Veröffentlicht: 19.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Die unsichtbare Tochter
Ich war schon einige Jahre verheiratet, noch immer nicht schwanger. Überall sah ich Schwangere, Babys, Kleinkinder. Mein Mann versuchte mich zu trösten: "Wir sind doch einander genug." Wie wenig kannte er mich.
So beschloss ich eines Tages, mir ein Tochter zu erfinden.
Ich richtete ein Kinderzimmer ein, die schönsten Sachen sollten meine kleine Tochter - ich nannte sie Beate - umgeben. Mein Mann schüttelte den Kopf, wollte mich zum Psychiater schicken. Ich kaufte alles - Gitterbett, Wickelkommode, bunte Bettwäsche - erzählte allen, dass ich bald eine Tochter bekäme.
Meine Tochter kam zu Welt - 24.Dezember, ein Christkind, ich wollte mit meinem Mann ihren Geburtstag feiern - doch er verweigerte. Zwei Wochen später - er zog aus.
Sie wurde größer, kam in den Kindergarten (privat), in der Schule - wenn ich die benötigten Sachen kaufte, erzählte ich meinen Freundinnen von ihr, wie brav sie sei, sozial und mitfühlend. Allerdings müsste sie immer von mir unterrichtet werden, den Lärm und die vielen Kinder in der Schule würde sie nicht ertragen.
Meine Phantasiewelt wurde für mich die einzige Realität, die ich besaß. Mein Beruf, ich war Lehrerin, ging so nebenbei. Allerdings studierte ich das Verhalten der Schüler ganz genau und übertrug dies auf meine imaginäre, doch für mich reale, Tochter. Als sie in die Pubertät kam, wurde sie aufsässig, wollte nicht mehr allein mit mir sein, wollte Freundinnen haben, in eine öffentliche Schule gehen.
Was sollte ich nun tun? Die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen? Eine imaginäre Tochter? Die Psychiatrie drohte. So beschloss ich, sie für ein Jahr nach Amerika zu schicken. Alle bewunderten mich, dass ich meine Tochter alleine wegfahren ließ und so gar keine Angst um sie hätte.
Ich begann, in ihrer Abwesenheit ein Buch zu schreiben - über sie und mich. Eine Hymne auf das Leben als Mutter. Das Jahr verging, sie kam zurück, nicht mehr die, die sie bei ihrer Abfahrt war. Frech, rücksichtslos, von Drogen abhängig, mich wüst beschimpfend, ich hätte ihr ihre ganze Kindheit und Jugend gestohlen!
Ich nahm das Buch, das von unserer gemeinsamen Existenz Zeugnis geben sollte, warf es in das offene Feuer, das im Kamin brannte!
Ihre Gestalt löste sich auf, nicht einmal ein Schatten blieb - nichts.
Mein Herz brach, hörte auf zu schlagen. Für immer
mit meiner unsichtbaren Tochter vereint.





