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3xhab ich gern gelesen
geschrieben von Weißehex.
Veröffentlicht: 19.12.2019. Rubrik: Unsortiert


Franz feiert Weihnachten

Heiligabend 1944, ein Dorf in Ostpreußen

Die milchige Helligkeit im Zimmer war seltsam. Dann wurde Franz klar, was sie zu bedeuten hatte: Es hatte schon wieder geschneit! Er sprang aus dem Bett und rannte zum Fenster. Tatsächlich: Die Landschaft war im frischen weißen Schnee versunken. Wie schön, neuer Schnee an Heiligabend! Er öffnete mit der linken Hand das Fenster, schaute hinaus und atmete tief die klare kalte Luft ein. Seiner rechten Hand, die wie immer nutzlos herunter hing, schenkte er keine Beachtung. Etwas war damals bei seiner Geburt schiefgelaufen, sodass die Hand verkrüppelt war. Aber Franz war sicher, dass er trotzdem in den Krieg ziehen könne, so wie sein älterer Bruder Rudolf, der an der Front kämpfte. Mit seinen elf Jahren hatte Franz keine wirkliche Vorstellung davon, was "an der Front" bedeutete. Aber es musste etwas Gutes sein, für das Vaterland zu kämpfen.

Vor der Tür wurden Stimmen und Geräusche laut. Seine Mutter und seine beiden Schwestern machten sich wohl in der Küche zu schaffen. Heute Abend würde es ein leckeres Weihnachtsessen geben. Franz freute sich darauf. Er atmete noch einmal tief die frische Luft ein, dann beschloss er, sich anzuziehen. Auch wenn Sonntag war, hielt es ihn nicht länger im Bett. Er dachte an seinen Bruder. Schade, dass er nicht an Heiligabend bei der Familie sein konnte. Aber wirklich lange konnte der Krieg ja nicht mehr dauern.
„Sobald wir gewonnen haben, ist Rudolf wieder da", dachte er. Und der Endsieg stand ja kurz vor der Tür, wie die Nachrichten im Radio jeden Tag vermeldeten.

Der Tag verging, wie jeder Heilige Abend, unendlich langsam. Nachmittags hielt es Franz nicht im Haus. Er lief zum zugefrorenen See und sah sich die Schlittschuhläufer dort an.
„Franz! Huhu!" Die Stimme kam von der anderen Seite des Sees. Er schaute hin und erkannte Hermann, einen Klassenkameraden. Er lief auf ihn zu.
„Gehste auch Schlittschuhlaufen?"
Franz schüttelte den Kopf. „Ich hab keine."
„Vielleicht kriegste ja heute Abend welche."
Franz' Augen leuchteten auf. Schlittschuhe, das wäre ein tolles Weihnachtsgeschenk! Aber die hatte er sich nicht gewünscht.
„Glaub ich nicht", sagte er seufzend.
„Kommt dein Bruder heim?"
„Nee, er hat keinen Heimaturlaub bekommen. Er ist ja auch an der Front", sagte Franz stolz.
Hermann nickte. „Da gehe ich auch bald hin."
„Ich auch!" Der Satz rutschte Franz heraus, ohne dass er drüber nachgedacht hatte.
Hermann schüttelte den Kopf und deutete auf Franz' rechten Arm. „Damit? Kannste ja noch nicht mal ein Gewehr halten. Nee, das wird nüscht."
„Dann schieß ich halt mit dem linken Arm." Und flugs bückte sich Franz, holte mit dem linken Arm eine Handvoll Schnee, formte einen Schneeball und warf ihn Hermann über. „Na warte!" Hermann lachte und tat es ihm gleich. Die Schneebälle flogen hin und her.
„So, jetzt reicht es", prustete Hermann schließlich. „Ich muss jetzt nach Hause."
„Ich auch. Frohe Weihnachten!"
„Dir auch!"

Franz lief nach Hause. Auf Zehenspitzen schlich er an der Küche vorbei, weil er die Frauen nicht bei der Arbeit stören wollte, blieb aber neugierig stehen, als er die Stimme seines Vaters hörte.
„Findest du es nicht seltsam, dass wir noch so viel zu essen haben? Es ist schon solange Krieg und es soll nicht gut aussehen."
„Pscht!" machte seine Mutter, doch sein Vater redete weiter. „Wahrscheinlich werden sie alles irgendwo anderen armen Teufeln weggenommen haben."
„Pscht!", sagte die Mutter noch einmal. „Rede nicht darüber! Und lass den Kindern ihr Weihnachten. Sie können nichts dafür."
„Ach, Lieselotte....", dann folgte ein Geräusch, als habe der Vater der Mutter einen schmatzenden Kuss gegeben und Franz beeilte sich, in sein Zimmer zu kommen. Zärtlichkeiten zwischen seinen Eltern wollte er nicht hören.

In seinem Zimmer betrachtete er das Bild von Rudolf an der Wand, Rudolf in seiner Uniform, mit dem Gewehr auf den Knien. Er lächelte in die Kamera. Franz nahm das Bild von der Wand.
„Frohe Weihnachten, Rudolf", flüsterte er.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Dan Prescot am 20.12.2019:

War das so? Wir können uns das kaum noch vorstellen. Schöne Geschicht, passend zur Weihnachszeit.




geschrieben von Weißehex am 20.12.2019:

Hallo Dan, dankeschön! Ich weiß nicht, ob es so war, ich habe versucht, mich in die Zeit hinein zu versetzen, was ziemlich schwierig war. Ich habe für die Geschichte, obwohl sie nicht allzulang ist, auch recherchiert. Freut mich, dass sie dir gefallen hat! Viele Grüße Weißehex

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