Veröffentlicht: 13.10.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Kraniche
Ich stehe auf der Terrasse und lausche.
Kraniche. Ihr typisches Trompeten ist schon seit zwei Tagen zu hören. Unendlich viele Vögel sind unterwegs in Richtung Süden. Ich kann sie nicht sehen, da eine niedrige Wolkendecke über unserer Stadt hängt. Aber allein ihre Rufe machen mich glücklich.
Erinnerungen an Erlebnis auf der Müritz. Es war Mitte Oktober, ein herrlicher Morgen. Der Nebel über dem Wasser schmolz langsam in der Sonne und um uns herum entstand ein leuchtendes Blau. Das Wasser, der Himmel und die letzten Nebelschwaden… Müritzblau. Wir waren mit einem Nationalpark-Guide in einem winzigen Boot unterwegs und befanden uns in der Nähe einer Halbinsel, auf der ca. 5000 Kraniche rasten sollten. Dazu Wildgänse, Kanadagänse, Enten. Als hätte jemand ein Kommando gegeben, erhoben sich die Kraniche. Wie eine einzige fließende Bewegung hinauf in dieses Blau. Auf einer bestimmten Höhe bildeten sie Formationen und richteten sich nach Süden aus. Fünftausend große Vögel und jeder einzelne wusste, wo sein Platz war. Es gab kein Geschiebe, kein Gedränge, keine Zusammenstöße. Alles fließend, alles wie selbstverständlich. Mein Mann neben mir wechselte zu der Kamera mit dem stärkeren Teleobjektiv, der Guide versuchte mit beiden Rudern das Boot im Gleichgewicht zu halten. Und ich kniete auf dem Boden, die Hände gefaltet. So überwältigt, dass ich weinte. Dankbar für das Wunder, das gerade in diesem Moment geschah, und dass wir dabei sein durften.
Jedes Mal, wenn diese großen Kranichzüge über Hannover erwartet werden, ist es etwas Besonderes. Es wird in der Zeitung verkündet, sowie in den regionalen Radio- und Fernsehsendern. Aber ich glaube, kaum jemand steht auf seiner Terrasse und lauscht.
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