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geschrieben 2020 von Celina (celinakohnen).
Veröffentlicht: 27.05.2020. Rubrik: Persönliches


Der verlorene Koffer

Maria öffnete ihre Wohnungstür und zwängte ihren großen Koffer durch den Spalt. Verzweifelt wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und atmete tief durch.
Sie war seit mehreren Stunden unterwegs, kam grade erst aus New York zurück. Dieser letzter Trip hatte ihr viel Kraft gekostet, da es ihr siebter Auslandsaufenthalt in diesem Monat war. Oft lag sie nachts in den verschiedensten Hotels wach und dachte an ihre Familie, an ihre Freunde und an all die Momente, die sie verpasste.
Aber sie wusste, worauf sie sich einließ als sie sich vor zwei Jahren für diesen Job entschied. Es war immer ihr Traum, die Welt zu bereisen und verschiedene Kulturen kennen zu lernen. Das ihre Realität eines Tages ganz anders aussehen würde, hätte sie damals nie gedacht. Heute verbringt sie viele Stunden alleine in Hotelzimmern, verschlingt billige Flughafenromanzen und verliert sich in der hoffnungslos überzogenen Romantik der Charaktere.

Seufzend stellte sie ihren Koffer im Wohnzimmer ab, streifte sich die dünne Strickjacke von den Schultern und zog sich im Gehen die Schuhe aus, als sie die wenigen Schritte zu ihrer Küchenzeile ging.
Die trockene Luft im Flieger und die Hektik des Flughafen- und Berliner Großstadtverkehr hatten ihren Mund ausgetrocknet. Maria nahm sich ein Glas und füllte es mit Leitungswasser. Mehr hatte sie nicht Zuhause, außer eine Weinflasche, die noch vom letzten Abend mit ihren Freundinnen übrig geblieben war. Wie auf Kommando knurrte ihr Magen und sie fing an, zu überlegen ob ein Pizzalieferservice nicht einfach ihre beste Wahl war. Aber erstmal wollte sie ihren Koffer ausräumen.

Müde stellte sie das Wasserglas ab und machte sich daran, ihren Koffer zu öffnen und die Wäsche zu sortieren. Sie war noch nicht weit gekommen, hatte erst ein paar zerknitterte Teile aus dem Koffer genommen, als ihr ein kleines, in Leder gebundenes Buch am Boden des Koffers auffiel. Erstaunt glitt ihr das weiße T-Shirt, was sie sich Sekunden vorher genommen hatte, aus den Händen.
Sie besaß kein ledergebundenes Buch, da war sie sich sicher. Doch woher kam es? Maria nahm das Buch mit zittrigen Fingern und lehnte sich verwundert zurück. Die Klamotten und ihr Hunger waren vergessen, all ihre Gedanken kreisten nur noch um das kleine, alte Buch, dass nicht ihr gehörte.

Langsam strich Maria über das Leder, es fühlte sich alt und abgegriffen an, aber auch geschmeidig und irgendwie warm.
Erst nach einigen Minuten hatte Maria das Gefühl wieder in das Hier und Jetzt zurück zu kehren. Zurück kam auch ihr Hunger und sie entschied sich dazu, ihren Koffer, das geheimnisvolle Buch und all die Klamotten, die verstreut im Wohnzimmer lagen, erstmal ruhen zu lassen.

Nachdem Maria eine Pizza bestellt und die Weinflasche geöffnet hatte, widmete sie sich wieder ihrem Koffer. Aber erst auf diesem zweiten Blick bemerkte sie das kleine, blaue Kofferbändchen am oberen Griff. Verwundert betrachtete Maria den Koffer von allen Seiten und stellte fest, dass er genauso aussah wie ihrer, bis auf das blaue Detail am Koffergriff. Verzweifelt griff Maria nach den Klamotten und stellte fest, dass es sich um Männerklamotten handelte. Wie konnte ihr dies nicht auffallen?
Wahrscheinlich war sie einfach zu müde und sie wusste jetzt schon, dass ihr diese ganze Situation mit dem offensichtlich vertauschten Koffer Kopfschmerzen bereiten würde.

Erneut griff sie nach dem kleinen Buch und starrte es an. Mit der anderen Hand drehte sie das blaue Schild, welches am Bändchen befestigt war, um. In krakeliger Schrift stand ein Männername und eine Adresse in dem vorgesehenen Feld. Maria begutachtete stirnrunzelnd das kleine Adressfeld, jedoch konnte sie die Anschrift nicht entziffern.

Zögerlich ließ Maria das Kofferbändchen los und hielt das kleine Lederbuch mit beiden Händen fest. In ihrem Inneren erbat sich ein bitterlichen Kampf zwischen ihrem schlechtem Gewissen und der puren Neugier. Ihr schlechtes Gewissen riet ihr davon ab, so in die Privatsphäre einer unbekannten Person einzugreifen. Was wenn es sich um etwas so Persönliches wie ein Tagebuch handelte? Oder um die Notizen eines Geschäftsmannes auf Reisen? Andererseits wurde ihre Neugier immer und immer größer und die Fragen, wer dieser Mann war und vorher er kam, wurden immer lauter. Maria war wie erstarrt, wie gelähmt von ihrer Unentschlossenheit. Würde sie es bereuen, den Buchdeckel zu öffnen und mehr über diesen unbekannten Mann zu erfahren?

Schlagartig gewann ihre Neugier die Oberhand und begrub das schlechte Gewissen tief unter sich. Wie in Trance schlug Maria die erste Seite auf und starrte wie gebannt auf dieselbe krakelige Schrift, wie auf dem Kofferbändchen. Ihr Atem war flach als die ersten Worte, die sie am oberen, rechten Blattrand las, ein Datum und eine Jahreszahl waren.

…03. Mai 1958…

Sprachlos las Maria weiter, dieser erster Eintrag wurde vor einer langen Zeit geschrieben. Schnell erkannt sie das es sich tatsächlich um ein Tagebuch handelte und der erste Eintrag scheinbar ebenfalls in Berlin, ihrer Heimatstadt, spielte. Der Erzähler beschrieb, dass er grade sein Studium der Mathematik an der Humboldt-Universität zu Berlin beendet hatte und auf der Suche nach einer Anstellung war.
Er hoffte scheinbar, eine Stelle in der Forschung zu erhalten und suchte an diesem Tag das wissenschaftliche Forschungsinstitut Berlin auf, um sich vorzustellen.
Auf dem Weg durch das Westberlin der 50er Jahre, kurz vor dem Institut, beschrieb der Erzähler eine Frau, die er ein paar Meter entfernt auf der anderen Straßenseite entdeckte. Er beschrieb sie als die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Er bestaunte ihren Gang und ihre Haltung, ihre schöne Figur und ihr perfektes Gesicht. Sie sah wohlhabend und elegant aus. Sie betrachtet ihn nicht mal mit einem Blick, nahm ihn überhaupt nicht wahr, war versunken in dem Gespräch mit der ebenfalls jungen Frau, die neben ihr lief. Der Erzähler blieb erstaunt über ihre Schönheit stehen und schnell entstand eine große Distanz zwischen den beiden, bis die Frau und ihre Begleitung an der nächsten Ecke abbogen.

Wieder zurück in der Gegenwart, nachdem sie den ersten Eintrag komplett gelesen hatte, legte Maria das Buch neben sich auf den Couchtisch. Regungslos saß sie auf dem Boden und starrte an die Wand gegenüber. So saß sie einige Sekunden, vielleicht aber auch Minuten einfach da bis plötzlich das Telefon klingelte und sie erschrocken zusammenzuckte. Maria fuhr sich fahrlässig durch die Haare und stand mit schmerzenden Beinen auf. Wie lange hatte sie auf dem Fußboden gesessen?

Sie lief die wenigen Schritte zu ihrem Telefon und erkannte die Nummer ihrer Mutter auf dem Anruferdisplay. Genervt atmete Maria tief durch, nahm das Telefon von der Station und begrüßte ihre Mutter am anderen Ende.
Die Beziehung war seit Jahren angespannt und nicht einfach, die Telefonate und wenigen Besuche liefen immer gleich ab. Erst gekünstelt freundliche Begrüßungen, dann nahmen die unterschwelligen Vorwürfe und Sticheleien immer mehr zu, bis diese ganzen offen zum Vorschein kamen und das Gespräch damit endete, dass ihre Mutter beleidigt auflegte. Während solcher Gespräche war Maria meist abwesend und dachte an ihren Vater, der schon vor vielen Jahren verstarb. Sie war ihm so nah gewesen, viel näher als sie ihrer Mutter je sein wird und dachte auch noch Jahre später schmerzlich an den Verlust.

Da Maria wusste, dass es ihr heute schwerer fallen würde, das Gespräch zu ertragen, nahm sie ihr Weinglas und machte es sich auf ihrem Sofa gemütlich. Wie immer fing das Gespräch gleich an und ihre Mutter fragte sie über ihren letzten Laufsteg-Job aus, welche berühmtem Persönlichkeiten sie getroffen, wie viel Geld sie bekommen und wann sie das nächste Shooting hatte. Aber auch heute bewegte sich das Telefonat schnell in eine bekannte Richtung und Maria spürte die Missgunst und die Unzufriedenheit. Ihre Mutter betonte vorwurfsvoll wie allein sie doch immer war und wie lange Marias letzter Besuch doch her war.

Der Monolog ihrer Mutter ging noch einige Minuten weiter, bis es an der Tür klingelte und so die Ankunft der Pizza signalisierte. Endlich.
Weiterhin am Telefon mit ihrer Mutter, suchte Maria ihr Portmonee und öffnete die Tür für den Lieferanten. Dankend nahm sie das Essen entgegen und überreichte dem Mann das Wechselgeld. Als sie wieder im Wohnzimmer angekommen war und die heiße Pizza auf dem Couchtisch abstellte, unterbrach Maria ihre Mutter indem sie einfach auflegte.

Nachdem sie die Pizza aufgegessen hatte, ihr Weinglas geleert und die drei verpassten Anrufe ihrer Mutter erfolgreich ignoriert hatte, widmete sie sich wieder dem kleinen Lederbuch. Der Erzähler faszinierte sie und sie wollte unbedingt erfahren wie der nächste Eintrag weiterging. Sie füllte ihr Weinglas und schlug das Buch, zum zweiten Mal an diesem Abend, auf. Als sie zum zweiten Eintrag verblätterte, bewunderte sie die krakelige Schrift des alten Mannes, der diese Zeilen verfasste als er nicht viel älter war als Maria heute. Wieder las sie als erstes das Datum, das am oberen, rechten Rand geschrieben stand.

…29. Oktober 1958…

Der Erzähler beschrieb, wie er aus dem Forschungsinstitut und auf die Straße hinaustrat und die kalte Oktoberluft einatmete. Scheinbar hatte er die Anstellung bekommen und arbeite jetzt in dem Berliner Institut, wie er es sich zuvor gewünscht hatte. Maria freute sich auf wunderliche Weise sehr darüber, obwohl sie diesen Mann nicht mal kannte.
Die frische Luft blies dem unbekannte Mann um das Gesicht, als er auf den großen Stufen vor dem Institut stand und in den grauen Himmel hochblickte.

Er beschrieb, dass als er wieder nach unten schaute, er die schöne Frau entdeckte. Die selbe Frau, die er Monate zuvor das erste und auch einzige Mal gesehen hatte. Wieder erstarrte ihn die Schönheit, die sie ausstrahlte. Ihr rabenschwarzes, langes Haar ging ihr bis zum unteren Rücken und wehte wild im Wind. Sie war nur wenige Meter von ihm entfernt, lief am Ende der Treppe alleine.

Grade als er beschloss, sie anzusprechen, öffneten sich die Türen des Institutes hinter ihm und eine große Gruppe strömte hinaus. Sie umschlossen ihn und sogen ihn ein paar Stufen die Treppe hinunter. Als die vielen Menschen weitergingen, gelang es ihm sich zu lösen und er stand wieder alleine auf der Treppe. Die schöne Frau war in der Zeit verschwunden. Kein Hinweis darauf, wo sie möglicherweise abgebogen oder welchen Weg sie gegangen war. Verärgert stellte er fest, dass er seine erste Chance vor einigen Monaten vertan hatte und es auch heute nicht geschafft hatte, sie anzusprechen.
Er fragte sich, wann und ob er die Frau je wiedersehen wird und ob er dann erneut die Chance haben wird, sie anzusprechen.

Als Maria aus der Welt des jungen Mannes wieder auftauchte, seufzte sie verträumt auf. Sie bewunderte, wie fasziniert der Erzähler von der schönen Frau war. Sie war jetzt noch gespannter als vorher, wie die Geschichte der beiden weitergehen würde und beschloss direkt den dritten Eintrag zu lesen und blätterte zu diesem vor.

… 02. Februar 1960…

Der Winterball des Instituts. Wie sehr er doch gegen diese Veranstaltung ansah. Er war Mathematiker und fühlte sich in seinem kleinen Büro, versteckt hinter seinen Formeln und Büchern, deutlich wohler. Gerne verzichtete er auf die unnötigen Konversationen mit fremden Menschen und die gespielte Freundlichkeit der Oberschicht, die so eine Spendengala mit sich brachte. Doch er wusste, dass er keine Wahl hatte, da das Forschungsinstitut auf jene Spendengelder angewiesen war.

Nachdem der offizielle Teil des Abends mit vielen Reden und Danksagungen vorbei war, wollte der Erzähler die Veranstaltung hinter sich lassen und lief zielstrebig auf die Tür zu, als er von einem Professor angehalten wurde. Der Professor wollte den Erzähler einen gütigen Spender aus Nordamerika vorstellen, da dieser besonders in das Themengebiet des jungen Mannes investierte.

Entnervt stimmte der Erzähler zu und trottete dem Professor zum Tisch des Spenders nach. Als der Professor vor dem Tisch stehen blieb und der Erzähler hinter ihm hervor trat, sah er zum ersten Mal die Gäste, die dort saßen. Er erstarrte, als er die schöne Frau erkannte. Sie trug ihr langes, schwarzes Haar offen und es fließ ihr spiegelglatt den Rücken herunter. Ein smaragdgrünes, enges Kleid betonte und schmiegte sich an ihren Körper. Ihr Gesicht war makellos und alle Blicke wurden auf ihre kirschroten Lippen gezogen. So auch die Blicke des Erzählers.

Er wusste, dass er diese Chance nutzen musste, es war wahrscheinlich seine Letzte. Und diesmal ergriff er sie.

Mit diesen geschriebenen Worten endete der dritte Eintrag und Maria blätterte schnell zum vierten vor.

…13. März 1960…

Während ihrer ersten Verabredung, in den letzten Tages des Winters, gingen die beiden Schlittschuh laufen. Es war ihre Idee und der Erzähler ließ sich bereitwillig darauf ein, da er alles getan hätte, um ihr nah zu sein. Er stand noch nie zuvor auf Schlittschuhen und schlitterte mit zittrigen Beinen hinter ihr her. Die schöne Frau hingegen, schwebte nur so über das Eis, das es ihm die Sprache verschlug. Sie lachte laut und amüsierte sich über seine Tollpatschigkeit und er wusste, in dem Moment, dass er ihre melodische Lache für den Rest seines Lebens hören wollte.

Verträumt tauchte Maria aus der Welt des Erzählers wieder auf. Als sie aus dem Fenster sah und dem schwarzen Nachthimmel entgegen blickte, stellte sie fest, dass es schon sehr spät war. Sie hatte viele Stunden mit dem Lesen des Tagebuchs verbracht, konnte jedoch jetzt nicht mehr aufhören. Sie musste unbedingt wissen, wie es weiterging.

Der Erzähler berichtete in den folgenden Seiten von vielen Verabredungen und wunderschönen Treffen. Einige Wochen nachdem die beiden Schlittschuh laufen waren, schrieb er über den Jahrmarkt am Rande Berlins, den die beiden besuchten. Es war Anfang Mai, die Tage wurden wärmer und die Abende wurden länger. Die beiden fuhren Riesenrad und blickten Arm in Arm über das funkelnde Berlin. Als würden er diesen Moment konservieren wollen, schaute er die schöne Frau an, die sich wärmesuchend an ihn kuschelte. Und als konnte dieser Moment nicht noch vollkommener werden, teilten die beiden in diesem Riesenrad, hoch über der Silhouette Berlins, ihren ersten Kuss.

Es war Anfang Juli, die Hitze flimmerte über den Straßen, während das Paar abends einen gemeinsamen Spaziergang unternahm. Sie liefen nebeneinander her und unterhielten sich währenddessen unentwegt. Als sie an einem kleinen, versteckten See vorbeikamen, beschlossen die beiden hineinzuspringen und die Abkühlung zu genießen. Sie alberten und lachten, bespritzen sich mit Wasser, schwammen voneinander weg aber konnten nie ganz die Finger voneinander lassen. Immer wieder suchten sie die gegenseitige Nähe und verloren sich dann in den Augen des jeweils anderen.

Maria klappte das kleine Lederbuch zu und legte es neben sich auf das Sofa. Sie hatte sich noch nie so alleine gefühlt wie in diesem Moment, denn die Worte des Erzählers über die Zweisamkeit mit der schönen Frau hallten noch in ihren Gedanken.
Neben ihr klingelte erneut das Telefon und auf dem Anruferdisplay sah sie wieder die Nummer ihrer Mutter. Traurigkeit durchflutete ihren Körper und sie wünschte sich in diesem Moment mehr als sonst, dass ihre Mutter für sie da sein würde. Aber diese Gedanken hatte sie nicht das erste Mal, immer wieder hatte sie versucht es ihrer Mutter Recht zu machen und war daran gescheitert. Am Ende ging es ihr immer schlechter als vorher und so hatte sie vor geräumiger Zeit aufgehört ihrer Mutter gefallen zu wollen.

Doch ihre Abgeklärtheit im Bezug auf ihre Mutter, änderte nichts an der Tatsache, dass sie auch sonst ganz alleine war. Sie konnte sich zwar vormachen, dass sie Teil der aufregenden und glitzernden Welt der Mode war aber am Ende waren es nur leere Luftküsse und verschwimmende Gesichter, die sich alle ein bisschen zu ähnlich sahen.

Die Erzählungen des jungen Mannes aus dem Tagebuch versetzten Maria in eine Art Melancholie. Wie sehr wünschte sie sich einen Partner, der genauso verliebt über sie schreiben würde und der sie als so perfekt sah, wie der Erzähler die junge Frau. Als könnten die Tagebucheinträge, sie ihre traurige Welt vergessen lassen, laß Maria weiter und verlor sich erneut in der Geschichte der beiden Verliebten.

…17. September 1960…

Er wusste, dass er sich verliebt hatte. Er war sich noch nie bei etwas so sicher.
Gerne dachte er an die Gala vor einigen Monaten zurück und wie der Abend weiterging. Nachdem der Erzähler seinen Mut zusammen nahm, redeten die beiden die ganze Nacht und trafen sich seitdem jeden Tag.

Sie war Nordamerikanerin und lebte eigentlich zusammen mit ihren Eltern in New York City. Ihr Vater arbeitete an der Börse und investierte sein Geld in die Forschung, unter anderem in das Institut Berlins. Seit Jahren verbrachte die Familie aber die meiste Zeit in Deutschland. Heute, sieben Monate später, wussten beide, dass sie ihr Leben miteinander verbringen wollten. Er fühlte sich, wie der glücklichste Mann auf Erden und als könnte ihm das niemand mehr nehmen, komme was wolle.

Doch wie es das Schicksal so wollte, wurde auch ihre Liebe auf die Probe gestellt, als die Familie den beiden Verliebten mitteilte, dass der Vater zurück in die Vereinigten Staaten musste und ihre Zeit in Deutschland nun zu Ende war. Die junge Frau hatte keine Wahl als ihren Vater zu begleiten, da sie nicht alleine zurück bleiben durfte.

Schon wenige Tage später sollte es soweit sein und die Familie packte ihre Koffer, verkaufte das Stadthaus im Zentrum und beschloss Berlin fürs Erste den Rücken zu kehren. Die Tage bis zum Abflug waren gefüllt mit Tränen und Trennungschmerzen. Die beiden hatten nie in Frage gestellt, dass ihre Beziehung je enden wird und nun nahm sie ein so plötzliches Ende. Der Erzähler beschrieb wie er jede Nacht darüber nachdachte, seine große Liebe zu begleiten und mit nach New York zu gehen. Am Tag des Abfluges hatte er seine Entscheidung getroffen und er stieg mit der Familie und der schönen Frau in den Flieger.

…27. April 1963…

Der Erzähler fuhr von der New York University nach Hause, der Wind blies ihm durch die offenen Fenster ins Gesicht als er darüber nachdachte, wie glücklich er in New York war.
Kurz nachdem er in Amerika angekommen war, heiratete er die schönste Frau, die er je gesehen hat und bekam so die Aufenthaltserlaubnis für ein Leben in den Vereinigten Staaten. Die beiden bezogen ein kleines Farmhaus am Stadtrand und knapp ein Jahr nach der Hochzeit, bekamen sie ihr erstes Kind. Sie waren glücklich und konnten sich ein anderes Leben nicht mehr vorstellen.

Der Erzähler hatte seine Stelle am Berliner Forschungsinstitut aufgegeben, als er sich für ein Leben in den Staaten entschied. Glücklicherweise erhielt er eine Professur an der New York University und unterrichtete dort in den Fächern Mathematik und Physik. Der Rektor der Universität setzte sich dafür ein, dass er auch neben der Anstellung als Professor in der aktiven Forschung teilnehmen durfte, da er wusste, dass es die große Leidenschaft des Erzählers war.

Als er an diesem Tag Zuhause ankam, empfing ihn eine Schar Hunde und das Lachen seiner Frau, die mit seinem Sohn auf ihrem Arm, dem Erzähler entgegenlief. Die beiden setzten sich in den Garten, in dem die unterschiedlichsten Tiere ihre Obhut gefunden hatten und er Erzähler schmunzelte über die Güte seiner Frau. Sie war das freundlichste, liebenswerteste und sanfteste Wesen, das er kannte und so verliebte er sich jeden Tag noch ein bisschen mehr in sie.

Das Tagebuch war gefüllt mit schönen Erinnerungen, die das gemeinsame Leben der beiden erzählte. Der Erzähler schrieb über die Geburt zwei weiterer Kinder, seinen Beruf als Professor und dass seine Frau, sich im Laufe der Jahre ihren Traum als Künstlerin zu leben, erfüllte. Die beiden reisten viel, nachdem die Kinder erwachsen waren und erlebten gemeinsam die Welt. Vor einigen Jahren kamen die ersten Enkelkinder und die beiden fanden Erfüllung in ihrem Leben als Großeltern. Die beiden saßen oft in dem Garten, in dem sie schon ihr ganzes Leben zusammen saßen und beobachten ihre Kinder und Enkelkinder beim Herumtollen. Dabei hielten die beiden Händchen und sahen sich noch so verliebt an, wie vor vielen, vielen Jahren.

In dem letzten Eintrag des Tagebuchs, auf der letzten Seite des kleinen, in Leder gebundenen Buches, schrieb der Erzähler ein letztes Mal voller Kummer. Er hatte Tage zuvor seine Frau, seine große Liebe, an den Krebs verloren. Es war ein langer und harter Kampf gewesen, den sie tapfer gekämpft hatte. Aber am Ende hatte der Krebs gesiegt und das Licht hinter ihren strahlenden Augen erlosch für immer. Der Erzähler war immer an ihrer Seite geblieben, hatte für sie mitgekämpft, als sie es alleine nicht mehr konnte und hätte am liebsten sein Leben gegen das ihre getauscht, sodass sie noch auf dieser Welt hätte bleiben können. Ihr letzter Wunsch war es gewesen, noch einmal nach Berlin zu reisen und sich Jahrzehnte später, die Stadt erneut anzuschauen. Da es ihr Gesundheitszustand nicht mehr zuließ, versprach der Erzähler ihr, dass er sobald er die Chance hatte, zurück nach Berlin reiste und all die Orte besuchte, an denen ihre Liebe vor vielen Jahren wuchs.

Der Eintrag endete mit den Notizen über Fluginformationen, ein Datum und eine Uhrzeit, an denen der Erzähler nach Berlin fliegen würde. Erschrocken stellte Maria fest, dass es genau der Flug war, den sie auch genommen hatte. So wurden ihre Koffer vertauscht!

Da Maria die Geschichte des Mannes faszinierte und sie ihm gerne das Tagebuch zurückgeben wollte, beschloss sie ihr Glück zu versuchen und ihn ausfindig zu machen. Erneut griff sie nach dem blauen Kofferbändchen und versuchte den Namen und die Anschrift zu entziffern. Diesmal gelang es ihr, den Nachnamen Wagner zu erkennen, sie hatte sich mittlerweile an die krakelige Schrift des Erzählers gewöhnt.

So fing sie an im Internet nach einem Professor aus New York mit dem deutschen Nachnamen Wagner zu suchen. Es war mittlerweile mitten in der Nacht, als sie endlich fündig wurde und die Nummer einer Assistentin aus dem Forschungsinstitut herausfand. Der Homepage nach zu urteilen, arbeitete der Erzähler noch immer dort und war Teil einer kleinen Forschungsgruppe. Der Zweitverschiebung sei Dank war es erst später Nachmittag in New York als Maria zum Hörer griff und die Nummer der Assistentin wählte. Nachdem sie die Situation mehrmals erklärt und die Assistentin sich endlich dazu bereit erklärte, die private Nummer des Professor Wagner rauszugeben, legte sie auch prompt wieder auf.
Maria ließ sich von der wirschen Assistentin nicht von ihrer Idee abbringen und wählte entschlossen die Nummer des Erzählers.

Ihr Herz klopfte wild als sie dem Piepen der Leitung zuhörte. Sie hatte das Gefühl, dass sie diesen Mann kannte. Sie wusste alles über sein Leben, hatte über die intimsten Momente seines Lebens gelesen, miterlebt wie er alterte und sein Leben fortschritt.
Die Leitung knackte als am anderen Ende jemand den Hörer abnahm. Marias Herz schlug schneller als je zuvor. Sie hörte die tiefe, kratzige Stimme eines alten Mannes.

„Hello, Theodor Wagner?“

Ende

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Mariele Märzenbecher am 28.05.2020:

Hallo Celina, Kompliment zu dieser wundervollen Geschichte - hast du sie selber so erlebt? Ich habe sie sehr gern gelesen; jedes Leben hat seine Geschichte! VG Mariele




geschrieben von Dan Prescot am 29.05.2020:

Sehr kurzweilig. Gefällt mir gut

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