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geschrieben von Hartmut Holger Kraske (Hartmut Holger Krask).
Veröffentlicht: 09.02.2020. Rubrik: Satirisches


Im Job und im Krieg ist alles erlaubt

Die Arbeitswelt ist Krieg, mein Freund! Ein Mehrfrontenkrieg in der Kantine. Rückzugsgefechte in der Personalabteilung. Ich denke taktisch darüber nach, wo in dieser Firma ich auf keinen Fall einen Herzinfarkt kriegen will. Von wem meiner dämlichen Kollegen will ich auf keinen Fall gerettet werden? Wer aus meiner Abteilung ist ohnehin zu doof den Defibrillator richtig anzuwenden? In diesem Laden hier will ich nicht sterben! Sterben ist hier keine Option. Durchhalten! Den Hügel stürmen! Ich checke im Spiegel meinen Geschäftsanzug, die Uniform meiner kleinen aber sehr gefährlichen Ein-Mann-Armee. Der Lärm des Schlachtfelds dringt in die Firmentoilette; Schnellfeuer der Büromaschinen, kurze über den Gang gerufene Befehle. Die Frontlinien verlaufen hier völlig diffus. Asymmetrische Kriegsführung. Das Messer im Rücken ist der häufigste Karrieretod. Ich verlasse die Firmentoilette. Ich stoße nach draußen, so als würde ich mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springen. Ich springe über feindlichem Gebiet ab. Dennoch grüße ich den Chef so kriecherisch wie es mein Stolz noch zulässt und so lässig wie es noch angemessen erscheint. Es ist eher ein Salutieren. So lässig man eben salutieren kann.

Okay. Hier geht es nicht um Karriere. Die Zeiten sind vorbei. Zehn Jahre lang brav seine Arbeit machen, Gehaltserhöhung, Beförderung – so läuft das nicht mehr. Arbeitsalltag? Gibt es nicht. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. Den Krieg gewinnt man nur, wenn man Abschüsse vorweisen kann, wenn man Gegner ausschaltet. Ich rupfe auch mal dem Nachbarskater ein paar Haare aus die ich meinem schärfsten Konkurrenten unterschiebe. Der hat Katzenallergie. Das weiß ich von der Tussi aus der Buchhaltung. Mata Hari rächt sich mit dieser Information. Ihre Taktik kenne ich noch nicht. Als Gegenleistung habe ich sie mit falschen Informationen über mich selbst versorgt. Ich reagiere allergisch auf Erdbeeren. Stimmt natürlich nicht. Ich liebe Erdbeeren. Ich vernasche tonnenweise Erdbeeren. Aber jetzt weiß ich wem ich in dem Laden misstrauen muss, wenn ich Erdbeeren angeboten kriege. Erdbeerkuchen. Erdbeer-Milchshake, Erdbeer-Bonbons. Erstaunlich wer mich hier alles mit erdbeerhaltigen Nettigkeiten überhäuft, seit ich das Gerücht mit meiner Erdbeer-Allergie in Umlauf gebracht habe. Offensichtlich bin ich in dieser Firma nicht beliebt. Ich wollte sowieso nie Mitarbeiter des Monats werden. Das sind Schwächlinge die sich bei jedem anbiedern. Mann muss sich an die wirklich wichtigen Entscheidungsträger anschleichen – und sie kalt stellen!

Großkopierer 5 ist meine Radarstation. Von hier aus scanne ich, wer mit wem herummacht, wo wer seine Schwachpunkte hat. Hier stehen die jungen Dinger herum und fertigen Fotokopien. Praktikantinnen. Nein, ich bin nicht sexistisch. Meine Vorgesetzten sind es. Es ist kein Zufall, dass die Röcke stets zu kurz und die Blusen immer einen Tick zu eng sind. Das ist die vorgeschriebene Arbeitskleidung der Praktikantinnen. Die armen Dinger glauben, sie sehen nur einfach sexy aus. Aber in Wahrheit sind sie nur einfach Kriegsbeute. Ich protokolliere den Sexismus meiner Vorgesetzten heimlich um bald diese Smartbomb gegen meine Offiziere einzusetzen, wenn es an der Zeit ist. Meine Armbanduhr ist natürlich mit einer Spycam bestückt. Mein Kugelschreiber ist ein Hochleistungsmikrofon mit Aufnahmegerät. Ich verstoße damit gegen ein Dutzend Gesetze und Hausregeln, doch das ist mir egal. Denn ich werde ein viel schlimmeres Verbrechen begehen. Ich werde meine Vorgesetzten erpressen. Die werden mich nicht wegen Verletzung der Intimsphäre und der informellen Selbstbestimmung anzeigen. Denn wenn ich mit den Giftzwergen hier fertig bin, wird es keine Intimsphäre mehr geben! Ich werde das Innere dieses verlogenen Sklavenschiffs nach außen stülpen. Ich werde dann nicht mehr hier sein wenn es knallt und stinkt. Ich werde dann bei der Konkurrenz arbeiten.

Krüger liegt wegen seiner Katzenallergie flach. Wie ich höre kotzt er zuhause bei seinem Frauchen Fellkugeln ins heimische Klo, während ich seine Abteilung gegen die Wand fahre. Natürlich werde ich es so aussehen lassen als hätte Krüger Mist gebaut. Einen Monat lang musste ich seine Butterbrot-Bausätze heimlich mit Katzenhaaren kontaminieren, bis es endlich so weit war. Jetzt ist es soweit! Krüger ist platt. Der Torwächter zur feindlichen Festung ist aus dem Weg geräumt. Als ich Krügers Büro durchstöbere fällt mir auf, wie leicht ich es haben werde auf meinem Feldzug. Ich durchstöbere Krügers Pornosammlung die er unberechtigterweise auf seinem Arbeitsplatz-PC speichert. Wie kann man nur so blöd sein? Ich etikettiere die kompromittierenden Fotos so lange um, bis es so aussieht, als wolle Krüger seine eigenen Pornos seinem Vorgesetzten unterschieben um sich für die taktisch herausgeschobene Beförderung zu rächen. Natürlich fädle ich die Sache so plump ein, dass sie garantiert auffliegt, aber vorher noch genug Staub aufwirbelt um ein großes Stühlerücken zu verursachen. Dabei wird der eine oder andere auf eine Tretmine humpeln oder über Stolperdraht stolpern. Ich muss die Sprengfallen nur noch auslegen. Der Sprengstoff: Üble Nachrede. Davon habe ich genug Bild, - und Tonmaterial gesammelt. Meine Armbanduhr, mein Kugelschreiber, meine Krawattennadel zeichnen jedes falsche Wort und jedes fiese Geste auf. Hier lästert jeder über jeden. Ich kann mir das Material taktisch so zurechtschneiden wie ich es brauche, verschicke anonym E-Mails mit Anhang und kann dann nach und nach die Bauernopfer fallen sehen. Ich tratsche in der Kantine, ich tratsche in der Raucherecke. Ich habe mir extra dafür das Rauchen angewöhnt und stopfe üblen Kantinenfraß in mich hinein. Das Opfer muss ich bringen. Das ist mir meine Rache wert. Ich gebe Belanglosigkeiten von mir und entlocke den lieben Kollegen Geheimnisse die ich zu einem Giftcocktail mixe. Ich tarne mich als Pausenclown. Ich hole mitten im Gespräch meine Minox-Spionagekamera heraus und mime den Spion. Die Minox-Replika ist nur ein Feuerzeug. Ich zünde mir eine weitere Zigarette an. Alle lachen. Nicht mehr lange! Ich werde zuletzt lachen. Krügers Büro entpuppt sich als pure Goldgrube. Ich finde den Slip der Frau des Chefs. Ich erkenne das am Geruch. Nein, ich halte mich von der Squaw des großen Häuptlings fern. Ich habe einen Praktikanten auf die Alte angesetzt. Die Praktikanten sehen hier auch alle viel zu gut aus. Zu gut um wahr zu sein. Aber mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Die Wahrheit wird überschätzt. Die Wahrheit wird unterschätzt. Manchmal. In der Regel bastelt man sich seine Wahrheit selbst. Je nach Bedarf. Ich habe dafür gesorgt, dass der Praktikant massiv Scheiße baut. Ich musste ihm nur falsche Arbeitsanweisungen geben. Dann habe ich ihn, so zu sagen, als Kriegsgefangenen der Frau des Chefs überstellt. Ich habe dem Praktikanten eingeredet, er könne mit seinen zungenfertigen Talenten bei der Alten das wieder gutmachen, was er in der Firma verbockt hat. Stimmt natürlich nicht. Aber die Frau des Chefs war entzückt. Und der Praktikant hat mir als Souvenir ein Höschen mitgebracht. Daher weiß ich von dem Geruch. Möglicherweise hat ja Krüger die selbe Taktik wie ich gefahren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Krüger persönlich an das delikate Wäschestück gekommen ist. Capture the Flag. Egal. Die kritische Masse waffenfähiges Plutonium ist erreicht. Ich kann jetzt meine Bombe bauen.

Montag. Ich werde ins Büro des Chefs abkommandiert. Was kommt jetzt? Kriege ich eine Gehaltserhöhung? Werde ich befördert? Ist der Boss dahinter gekommen, dass seiner Alten die Höschen abhanden kommen? Das Mitarbeitergespräch mutiert zum Verhör. Alle Mitarbeitergespräche sind Verhöre. Da sollte man sich nichts vormachen. Zielvereinbarung, Leistungsanalyse, Projektvisualisierung. Im Grunde laufen diese Gespräche nur auf eines heraus: Verhör. Ist der Soldat loyal? Wird er im richtigen Moment aus dem Schützengraben springen und den feindlichen Kugeln entgegen laufen? Ich habe schon vergessen, was ich in dieser Firma eigentlich mache. Was produziert dieser Laden gleich noch mal? Mir ist die Wahrheit entglitten. Die Wahrheit ist relativ. Ich sitze eine gefühlte Ewigkeit im Mitarbeiterverhör. Hier gibt es zwar keinen Drill-Instructor, aber das hier ist viel zermürbender, weil subversiv. Man will meinen Verstand knacken. Die wollen mich brechen! Schaffen die nicht! Ich bin abgehärtet! Ich habe zwei Scheidungen hinter mir und habe in einem Callcenter gejobbt, habe Idioten am Telefon die Bedienung eines Bügeleisens erklärt oder wie man Zeitbomben entschärft oder wie man die Kids wieder auf Spur bringt. Ich habe die knallharte Callcenter-Spezialausbildung hinter mich gebracht, während ich mich durchs BWL Studium gemogelt habe. Das ist besser als jede beinharte Ausbildung beim FBI oder CIA oder Secret Service. Ich bin, verdammt noch mal, ein Supersoldat der freien Marktwirtschaft. Soll mir der große Häuptling doch noch Waterboarding androhen oder sich selbst wieder mal zum Abendessen einladen – zu mir nach Hause! Ich stehe das durch!

Ich widerstehe meinem Drang um ein Glas Wasser zu betteln, ist meine Blase doch ohnehin schon berstend voll. Das Geplapper des Chefs klingt wie Sperrfeuer, dann wieder wie das Donnern von Flak-Geschützen. Ich kann aus dem Lärm nur die Worte „Störung des Betriebsfriedens“ heraushören. Betrieb und Frieden scheint mir ein unvereinbarer Gegensatz zu sein. Frieden in einer Firma bedeutet, dass alle tot sind. Denn es werden keine Gefangenen gemacht! Die Kampfhandlungen werden nicht eingestellt! Keine Friedensverhandlungen! Es wird bis zum letzten Mann gekämpft!

Ich vernehme den Worten meines Chefs, dass ich aufgeflogen bin. All meine Lügen und Intrigen, die ich wie Tretminen platziert habe, die ich wie Streubomben über meinen Kollegen verteilt habe, all meine Bemühungen waren umsonst. Krüger und seine heimlichen Kameraden haben mich dabei gefilmt, wie ich ihn gefilmt habe. Er hat mich manipuliert, während ich ihn manipuliert habe. Aber wenn ich mit den selben Waffen gekämpft habe, weshalb werde ich jetzt vor so eine Art Krieggericht gestellt und Krüger kriegt einen Orden an seine lächerlich flache Brust geheftet? Ganz einfach: Krüger hat für den Chef gekämpft. (Nicht für die Firma! Wer braucht die schon?) Ich habe als einsamer Krieger meine Schlacht geschlagen, war als Einzelkämpfer um meinen eigenen Vorteil bedacht. Intrigante Eigenbrötler sind hier offenbar unerwünscht. Als wären nicht alle in dem Laden hier intrigant und egozentrisch. Aber ich habe mich dabei erwischen lassen. Dann höre ich das Wort „Kündigung“. Das trifft mich wie die Gewehrkugel eines Scharfschützen. Man spürt das Projektil noch bevor man es hört. Man sieht das eigene Blut und will es nicht glauben. Jetzt da ich angeschossen im Schützengraben liegen muss ich noch weitere Standpauken über mich ergehen lassen. Worte wie „Arbeitsgericht“ und „Zivilklage“ schlagen wie Granaten um mich herum ein. Der Chef hat endlich seine Munition verschossen. Ich krieche vorsichtig aus meinem Schützengraben und reiße dem Boss mein Kündigungsschreiben aus der Hand. Das Papier des vernichtenden Schreibens schneidet in seine Handfläche. Das habe ich jahrelang trainiert: Leute mit einem Bogen Papier zu töten, den Briefbogen wie eine Schwertklinge durch die Handfläche meiner Gegner zu ziehen, sie mit der Waffe zu schlagen die gegen mich gerichtet wird. Ich hoffe, der große Häuptling stirbt an einer Infektion. Nein, ich hoffe es nicht, ich weiß es. Denn ich habe jedes verfügbare Blatt Papier in diesem Laden mit Bakterien und Bazillen aus einem Katzenklo präpariert. Biologische Waffen. Das ist meine letzte entsicherte Handgranate die ich meinem Gegner kalt lächelnd überreiche. Dann quäle ich mich von diesem Schlachtfeld. Ich sehe überall Tote und Verwundete herumliege. Alle tragen mein Gesicht. Ich werde über dieses Trauma hinwegkommen, wie schon so oft.

Krüger hat mich hereingelegt. Er hat genauso wenig eine Katzenhaarallergie wie mich Erdbeeren töten könnten. Krüger hat mir all die Waffen geliefert, um mich heimlich bei meinem Privatkrieg zu filmen. Er liefert mir das waffenfähige Plutonium, aber den Zünder hält er in seiner Hand. Was hat mich verraten? Gar nichts! Krüger hat mich nur einfach auf dem Kieker, so wie ich ihn. Ich hatte ihn nie als ernsthaften Gegner auf dem Radar. Er war nur einfach ein Hügel den ich stürmen wollte. Krüger war als Bauernopfer auf meinem Feldzug gedacht. Gegen Krüger habe ich nicht wirklich etwas. Ich hasse ihn nicht mehr als jeden anderen. Krüger ist wie ich. Eine Drecksau eben. Aber so muss man heute sein, wenn man überleben will.

Mein Problem: Pornos auf den Firmenrechnern? Stört hier keinen. Hat jeder. Sogar der Chef. Gerade der Chef. Sexismus an Großkopierer 5? Gibt es gar nicht. Praktikantinnen wollen sexy aussehen. Freiwillig. Üble Nachrede? Wer lästert nicht gerne über andere? Wenn einer nicht mehr lästert, plant er garantiert stillschweigend ein Komplott. Vertrauensbruch? Ganz schlimm! Seine eigene Moral über die Unmoral der grauen breiten Masse stellen. Noch viel schlimmer!

Ich baue mir einen Papierflieger aus meiner Kündigung und räume mein Büro. Ich packe meinen Privatkram in einen Karton; Den übliche Nippes der eben so auf Schreibtischen herumsteht. Bei mir ist das alles nur Tarnung die nicht wirklich etwas über mich aussagt. Wenn du den Feind sehen kannst, dann kann dein Feind auch dich sehen. Ich mache mich unsichtbar. Ich habe die Sprengfallen schon gesetzt und aktiviert. Ich habe allgemeines Misstrauen und Paranoia gestreut. Das zerstört jedes Unternehmen aus der Basis heraus. Ich spaziere am alten Pförtner vorbei. Er ist der Einzige in diesem Laden der eine ordentliche Uniform trägt. Ich beneide den Kerl, wie er so in seinem kugelsicheren, feuerfesten Glaskasten sitzt und so unberührbar scheint. Aber wahrscheinlich ist er nur ein ausgebeuteter Aufstocker dem die Rente nicht zum Leben reicht. Das wird mir nicht passieren. Ich spaziere am Torwächter zur Hölle vorbei. Ich gehe in die entgegen gesetzte Richtung. Raus aus der Hölle. Ich suche mir ein anderes Schlachtfeld in einem anderen Krieg. Ich werde eine Diktatur stürzen und eine Meuterei anzetteln. Bald ist endlich wieder Montag! Ich liebe das Arbeitsleben! Business ist Krieg, mein Freund!

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