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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Jörg Fritz.
Veröffentlicht: 02.04.2020. Rubrik: Persönliches


Brennend heißer Kaffee

Ich fasse es nicht. Wirklich nicht. Man darf mich Tollpatsch der Nation nennen. Warum? Ich traue mich kaum, diese Geschichte, vielmehr sind es drei Geschichten, zu erzählen. Fangen wir am besten mit dem Prolog an. Vor vielen Jahren waren wir mit unserem Freund Uwe
und seiner Frau beim Italiener zum Essen verabredet. Es wurde viel erzählt und gelacht. Nach dem Hauptgang folgte dann ein Missgeschick, das uns zum Gesprächsthema Nummer eins im Restaurant werden ließ. Uwe senkte seinen Kopf, um sich mit der Papierserviette den Mund abzuputzen. Gleichzeitig redete er munter drauf los weiter. Pech für ihn und uns, dass er eine brennende Kerze übersah. In Sekundenbruchteilen ging die Serviette in Flammen auf. Uwe schmiss das brennende Papier auf den Tisch. Ich griff zu meinem Glas, das zum Glück voll gefüllt mit Mineralwasser war, und betätige mich als Feuerwehrmann. Der Erfolg dieser Löscharbeit stellte sich prompt ein. Das Feuer war gelöscht. Der Schrecken war groß. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den Gästen in unserer Nachbarschaft. Auf dem Tisch, der glücklicherweise nur durch eine Papiertischdecke bedeckt war, sah es schlimm aus. Verbrannte Papierreste der Serviette lagen großräumig verteilt auf dem Tisch, während das Löschwasser vom Tisch auf die Erde tropfte. Uns allen stand die Peinlichkeit ins Gesicht geschrieben. Fürs Dessert führte man uns freundlicherweise zu einem anderen Platz. Das Tiramisu schmeckte aber keinem von uns mehr. Wir zahlten wenig später und gaben der Bedienung ein dickes Trinkgeld. Das Ende eines heißen Abends.
Im Glauben, dass sich derartige Dinge nicht ein zweites Mal ereignen, betrat ich ein gutes halbes Jahr später eines dieser modernen Kaffeehäuser, deren Filialen heute fast in jeder Stadt vertreten sind. Ich bestellte mir einen Cafe Latte, nahm mir eine Tageszeitung aus dem Ständer und fand zudem noch einen Platz am Fenster mit einem schönen Blick nach draußen. Entspannten Minuten stand eigentlich nichts entgegen. Was für eine Fehleinschätzung! Es dauerte nicht einmal eine Minute, bis mir Panik im Gesicht stand. Die Gesichtsfarbe nahm einen feuerroten Ton an. Und es stank. Noch vor dem ersten genussvollen Zug aus der Kaffeetasse breitete ich die Zeitung aus und konzentrierte mich auf den Sportteil. Weniger konzentriert war ich auf mein unmittelbares Umfeld. Ein brennendes Teelicht hatte ich außer Acht gelassen, was sich rächen sollte. Innerhalb weniger Sekunden ergriffen die Flammen Besitz von der linken Zeitungsseite. Ich war perplex, schmiss die Gazette aber reflexartig auf den Boden und trampelte wie eine wildgewordene Furie mit den Füßen die Flammen aus.
„Respekt“, meinte ein unmittelbar neben mir sitzender Gast.
„Sie haben tolle Reflexe.“
Mir fiel vor Schreck keine passende Antwort ein. Die Bedienung eilte mit Besen und Kehrschaufel zum Unglücksort und betrieb Aufräumarbeiten. Ich machte mich schnellstmöglich aus dem Staube, ohne auch nur einen weiteren Schluck Kaffee getrunken zu haben. Ich war nur peinlich berührt.
Es sollte noch schlimmer kommen. Einige Monate später. Gleicher Ort, gleiche Bestellung, gleiche Zeitungslektüre und gleicher Platz mit schönem Blick nach draußen. Neu war nur, dass das Malheur erst nach fünf Minuten einsetzte. Das brennende Teelicht hatte ich natürlich außer Acht gelassen. Dann schlug die Flamme zu. Das Ergebnis ist bekannt. Ich muss diesen Fauxpas nicht ein weiteres Mal beschreiben. Gleichwohl kann ich auch nicht von einem routinierten Vorgang sprechen. Mein Gesicht lief erneut puterrot an. Ich konnte nur noch die Flucht antreten.
Es vergingen Jahre, in denen es mir gelang, unfallfrei in der Öffentlichkeit Kaffee zu trinken. Die Furcht vor weiteren Bränden schien unbegründet zu sein. Ich sollte mich irren. Es war kurz vor der von der Bundesregierung festgelegten Kontaktsperre wegen der Coronapandemie.
Nach langer Zeit suchte ich wieder einmal das Kaffeehaus auf, in dem ich vor langer Zeit zwei Erlebnisse der besonderen Art hatte. Anstatt sich daran zu erinnern, ging ich unbedarft zu Werke. Zum dritten Mal legte ich das gleiche Verhaltensmuster an den Tag. Und zum dritten Mal stellte sich die Katastrophe ein. Die linke Zeitungsseite brannte – wegen des Teelichts. Nur diesmal nicht so stark. Meine Löschversuche waren daher erfolgreicher als bei den zwei Bränden zuvor. Und noch etwas war anders. Ich lief nicht mehr im Gesicht knallrot an. Ich will nur hoffen, dass es nicht an der Routine lag.

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