Kurzgeschichten-Stories
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geschrieben 2020 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 08.03.2020. Rubrik: Satirisches


Bernemann und ich

Wann fing diese Geschichte eigentlich an? Schwer zu sagen, wahrscheinlich war es, als ich an jenem Morgen, wider besseren Wissens und entgegen jeglicher Vernunft, das Bett verließ und dachte, das Leben an sich würde heute mein größtes Problem darstellen. Es könnte natürlich auch sein, dass alles schon vorher losging, da bin ich mir nicht sicher. Evetuell begann es auch bereits am Vortag, mit meinem Umzug in die neue Wohnung. Wer weiß, vielleicht sogar noch viel früher, ich habe wirklich keine Ahnung. Fest steht jedenfalls, als ich im hellen Schein einer unsichtbaren Sonne über diese scheinbar unendliche, irgendwie seltsam horizontlose, Blumenwiese rannte, war die Geschichte bereits in vollem Gange. Schon klar, jetzt werden viele von euch denken, endlose Blumenwiese, heller Sonnenschein, das klingt doch ganz nett! Stimmt schon, aber wenn man dort von einer Horde gefräßiger Haihörnchen gejagt wird, ist das nun mal wirklich Scheiße, kann ich ihnen sagen.

1. Das Haus und sein Meister

Ich öffnete widerstrebend die Augen. Das erste Licht einer noch reichlich unentschlossen wirkenden Sonne, fiel durch das Fenster, geriet rasch ins Trudeln und zerschellte mit einem lautlosen Klirren auf dem Fußboden. Vorsorglich schickte ich einen warnenden Gedanken an den, sich gewiss schon startklar machenden, Kopfschmerz. Vorläufig eingeschüchtert zog er sich erstmal zurück und ich setzte mich langsam im Bett auf. Der Blick nach draußen war noch ungewohnt und ließ mich zusammenzucken. Man muss verdammt tief gesunken sein, um so hoch zu wohnen, dachte ich.

Es war mein erster Morgen hier. Hier, das bedeutet äußerster Stadtrand, irgendwo im sechzehnten Stockwerk der Kraeperlin-Türme, einer architektonischen Absage an alle Hoffnungen und Träume. An den offiziellen Namen der Gebäude erinnert sich kaum noch jemand. Anfang der Siebziger lauthals als modern gutbürgerliche Wohnstadt beworben, kennt man meine neue Heimat heute nur noch als „Das lange Elend“.

In meiner letzten Wohnung fanden die Füße den morgendlichen Weg ins Badezimmer noch von ganz allein, aber an meinem ersten Morgen hier war das wahrscheinlich noch zu viel verlangt, daher war ärgerlicherweise etwas mehr Konzentration gefordert. Innerhalb der ersten zwei Meter leicht nach rechts abweichen, die Tür öffnen, danach scharf nach links wenden, aber keine neunzig, sondern lediglich gute achtzig Grad und dreieinhalb Schritte später erreicht man das Bad. Vorher nur noch an dem Kerl in dem blauen Kittel vorbei und schon steht man richtig, greift nach unten und... Verdammt, wer bitteschön ist denn der Kerl in dem blauen Kittel...?

Was hat in einer solchen Situation nun den Vorrang, eine drängende Frage oder eine drängende Blase? Knifflig, aber es ist eine rasche Entscheidung von Nöten.
Vor mir beginnt es erlösend zu plätschern und frage ich über die Schulter:
„Wer sind sie?“
„Bernemann. Ich bin hier der Hausmeister. Verzeihen sie bitte, aber ich dachte sie ziehen erst nächste Woche ein.“
„Nein, gestern. Ist das ein Problem?“ Mit der freien Hand reibe ich mir durch´s Gesicht.
„Noch nicht...“, nachdenklich kratzt er seinen angerauten sechs-Tage-Bart.
„Was machen sie denn hier?“ Es plätschert vor mir munter weiter.
„Ihr Vormieter hat etwas hiergelassen, oder?“
„Meinen sie den Schrank im Wohnzimmer?“
„Da steht ein ganzer Schrank?“
„Ja, ziemlich groß, sogar“, zuckte ich die Schultern.
„Verdammt, das kann jawohl nicht wahr sein.“ Herr Bernemann schüttelte frustriert den Kopf.
„Das ist doch nun wirklich nicht so schlimm, oder? Ich würde das Ding eigentlich ganz gerne...“
„Kommt nicht in Frage. Ich schaue mir den Schrank erst mal an“, er wandte sich einfach ab und marschierte los. Eilig drückte ich die Spülung und sollte es sie beruhigen stellen sie sich ruhig vor, ich hätte mit auch noch gründlich die Hände gewaschen.

Ich folgte Herrn Bernemann, der bereits damit begonnen hatte den zurückgelassenen Schrank zu begutachten. Der Hausmeister stand ratlos davor und murmelte etwas unverständliches. Mit seltsam unpassender Vorsicht legte er schließlich ein Ohr an die Tür.
„Meine Güte, was meinen sie denn, was da drin ist?“, wollte ich ernsthaft interessiert wissen.
„Nicht beim lauschen stören“, flüsterte er angespannt und trat nach einigen Sekunden konzentrierten Horchens einen Schritt zurück.
„Und?“ So langsam war ich ernsthaft genervt, denn für verrückte Hausmeister war es mir definitiv noch zu früh.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass da nichts drin ist“, klärte er mich mit einem nervösem Unterton in der Stimme auf.
„Nichts?“, hakte ich tonlos nach.
„Ganz genau, dieser Schrank ist völlig leer“, nickte er fachmännisch und ich spürte meinen Blutdruck steigen.
„Ja, wenn doch da nichts drin ist, warum denn dann dieser ganze Aufriss?!“ Mal ehrlich jetzt, was hätten sie denn getan? Ich trat vor die Schranktür und griff entschlossen nach dem Knauf.
„Nicht aufmachen!“, bellte Herr Bernemann erschrocken, aber da zog ich auch schon schwungvoll und meine Augen weiteten sich ungläubig.

Also, gelogen hatte der Hausmeister jedenfalls nicht, soviel stand schon mal fest. In dem Schrank befand sich tatsächlich nichts. Überhaupt nichts, sogar. Rein gar nichts. Aber davon unfassbar viel.
Die Tür noch immer in der Hand blickte ich in eine, den gesamten Innenraum ausfüllende und allen Platz beanspruchende Leere. Es sah aus, als hätte jemand diesen Schrank solange förmlich mit nichts vollgestopft, bis er zum bersten damit gefüllt war und sich diese gewaltige Menge nichts zu einer einzigen raumgreifenden Leere verdichtet hatte. Es war eine absolute, so konzentrierte Leere, dass sie keinen Platz für etwas anderes ließ. Ein solches Nichts lässt sich nur schwer beschreiben, da es keinerlei Eigenschaften besitzt. Es ist nichts da und weil nichts da ist, kann noch nicht einmal etwas fehlen.

Dieser Schrank war nicht einfach vollkommen leer, ganz im Gegenteil sogar. Er war leerkommen voll.
Dieser Gedanke ging mir noch durch den Kopf, als die nicht vorhandene Masse in Bewegung geriet. Jeder Stütze beraubt und von nichts mehr gehalten, ging ein leichtes Beben durch das geballte Nichts und es ergoss sich in einem Schwall auf den Boden zu unseren Füßen.


2. Etwas zu viel Nichts und viel zu wenig Etwas

Es gibt Momente im Leben, da muss man ein ganzer Kerl sein, das Ruder fest mit den eigenen Händen ergreifen und die Richtung selbst bestimmen. Nun, soviel kann ich mittlerweile aus eigener Erfahrung sagen, Momente in denen man sich mitten in einer Lache befindet, die aus der reinen Abwesenheit aller Dinge besteht, gehören nicht dazu. Dann geht es einfach nur nach unten.
Herr Bernemann und ich fielen ins bodenlose. Obwohl, es war nicht wirklich ein fallen, sondern eher ein... tauchen. Wir versanken und mit fließender Geschmeidigkeit schloss sich die Leere über unseren Köpfen wieder. Es war ein sehr irritierendes Gefühl. Ich meine, man sollte doch wohl denken so ein Nichts habe etwas sehr friedvolles und beruhigendes an sich. Kein Etwas – keine Probleme, oder so ähnlich. So ein bisschen Mutterleibsmäßig, wenn Sie wissen, was ich meine.
Leider ist dem überhaupt nicht so, denn dieses vollkommene Fehlen von absolut allem ist mit unseren Sinnen natürlich nicht zu erfassen und wirkt deshalb auch verflucht beängstigend.
Ich hatte den Eindruck immer tiefer und tiefer zu sinken, aber beschwören kann ich das bis heute nicht, denn es fehlte mir ja jegliche Orientierung. Geblendet von einer gleißend hellen Dunkelheit trieb ich durch eine ohrenbetäubend laute Stille und verlor jegliches Zeitgefühl, da hier vermutlich nicht einmal so etwas lapidares wie die Zeit existierte. Daher kann ich wirklich unmöglich sagen, wie lange ich dort vor mich hin schwebte, bevor mit einem Schlag alles in meinem Sichtfeld grün wurde.
Es wird ja gern und oft betont, wie schrecklich hilflos man sich fühlt, wenn es einem überraschend den Boden unter den Füßen wegzieht. Das mag zwar stimmen, aber ich kann Ihnen folgendes versichern: So richtig beschissen fühlt man sich erst, wenn plötzlich sehr weit unten ein neuer Boden in Sicht kommt auf den man ungebremst zurast. Nach der grellen Dunkelheit und der dröhnenden Stille brannte mir dieses viele Grün in den Augen, ein sanfter Luftzug rauschte in meinen Ohren wie ein vorbeirasender Güterzug und nur einen höchst unflätigen Fluch später schlug ich auch schon auf.

Stöhnend öffnete ich die Augen und blickte in einen, irgendwie deprimierend farblos wirkenden Himmel. Entgegen jeder Erwartung schien ich die Landung gut überstanden zu haben und erhob mich vorsichtig. Nun ja, was soll ich Ihnen groß erzählen? Ich stand auf einer Wiese. Mehr gab es nicht zu sehen und das meine ich, im wahrsten Sinne des Wortes... na ja, wörtlich eben.
Okay, in einigen Metern Entfernung kam gerade ein fluchender Herr Bernemann auf die Füße, aber sonst...
Ich hatte noch nie etwas dagegen mich unter freiem Himmel aufzuhalten, aber der Himmel hier war mir etwas zu frei. Glatt und farblos spannte er sich in eine irreale Unendlichkeit. Wirklich, so war es tatsächlich, denn selbst in weiter Ferne machte dieser Himmel keinerlei Anstalten den Boden zu berühren. Hier gab es keinen Horizont. Der Boden, diese knapp kniehohe grüne Wiese erstreckte sich ebenso eigenschaftslos und eintönig darunter. Es ging kein Lüftchen, kein Halm bewegte sich. Als wolle sie diesen gigantischen Raum füllen breitete sich eine dickflüssige Übelkeit in mir aus und ich sank wimmernd in die Hocke.
Die grenzenlose Weite hatte etwas unpassend klaustrophobisches. Verstehen sie mich nicht falsch, natürlich konnte ich mich völlig frei bewegen und hatte wirklich mehr als genug Platz. Genau da lag das Problem, denn diese Weite war von einer dermaßen überbordenden Monotonie, das sie einem mit brutaler Kompromisslosigkeit vor Augen führte, wie sinnlos jede Bewegung hier wäre. Völlig Gleichgültig, wie weit und schnell man auch laufen mochte, hier gab es keine Ziele. Man würde niemals irgendwo ankommen, oder auch nur etwas anderes zu sehen bekommen, als diese... Mir brach der Schweiß aus, aber kurz bevor ich die Fassung endgültig verlieren konnte, legte sich eine Hand auf meine Schulter.

„Keine Sorge, man braucht einen Moment um sich an den Anblick zu gewöhnen. Ging mir beim ersten Mal auch so“, beruhigte mich Herr Bernemann.
„Soll das heißen, sie waren hier schon mal?“, fragte ich und schnappte nach Luft.
„Kam gelegentlich schon vor.“
„Wie denn das?“ Unfassbar dieser Typ, mal ehrlich.
„Ich bin Hausmeister, da kommt man eben herum“, zuckte er gleichgültig die Schultern.
„Da kommt man eben...? Was ist denn das für ein Schwachsinn, da kommt man überhaupt nicht herum, schließlich arbeitet man als Hausmeister ja... in einem Haus!“ Jetzt schrie ich fast.
„Häuser haben viele Türen“, beendete Herr Bernemann das Thema und wandte sich ab.
„Was ist denn überhaupt passiert?“, rief ich in seinen Rücken.
„Ich habe ihnen doch gesagt, sie sollen diesen Schrank nicht öffnen“, hielt er mir vor.
„Und sie haben auch gesagt, das Ding sei völlig leer“, hielt ich dagegen.
„Womit ich auch absolut richtig lag.“ Wo er Recht hatte, hatte er nun mal Recht, daher ließ ich die Vergangenheit ruhen und widmete mich der Zukunft.
„Wie kommen wir denn hier wieder weg?“
„Ich bringe uns schon hier heraus, keine Panik. Lassen sie mich nur kurz etwas ausmessen.“ Ich konnte es zwar nicht glauben, aber er griff routiniert in seinen Kittel und förderte einen Zollstock zu Tage.
„Was zum Teufel haben sie denn...?“
„Nicht beim messen stören, bitte. Behalten sie einfach die Umgebung im Auge.“
„Damit die nicht wegläuft, oder wie?“, fragte ich aufgebracht, aber der Hausmeister winkte nur ab und faltete seinen Zollstock auseinander.

Während dieser seltsame Kerl... was auch immer tat, legte sich meine Übelkeit tatsächlich so langsam und ich konnte den Blick etwas schweifen lassen, ohne das mir erneut der kalte Schweiß ausbrach. Langsam wanderten meine Augen umher und plötzlich stolperten sie über eine Bewegung im Gras.
Es war nur eine kleine Bewegung, fast nicht zu erkennen. Jedenfalls wäre es unter normaleren Umständen so gewesen, aber in dieser endlosen Gleichförmigkeit stach sie mir ins Auge, wie ein Feuerwerk. Jetzt fielen mir noch mehr dieser Bewegungen auf. An mehreren Stellen glitt etwas über die völlig reglose Oberfläche der Wiese. Ich versuchte eines dieser pfeilschnellen Dinger zu fixieren und erkannte... etwas sehr falsches.
Spätestens jetzt wurde es meinem Gehirn zu bunt und es begriff, daß ganz dringend Gegenmaßnahmen eingeleitet werden mussten, damit sein Besitzer nicht vollends durchdrehte. Ich spürte förmlich, wie es sich zusammenzog und von mentalen Würgelauten begleitet eine orientierungsspendende Assoziation ausspie. Vor meinem inneren Auge sah ich Wasser. Viel Wasser... und höchst unheilverkündend pflügte etwas mit beneidenswerter Eleganz hindurch.
Das war es, diese Dinger erinnerten mich auf eine seltsame Art an die Rückenflossen jagender Haie, allerdings waren sie kleiner und mit... seidig glänzendem grauen Fell bedeckt? Sie schienen einem Plan zu folgen und begannen Kreise um uns zu ziehen. Und die Kreise wurden langsam enger...


3. Ein Nichtsversteher unter Allesfressern

„Herr Bernemann?“, rief ich, ohne mich zu ihm umzudrehen.
„Jetzt nicht, ich muss messen.“
„Da kommt etwas“, ignorierte ich seinen bescheuerten Einwand und er drehte sich um.
„Was sollte denn hier schon...? Au,Scheiße!“
„Was sind das für Dinger?“
„Laufen sie“, knurrte Herr Bernemann.
„Wohin denn?“ Wenn diese Frage jemals berechtigt war, dann ja wohl hier.
„Egal, die sind ohnehin überall.“
„Und warum sollte ich dann überhaupt laufen?“
„Um sie von mir abzulenken, während ich unseren Rückweg suche.“
„Das klingt nach einer richtig blöden Idee!“ Wenn dieser Einwand jemals berechtigt war, dann... Sie wissen schon.
„Wollen Sie das vielleicht lieber machen?“ Herr Bernemann hielt mir auffordernd seinen Zollstock entgegen.

Blöde Idee hin, blöde Idee her, ich lief völlig kopflos...los. Die rätselhaften Fellflossen reagierten nahezu umgehend auf meine hektischen Bewegungen und schwenkten alle von ihrer lauernden Kreisbahn ab. Ich schlug Haken, aber was auch immer da unter dem Gras hinter mir herjagte ließ sich nicht beirren. Es schienen sechs Verfolger zu sein, wobei es einer von ihnen schon verdammt nah heran geschafft hatte. So unvermittelt wie möglich bog ich nach rechts und danach sofort wieder nach links ab. Genau in diesem Moment sprang eines der Wesen aus der Wiese. Es verfehlte mich um Haaresbreite und einen Lidschlag lang sah ich meinen Angreifer in seiner gesamten tödlichen... Niedlichkeit.
Der graue Pelz bedeckte flauschig und glatt einen schlanken Körper, der in einem flachen Puschelschwanz endete. Über einer langgezogenen Schnauze blitzten mich zwei schwarze Knopfaugen an. Lediglich das weit aufgerissene Maul bescherte dem Kerlchen deutliche Minuspunkte auf der nach oben offenen Putzigkeitsskala. Hätte es diese, immer irgendwie liebenswert debil wirkenden, Nagezähne gehabt wäre alles bestens gewesen, stattdessen blitzten mir aber im trüben Licht des Tages zwei glasscherbenscharf glänzende, dreieckige Hauer entgegen. Was immer diese Tierchen waren, ganz offensichtlich waren sie keine Nager. Sie waren Beißer. Ein weiterer Gegner schoss mir förmlich mit steil aufgerichteter Rückenflosse aus den Halmen entgegen und nur mit einem gewagten Sprung konnte ich seinem gut gezielten Biss entgehen. Die Wiese spie weitere dieser...Haihörnchen aus und so langsam regte sich Panik in mir. Und wenn so eine Panik jemals berechtigt war, dann ja wohl...okay,okay, ich höre schon auf damit.

„Dauert das noch lange bei ihnen, Herr Bernemann?“, rief ich mit kläglich zittriger Stimme.
„Das Messen?“, fragte er sehr beschäftigt.
„Zum Beispiel.“
„Ich brauche nur noch einen kleinen... Ah, da ist es ja, nur noch hier ein bisschen... und dann noch da... Na, bitte! Kommen Sie jetzt zu mir.“
Auf dem kurzen Weg musste ich noch zwei weiteren Attacken ausweichen, aber letztlich stand ich unversehrt neben dem Hausmeister. Irgendetwas lag in der Luft und scheinbar spürten das auch die Haihörnchen, denn verwundert musste ich feststellen, dass ihre Angriffslust nachließ. Sie hielten Abstand und dann passierte es.
Die Realität, also jedenfalls sofern man das hier überhaupt als solche bezeichnen konnte, bekam einen Riss. Gut, Riss klingt jetzt etwas zu dramatisch, muss ich zugeben, eigentlich war es eher eine Fuge. Ein gut mannshoher Spalt in der unwirklichen Wirklichkeit tauchte auf und stand senkrecht vor uns in der Luft. Es machte Ping und der Spalt wurde breiter. Dieses Ping hatte etwas vage Vertrautes an sich und dieser Geruch, der aus der wachsenden Öffnung quoll war mir auch nicht fremd. Erst gestern hatte ich darin meine Habseligkeiten in den sechzehnten Stock des langen Elends geschafft. Eine beruhigend realitätsnahe Melange aus kaltem Rauch, Inkontinenz und Alkoholmissbrauch strömte mir entgegen. Gerade als das Wort Aufzug in meinem Bewusstsein aufblitzte, stieß mich Herr Bernemann nach vorn.

Ich glaube anschließend fuhren wir im Lift davon, aber wirklich erinnern kann ich mich nicht daran. Irgendwann hat so ein Bewusstsein einfach mal die Schnauze voll und macht den Laden dicht. Die Türen der Kabine schwangen nach einer Weile knarzend auf und jemand führte mich über schmutziges Linoleum an vergilbten Wänden vorbei bis zu einer Tür. Die Tür wurde aufgeschlossen und schon saß ich auf meiner abgewetzten Couch. Herr Bernemann saß daneben und klopfte mir beruhigend auf die Schulter. Wir waren in meiner Wohnung. Neben all den unausgepackten Umzugskartons stand der leere Schrank, als wäre nichts gewesen.

„In diesem Schrank... da war absolut nichts“, hörte ich meine eigene Stimme, wie aus weiter Ferne.
„Ja, wahrscheinlich wusste Ihr Vormieter nicht mehr wohin damit. Manche Menschen lassen nichts zurück, wenn sie nicht mehr da sind.“
„Wir sind einfach darin versunken und...“ Alles drehte sich, obwohl ich nur stumpf geradeaus starrte.
„Eigentlich nicht. Soviel Leere muss ja irgendwo hin. Wir standen ihr im Weg und da hat sie uns halt mitgerissen.“
„Auf diese unendlich weite Wiese?“
„Ganz genau“, nickte Herr Bernemann.
„Da war so furchtbar viel Platz“, flüsterte ich ungläubig.
„Sie haben doch gesehen, was das für ein riesiger Haufen war. So eine gewaltige Menge Nichts braucht wahnsinnig viel Platz, so sind nun mal die Regeln.“
„Ich verstehe das alles nicht...“
„Das ist den Regeln vollkommen egal.“
„Aber da waren verdammte Haihörnchen!“, platzte es aus mir heraus.
„Das waren keine Haihörnchen.“
„Was denn dann?“
„Das waren Novophagen. Die sind das Einzige, was dort existiert und das tun sie nur, damit dort nicht anderes existiert. Sie fressen alles neue, damit es der Leere nicht den Raum wegnimmt... und das waren in diesem Fall nun mal wir.“
„Das alles dürfte es gar nicht geben.“
„Sie betrachten das von der falschen Seite“, sagte Herr Bernemann in einem väterlichen Tonfall.
„Warum das denn?“
„Weil wir es waren, die es dort nicht hätte geben dürfen.“
„Und dann kam da plötzlich der Aufzug.“
„Ich musste den Übergang nur etwas suchen. Wir waren ja schließlich nicht weg, wir waren nur woanders.“
„Das ist doch alles völlig verrückt“, hauchte ich und stand langsam auf.
„Da haben Sie bestimmt recht, aber ändert das etwas?“
„Ich glaube, ich würde jetzt gern duschen gehen“, seufzte ich.
„Tun Sie das, Sie wirken etwas gestresst. Und ziehen Sie sich mal etwas ordentliches an.“
„Wollen wir uns nicht duzen?“, lenkte ich von meinem schmierigen T-Shirt und den knittrigen Shorts ab.
„Gern“, antwortete der Hausmeister und erhob sich vom Sofa.
„Also, ich bin...“, streckte ich ihm meine Hand entgegen.
„Ich weiß wer du bist“, nickte er freundlich und griff meine Hand.
„Okay... und dein Name ist...?“, fragte ich.
„Bernemann.“

4. Vielleicht nie da gewesen

Frisch geduscht und umgezogen trat ich aus dem Bad und fühlte mich wieder etwas sortierter. Bernemann saß noch immer auf dem Sofa und nickte mir zu.
„Besser?“
„Ja, schon. Sag mal, passiert so etwas hier öfter?“
„Es kommt vor. Liegt vielleicht an diesem altgermanischen Friedhof auf dem die Türme damals gebaut wurden.“ Er zuckte nur die Schultern.
„Echt jetzt?“, machte ich große Augen.
„Quatsch. Was auch immer passiert, passiert einfach. Ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht sollte hier aber auch mal so langsam etwas passieren, meinst du nicht auch?“ Er deutete auf einen, fast deckenhohen, Stapel von Umzugskartons.
„Das Nötigste ist ausgepackt. Der Rest... ich weiß nicht so recht. Noch bin ich hier einfach nur... gestrandet. Wenn ich alle Sachen einräume, dann fühlt es sich an, als...“ Ich geriet ins stocken.
„Als wäre das lange Elend deine neue Heimat?“
„Ja, es wäre, als würde ich... aufgeben. Ich will hier nicht lange bleiben, weißt du?“
„Das will eigentlich keiner, aber ich glaube, manche gehören einfach hierher.“
„Ich nicht...“ Ganz so sicher war ich mir da scheinbar doch nicht, denn ich spürte eine ängstliche Traurigkeit - anders kann ich dieses Gefühl nicht nennen - in mir aufsteigen und meine Stimme klang mit einem mal auch etwas brüchig. Bernemann blieb das nicht verborgen und er lächelte mir aufmuntert zu.
„Wie wäre es, wenn du mir hilfst den Schrank nach unten zu schaffen?“
„Bist du sicher, dass dann nicht wieder irgendetwas schräges passiert?“, fragte ich skeptisch.
„Keine Bange, der ist jetzt einfach nur noch leer.“

Wenige Minuten später schleppten Bernemann und ich das sperrige Ding durch den muffigen Korridor in Richtung des Aufzugs. Vor einer der zahllosen Wohnungstüren ächzte der Hausmeister:
„Setz mal ab, ich muss hier mal kurz rein.“ Aus einer Tasche seines Kittels förderte er einen gewaltigen Schlüsselbund zu Tage und öffnete die Tür. Während ich ihm ins innere folgte spürte ich dicken Teppich unter den Füßen und dicke Luft in meiner Nase. Das Konzept des regelmäßigen Lüftens schien sich hier noch nicht durchgesetzt zu haben. Er öffnete einen der Räume und wir betraten eine kleine Küche, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. An einem wacklig wirkenden Tisch saß eine Frau, über die man das Selbe sagen konnte. Mit steinalten Augen blickte sie aus dem schlierigen Fenster.
„Guten Tag, Frau Schlüter.“ Bernemann ging an ihr vorbei, aber sie schien ihn gar nicht zu bemerken.
„Guten Tag“, sagte ich leise und die alte Frau drehte mir ihren Kopf zu. Die unzähligen Falten in ihrem Gesicht gerieten in Bewegung und verschoben sich zu einem Lächeln.
„Hallo Walther, wie war es denn heute in der Schule?“
„Es tut mir leid, aber ich heiße...“ Aus den Augenwinkeln sah ich Bernemann freundlich den Kopf schütteln und wusste was hier zu tun war.
„Es war... gut.“ Wann immer man etwas gefragt wird, zu dem man nichts zu sagen hat, ist „Gut“ die beste aller Antworten. Gut ist nicht so positiv, wie die meisten Leute denken, sondern wunderbar nichtssagend. Ein „Gut“ ist so abgrundtief neutral, dass es weder Spielraum für Spekulationen bietet, noch irgendwelche Fragen nach sich zieht, die Details betreffen, über die man nicht sprechen möchte. Ein „Gut“ ist von einer höflichen Endgültigkeit, die so ziemlich jede drohende Unterhaltung im Keim erstickt.
Fr.Schlüter war diese Regel offenbar auch bekannt, denn bevor sie wieder damit fortfuhr aus leeren Augen durch das Fenster zu starren, gab sie mir die einzige gesellschaftlich anerkannte Erwiderung auf ein geschickt platziertes „Gut“.
„Schön.“
„Das ist ja komisch.“ Bernemann hob ein Schälchen vom Boden auf und sah es ratlos an.
„Was ist denn los?“, wollte ich etwas verwundert wissen.
„Nichts, hier ist alles gut“, meldete sich Fr. Schlüter leise und der Hausmeister winkte ab.
„Erkläre ich dir gleich draußen.“ Er öffnete eine knarzende Schublade und holte eine Schachtel Katzenfutter hervor. Er schüttete etwas davon auf den kleinen Teller, füllt noch etwas Wasser in einen Napf daneben und machte mir ein Zeichen zu gehen.
„Bis morgen, Frau Schlüter.“ Keine Reaktion.
„Auf wiedersehen“, flüstere ich.
„Auf wiedersehen, Walther, gehe schön spielen“, lächelte Frau Schlüter mir zu.

Wieder im Flur machte Bernemann ein ernstes Gesicht und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Was fandest du da drinnen denn so komisch? Ich meine, mal abgesehen davon, dass sie mich für irgendeinen Walther hält.“
„Das ist ihr Sohn, den habe ich hier aber noch nie gesehen. Ich meinte das Futter für Frau Schlüters Katze.“
„Was war denn damit?“ Also, Haustiere alter Leute sind selten ein spannendes Thema.
„Der Teller war komplett leer.“
„Dann hat die Katze wohl alles gefressen.“
„Das würde mich aufrichtig beeindrucken.“
„Warum?“, frage ich ohne jegliches Interesse.
„Weil es hier noch nie eine Katze gab, ich weiß nicht einmal, ob sie je eine hatte.“, antwortete Bernemann ungewohnt tonlos.
„Und warum fütterst du sie dann?“
„Ich mache das ja nicht für die Katze, sondern für Frau Schlüter. In ihrer Welt ist das Tierchen ja schließlich da.“
„In jeder anderen Welt existiert sie aber nun mal nicht“, stelle ich klar.
„Wahrnehmung ist eine höchst undemokratische Sache, da gibt es keine Mehrheitsentscheidungen.“ Er nickte überzeugt und ich bot ihm eine beschwichtigende Alternative.
„Meinetwegen, vielleicht hat Frau Schlüter das Futter ja dann in den Müll gekippt.“
„Blödsinn, die lässt doch ihre geliebte Katze nicht verhungern.“
„Bernemann, sei mir nicht böse, aber ich glaube wir packen uns jetzt einfach wieder diesen Schrank und schaffen ihn endlich runter.“

Einiges mühsames Geschleppe später schlossen sich hinter uns die Aufzugtüren mit einem schabenden Geräusch. Der Schrank stand wie ein wurmstichiger Raumteiler zwischen uns und Bernemann verschwand dahinter. Seltsamerweise fühlte ich mich hier in meiner vorderen Hälfte des Aufzugs plötzlich sehr allein. Stockend kamen wir nach einer Weile im Erdgeschoß zum stehen und mit ungesunden Klang öffneten sich die Türen wieder.

„Sind sie der Hausmeister?“ Ich musste wohl kurz in Gedanken versunken sein und zuckte beim Klang der hellen Stimme zusammen. Vor mir stand eine junge Frau in einem bunt gemusterten Kleid. Ihre langen braunen Haare wirkten etwas windzerzaust.
„Entschuldigung, wie bitte?“
„Ob sie der Hausmeister sind, möchte ich wissen“, verdeutlichte sie ihr Anliegen für mich nochmal.
„Ich nicht, aber Herr Bernemann hier.“ Ich zeigte hinter mir auf den Schrank, aber der versteckte Hausmeister machte keinen Mux.
„Okay... es ist so, dass meine Heizung bollert.“
„Die bollert?“, vergewisserte ich mich unwissend.
„Ja, die bollert, können sie sich das mal ansehen?“
„Wir kommen nachher vorbei, kein Problem“, ließ Bernemann sich nun doch zu einer Antwort herab.
„Okay, sie hören ja...“, sagte ich etwas verunsichert, da sie mich noch immer fragend ansah.
„Was soll ich gehört haben?“
„Gleich kommt jemand“, brachte ich leicht genervt hervor.
„Okay...“ Sie wirkte jetzt etwas verwirrt.
„Welche Wohnung ist es denn?“, kam von Bernemann, aber scheinbar war er hinter dem Schrank etwas schwer zu hören, denn wieder kam von ihr keine Reaktion.
„Um welche Wohnung geht es denn?“, sprang ich ein.
„Die 13/32.“
„Wir kommen gleich“, übernahm ich diesmal vorsichtshalber direkt die Ansage.
„Danke...“ Sie wirkte noch immer etwas aus dem Konzept gebracht und ging eilig Richtung Treppenhaus davon.
5. Noch nicht abgeholt

Benemann und ich bugsierten den Schrank durch ein ziemliches Gewirr stumpf gelb-brauner Korridore, bis zu einer Art Hinterausgang. Es hatte zu regnen begonnen und pflegeleichtes Linoleum wurde von rissigem Asphalt abgelöst, der schillernde Pfützen einrahmte. Um uns herum stachen die Türme des langen Elends in einen eisengrauen Himmel. Unter Bernemanns Führung erreichten wir eine wüste Ansammlung von Tonnen, Containern und herumstehenden Plastiksäcken. Dazwischen lag auch noch eine ganze Menge freilaufender Müll, der scheinbar nirgendwo ein Zuhause gefunden hatte und im Regen langsam vor sich hin weichte. Etwas abgelegen davon stand ein wildes Sammelsurium von alten Möbeln und allem möglichen, das sich dafür hielt. Mittendrin, auf einem Stuhl, der in seinem Leben offensichtlich schon unzähligen Hintern einen wackeligen Halt geboten hatte, saß ein Mann mit Anzug und Hut. Er spielte leise auf einer Mundharmonika und ächzend stellten wir einige Meter entfernt von ihm den Schrank ab.

„Nett hier“, kommentierte ich überflüssigerweise.
„Hier landet alles, was nicht mehr gebraucht wird“, zuckte Bernemann die Schultern.
„Und das ist anscheinend eine ganze Menge.“
„Ja, oft ist etwas schneller wertlos, als...“ Hier brach er ab und richtete seinen Blick auf etwas hinter mir. Der ohnehin schon ziemlich kleine Ausschnitt des Himmels, den die um uns aufragenden Hochhäuser frei ließen, hatte sich noch weiter verdunkelt und immer schwerere Tropfen klatschten um uns auf den Asphalt. Mein Nacken begann zu kribbeln und ich fuhr herum. Es dauerte einen Moment, aber dann konnte ich Im Schatten einiger rostigen Mülltonnen eine Gestalt erahnen. Details konnte ich nicht ausmachen, es war lediglich ein dunklerer Schatten in einem Gewirr etwas hellerer Schatten. Wer auch immer dort stand, starrte mich interessiert und lauernd an, das spürte ich ganz genau. Der Kerl mit der Mundharmonika stimmte eine quäkende Melodie an, der es ohne sich zum Duell gegenüberstehenden Westernhelden ganz klar an einer Existenzberechtigung mangelte.

„Irgendetwas ist nicht in Ordnung“, stellte Bernemann fest.
„Stimmt, der Himmel hat sich verdunkelt, ein Typ spielt unheilschwanger auf einer Mundharmonika und eine seltsam finstere Gestalt, die nur aus Schatten zu bestehen scheint, starrt mich durchdringend an“, musste ich ihm beipflichten, ohne den Blick abwenden zu können.
„Das meine ich nicht.“
„Sondern?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Wer ist das da vor uns?“ Oder... was?
„Das spielt jetzt keine Rolle. Pass auf, ich muss dich etwas fragen.“
„Nämlich?“ Endlich gelang es mir den Blick von der unheimlichen Erscheinung zu lösen und stattdessen sah ich nun fragend den Hausmeister an.
„Du hast vorhin gesagt, wenn du deine Kartons auspacken würdest, käme es dir so vor, als würdest du aufgeben.“
„Das stimmt.“ Der Schatten starrte mich noch immer an und ich hatte das Gefühl, seine unsichtbaren Augen würden sich langsam in meinen Schädel bohren.
„Hast du das denn vor?“
„Aufgeben?“, hakte ich unsicher nach.
„Ja, einfach aufgeben und den Dingen ihren Lauf lassen.“ Es wäre so verlockend gewesen, alles so hinzunehmen, wie es nun mal war und sich mit allem abzufinden, aber...
„Nein, das habe ich nicht vor.“
„Dann ist ja alles in Ordnung“, sagte Bernemann mit einem verkrampften Lächeln und dann rief er es in Richtung des Schattens laut und überdeutlich heraus:
„Alles. Ist. In. Ordnung!“

Die schwärzere Dunkelheit innerhalb der helleren Dunkelheit verharrte noch einen Moment in nachdenklicher Pose, stob dann aber plötzlich wellenartig auseinander und wehte schließlich davon, wie eine handvoll Asche im Wind. Als dieser dunkle Hauch an mir vorbei strich flüsterte eine blecherne Stimme in meinem Kopf:
„Kennst du deinen Namen?“ Fast wie von selbst entgegnete ich ganz leise:
„Natürlich kenne ich meinen Namen. Ich bin...“, aber da grätschte die Mundharmonika mit einer schnellen Folge schiefer Töne dazwischen und riss mich aus meinen Gedanken. Es regnete zwar noch immer, aber der Himmel war wieder etwas heller, oder wirkte zumindest so.

„Wir sollten jetzt wirklich wieder rein gehen.“ Bernemann zeigte auf den Hintereingang.
„Das Gefühl habe ich auch. Schauen wir uns jetzt die Heizung in 13/32 an?“
„Ja, das machen wir.“ Bernemann setzte sich in Bewegungen und ich zuckte mit dem Kinn zu dem Mann mit der Mundharmonika, der inzwischen wieder ein etwas fröhlicheres Lied anstimmte:
„Was macht dieser Kerl eigentlich hier?“
„Der wartet wahrscheinlich darauf, abgeholt zu werden“, entgegnete der Hausmeister gleichgültig.
„Und warum?“
„Tja, ich denke, er wird einfach nicht mehr gebraucht.“
„Soll ich ein Lied für dich spielen?“, sah der Musikant hoffnungsvoll zu mir auf, als wir an ihm vorbei gingen.
„Nein, danke“, lehnte ich ab.
„Siehst du? Habe ich doch gesagt“, schnarrte Bernemann lakonisch.

Wir erreichten die Tür und gerade und ich meine Hand auf ihren Griff legte, fuhr erneut ein eiskalter Windstoß über den Hof. Wieder erklang die unangenehme Stimme in meinem Kopf.
„Wir sehen uns bestimmt bald wieder“, flüsterte sie, wie aus weiter Ferne.
Ich schauderte und wollte schnell wieder ins Haus, aber dann fiel mir die plötzliche Stille auf. Die Luft blieb jetzt völlig bewegungslos und es war absolut nichts mehr zu hören. Langsam drehte ich mich noch einmal herum und sah zurück zu dem Haufen Sperrmüll. Der alte Stuhl stand nutzlos und verwaist im Regen. Der Mundharmonikaspieler war verschwunden.

6. Wie gemalt

Im dreizehnten Stock angekommen traten wir aus dem Aufzug und gingen langsam einen schier endlosen Flur entlang.
„Dieser Schatten da unten, wer war das?“
„Der gehört sozusagen zur Hausverwaltung. Manchmal sieht er hier nach dem Rechten.“
„Du hast aber gesagt, etwas stimme hier nicht, als du ihn gesehen hast.“
„Ja, eigentlich kommt er nur vorbei, wenn etwas hier im Haus in Unordnung geraten ist.“
„Und für die Ordnung hier... sorgst du, oder?“
„Unter anderem, aber wir kommen schon noch dahinter, keine Sorge. Hier ist es.“ Bernemann klopfte an eine Tür, bei der man sich wunderte, das durch die Erschütterungen nicht auch noch der Rest ihrer rissigen Lackierung zu Boden rieselte. Es dauerte einen Moment, aber schließlich wurde sie geöffnet. Da ihre Mieterin nur mich ansah, übernahm ich die Vorstellung.
„Hallo, da sind wir. Das hier ist Herr Bernemann und mein Name ist...“ Ihr leicht verunsicherter Gesichtsausdruck ließ mich inne halten und den Blick zum Hausmeister zu wenden. Neben mir stand niemand mehr, der Kerl hatte sich scheinbar klammheimlich verdrückt. Ich versuchte meine Überraschung zu verbergen und fuhr etwas zu schnell fort:
„Mein... Kollege muss wohl kurz noch etwas holen. Darf ich reinkommen?“
„Bitte, kommen sie, die Heizung ist hier.“ Sie trat beiseite und zeigte auf eine Tür, die über und über mit Aufklebern bedeckt war. Hinter der Hausherrin betrat ich eine Art von Schlaf- Wohn- und Arbeitszimmerkombination.

„Oh, sie malen?“ Dieses höflich bekundete Interesse krönte mich ,angesichts der vielen Bilder, der Staffelei und unzähliger Pinsel und Farben, zum unumstrittenen König der dämlichen Fragen.
„Ja, schon lange, man braucht ja schließlich ein Hobby, finden sie nicht? Ich glaube, es ist besser, wenn ich meine Gedanken irgendwo ablege und etwas aus ihnen zu mache, denn sonst machen diese Gedanken vielleicht etwas mit mir.“ Sie lachte ein helles und ehrliches Lachen, das ich schon lange nicht mehr zustande bekommen hatte und das in meinen Ohren wie eine lange vergessene Erinnerung widerhallte.
„Wahrscheinlich haben sie damit recht.“ Ich musterte eine am Boden stehende Leinwand. Ein Mann saß mit einer Flasche in der Hand auf einem Sofa und sah fern. Also, sonderlich Einfallsreich ist das nun nicht gerade, dachte ich und ging in die Hocke um das Bild noch etwas genauer zu betrachten.

Wenn man näher hinsah wirkte der Mann ungesund abgemagert und trug eine weiße Jacke und eine weiße Mütze, wie ein Koch... Nein, wahrscheinlich eher ein Bäcker, denn das vermeidliche Sofa waren aufeinandergeschichtete Mehlsäcke aus aufgeweichtem, braunen Papier. Bei dem Fernseher handelte es sich in Wahrheit um einen geöffneten Backofen. Er glühte warm vor sich hin, war aber völlig leer. Mit einem ebenso leeren Ausdruck in den Augen starrte der Zuschauer gebannt hinein und trank dabei trübes Wasser aus einer gläsernen Blumenvase. Neben ihm, auf dem schmutzigen Fußboden, lag eine vertrocknete Blume.
„Hat das Bild einen Namen?“, fragte ich.
„Ich dachte an `Brotlose Kunst`. Gefällt es dir?“
„Schon, aber es kommt ein Bisschen schwermütig rüber, finde ich.“
„Ja, schon irgendwie, oder? In der letzten Nacht habe ich das hier gemalt.“ Sie drehte die Staffelei in meine Richtung um ihr aktuelles Werk zu präsentieren.
Interessant, wirklich einfallsreich, musste ich zugeben. Als Betrachter dieses Bildes blickte man über eine, im wahrsten Sinne des Wortes, endlose Wiese. Ein Grau-farbloses Grün erstreckte sich gleichförmig glatt und endlos monoton bis zu einem nicht vorhandenen Horizont. Ziemlich beeindruckend, dachte ich, bevor sich die Haare an meinen Unterarmen aufstellten... das konnte ja wohl nicht wahr sein.
„Wie sind sie denn auf dieses Motiv gekommen?“, so tonlos klang meine Stimme nur selten.
„Ach das, manchmal fallen mir solche Sachen einfach ein und dann Male ich sie halt.“
„Das alles ist verdammt unheimlich.“ Ich flüsterte zwar nur zu mir selbst, aber sie antwortete trotzdem.
„Schon, aber das ist ja der Vorteil des Malens. Würde ich fotografieren, müsste ich diese schrecklichen Orte besuchen, aber so kann ich sie ganz entspannt hier zuhause einfangen.“
„Sie müssen nicht dort hin und können sie dennoch... abbilden?“
„Genau. Und wer weiß, vielleicht funktioniert es ja auch umgekehrt und weil ich sie aus sicherer Entfernung abbilde, muss ich nicht dorthin. Mein Vorname ist übrigens Lisa.“ Wieder lachte sie dieses schöne Lachen und hielt mir ihre Hand entgegen.
„Sehr angenehm, ich heiße...“, da ertönte aus der Küche ein schrilles Klingeln.
„Verzeihung, bitte, Telefon. Die Heizung ist da.“ Schnell verließ sie den Raum. Gerade verschwand sie in der kleinen Küche, als es an der Tür klopfte. Ich öffnete und Bernemann kam herein. Er winkte mit einigen Schraubenschlüsseln vor mir herum.
„Hatte ich unten vergessen, wo ist es denn?“
Wortlos führte ich ihn hinein und er begann augenblicklich damit, an den altersschwachen Heizkörper zu klopfen, um danach daran herumzuschrauben.
„Bernemann?“, raunte ich vorsichtig, denn...
„Nicht beim schrauben stören!“ War ja klar. Er wedelte abwehrend mit der freien Hand.
„Bernemann, ehrlich jetzt, das musst du dir mal anschauen“, zischte ich eindringlich.
„Was ist denn los?“, stöhnt er widerwillig, aber dann folgte sein Blick meinem ausgestreckten Arm.
„Kannst du mir zufällig erklären, was das hier zu bedeuten hat?“ Ich meine, sie hätten doch wohl auch gefragt, oder?
„Wirklich gut getroffen, das muss man ihr lassen.“ Also, etwas beeindruckter hätte er ja wohl sein können, meinen sie nicht auch?
„Das ist der Ort, an dem wir heute Morgen waren, verdammt nochmal!“
„Haben sie etwas gesagt?“ ,erkundigte sich Lisa aus der Küche.
„Schon gut, ich habe mit... meinem Kollegen gesprochen“ Sie machte ein zustimmendes Geräusch und telefonierte weiter.
„Ja, manche Leute malen so etwas zum Beispiel, damit sie nicht selbst dort...“
„Das habe ich schon gehört, aber was soll das alles denn bloß bedeuten?“ Bernemann ließ sich Zeit mit seiner Antwort und studierte das Bild eingehend.
„Es bedeutet, das ich jetzt weiß, warum der Schatten hier aufgetaucht ist.“ Seine Stimme klang seltsam und seine Nasenspitze berührt fast die Leinwand.
„Was siehst du denn da?“, hätte ich gern gewusst, aber Bernemann fuhr einfach herum und eilte nach draußen.
„Das Katzenfutter!“, raunte er noch über die Schulter und war gerade aus der Wohnung heraus, als Lisa aus der Küche trat.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt, aber ich war abgelenkt, denn ich beugte mich zu dem Bild herunter. Mit zusammengekniffenen Augen suchte ich, was Bernemann so aufgeregt hatte... Und fand es. Wenn man ganz genau hinsah erkannte man einen winzigen Schlitz aus Licht, in dem gerade ein wehender blauer Arbeitskittel und zwei nackte Beine in Shorts verschwanden. Das waren wir bei unserem Abgang vorhin! Vermutlich hätte mich das allein schon genug verstört, aber das sollte ich nie erfahren, denn wirklich irritierend war etwas ganz anderes. Ein kleines, niedliches Detail: Neben uns verschwand offensichtlich auch noch eine grau bepelzte Schwanzflosse in der Kabine.


7. Tote Katze ohne Namen

Lisa beendete gerade ihr Telefonat, als Bernemann die Wohnung verlassen hatte und mit einer knappen Entschuldigung drückte ich mich an ihr vorbei um ihm hinterherzuhetzen. Ich rannte die Treppen herunter und bog gerade um eine Ecke, als er bereits durch Frau Schlüters Tür ging. Ich folgte ihm ins Wohnzimmer, wo die alte Dame mit einem vergnügtem Lächeln in ihrem Sessel saß, während der Hausmeister mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck auf sie hinunterblickte. Ich stellte mich neben ihn und auch meine Augen weiteten sich überrascht. Zärtlich kraulte sie das graue Fell von etwas, das sich auf ihrem Schoß zusammengerollt hatte und bei meinem Eintreten misstrauisch eine Rückenflosse aufrichtete.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, staunte Bernemann.
„Das ist ein Problem, oder?“, vergewisserte ich mich.
„Was denn für ein Problem, Walther? Hier ist doch alles in bester Ordnung.“ Frau Schlüter strahlte.
„Und ob das ein Problem ist, dieses... Ding dürfte es hier gar nicht geben.“
„Es ist aber nun mal hier.“
„Ja, ist das nicht schön, Walther?“
Ich nickte Bernemann zu und deutete in Richtung der Diele. Mit langsamen Bewegungen entfernten wir uns ein Stück.
„Es mag dich überraschen, aber ich habe keine Ahnung, was man in einer solchen Situation tun sollte“, stellte ich klar.
„Dieses Vieh gehört nicht in diese Welt, es muss hier weg, sonst gerät alles durcheinander. Die sind es nur gewohnt der Leere Platz zu schaffen, aber nicht in dieser Welt Platz zu beanspruchen!“
„Ziemlich engstirnig gedacht für jemanden, der Jahre lang eine nicht existente Katze gefüttert hat, oder?“
„Das war doch etwas völlig anderes!“, verteidigte er sich.
„Warum frisst dieses Haihörnchen....“
„Novophagus“
„.....dieser Novophagus eigentlich nicht alles hier auf und begnügt sich stattdessen mit dem Katzenfutter?“
„Denk doch mal nach, diese Biester kommen aus der totalen Leere. Bei diesem plötzlichen Überangebot geraten sie völlig durcheinander und nehmen aus reiner Verwirrung eben das, was am ehesten nach etwas essbarem riecht. Schätze ich jedenfalls, denn – und das mag dich jetzt überraschen - diesen Fall gab es hier noch nie! Und genau aus diesem Grund...“ Er stoppte mitten im Satz, denn draußen bewegte sich etwas.

Wenn Licht unter einer Tür hindurch scheint, kann man das sehen, das ist sicherlich nichts neues für sie, aber ich schwöre ihnen: Mit Dunkelheit verhält es sich ganz genauso und davon stand gerade jede Menge vor Frau Schlüters Wohnung. Mit einem leisen Knarren schwang die Tür langsam auf. Das mag sich jetzt zwar etwas überdramatisiert für sie anhören, aber schwöre ihnen, dieses Knarren war wirklich da.
Im Türrahmen stand die schattenhafte Gestalt, mit der ich bereits auf dem Hinterhof Bekanntschaft gemacht hatte. Fast kam es mir so vor, als würde sie uns grüßend zunicken, bevor ihre gestauchte Finsternis von einem tiefen Rauschen begleitet, in Richtung des Wohnzimmers wehte.
Vorsichtig folgten wir dem Schatten. Frau Schlüter nahm keinerlei Notiz von ihm, aber das Haihörnchen auf ihrem Schoß fiepte ängstlich und sträubte erschrocken sein Fell. Zitternd drängte es sich Schutz suchend an die alte Dame. In diesem Moment verstand ich das Tierchen nur zu gut. Es war in eine fremden Welt geraten, in die es nicht gehörte und blickte einer unsicheren Zukunft entgegen, die es womöglich niemals geben würde. Ganz allein und von niemandem vermisst, verloren gegangen und abgeschrieben, war es nun von einer undurchdringlichen Finsternis eingeholt worden. Jetzt war es nur noch...
„Dieses Ding hat keinen Namen“, zischte der Schatten.
...ein Niemand.
„Keinen Namen“, echote ich und plötzlich wandte Frau Schlüter den Kopf.Sie sah zu mir auf und meinte tadelnd:
„Aber Walter, was redest du denn da? Das ist doch der Gernot.“

Für einen Moment stand die Zeit still. Aus dem Konzept gebracht, weil sein nahes Opfer scheinbar doch einen Namen besaß, verharrte der Schatten starr in Luft. Ich überlegte angestrengt, warum irgendjemand seine Katze Gernot nennen sollte und auch Bernemann kratzte sich nachdenklich den Bart. Der Moment ging vorbei und ich lehnte mich zu der Stelle vor, wo ich die Ohren der dunklen Gestalt vermutete.
„Hast du gehört? Sein Name ist Gernot. Und jetzt verpiss dich“, flüsterte ich und sie zuckte so schnell zu mir herum, dass ich zurückschrak.
„Und du? Wie heißt du?“, keifte die Stimme des Schattens durch meinen Kopf.
„Ich bin...“, setzte ich an, aber so nah an dieser tiefen Finsternis konnte ich mich nicht einmal mehr an meinen eigenen Namen erinnern. Als hätte es mich niemals gegeben, griffen meine Gedanken ins leere. In meinen Ohren dröhnte es, aber ich konnte sehen, wie sich Bernemanns Lippen bewegten. Der Angesprochene erstarrte, nickte dann und verschwand einen Augenblick später wie eine finstere Windböe aus der Wohnung.

Ich brauchte einige Atemzüge lang, um mich zu sammeln, da hörte ich den Hausmeister stöhnen:
„Gernot... ich fasse es nicht! Dabei wissen wir noch nicht mal, ob das überhaupt ein Männchen ist.“
Ob das nun wirklich von belang war, weiß ich zwar nicht, aber jetzt wo er sich nicht mehr bedroht fühlte, drehte Gernot sich genießerisch auf den Rücken und ließ dabei keine Fragen mehr offen.
„Na schön, dann passt der Name halt, aber hier bleiben kann er trotzdem nicht. Novophagen gehören einfach nicht hierher.“
„Aber Frau Schlüter wirkt gerade so glücklich.“
„Ich bin doch immer glücklich, wenn du mich besuchst, Walter.“
„Mit der toten Katze in ihrem Kopf war sie auch glücklich. Ohne die Leere wird dieser Novophagus...“
„Gernot“, berichtigte ich den Hausmeister.
„...wird Gernot eingehen, verstehst du das denn nicht? Ich habe wirklich keine Ahnung, was wir jetzt tun sollen!“
„Ich schon“, stieß ich hervor und lief los.

Noch etwas außer Atem stand ich kurz darauf wieder vor Lisas Tür. Sie sah mich überrascht an und fragte leicht besorgt:
„Ist alles in Ordnung bei dir?“
„Ja, absolut. Es ist nur... wie soll ich sagen... ein kleiner Hausmeister-Notfall. Sag mal, deine Bilder, verkaufst du die auch?“
„Es kommt manchmal vor, aber...“
„Und was kostet so ein Bild von dir?“, drängte ich.
„Also, meistens kostet es nur ein Lächeln.“
Ich bezahlte umgehend.


8. Aufgehängt und Feierabend

Als ich mit dem, unter den Arm geklemmten, Bild von Gernots Heimat wieder zu Frau Schlüter kam, hatte Bernemann bemerkenswerterweise bereits Hammer und Nagel in den Händen. Fachmännisch begutachtete er die Wände des Wohnzimmers und wählte eine geeignete Stelle aus, um sich umgehend an sein aufhängendes Werk zu machen.
„Das ist aber ein schönes Bild. Hast du es in der Schule gemalt, Walter?“, lächelte Fr.Schlüter mich mit leuchtenden Augen an.
„Ja... ganz allein für dich“, antwortete ich etwas abgelenkt, denn Gernot hatte sich aufgerichtet und schnüffelte neugierig mit zuckendem Näschen in der Luft herum. Ich behaupte sogar, wäre er im Besitz von Ohren gewesen, hätte er sie in diesem Moment ganz bestimmt aufmerksam gespitzt.
Nur kurz wuselte das Haihörnchen noch unentschlossen auf dem Teppich herum, setzte dann zu einem gewagten Sprung an und katapultierte sich mit beeindruckender Leichtigkeit mitten in die Leinwand. Ganz kurz bewegten sich einige der winzigen Grashalme und noch kürzer tauchte Gernots stolz aufgerichtete Rückenflosse zwischen ihnen auf.
Wir alle blickten gespannt auf des Bild und, begleitet von einem freudigen Lachen von Frau Schlüter, schoss er förmlich wieder daraus hervor und strich um ihre Beine. Glauben sie mir, die Installation einer konventionellen Katzenklappe wäre mir gewiss weniger gut gelungen.
„Ich glaube wir sind hier fertig“, kommentierte Bernemann.

Ich nahm mir noch etwas Zeit für mich und so langsam neigte sich mein erster Tag in den Türmen dem Ende zu, als es klingelte. Vor mir stand Benremann und hielt zwei Bierdosen hoch.
„Für heute ist Feierabend.“
Als ich aus der Wohnung trat, zeigte er auf das Namensschild unter der Türklingel.
„Schöner Name, übrigens.“
Wir fuhren mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk und Bernemann schloss eine eiserne Tür auf, hinter der eine Treppe auf das Dach des langen Elends führte.
Eine Minute später lehnten wir an der flachen Mauer des Treppenaufgangs und ließen die Bierdosen aneinanderklacken. Von hier oben aus konnte man das gesamte Dächermeer der Stadt überblicken und weit dahinter versank eine herrliche Sonne, die alles mit ihrem rot goldenen Licht übergoss.
„So einen prächtigen Sonnenuntergang habe ich noch nie gesehen“, sagte ich nachdenklich,
„Nun, ich denke, dieser Sonnenuntergang ist... rein narrativer Natur“, vermutete Bernemann nach einem großen Schluck.
„Ja, das habe ich mir irgendwie schon gedacht... Apropos, darf ich dich mal etwas persönliches fragen, Bernemann?“
„Natürlich, kein Problem, nur zu.“
„Du bist nicht real, oder?“
„Ist das denn so wichtig? Weißt du, Realitäten sind ein furchtbar schwieriges Thema, schließlich hat ja jeder Mensch seine eigene“, winkte er ab.
„Da hast du wahrscheinlich recht“, gab ich zu.
Eine ganze Weile lang blickten wir einfach nur stumm in die Ferne und tranken, bis Bernemann das Schweigen brach und interessiert fragte:
„Was hast du eigentlich gerade noch gemacht?“
„Ich habe noch einige meiner Kartons ausgepackt“, zuckte ich die Schultern.
„Tatsächlich?“
„Ja, wahrscheinlich werde ich hier doch noch etwas länger wohnen.“
„Es muss ja nicht für immer sein.“ In Bernemanns Stimme lag ein unangenehm tröstender Unterton.
„Wer weiß, vielleicht gehöre ich ja auch einfach hierher?“ Seltsam, aber bei dem Gedanken lief etwas an meinem Gesicht herab.
„Das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, ob du hierher gehörst.Wichtig ist, ob du vielleicht irgendwo anders da draußen fehlst.“ Er deutete auf die in ein trübes Licht gebadete Stadt.
„Das weiß ich nicht so genau“, gab ich leise zu.
„Mach dir keine Sorgen, das findest du schon noch heraus.“
„Meinst du?“
Ganz bestimmt... und in der Zwischenzeit könntest du mir ja noch etwas zur Hand gehen. Du hast heute ja gesehen, hier gibt es immer eine ganze Menge zu tun. Oder hast du in der nächsten Zeit schon etwas besseres vor?“
„Nein, das habe ich nicht“, lachte ich etwas bitter.
„Na dann, auf gute Zusammenarbeit.“

hab ich gern gelesen

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