Veröffentlicht: 04.11.2026. Rubrik: Unsortiert
Koda und die Lichter des Winters
Koda und die Lichter des Winters
Der Sturm heulte wie ein verletztes Raubtier über das endlose Weiß, als der junge Inuit-Junge Koda auf dem Rückweg von den Eislöchern war. Der Schnee peitschte ihm so dicht ins Gesicht, dass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Plötzlich vernahm er ein Geräusch, das so gar nicht in die arktische Kälte passte: ein leises, klägliches Fiepen.
Koda kniete nieder und scharrte den frisch gefallenen Schnee beiseite. Zu seinem Erstaunen blickten ihn zwei Augen an – so grün und leuchtend wie die Aurora Borealis, die manchmal den Nachthimmel tanzend erfüllte. Sie gehörten einem winzigen, tiefschwarzen Katzenbaby. Wie das Tier hierhergekommen war, blieb ein Rätsel, doch Koda zögerte keinen Moment. Er steckte das zitternde Bündel tief in seine warme Fellparka, direkt an seine Brust.
Zu Hause im Iglu angekommen, legte Koda den blinden Passagier auf eine Decke aus Karibufell. Dort lag bereits Jakarta, sein neugeborener Schlittenhund-Welpe. Jakarta, ein dicker kleiner Fellknäuel mit treuen Augen, beschnupperte den seltsamen Gast neugierig. Statt zu fauchen oder zu knurren, rollte sich die schwarze Katze – die Koda wegen ihrer Augen Anana (Schnee-Aurora) nannte – eng an den warmen Welpen.
Von diesem Tag an waren Jakarta und Anana unzertrennlich. Sie wuchsen zusammen auf, teilten sich die Fleischbällchen und spielten im weichen Schnee. Anana lernte schnell, sich wie ein Schlittenhund zu verhalten: Sie lief neben dem Gespann her, zeigte keine Angst vor der Kälte und entwickelte ein dichtes, beinahe wasserabweisendes schwarzes Fell.
Jahre vergehen im Norden schnell, und aus den Tierkindern wurden stattliche Gefährten. Dann brach der strengste und unbarmherzigste Winter an, den das Dorf je erlebt hatte.
Wochenlang tobte ein ununterbrochener Blizzards. Das Eis fror so dick zu, dass die Männer des Dorfes keine Löcher mehr hineinschlagen konnten, um zu fischen. Die Jagd auf Robben war unmöglich, und die Vorräte der Familie neigten sich dem Ende zu. Der Hunger zog in Kodas Iglu ein, und die Gesichter seiner Eltern wurden von Tag zu Tag schmaler.
Anana spürte die Not ihrer Familie. Eines Nachts, als der Sturm endlich etwas nachließ, schlüpfte sie leise durch den Ausgang des Iglus. Jakarta, der draußen im Schutz der Schneemauer schlief, hob den Kopf und wollte ihr folgen, doch Anana gab ein kurzes, bestimmtes Schnurren von sich – ein Zeichen, dass sie allein gehen musste. Ihre grünen Augen leuchteten in der Dunkelheit, als sie wie ein schwarzer Schatten über das Eis glitt.
Sie steuerte nicht die tiefen Eislöcher der Menschen an, sondern suchte die flachen, strömungsreichen Stellen am Rande des Fjords, wo das Eis durch die Bewegung dünner blieb. Mit ihren feinen Sinnen hörte sie das Wasser unter der gefrorenen Kruste glucksen – und das Huschen von Fischen.
Mit den Krallen scharrte sie unermüdlich eine kleine Öffnung frei. Dann verharrte sie, völlig reglos, eine perfekte Jägerin im ewigen Eis. Ihre Rute zuckte kaum spürbar. Als ein großer Polardorsch unter der Öffnung vorbeischwamm, stieß Anana mit blitzschneller, instinktiver Präzision zu. Ihre Pfote tauchte ins eiskalte Wasser, und im nächsten Moment schleuderte sie einen fetten, silbernen Fisch auf den Schnee.
Am nächsten Morgen erwachte Koda von einem aufgeregten Jaulen Jakartas. Als der Junge den Iglu-Ausgang öffnete, traute er seinen Augen nicht. Anana saß stolz im Schnee, und vor ihr lag ein beachtlicher Haufen frischer, tiefgefrorener Fische. Ihre Schnurrhaare waren voller Eiskristalle, aber ihre grünen Augen blitzten vor Zufriedenheit.
Dank Ananas nächtlichen Jagdausflügen hatte die Familie in den kommenden Wochen jeden Tag frischen Fisch zu essen. Die schwarze Katze, die einst im Schneegestöber gerettet worden war, hatte den Spieß umgedreht und wurde zur Retterin derer, die ihr einst das Leben geschenkt hatten. Als der Frühling endlich das Eis aufbrach, war das ganze Dorf zusammengekommen, um die außergewöhnliche Katze und ihren treuen Hundefreund Jakarta zu ehren – die ungleichen Geschwister der Arktis.
Pierre Leschek 2.2.1998
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Geschichte Nummer 11294



