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geschrieben von V.v.bo.K.
Veröffentlicht: 12.03.2020. Rubrik: Unsortiert


Herrlicher Hals Stich

Und plötzlich, in einem Moment vollkommener Unachtsamkeit, überfällt sie mich. Gerade als ich durch das Fenster starre, spüre ich ein dumpfes Pochen unter den Rippen.
Ich springe auf und noch während ich hinauslaufe schlage ich alles kurz und klein. Die Haustür fällt ins Schloss und ich hüpfe in das feuchte Laub. Es ist Herbst! Muss einfach Herbst sein...
Die beste Jahreszeit um rückfällig zu werden.
Der trefflichste Zeitpunkt um endgültig den Verstand zu verlieren.
Laut lachend laufe ich über den Gehsteig, wobei mir scheint: ich beobachte mich selbst von der gegenüberliegenden Straßenseite.
Meine verwahrlosten, braunen Locken wirbeln im warmen Wind; ansonsten sehe ich gar nicht schlecht aus.
Ist denn Sonntag? Die Leute sind so fein gekleidet, die Straßen ruhig und alles glänzt in Feiertags Politur.
Ein scheuer Sonnenstrahl sickert durch die Baumkronen, leckt über den feuchten Asphalt und verschwindet vor mir in einer schmutzigen Pfütze.
Hinter den Häusern höre ich das Folgetonhorn der Lokomotive.
Soll ich hinein ins Menschen Kompott?
Alles Gute und die Tugend über Bord kehren und richtig auf den Putz hauen?!
In die Hände klatschend hüpfe ich über den Bürgersteig.
Ein Greis mit Schirm und Panamahut bleibt stehen und schüttelt den Kopf. Kinder ziehen Grimassen hinter meinem Rücken.
Die Kreuzung duftet nach Zuckerbäckerei und frischem Kaffee; aber diese fetten, glänzenden Krapfen, die ich die vergangenen zehn Wochen in mich hineingestopft habe, kann ich nicht mehr sehen!
Blindlings laufe ich über die Straße, dass ich einen Fahrzeuglenker zwinge, voll in die Eisen zu steigen.
Es kracht.
Ich tanze schwerelos weiter, ziehe die Hand über die glühende Kühlerhaube und springe auf das gegenüberliegende Trottoir.
Dann kracht es wieder.
Glas springt und ich höre wie Fleisch auf den Boden schlägt und zerreißt.
Ein kalter Blutgeruch steigt auf und ich schaue auf meine Uhr.
Ich stelle mich vor die Absperrung, wo man die Züge aus weiter Entfernung erkennen kann.
Links: ein kleiner Kiosk im Pfeiler des Gemäuers, rechts eine Toilette.
Die Tür blockiert und ich muss mich mit der Masse meines Körpers dagegen werfen, um die Kieselsteine, die sich darunter gesammelt haben, mit ohrenbetäubendem Kratzen über die Fliesen zu reißen.
Dahinter höre ich das Schnaufen eines Betrunkenen.
Er liegt: verdreckt und erschöpft, das kranke Bein in alte Fetzen eingeschlagene, zwischen zwei verstopften Pissoirs.
Einen Moment spüre ich Mitleid für den Minderbemittelten, springe aber noch im selben Atemzug in die Luft und lande genau auf dem Mittelfußknochen des Schlummernden.
Er wirft den Kopf nach vor als wollte er etwas sagen; sagt aber nichts; bläst nur, mit eng aufeinandergepressten Lippen, die, nach billigem Fusel stinkende Luft hinaus. Lachend stelle ich mich vor das Pissoir und uriniere. In der Ferne das Folgetonhorn.
Ich packe den stinkenden Bettler am Kragen und schleife ihn ein Stück weit über den Boden. Mit weit aufgerissenen Augen und verzogenen Mundwinkeln starrt er mich an.
Keine Panik, sage ich. Wir gehen nur eine Runde plantschen, Kapitän.
Er wehrt sich kaum und nimmt mir beinahe die Lust am Spiel.
Erst als er begreift wohin es geht, fängt er an zu Schimpfen und schließlich mit beiden Händen um sich zu schlagen.
Ich lege ihn auf den Rand der Muschel und drücke das Gesicht in die übel riechende Pfütze. Erst als ich nichts mehr aus der verdreckten Schale des Alten aufsteigen spüre, höre ich auf.
Ein wildes Chaos empfängt mich auf dem Vorhof des Bahnhofs.
Ein himmelblaues Kabriolett liegt zerstört am Fahrbahnrand.
Die Kühlerhaube ist aufgeplatzt, wie der Deckel einer Sardinendose und dicke Rauchwolken steigen in den Morgen.
Auf der Straße liegen Fetzen von Kleidung und neben den rauchenden Reifen liegt ein großer Klumpen Fleisch.
Eine Menschenmenge hat sich auf beiden Seiten der Straße zusammengerottet, flüstert hinter vorgehaltenen Händen und leckt sich die Lippen. Jemand ruft etwas und zeigt auf mich.
Ich laufe die Treppen hinunter.
Mit nicht wenig akrobatischer Raffinesse hüpfe ich in den Waggon, ehe die Tür schließt.
Bis zur Stadtmitte zähle ich die Stationen.
Mittlerweile hat sich das Abteil stark gefüllt.
Es riecht nach Schweiß und Leberkäse.
Die besten heißen Würstchen der Stadt, steht auf einer Reklame.
Ich habe es tausend Mal gelesen und jedes Mal bin ich daran vorbei gelaufen. Die Schlange ist endlos und ich werfe einen Blick zu den brutzelnden Würstchen.
Mit schweißverklebten Händen reiche ich dem Wurstbudenverkäufer einen gefalteten Schein, das Wechselgeld beachte ich nicht; warte nur noch mit starrem Blick den fettigen Pappteller.
Beim ersten Biss spritzen die Tränen.
Die Haut springt mit einem Knall; heißes Fett und Käse tropft über den Teller hinaus auf das glänzende Tresen.
Ein kleiner hässlicher Mann, mit offener Jeansjacke, faltigem, fetten Hals, schwarzer Dauerwelle, Goldketten, übermüdeten Augen und Oberlippenbärtchen, dreht sich um und starrt mich feindselig an.
Ohne lange Nachzudenken greife ich nach dem Plastikmesser und ramme ihm das Spielzeug noch kauend in den verwursteten Hals.
Aus den Augenwinkeln sehe ich wie er sich mit beiden Händen an die Wunde fasst und stiel äugig in alle Richtungen gafft.
Ich stoße noch ein paar Mal kräftig mit den Stiefeln gegen den untersetzten Unterleib.
Der letzte Stoß hat gesessen und ich höre wie mehrere Knochen splittern und er mit einem dumpfen Gurgeln zu Boden geht.
Gierig schiebe ich die letzten Bissen hinunter.
Noch eine!, schreie ich und als der Verkäufer nicht reagiert, haue ich mit der Faust gegen die Scheibe.
Die Visage erscheint leichenblass im Viereck.
Er hat die Hände vor der Brust, will etwas sagen und schüttelt den Kopf.
Ich reiße einen Pappteller vom Stapel und gebe ihm zu verstehen, dass er ihn vollmachen soll. Als ich zahle starrt er mich überrascht an.
Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei.

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