Veröffentlicht: 07.10.2026. Rubrik: Aktionen
Der Kinderwunsch
Wir schreiben das Jahr 2078. Die einst mit Skepsis betrachtete GenSelect App ist zum festen Bestandteil der Weltbevölkerung geworden. Ok – Weltbevölkerung trifft es nur zum Teil. Korrekt wäre: in der westlichen Welt und der Oberschicht aller anderen Nationen.
Das „Genselchen“, wie die App liebevoll genannt wurde, war ein Wunschzettel für Erwachsene - ein „Amazon der Familienplanung“. Auch für die blonde Nina. Konzentriert klickte sie sich durch die Seiten der Homepage. Franz, ihr Lebensgefährte, befand sich körperlich zwar im selben Raum, geistig war er aber mitten im Fanblock der Alianzarena, beim Finalspiel des UEFA-Cups.
Aufgeregt erkundete Nina die einzelnen Menüpunkte, die in ihrem Basispaket freigeschaltet waren: Gesundheit, Haarfarbe, Intelligenz und 3 Charaktereigenschaften. Dabei merkte sie, dass sie die Intelligenz nur pauschal festlegen konnte: IQ bis 110. Über 110 oder besondere Begabung für Naturwissenschaften, oder Sport kosteten extra und lagen außerhalb von Ninas Budget. Genau wie „Charisma“, das nur im XXL Paket enthalten war.
Nina dachte an ihre eigene Kindheit zurück - an die Lehrer, die sie immer wieder übersehen hatten. An die Kinder, die nicht mit ihr spielen wollten. An die Menschen, in deren Schatten sie komplett verschwand und offensichtlich unsichtbar wurde. Nina überlegte: „Soll ich einen Kredit aufnehmen oder noch ein paar Jährchen sparen, damit ich mir das Luxus-Paket leisten kann?“ Schließlich ging es hier um eine Investition fürs Leben. Und ihrem Kind sollte es besser gehen als ihr.
Sie dachte an die kleine Olivia-Chantalle, aus dem Nachbarhaus. Ein Kind, wie aus dem Bilderbuch. Die Eltern führten ihre kleine Tochter vor, wie Fußballer den UEFA-Cup. „So ein hübsches Kind!“ „Ach, wie niedlich“, schwärmten jeder, der das Püppchen aus Fleisch und Blut zum ersten Mal sah.
„Olivia-Chantalle, sag der Nina wo du wohnst“, forderte die Mutter das 18 Monate alte Kind auf, worauf die komplette Adresse, inklusive Postleitzahl, abgespult wurde.
„Und im Baby-Ballett ist sie die Beste und zum Schachkurs haben wir sie auch schon angemeldet“, ergänzte die Mutter.
„Ach, so ein Kind hätte ich auch gerne“, träumte Nina. Vielleich spare ich noch etwas, damit ich mir wenigstens das XL-Paket leisten kann. „Dann wäre ich rundum glücklich und eventuell auch das Kind.“
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