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geschrieben von anona.
Veröffentlicht: 12.09.2017. Rubrik: Unsortiert


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Ich klopfte an eine schwere Holztür. Und wartete. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit bis ich im Inneren des Hauses eine Regung hören konnte. Ganz langsam, als würde es große Anstrengung erfordern wurde die Klinke runtergedrückt und die Tür einen Spaltbreit aufgezogen. Dann wieder Stillstand. Ich war verwundert, warum meldete sich niemand? Ich klopfte noch einmal und die Tür ein wenig weiter auf, sodass ich ein Gesicht erkennen konnte. Eine Frau starrte mich an. Ihr Gesicht war so mager, dass es wirkte, als wäre ihre Haut zu massig, sodass sie sich in unendlich viele Falten gelegt hatte. Ihre Augen fixierten mich und ich fragte mich, ob sie nicht irgendwann blinzeln musste. Ich musste etwas sagen, doch mir viel nichts ein, um den Grund meines Besuches zu erklären.
„Hallo.“ Sie regte sich nicht. Was in Anbetracht meiner etwas dürftigen Begrüßung natürlich kein Wunder war. „Ich weiss, Sie wundern sich, dass ich einfach so an ihrer Tür klopfe, obwohl wir uns gar nicht kennen, aber wenn Sie mich einlassen, kann ich Ihnen alles erklären.“ Wieder starrte sie mich minutenlang nur an, dann dreht sie sich ganz langsam um und stapfte ins Dunkle. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, schob die Tür auf, die wie erwartet sehr schwer zu bewegen war, und folgte ihr in den Flur. Es war stockfinster und ich wusste nicht, wo sie hingegangen war, also ich lief ich einfach geradeaus, bis ich an einer Kerze angelangt war. Sie warf Licht in einen kleinen Raum, in dem ein Sofa und ein kleiner Tisch standen. Die alte Frau saß auf dem Sofa und blickte mich an. Ich ging hinein und stellte mich ihr gegenüber. Auf dem Tisch lagen ein Blatt Papier und ein Stift und die Frau nahm den Stift, schrieb etwas auf und reichte mir den Zettel. Ich musste zurück zur Kerze gehen, um die Schrift erkennen zu können. „Woher willst du wissen, ob ich mich wundere? Oder kannst du in meine Gedanken sehen?“ Was für eine merkwürdige Frage. „Ich habe es einfach angenommen, weil ich mich an Ihrer Stelle gewundert hätte“, sagte ich leise mehr zu dem Zettel als zu ihr. Sie war mir unheimlich. Sie blickte zu Boden und wirkte wie eine Statue. Ich gab ihr den Zettel und sie kritzelte wieder etwas. „Nur weil du das tun würdest, bedeutet es nicht, dass ich es auch tun würde.“ Ich nickte, als hätte ich verstanden, was sie mir sagen möchte. Eigentlich verstand ich nichts von dem, was hier gerade passierte. Ich reichte ihr den Zettel zurück und fragte: „Warum sprechen Sie nicht?“ Ihre schriftliche Antwort war: „Sprechen hat für mich die Bedeutung verloren.“ Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, was das Sprechen für eine Bedeutung hatte, ich sprach einfach, weil es notwendig war um mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber es gab Wichtigeres mit dem ich mich jetzt befassen musste.
„Ich möchte Ihnen trotzdem sagen, weshalb ich Sie in Ihrem Haus belästige. Ich bin auf der Suche nach Enotan. Ich weiss nicht, wer es ist, aber man sagte mir, er könne mir bei meinen Problemen helfen.“ Diesmal dauerte es länger, bis sie ihre Antwort fertiggestellt hatte. „Du weißt nicht, ob du mich belästigst, du nimmst mich nicht als eigenen Menschen war. Ich bin nicht du! Aber ich will dir sagen, wo du Enotan findest. Geh in den Wald hinein und folge dem Reh. Es wird dich führen. Wenn du an eine Lichtung kommst, warte. Er wird zu dir kommen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“ Ihre Sätze machten mir Angst und ich bedankte mich flüchtig, und verließ so schnell wie es im Stockfinstern möglich war, ihr Haus.

Ich ging schnellen Schrittes bis zum Waldrand, bekam dann Zweifel an ihren Worten und blickte eine Zeitlang in die Bäume. Wollte sie ernsthaft von mir verlangen, dass ich in einen mir fremden Wald ging und einem Reh folgte? Woher sollte das Reh denn wissen, welches Ziel ich habe? Und selbst, wenn es das wüsste, woher sollte es Enotan kennen? Mir blieb jedoch keine Wahl, da ich auf keinen Fall zurück zu dieser Frau gehen wollte und begab mich auf einen kleinen Waldweg.
Ich war schon lange Zeit ziellos umhergelaufen, hatte Kaninchen und Vögel beobachtet, in der Hoffnung ein Reh zu entdecken, doch es war zwecklos. Es wurde langsam Abend und ich hatte meine Orientierung verloren. Langsam empfand ich Angst, dass ich keinen Ausgang mehr finden würde und für immer in diesem Wald umherirren würde. Doch hier stehen zu bleiben, würde meine Situation sicher nicht verbessern, also setzte ich meinen Weg fort. Nach weiterer langer Zeit, die ich nicht bestimmen konnte, hörte ich ein Rascheln zu meiner Rechten. Ich schlich durch die Pflanzen und entdeckte tatsächlich ein Reh, das aus einem kleinen Bach trank. Es hob den Kopf und blickte mich direkt an und mein Herz klopfte aus Furcht, dass es sich erschrecken und flüchten würde. Doch das Reh drehte sich nur langsam um und ging fort. Ich folgte ihm. Irgend sah ich tatsächlich, auch wenn ich immer noch überzeugt war, dass meine Aktion sinnlos und lächerlich war, eine Wiese, auf der es ein wenig heller war, als im Wald. Als wir näher kamen, erkannte ich eine riesige Lichtung, auf die ein letzter Rest der untergehenden Sonne schien. Das Reh schaute mir noch einmal in die Augen und als würde es mich erst in diesem Moment sehen, erschrak es und verschwand. Ich setzte mich ins Gras und wartete, wie die alte Frau mir erklärt hatte. Es wurde bald Nacht und ich wusste nicht, wie lange besagter Enotan brauchen würde um mir zu helfen. Ich wartete und wartete. Irgendwann erschienen Sterne am Himmel und ich hatte kein Gefühl für die Zeit oder die Gefahren, die in diesem Wald lauerten. Ich saß wie auf einem Präsentierteller auf einer leicht erleuchtenden Wiese umgeben von tiefem Schwarz. Wie konnte ich nur so dumm sein und auf die Worte einer Frau vertrauen, die noch nicht einmal mit mir sprechen wollte. Warum wollte sie nicht sprechen? Ich hatte noch immer keine Ahnung, was „Sprechen hat für mich die Bedeutung verloren“ heißen sollte. Wie konnte es an Bedeutung verlieren? Und wieso hatte sie trotzdem Worte aufgeschrieben? War das nicht irgendwie dasselbe? Die Gedanken machten mich müde, und ich legte mich auf den Rücken. Es erschien mir nicht ratsam einzuschlafen in einer solchen Umgebung, aber mir fielen immer wieder die Augen zu.

Ich erwachte durch ein Kribbeln an meiner Nase. Neben mir saß ein kleines Kaninchen und beschnupperte mich. Ich rappelte mich und es sprang in sichere Entfernung. Es war Tag geworden, die Sonne schien, aber es war noch immer kein Mensch in Sicht. Bestürzt über meine Dummheit einfach einzuschlafen, beschloss ich den Weg aus diesem Wald zu finden und nach Hause zurückzukehren. Die alte Frau wollte mich nur loswerden und ihre Boshaftigkeit ging soweit, dass sie mich in einen dunklen Wald schickte. Ich müsste meine Probleme auf anderem Weg lösen, hier kam ich jedenfalls nicht weiter. Ich stand und überquerte die Lichtung und begann mir einen Weg durch Gebüsch zu schlagen. Ich blickte zurück und mich durchfuhr der Gedanke an die letzten Worte der Frau: „Er wird zu dir kommen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“ Was, wenn sie wusste, dass ich nicht lange genug warten würde? Was, wenn sie von Anfang an wusste, dass ich ihre Anweisungen in Frage stellen würde und nicht genügend Geduld aufbringen würde um Enotan zu begegnen. Warum sonst würde sie darauf hinweisen, dass es einen richtigen Zeitpunkt für Enotans Erscheinen gab? Ich ging zurück und setzte mich wieder auf die Lichtung. Ich spielte ein bisschen mit den Grashalmen und als ich aufblickte sah ich einen Mann in einer Entfernung von zwei Metern vor mir stehen. Er blickte mich an und lächelte. „Wie lange stehen Sie da schon?“, fragte ich verwirrt. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören. Er antwortete nicht. Nicht schon wieder, ich hatte keine Lust auf dieses Gespräch ohne Sprechen. „Reden Sie auch nicht?“, fragte ich leicht gereizt. Er lächelte noch stärker, aber er antwortete: „Doch, ich spreche! Ich sehe du hast mit einer alten Freundin Bekanntschaft gemacht. Ich glaube sehr wohl noch an die Bedeutung des Sprechens und bedauere sehr, was ihr widerfahren ist, dass sie es nicht mehr kann.“ „Sind Sie Enotan? Können Sie mir helfen? Man sagte mir, dass Sie es könnten.“ „Ich weiss nicht, ob ich dir helfen kann, aber du könntest mir berichten, dann werden wir weitersehen.“ Ich schöpfte Hoffnung und begann ihm meine Geschichte zu erzählen.

„Also, ich habe ein großes Problem und keiner kann mir helfen. Ich habe vor einiger Zeit einen großen Fehler gemacht und es hat dazu geführt, dass ich meinen besten Freund verloren habe. Ich habe ihn schwer enttäuscht und dann haben wir uns gestritten und lange Zeit nicht mehr miteinander gesprochen. Ich dachte, ich wäre im Recht gewesen, und deshalb wollte ich mich nicht bei ihm entschuldigen.“ Meine Erzählung schnürte mir die Kehle zu. Es war schwer die entscheidenden Worte hervorzubringen. „Er ist gestorben.“ Meine Stimme brach weg und mit Tränen in den Augen sah ich Enotan an, der mir einen ernsten Blick zuwarf. „Sprich weiter. Nur so wirst du Heilung finden.“ Aber ich konnte nicht und er verstand. Er setzte sich neben mich und wartete.
„Er war krank, ich wusste es nicht, ich erfuhr es erst, als es schon zu spät war. Als ich von seinem Tod erfuhr spürte ich nichts, absolut gar nichts. Ich schaltete den Fernseher ein und schaute den ganzen Tag irgendwelche Sendungen, von denen ich nichts mehr erinnere, weil sie mich überhaupt nicht interessierten. Ich schlief abends ein und ging am nächsten Tag zur Arbeit, als wäre nichts gewesen. Nach ein paar Tagen fand die Beerdigung statt und ich ging selbstverständlich hin, aber ich konnte nicht weinen. Ich war umringt von trauernden Menschen und ich selbst empfand nur Angst, dass man mich für einen schlechten Menschen halten würde. Ich stand unter so grosser Anspannung, dass ich blaue Flecke an den Armen bekam, weil ich sie den ganzen Tag so fest gedrückt hatte. Es gibt einfach keine zurück mehr, er ist weg und ich kann mich nie mehr entschuldigen. Ich bin der schlechteste Mensch auf der Welt.“ Ich schaute betreten in Gras. Enotan sagte nichts, er war vermutlich schockiert, dass ich so böse war. Ich musste etwas sagen. „Ich weiss nicht, was ich tun soll Enotan, keiner kann mir sagen, was ich tun soll. Ich bin verloren.“ Er blickte mich an und sprach mit Nachdruck: „Erwartest du, dass ich es dir sage?“ Ich schöpfte Hoffnung und nickte. „Das kann niemand. Niemand auf dieser Welt wird dir sagen können, wie du mit deinem unermesslichen Verlust umgehen sollst.“ Verlust? Hatte er nicht zugehört? Es ging mir doch nicht um den Verlust, sondern darum, dass ich ein schlechter Mensch bin, der nicht einmal um seinen Freund trauert. Ich schwieg. Er stand auf bedeutete mir ihm zu folgen. Wir gingen zu einem kleinen Pavillon, von dem ich hätte schwören, dass er vorher noch nicht auf dieser Lichtung stand. Auf dem Boden des Pavillons lagen ein Kristall und ein goldverzierter Handspiegel. Enotan nahm den Kristall und legte ihn in meine Hand. „Dies ist der Kristall der Sehnsucht. Schließe die Augen und sage mir was du spürst.“ Ich schloss meine Augen, umklammerte den Gegenstand in meiner Hand und wartete. Es geschah nichts. „Ich spüre nichts.“ Stille. Ich öffnete die Augen, doch Enotan blickte mich nur an und ich schloss sie wieder. Wie aus dem Nichts spürte ich einen Stich. Er ging durch meinen ganzen Körper und schwoll an zu einem unermesslichen Schmerz. Ein Bild von meinem verstorbenen Freund erschien. Es war eine Szene vor ein paar Jahren, in der wir in der Küche saßen und über die Welt philosophierten. Ich sah das Lachen in seinen Augen, die Lebensfreude, die er manchmal versprühte war so real, als würde ich in diesem Moment neben ihm sitzen. Aber ich sah auch die Trauer, die sich so oft hinter seinem Lachen versteckte. Der Schmerz stach immer wieder zu, wie Messer, die meinen Körper malträtierten. Ich umklammerte den Kristall und ein anderes Bild erschien. Es zeigte wieder ihn, doch dieses Mal sah ich nur Wut und Schmerz in seinen Augen und erinnerte mich, dass es der Tag war, an dem ich ihm sagte, er sei Schuld daran, dass es mir immer schlecht gehe. Er verblasste und er erschien ein Grab. Es war sein Grab und es fühlte sich an, als würde ich von innen heraus explodieren.
Ich fand mich am Boden wieder, wimmernd, mein Gesicht war tränenüberströmt, der Kristall lag neben mir am Boden. Mit verschwommenem Blick nahm ich eine Hand war, die ihn griff und in meine Finger legte. Ich wehrte mich mit letzter Kraft und versucht meine Hand wegzuziehen. „Weiter, du musst weiter machen“, hörte ich eine Stimme. Ich ließ es geschehen und tauchte wieder ab in eine mir schon vertraute Szene. Wir saßen in einem Wohnzimmer, es war mein Wohnzimmer und mein Freund sagte mir, dass er nie daran geglaubt hatte, dass er eines Tages jemanden kennenlernen würde, dem er so vertrauen könne, wie mir. In seinem Blick war etwas, das ich fast vergessen hatte, aber an das ich mich auf einmal besser erinnern konnte, als an alles andere. Es war pures Glück und Dankbarkeit. Ich fühlte es. Ich fühlte Dankbarkeit. Dann sah ich ihn in einer Situation, die mir unbekannt war. Er stand vor meinem Haus und sein Finger lag auf meiner Klingel. Er zog ihn zurück und schaute auf die Tür. Er blieb lange stehen, als wäre er eingefroren. Dann sagte er in die Luft: „Ich vermisse dich. Ich hoffe, du kannst irgendwann verstehen, dass ich dich immer vermissen werde. Ich habe dich nicht im Stich gelassen und ich werde es auch nicht.“ Ich fühlte Trauer. Es war eher ein schleichendes Gefühl, dass sich wie heißes Wasser in meinem ganzen Körper ausbreitete.
Ich erwachte. Ich konnte nicht sprechen. Ich weinte bitterlich und hatte das Gefühl zu ersticken, aber es war mir egal. Tränen über Tränen liefen aus meinen Augen und es war, als würde aller Schmerz, der so lange in mir war, sich einen Weg nach draußen bahnen. So verblieb ich eine lange Zeit, bis Enotan mich auf die Beine zog und mir den Spiegel gab. „Sieh hinein, und sage mir was du siehst.“ Ich sah einen kleinen Jungen vor einem Haufen Geschenke. Doch sie interessierten ihn scheinbar nicht, denn er untersuchte einen Teller mit Süßigkeiten. Beine erschienen im Bild und eine Hand schob den Teller weg und zeigte auf die Geschenke. Der Junge schaute betrübt und begann die Geschenke auszupacken. Plötzlich stand der Junge vor einer Gruppe von Erwachsenen. Er drückte seinen Mund in seine Hand und blickte verschämt zu Boden. Die Erwachsenen lachten, jemand rief etwas, doch der Spiegel übertrug keinen Ton. Eine Frau stand auf zog die Hand des Jungen vom Mund weg, doch er vergrub sein Gesicht sofort wieder in seinem Arm. Sie schüttelten nur den Kopf und wendeten sich ab. Der Junge saß nun auf einem kleinen Ball und blickte umher. In kleinen Gruppen spielten Kinder in einem Raum und sah ihnen sehnsüchtig dabei zu.
Enotan zog den Spiegel weg. „Erinnerst du dich?“ Ich erinnerte mich nur zu gut. Das war ich.
„Dein Freund war nie schuld an deinem Schmerz. Du konntest die Trauer nicht zulassen, weil du an ihr zerbrochen wärest. Aber sie hat immer in dir gelebt.“ Ich wusste, dass er Recht hatte, aber ich konnte nur an den kleinen Jungen denken, den ich seit Jahren vergessen hatte. Ich verspürte eine tiefe Zuneigung für ihn und Schaum und Trauer, dass ich mich nicht mehr in ihm erkennen konnte. „Was ist nur aus mir geworden?“, flüsterte ich. „Die Frage ist, was hast du aus dir gemacht? Du bist verantwortlich für dich selbst, niemand anderes.“ „Ich vermisse ihn.“ Enotan nickte. Es schien, als wüsste er genau, was ich fühlte.

„Ich weiss nicht, wie ich ihn wiederfinden kann.“ Enotan strahlte mich an und sagte: „Du weißt es.“ Und ich verstand.

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