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geschrieben von V.v.bo.K.
Veröffentlicht: 10.03.2020. Rubrik: Unsortiert


Menschen Spinnen

Einleitung und Erklärung, wer ich bin:

Es ist spät in der Nacht; insofern ich etwas von diesen zeitlichen Dimensionen verstehe. Der alte Kurt sagt immer: wenn es draußen stockdunkel ist und Rosa auf dem Sofa liegt und schnarcht, dann ist es spät in der Nacht. Gewöhnlich setzt er sich dafür auf, reibt sich das zerknitterte Gesicht und sucht mit blutunterlaufenen Augen die große Uhr.
Manchmal bleibt er eine Weile sitzen, ehe er sich konsterniert gegen die Stirn schlägt und ruft: "Grundgütiger! Schon so spät?!"
Rosa kann er damit nicht wecken, ihr Schlaf ist tief und steckt wie eine Anker am Grund des Bewusstseins fest. Sie grunzt oder stößt ein leises Murmeln aus, bis sie friedlich weiter schlummert. Rücksichtsvoll dreht Kurt den Fernsehapparat aus und verschwindet im Schlafzimmer.
Obwohl ich gerne in die Glotze gucke, macht mir das nichts aus, schließlich bin ich ein Kind der Nacht. Wenn es düster wird steigt Leben in meine acht Beine und ich krabble aus der dunklen Nische. Manchmal fällt ein Lichtstrahl auf die Wand und wenn es etwas gibt, dass meiner guten Laune Abhilfe verschaffen kann, dann schlampig zugezogene Gardinen. Viel lieber lausche ich ungestört Rosas Schnarchen, bis der Tag erwacht und ich mich verziehen kann. Einmal habe ich mich hinuntergeseilt auf das kleine Bücherregal und im großen Lexikon geblättert. Aus eingehenden Studien der Tier Enzyklopädie habe ich gelernt, dass ich zu den Eukaryoten zähle. Damit hatte sich der jahrelange Verdacht bestätigt, dass ich kein Mensch bin. Nichtsdestotrotz bin ich der menschlichen Vernunft, Auffassungsgabe und Konsequenz fähig.

Das Verbrechen:

Rosa schlief und Kurt hatte den Fernsehapparat abgedreht.
Gerade als ich meine Beine streckte, erschien eine Gestalt auf dem Flur.
Es war Simon; das dritte und jüngste Kind der Familie Unglück.
Starr und wie zu einem Streich bereit harrte der Junge im Türrahmen aus und starrte auf die Decke, in die seine Mutter eingeschlagen zwischen den Kissen lag.
Kaum hatte er drei Mal den Namen der Mutter erwähnt; das dritte Mal mit Nachdruck, regte sich etwas in der Dunkelheit.
Rosa zog die Beine hoch und robbte überrascht auf der Matratze nach oben.
Simon? fragte sie schläfrig.
Er sagte nichts, schließlich wusste er, dass sie wissen musste, dass bloß er es sein konnte. Leise ging er in das Wohnzimmer und setzte sich auf den Rand der Couch. Still starrten sich beide an. Rosa machte ein bestürztes Gesicht. Du siehst so anders aus, sagte sie, als sie später vor dem Küchentisch saßen.
Was ist los? wollte sie wissen.
Simon!? brüllte sie.
Still, erwiderte er. Der Vater soll nichts davon erfahren.
Mord, sagte er plötzlich.
Mord? Wer mordet? Und wer ist... ermordet?
Natalie, sagte er und starrte sie eiskalt an.
Natalie ist tot? flüsterte Rosa.
Still! schrie Simon wieder.
Der Vater soll ja nichts wissen.
Aber... Rosa rang nach Luft.
Der Vater, der Unbarmherzige, der unverständige, eiskalte Tyrann.

Retrospektiv und Totschlag total:

Du Waschlappen, sagte Natalie.
Dumme Gans, erwiderte Simon.
Dann nahm er den Salzstreuer, Marke: Peugeot, solides Stahlgehäuse, scharfkantig und groß genug um dem Mädchen ein Loch in den Schädel zu hauen.
Als das Blut aus der Wunde klafft und Natalie zwischen Kücheninsel und Waschbecken reglos am Boden liegt überfällt ihn Vernunft.
Er raucht eine Zigarette auf dem Balkon, schließt die Tür und schleicht die Treppe hinunter. Rosa liegt schnarchend im Wohnzimmer.

Erste Überraschung:

Kurt hatte die falschen Tabletten geschluckt, statt Diazepam Laxativum.
Er sieht Sohn und Frau in der Küche. Wie von der Tarantel gestochen springt Rosa aus dem Stuhl hoch.
Was los! wollte der alte Kurt wissen.
Was soll der Lärm zu dieser Stunde? In Simons Blick mischte sich Verachtung und Spott.
Geh wieder, sagte er ruhig.
Simon! Rosa war kurz davor das Schweigen zu brechen.
Wo ist Natalie! schrie Kurt in die sardonische Grimasse seines Sohns.
Mord!
Mord?
Mord..., murmelte der Vater nachdenklich.
Er legte eine Hand ans Kinn und lächelte.
Jetzt ist dein Spiel aus, sagte er rachsüchtig.
Deine Tage gezählt, du Schuft.
Wo ist sie? Liegt sie oben, im eigenen Blut?
Du Feigling! Und du sitzt hier und versuchst die arme Mutter zur Komplizin zu machen? Gegen den Vater hat er bislang die Hand noch nicht erhoben, doch nun ist er kurz davor.
Und es steht außer Frage, dass er ihn wie eine Fliege zerquetschen wird.
Aber die Mutter wirft sich dazwischen.
Ihre Tränen stehen zwischen den Rivalen.
Kurt! schreit sie. Was hast du vor?
Es gibt nur eine Möglichkeit, konstatiert der Vater.
Gerechtigkeit! Das Blut schreit nach Rache.
Schon hält er den Hörer in der Hand, da wirft sich Rosa einmal mehr an seinen Hals.
Nein! fleht sie, der Sohn wandert ins Gefängnis. Sie tobt und schlägt.
Derjenige, der mit dem Mörder unter einem Dach lebt, ist selbst kein Stück besser. Kurt hebt die Hand, holt gegen Rosa aus, aber Simon bricht ihm vorher alle Knochen und den Hals.

Zweite Überraschung:

Die Dielen knarren und die Wohnungstür im ersten Stock steht offen.
Auf dem Parkett zwischen Kücheninsel und Waschbecken klafft ein großer Fleck Blut. Aber Natalie ist weg!
Er geht zur Badezimmer Tür. Sie ist versperrt.
Das Rauschen von Wasser dringt durch die Tür.
Er hämmert dagegen.
Du kommst um dich zu entschuldigen, sagt Natalie und streckt ein Bein durch die Schaumkrone.
Um ein Haar hättest du mich erschlagen, Simon.
Zum Glück ist es bloß eine Platzwunde und ich werde mich erholen.
Aber ich hasse dich jetzt und wasche mich ein letztes Mal in deiner Wanne. Morgen bin ich fort, du Arschloch.

Ende:

Ich krieche in meine Nische zurück.
Menschen spinnen!

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von DER WORTKOTZER am 10.03.2020:

Originell! Gefällt mir.

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