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geschrieben von Dirk K (Dirk K).
Veröffentlicht: 18.10.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Einer von denen und doch keiner von denen

"Seltsam oder?" sagte Konrad nachdenklich, eher für sich selbst und
blickte von seinen Armen, die noch einige Einstiche und Narben aufwiesen,
auf um sich umzuschauen. "Was?" Fragte das blonde, blasse Mädchen
neben ihm tonlos. Sie war dürr und ungepflegt und wirkte als wäre sie noch
in einer anderen Welt. Ihre Arme waren zerstochener als seine. "Wir sind
hier im miesesten Viertel der Stadt und doch gibt es mit seinen Graffitis
und anderen Wandmalereien dieser grauen Stadt etwas Farbe und
Kreativität." er als Antwort. Die 19-Jährige war scheinbar
aus ihrem Drogentrip noch nicht wieder ganz da. "Wie kann ein Ort, der so
viel Elend mit sich trägt, gleichzeitig mit so viel Schönheit aufwarten?"
Seine Blicke wanderten über die bemalten Wände hinauf in den Himmel.
Es war ein Mittwochmorgen. Das dünne Grau, welches sich durch den
Himmel zog und hier und da etwas Rot zuließ, sowie die stehende
knisternde Luft kündigten den ersten milden Tag mit viel Sonne und blauem
Himmel in diesem noch jungen Jahr an. Konrad zog die Morgenluft tief ein.
Noch war alles ruhig, sodass die Luft noch rein roch. Fast schon nach
Frühling gemischt mit den knackig klaren Winternoten. Diese Ruhe und die
Atmosphäre ließ ihn in Gedanken Jahre zurückgleiten, ließ ihn Revue
passieren, wie er in diese trostlose Situation landen konnte.
An und für sich war seine Kindheit recht angenehm. Er war ein Einzelkind
und sein Vater war Werksarbeiter in einem großen Automobilwerk.
Schichtarbeit und Wochenendarbeit bestimmten den Alltag seines Vaters.
Er war ein aufrichtiger, hart arbeitender Mann, dem seine Familie heilig war.
Seine Kollegen und Bekannten schätzten ihn sehr. Konrads Mutter blieb zu
Hause. Sie kümmerte sich um den Haushalt und den kleinen Konrad. In
seiner Freizeit tobte der Vater mit Konrad im nahegelegenen Wald gerne
herum. Abends gab es dann von der Mutter eine köstliche leckere Mahlzeit.
Dann noch der Krimi, den sie als Familie anschauten und danach fiel
Konrad auch schon erschöpft ins Bett.
Als Konrad 11 Jahre alt war, verunglückte sein Vater bei einem schweren
Verkehrsunfall auf dem Weg zur Arbeit tödlich. Wie er erfuhr waren es die
Witterungsbedingungen eines trüben Herbstmorgens und die von der
Müdigkeit verzögerte Reaktionszeit, die dem Vater in einer Kurve zum
Verhängnis wurden.
Die ersten 2 Jahre nach dem Tod seines Vaters verliefen für beide
ungewohnt aber noch ruhig. Seine Mutter nahm eine Stelle als Kassiererin
bei einer Tankstelle an um für Konrad und sich weiterhin sorgen zu
können. Konrad selbst kam nicht wirklich zum Trauern. Er hatte noch seine
Mutter und er versuchte die Schule, so gut es ging, zu meistern. Man
konnte fast sagen, er lebte eine Weile so vor sich hin, quasi den Alltag eines
ganz normalen Kindes. Doch die Wut, der Schmerz, und das tiefe Gefühl
eine Lücke in sich zu haben war trotzdem immer da. Zwar noch in den
Hintergrund gedrängt aber es kratzte über die Jahre an seinem
Seelengestell. Der rauer werdende Umgangston an der Schule, der der
Pubertät der Schüler zu verdanken war, ließ seinen Schutzwall auch immer
stärker bröckeln. Nach und nach kam dann das Unausweichliche. Konrad
wurde vom ruhigen Schüler zu dem, der die Schwächeren verprügelte, der
die Unterrichtsstunden schwänzte und mit den anderen lieber im Konsum
klauen ging und Alkohol und Zigaretten für sich entdeckte. Die Mutter, die
aufgrund ihrer Arbeit wenig Zeit für ihn hatte, versuchte ihn an ihren
wenigen freien Stunden ins Gewissen zu reden. Sie fragte ihn was sein Vater
wohl sagen würde, wenn er sehen könnte, was aus ihm geworden ist. Trotzig
und zynisch, antwortete er dann immer, "Wollen wir
ihn mal fragen? Oh nein, das geht ja nicht mehr. Er musste ja sterben, weil er
für uns malochen ging .... und wofür? Er ist tot und uns geht es mieser.
Und glaubst du, dass es die ganz oben an der Spitze des Konzerns, wo er
gearbeitet hat, interessiert, was ihm zugestoßen ist oder aus uns wird?....
Glaubst du das?" Die letzten Worte schrie er dann immer wütend heraus
und verschwand. Die Reue und das schlechte Gewissen trieben ihn immer
wieder nach Hause zurück.
Zwischenzeitlich schien es auch wieder mit ihm aufwärtszugehen aber
aufgrund des mangelnden Geldes mussten sie in dieses Viertel ziehen.
Konrad fand schnell neue Freunde und die führten ihn an die verdammten
Drogen. Das Zeug ließ ihn alles vergessen. Dass ihm sein Vater fehlte, die
Sorgen, die er seiner Mutter bereitete und die aussichtslose Zukunft. Als
Konrads Mutter geistig und körperlich so angeschlagen war, dass sie nicht
mehr aus dem Haus konnte, kümmerte er sich um sie und ließ von den
Drogen ab. Er hatte seinen Vater schon verloren. Das Gleiche sollte ihm
nicht auch noch mit seiner Mutter passieren.
Vor einem Jahr ist sie dann seinem Vater doch gefolgt. Konrad war 17
Jahre. Er wusste nicht wohin. Also schlug er sich irgendwie auf der Straße
durch und fand wieder gefallen an den Drogen. Tagsüber bettelte er im
Zentrum der Stadt. Doch am Abend zog es ihn in die gewohnte Umgebung
seines Viertels zurück. Die Wochen vergingen. Monotonie folgte auf
Verzweiflung und wechselte sich mit Gleichgültigkeit ab. Ihm wurde alles
egal.
An diesem Tag, dessen anbrechender Morgen ihm zeigte, dass es nicht
immer Grau bleiben musste, waren ihm wieder seine Eltern in seiner
Erinnerung so klar aufgetaucht als wären sie noch bei ihm. Konrad wurde
mit einmal bewusst, dass er, auch wenn sie nicht mehr da waren, so viel von
ihnen an Eigenschaften und Erinnerung sowie Ratschlägen in sich trug. Die
letzten Jahre war ihm das nicht bewusst. Aber er hatte sie. Auch wenn seine
Eltern schon Jahre tot waren, so konnten sie ihm auch jetzt noch als Vorbild
in seinem geistigen Auge vorausgehen.
Konrad wurde klar, dass er so nicht mehr weiterleben konnte. Er wollte
nicht mehr nur das Grau sehen. Er wollte die Farben wieder bewusst wahr
nehmen. Er wollte sein Leben selber gestalten und nicht von den Drogen
und all dem Frust beherrschen lassen. Noch am selben Tag trieben ihn die
Ungeduld und die Entschlossenheit in die Stadt. Er wusste, wenn er den
Sprung in ein zufriedenstellendes Leben schaffen wollte brauchte er feste
Strukturen. Den ersten Schritt wollte er mit einem richtigen Bett in vier
Wänden, einem Dach und einem Fußboden umsetzen.
Konrad wusste, dass er das vorerst nur in einer Sozialunterkunft finden
konnte. Allerdings zeigte ihm der erste Tag in seinem geplanten neuen
Leben schon, dass ein Neuanfang alles andere als leicht sein würde. Konrad
musste feststellen, dass er noch zu unvorbereitet war, weswegen er auch nur
eine Sozialeinrichtung fand, in der leider schon alles belegt war. Immerhin
erhielt er in dieser Einrichtung eine Broschüre mit wichtigen Hinweisen, die
einem den Wiedereintritt in ein geregeltes Leben ermöglichen sollten sowie
Adressen, wo er sich melden konnte, um die nötige Unterstützung oder
Unterkünfte erhalten könnte. Die erste Nacht mit neuem Ziel musste
Konrad also erneut in der Kälte verbringen. Dennoch ließ ihn das positive
Gefühl endlich ein anständiges Ziel vor Augen zu haben ruhig einschlafen.
Die folgenden Monate wurden zur ersten Zerreißprobe. Konrad studierte
aufmerksam die Broschüre und klapperte alle Sozialeinrichtungen ab. Er
konnte in den ersten Wochen nur in den Wartelisten für eine Unterkunft
aufgenommen werden. Er meldete sich auch beim Arbeitsamt, wie in der
Broschüre empfohlen und stellte sich auch bei angegebenen
Zeitarbeitsfirmen vor. Wie zu erwarten war die Begeisterung und der Eifer
seines Beraters beim Arbeitsamt, einen jungen Mann von der Straße zu
vermitteln, gering und auch bei den meisten Zeitarbeitsfirmen war die
Skepsis recht groß. Doch immerhin kamen bei zwei der Zeitarbeitsfirmen
seine Entschlossenheit und sein Auftreten positiv an, sodass man bereit war
ihn zumindest einen vorläufigen Vertrag anzubieten. Konrad entschied sich
für die Firma, die näher am Zentrum der Stadt lag da dort die Anbindungen
besser waren. In der Zeit, wo er nicht vermittelt werden konnte, verdiente
er sich als Werbungsausträger ein paar Euro dazu. Es wäre gelogen zu
sagen, dass er in der Zeit des Wartens auf einen richtigen Job und ein
eigenes Zimmer kaum drohte rückfällig zu werden und erneut Drogen zu
konsumieren. Doch wenn die Versuchung zu groß wurde, suchte er die
große Wiese auf dem Friedhof auf wo er wusste, dass seine Eltern dort
begraben waren oder betrachtete die Gemälde in seinem Revier. An dem allgemeinen Grab mit seinen Eltern zu sprechen, auch wenn sie nicht mehr
da waren, gab ihm Kraft. Er hatte immer das Gefühl, dass sie trotzdem da
waren und ihm zuhörten. Die Bilder an den Häusern in seinem Viertel
zeigten ihm jedes Mal, dass man aus jeder Fassade, sei sie noch so grau und
trostlos, etwas Schönes machen konnte, wenn man nur bereit wäre seinen
Geist zu entfalten und seiner Kreativität eine Chance zu lassen. Man musste
nur offen sein und an seinem "großen Projekt" dran bleiben egal unter
welchen Bedingungen.
Dank des Austragens von Werbung und da Konrad es durch das Leben auf
der Straße gewohnt war auf Sachen zu verzichten, konnte er sich etwas
Geld ansparen. Schon bald folgten den geringen Ersparnissen erste Erfolge.
In einer der Einrichtungen wurde ein Zimmer frei, das er beziehen konnte
und auch die Zeitarbeitsfirma konnte ihm eine Stelle als Aushilfe bei einem
Bauunternehmen beschaffen. Endlich war Konrad auf dem richtigen Weg.
Doch das Leben ist nun mal ein ständiges Auf und Ab. Das musste auch
Konrad merken, der sich Aufgrund seiner Zeit auf der Straße, eine
teilweise raue Art angelegt hatte und deswegen bei einigen Bewohnern der
Sozialeinrichtung und auch bei manchen Kollegen auf dem Bau aneinander
geriet. Gewiss hatte Konrad einen guten Kern. Doch nicht immer gelang es
ihm diesen zum Vorschein zu bringen. Seine gelegentlichen verbalen
Entgleisungen brachten ihn bereits zwei Verwarnungen in der Unterkunft
und eine Abmahnung auf der Arbeit ein. Mittlerweile besuchte er 2 Mal
wöchentlich seine Eltern am Grab. Er verstand nicht, warum es ihm so
schwerfiel mit anderen zurechtzukommen. Er wollte doch wieder auf die
rechte Bahn kommen und ein guter Mensch werden, damit seine Eltern
stolz auf ihn sein konnten. Damit er auch selber wieder zufrieden in einen
Spiegel schauen konnte, ohne sich seiner selbst zu schämen.
Sein Glück war es, dass einer der Leiter der Sozialeinrichtung Mitleid mit
Konrad hatte aufgrund dessen Vergangenheit und daher recht nachsichtig
mit ihm war. Bei der Arbeit fand er mit der Zeit auch zwei ältere Kollegen,
die ihn aufgrund seines Fleißes und seiner direkten und ehrlichen Art
schätzten und sich seiner annahmen. Sie gaben ihm Ratschläge welchen
Kollegen er besser aus dem Weg gehen sollte, wie er sich manche Arbeit
erleichtern bzw. verbessern konnte und gingen mit ihm Abends auch in die
Kneipe. Die Gespräche mit den Kollegen taten ihm gut. Er lernte einiges aus
ihren Lebenserfahrungen und öffnete sich ihnen zunehmend mehr weshalb
sie schnell verstanden warum, er anfangs nicht allzu umgänglich war.
Einige Jahre sind mittlerweile vergangen. Konrad hatte nun das erreicht,
was er wollte. Er hatte ein geregeltes Leben. In der Baufirma wurde er fest
angestellt und er konnte sich eine kleine nette Einzimmerwohnung leisten.
Dennoch verspürte er eine gewisse Unruhe. Immer wieder trieb es ihn
nach Feierabend in sein altes Viertel. Die Gemälde an den Häusern ließen
ihm keine Ruhe. Die Farben, die Details, die Motive das alles faszinierte ihn.
Wie kam man auf solche Ideen? Wie bekam man ein Auge für solche
Feinheiten? Immer wieder stellte er sich solche Fragen. Konrad kam zu
dem Entschluss, dass es nur einen Weg gab seine Neugier zu stillen. Er
belegte ein Fernstudium in Kunst. Er studierte nach der Arbeit zu Hause.
Das Studium sorgte für einen Ausgleich in ihm und er schloss recht passabel
ab.
Bei seinen gelegentlichen Streifzügen durch sein altes Viertel, auf der
Suche nach neuen Motiven, fiel Konrad an einem heißen
Samstagnachmittag ein ungepflegter Junge, den er auf ca. 15 Jahre schätzte
auf. Er bemerkte auch die frischen Einstiche an den Armen des Jungen. Der
Junge lehnte gelangweilt an einer Hauswand mit neuem Motiv. Konrad
dachte, dass der Junge ihm deswegen auffiel, aber er bemerkte, dass es etwas
anderes war, was seine Aufmerksamkeit an dem Jungen weckte. Trotz des
offensichtlichen Drogenkonsums hatte der Junge etwas Waches etwas
Klares aufgewecktes in seinem Blick. Für den Jungen bestand also noch
Hoffnung. Konrad fragte sich, ob er nicht nach dem passiven Projekt Kunst
zu studieren und zu bewundern sich nicht einer aktiven Herausforderung
widmen sollte. Er ging auf den Jungen zu. "Hey Zwerg!" Rief er.
"Was für ein Hobby hast du?" "Hä?" gab der Junge sichtlich irritiert als Antwort. "Na
wofür interessierst du dich?" Fuhr Konrad mit einem herausfordernden
Grinsen mit seiner Taktik der Konfrontation fort. "Ich steh` nicht auf
Männer!!! Also verzieh dich besser!" antwortete der Junge gereizt.
"Du bist zu jung, um dein Leben einfach wegzuwerfen und da dir das
offensichtlich noch keiner erfolgreich beibringen konnte, werde ich auch so
schnell nirgends wohin gehen." meinte Konrad mit ruhiger Stimme und
drückte ihm seine Broschüre in die Hand, die er damals erhielt und schrieb
seine Handynummer auf die erste Seite. "Weißt du, jeder hat die Chance
und das Recht sein Leben neu zu gestalten. Er braucht nur die richtige
Motivation, die richtigen Menschen an seiner Seite und das richtige Ziel,
was seinen Leitfaden in neue Wege lenkt!" "Und warum willst du wissen,
dass ich einen neuen Weg gehen will?", fragte der Junge immer noch trotzig.
"Weil ich mal so aussah wie du, mit den gleichen Löchern im Arm und weil
ich den Blick nur zu gut noch von früher kenne." Konrad lehnte sich neben
den Jungen und begann mit seiner Geschichte........
Nun liebe Leser und Leserinnen,
ihr oder sie erhielten einen Einblick in das ereignisreiche Leben eines
fiktiven jungen Mannes. Dieser Mann hat dank seiner starken Beziehung zu
seinen Eltern, die leider zu früh von ihm gingen, seines unbedingten Willens
aus sich etwas zu machen, seiner Hartnäckigkeit, seiner Liebe zur Kunst
sowie einiger glücklicher Umstände den Weg aus dem Drogenkreis und von
der Straße geschafft. Wie sie/du dem Text entnehmen können/kannst ist das Ende
offen. Sie/du kannst also selber entscheiden, ob die erwähnte aktive
Herausforderung lediglich in diesem einen Jungen liegt oder ob Konrad
sich jetzt selber sozial als Berater für andere Menschen engagieren will und
natürlich wie es mit Konrad selber weiter gehen soll. Ob er eine eigene
Familie gründet, ob er bei dem Bauunternehmen bleibt oder ob er als
Junggeselle den Beruf wechselt. Diese und andere offene Fragen überlasse
ich nun ganz ihren fähigen Fantasien.

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