“, dachte er sich und nahm die Pfeife aus dem Maul, „das Zeug sieht ja aus wie flüssiger Zauberspinat!“
Mit beiden Pfoten griff er nach der Schale, hob sie an und trank sie in einem einzigen, tiefen Seemannsschluck leer.
Oharu hielt vor Schreck den Atem an – so überrumpelte man die Teegötter eigentlich nicht. Doch als Popeye die Schale absetzte, die Augen weit aufriss und ein kraftvolles, energiegeladenes „Miau!“ von sich gab, während sich seine Muskeln unter dem Matrosenhemd sichtlich strafften, wusste sie: Dieser Gast verstand die Kraft des grünen Goldes auf seine ganz eigene, maritime Art.
Pierre Leschek 25.9.2026





