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geschrieben von Glaser.
Veröffentlicht: 26.04.2020. Rubrik: Unsortiert


Die letzte Fahrt

Niemand hatte es bei ihm lange ausgehalten. Und dabei war er der beste Lokführer, den die regionale Railway Compony im Mittleren Westen jemals hatte. Wegen seiner massiven Gestalt nannte man ihn Chubby Bull. Er konnte mit den Zähnen eine Lokokomotive an einem Seil auf ebener Strecke eine ganze Meile ziehen. Das hatte noch keiner geschafft. Wenn er Lust hatte, bog er eine massive Stahlstange mit bloßen Händen zu einem U. Auch dicke Bücher waren nicht vor ihm sicher. Sie einfach am Falz zu zerreißen, war ihm zu einfach, er packte sie quer und machte schnell aus einem ganzen Buch zwei halbe.

Seit drei Jahrzehnten fuhr einen Personen- und Güterzug von God Forgive Us, der Distriktshauptstadt nach Stolen Land, einem Kommerzzentrum. Das waren fast 100 Meilen. Dafür brauchte er mit Rüstzeiten und Aufenthalten etwa sechs Stunden. Es gab etliche Steigerungen und viele enge Kurven, in denen er sehr langsam fahren musste.

Die Lokomotive war schon in die Jahre gekommen. Als sie angeschafft wurde, war sie eine der modernsten Maschinen ihrer Zeit. Aber inzwischen häuften sich die Reparaturen. Das Mangement der Company wollte schon seit einigen Jahren eine neue Lok kaufen. Aber Chubby Bull sperrte sich. „Wenn ihr sie ausmustert, könnt ihr mich auch gleich feuern“, war seine stereotype Antwort zu seinen Vorgesetzten, wenn sie wieder einmal auf diese Sache zu sprechen kamen.

Chubby Bull liebte seine Lok, die offiziell Lonely Hawk hieß. Er aber nannte sie nur Butterfly. Alle Reparaturen führte er selbst aus und zeigte dabei ein ersaunliches Geschick.

Letzte Woche hatte der letzte Heizer gekündigt. Er war immerhin ein halbes Jahr der Gehilfe von Chubby Bull. Der Personalchef mit allerlei rhetorischen Tricks, den Grund herauszufinden. Aber der Mann ließ sich nichts entlocken. Auch der Wink mit einem Säckchen voller Goldmünzen half nichts.

Vorübergehend wurden Chubby Bull zwei ungelernte Heizer einer anderen Linie unterstellt. Aber man strebte eine Lösung an, die etwas länger halten sollte. Und diese Lösung musste sehr schnell gefunden werden.

Der Präsident der Company besprach mit Angelegenheit mit seinem Schwager, dem Direktor des Staatsgefängnisses. Dort gab es einen Insassen, der früher einmal Heizer war. „Ein guter Mann. Sie nennen ihn nur Boy Boy. Denk dir nichts dabei. Sein regulärer Entlassungstermin ist zwar erst in acht Monaten. Aber ich kann da was für dich tun.“ „Wegen was ist er denn eigentlich verurteilt worden?“, fragte der Präsident. „Das willst du nicht wissen“, sagte sein Schwager.

Schon enen Tag später fing Boy Boy als Heizer bei Chubby Bull an. Boy Boy versah seine Arbeit exakt nach den Vorgaben seines Chefs. Es entging ihm nicht, dass sich der Lokführer einen Schluck aus seiner Flasche genehmigte, während Boy Boy Kohle nachschippte.

„Jetzt kommt eine gerade Strecke, die ganz leicht fällt. Wir können etwas entspannen. Was meinst du? Das dauert genau 13 Minuten“, sagte Chubby Bull und schob seinen Heizer ein Stück vor sich her, so dass beide in Fahrtrichtung aus dem Fenster sehen konnten. Und dann geschah das, was nie hätte passieren dürfen. Chubby Bull schlang seine Arme um ihn. „Nein!“, rief er. „Doch!“, erwiderte Chubby Bull. „Warte einen Moment!“, sagte Boy Boy. Verdutzt ließ Chubby Bull ihn los. Boy Boy griff in seine Hosentasche, öffnete ein Fläschen mit Kupfervitriol und schüttete es seinem Chef über den Kopf. Das Gift floss sofort in Chubby Bulls Augen und führte zu seiner Erblindung. Aber Chubby Bull griff nach Boy Boy und schob ihn ins Feuer.

Chubby Bull kannte die Strecke in- und auswendig und fuhr den Zug absolut einwandfrei bis zur Endstation.
Dort stand ausnahmsweise ein Signal auf Stop. Und Chubby fuhr auf einen stehenden Güterzug auf. An seiner Lok entstand Totalschaden. Und natürlich überlebte Chubby Bull das nicht.

Später konnte die Polizei mit den Gerichtsgutachtern feststellen, dass Chubby den Zug blind gefahren hatte.

Von Boy Boy fand man keine Spuren.

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