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geschrieben 2020 von Jojo Gonzales (Jojo_1704).
Veröffentlicht: 17.06.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Weg aus dem Chaos - Eine Kurzgeschichte über Mobbing

Weg aus dem Chaos -
Wenn es keinen Ausweg mehr gibt, ist ein Mensch zu allem fähig.
Und wenn die Grenzen immer wieder überschritten werden, sieht man rot und alles
verändert sich…

Schule ist etwas Schönes – sagen sie. Der erste Tag ist aufregend. Die Einschulung soll etwas Besonderes sein. Für manche Kinder beginnt dieser Teil des Lebens bereits mit Komplikationen. Mit Ängsten. Zweifeln. Und der Hoffnung, dass alles doch nicht so schlimm wird.
Es war irgendwann in der sechsten Klasse, als es anfing. Ein Seitenhieb beim Betreten der Klasse. Ein Schubser beim Verlassen des Schulgebäudes oder ein dummer Spruch. Und immer dieses fiese Lachen. Viele haben es mitbekommen. Keiner hat etwas gesagt. Die meisten haben mit gelacht. Ein Mädchen, nicht viel größer als ich, fing damals damit an. Viele nahmen sich ein Beispiel an ihrem Verhalten und ich wusste, dass es nicht richtig ist, dass ich mir das gefallen lasse. Und irgendwann hat sich alles verändert. Es war ein Schubser zu viel. Ein Schlag in den Nacken, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und es war das Ende. Das Ende ihrer Schikane. Das Ende von nicht nur einem Leben. Ein Moment, der alles verändern sollte.


Sechs Stunden vorher:
Ich sitze zu Hause auf meinem Bett und sehe mich in meinem Zimmer um. Die Bücher haben mir durch traurige Zeiten geholfen. Die Bilder an der Wand zeigen mich lachend, mit der Familie, als noch alles okay war. Bevor die Schulzeit begann. Bevor ich meine Mitschüler kennenlernte, die mir jahrelang das Leben zur Hölle machen würden.
Um halb acht verlasse ich die Wohnung, obwohl ich es nicht weit zur Schule habe und noch etwas Zeit hätte. Er ist da. Genau an der Stelle, wo er immer wartet, wenn er mich benutzen will. Wenn er mir Schutz und Liebe verspricht, obwohl er eigentlich nur fummeln will. Er küsst mich und ich schmecke Alkohol und Zigaretten. Er hat versprochen, dass er damit aufhört. Und er merkt, dass ich mich wegdrehe und gehen will. Auf meine Frage, wann er endlich was gegen sie tut, vertröstet er mich wieder, sagt, er kümmert sich bald darum, dass es aufhört. Dann geht er. Ich habe ihm den Spaß verdorben. Und mir wird bewusst, dass er jetzt ein anderes Mädchen bedrängt. Sie anfasst und ihr Dinge verspricht, die er niemals einhalten wird. Er hat mich nur benutzt und ich habe es zugelassen, weil es der letzte Strohhalm war, an den ich mich klammern konnte.

Als ich die Schule erreiche, steht sie bereits an der Tür und redet mit ihren Anhängern. Sie ist die Gefahr. Das habe ich früh gemerkt. Die anderen folgen ihr nur. Machen, was sie tut, oder stehen nur lachend daneben, während sie mich schikaniert. Ein Mädchen hat mich bemerkt, deutet zu mir und sie dreht sich mit einem fiesen Grinsen um. „Da ist sie ja. Dachte schon du hättest dein erbärmliches Dasein endlich beendet. Was hält dich noch hier? Dich will hier niemand haben, wann checkst du das endlich?“ Ich will an ihr vorbeigehen und das Schulgebäude betreten, doch sie packt mich am Arm. „Ich hab mit dir geredet!“ Irgendjemand ist hinter mir. Will ins Gebäude und sie ist gezwungen, mich gehen zu lassen, weil er mich vorwärts schiebt. Ich werfe einen Blick zurück, doch der Junge geht weiter, schenkt mir keine Beachtung. Er weiß nicht, dass er mir damit geholfen hat und ich so halbwegs unverletzt in die Klasse komme. An anderen Tagen hätte ich jetzt schon am Boden gelegen…
In den nächsten beiden Stunden sitze ich schweigend an meinem Tisch. Der Platz neben mir ist frei. Das Mädchen, das dort gesessen hatte, sitzt jetzt weiter vorne. Sie redet nicht mehr mit mir. Aber manchmal bemerke ich ihren Blick. Sie scheint unsicher zu sein, aber ihr ist das Risiko bewusst. Wenn sie sich mit mir abgibt, wird auch sie zum Opfer. Dass man gemeinsam mehr erreichen kann, ist ihr wohl nicht klar und mir ist es egal. Ich habe mich damit abgefunden. Kurz vor der Pause schmeißt mir jemand etwas gegen den Hinterkopf. Ich ignoriere es. Schaue weiter nach vorne. Früher musste ich gegen die Tränen ankämpfen, mittlerweile ist es normal, auch wenn es das nicht sein darf. Niemand sollte sich so fühlen. Und niemand, sollte so behandelt werden.


Es ist halb zehn. Ich verbringe die Pause wie immer allein. Sitze auf einer Bank auf dem Schulhof. Ich schreibe etwas auf und es fällt mir nicht sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Vielleicht wird es auch niemand lesen. Aber es fühlt sich richtig an, das, was passieren wird, zu erklären.
Auf dem Weg in die Klasse bemerke ich sie zu spät. Sie tritt mir die Beine weg und ich lande hart auf dem Boden. „Das bisschen Dreck macht bei dir auch nichts mehr!“ ruft sie lachend. „Kannst du dir keine teuren Klamotten leisten?“ Ihr Standardspruch. Ich habe es nie verstanden, da ich nie ungepflegt zur Schule komme. Ich trage saubere, heile Anziehsachen und mir ist es egal, von was für einer Marke sie sind. Ist das in unserer Gesellschaft so wichtig? Sie verschwinden in der Klasse. Beim Aufstehen bemerke ich einen Lehrer am Ende des Flurs. Für einen Augenblick treffen sich unsere Blicke, dann wendet er sich ab. So war es immer. Ich habe mehr als einmal um Hilfe gebeten. Aber selbst der Vertrauenslehrer ist der Meinung, dass wir so etwas selbst klären müssen. Dass es schon nicht zu schlimm ist. Ein anderer Lehrer meinte, ich hätte ihnen bestimmt einen Grund gegeben, mich so zu behandeln. Und wie so oft in den letzten Jahren, kommt mir der Gedanke, dass sie wahrscheinlich selbst Angst davor haben, zum Opfer zu werden. Dabei sind sie das bereits, denn besonders dieses Mädchen hat auch vor ihnen keinen Respekt.
Ich habe manchmal Mitleid mit ihr. Weil sie so ein schrecklicher Mensch ist und das in so jungem Alter. Was hat man ihr angetan, dass sie so ist? Kann man das damit entschuldigen? Ich denke nicht.

Eine Stunde vorher:
Für die letzte Unterrichtsstunde verlassen wir das Schulgebäude. Wir machen einen Spaziergang. Genau das hatte ich gehofft. Ich habe mich noch nicht entschieden, wie es passieren wird, aber ich bin mir sicher, dass es innerhalb der nächsten Stunde so weit ist. Ich bleibe abseits der Klasse. Hoffe, dass sie es nicht gleich mitbekommen werden. Dann ist sie hinter mir. Tritt mir wieder die Beine weg, doch ich kann mich irgendwie auf den Füßen halten und werfe einen Blick hinter mich. Sie lachen alle. Der Lehrer hört es, geht aber weiter, ohne sich darum zu kümmern, obwohl er genau weiß was passiert. Von ihm ist keine Hilfe zu erwarten, also gehe ich weiter, hoffe, dass sie das Interesse an mir verlieren und wieder vorlaufen. Doch da schlägt mir jemand in den Nacken und die Wut in mir lässt mich herumfahren. „Lass das doch einfach mal sein! Ich hab dir überhaupt nichts getan!“ schreie ich sie an. Ein paar Mitschüler drehen sich zu uns um. Das Mädchen ist kurz irritiert. Ich habe mich nie gewehrt. Nicht indem ich sie so angeschrien habe. Doch die Verwirrung verschwindet so schnell wie sie gekommen ist und das hämische Grinsen kehrt in ihr Gesicht zurück. Zum ersten Mal verspüre ich den Wunsch, es ihr aus dem Gesicht zu schlagen. „Wieso sollte ich? Es interessiert niemanden. Du bist allen egal. Deine Eltern hätten bestimmt lieber ein anderes Kind.“ Sie spuckt mir ins Gesicht. Und ich ziehe das Messer, das ich eigentlich nicht für sie eingesteckt hatte. Bevor ich darüber nachdenke, habe ich es ihr auch schon in die Brust gerammt. Sehe sie zu Boden gehen. „Du wirst niemandem mehr weh tun...“ flüstere ich und laufe los. Die anderen Schüler weichen zurück, lassen mich wegrennen. Einige Mädchen schreien. Jemand sagt: „Das war ja nur eine Frage der Zeit...“
Ich erreiche die Klippen und vor mir liegt nichts als Wasser. Ich bin gerne an diesem Ort. Es ist still und man trifft selten einen anderen Menschen. Hier habe ich oft gesessen, habe meine Gedanken aufgeschrieben, die so finster waren wie das, was ich eben getan habe. Es tut mir leid und ich weiß, dass es falsch gewesen ist. Und vermutlich wird dieses Mädchen meinetwegen sterben. Aber hat sie mich nicht auch getötet? Über Jahre schikaniert? Dafür gesorgt, dass mich die anderen Mitschüler meiden oder mich ebenfalls fertig machen?
Es ist egal. Was passiert ist, spielt nun keine Rolle mehr. Ich hole den Zettel, den ich in der letzten Pause fertig beschriftet habe, aus der Tasche und packe ihn in einen Umschlag, wo sie auch die anderen Briefe finden. Und mein Notizbuch, in dem all die Dinge stehen, die niemand hören wollte. Ich nehme den kleinen Stoffaffen aus der Jackentasche, den ich zur Einschulung bekommen hatte. Er sollte mich begleiten. Mich beschützen. Doch ich habe den Schutz von echten Menschen gebraucht, die einfach weggesehen haben. Ich ziehe die Jacke aus, lege sie neben den Briefumschlag und betrachte die Wunden und Narben an meinen Armen. Jahrelang habe ich mich selbst für etwas bestraft, obwohl nicht ich das Monster war. Ich sehe zum Himmel hinauf, drücke lächelnd den kleinen Affen an mich, lasse mich vornüberfallen und fliege. Weg aus dieser Welt. Weg von diesem Schmerz und der Angst. Weg aus dem Chaos und der Traurigkeit....

*

Ich hebe den Blick von meinem Buch, aus dem ich in der letzten Stunde vorgelesen habe. Die Menschen in meiner Lesegruppe betrachteten mich und in manchen Gesichtern bemerke ich Traurigkeit, in anderen Entsetzen und Wut. Wut darüber, dass Menschen einen anderen so fertig machen, dass er zu solchen Dingen fähig ist? In einem Gesicht bemerke ich etwas Anderes und wende mich schnell ab. Die Gruppenführerin zwingt sich zu einem Lächeln. „Das ist eine unglaublich interessante Geschichte! Erzählst du uns, wieso sich deine Hauptfigur für diesen schrecklichen Weg entschieden hat? Wieso sie nicht einfach mit jemandem gesprochen hat, nachdem es trotzdem weiter ging, obwohl sie es angesprochen hatte?“ Ich muss lächeln. „Das hat sie. Mehr als einmal. Sie erinnern sich an die Worte der Lehrer? Dass sie sich nicht so anstellen soll? Dass sie das unter sich klären sollen?“ Die Frau nickt. „Diese Menschen sind nicht ganz unschuldig an dem Ganzen. Sie wussten, was passiert. Sie haben die Wunden gesehen. Einige Dinge habe ich ihnen nicht vorgelesen, dafür war meine Zeit zu kurz. Aber ich fasse sie kurz zusammen: Sie wollten sie der Schule verweisen, weil sie eine Gefahr für sich selbst ist. Aber dass diese anderen Kinder dafür verantwortlich waren? Das war ihnen egal. Wieso mit denen auseinandersetzen, die sogar ihnen gefährlich werden könnten, wenn sie ihnen mit einem Schulverweis drohen, weil sie jemanden fertig machen, wenn man das Opfer aus dem Weg räumen kann, das eh schon mit Selbsthass und Zweifeln zu kämpfen hat und das damit bestraft wird?“
Dafür hat keiner eine Antwort. Dieser Abend endet sehr ruhig und man merkt, dass die meisten über meine Geschichte nachdenken. Ein junger Mann wartet auf mich, während die anderen den Raum verlassen. „Wieso hast du dich damals für einen anderen Weg entschieden? Was hat dich davon abgehalten, so zu handeln?“ fragt er mich. Ich lächle. Er hatte die Geschichte zwischen den Zeilen gelesen. „Ich bin nicht wie sie. Ich bin kein Mensch, der anderen weh tut. Kein Mensch, der sich stark fühlen will, weil er andere erniedrigt. Und weißt du, was mir geholfen hat, diese schreckliche Zeit zu überstehen?“ Er schüttelt den Kopf. „Ich habe mich an dem Gedanken festgehalten, dass es bald vorbei ist. Ich habe einen anderen Weg gewählt.“ „Und was hat dir geholfen, damit aufzuhören?“ Er deutet auf die blassen Narben auf meinen Armen. „Es hat etwas gedauert, ich musste zu mir selbst finden, aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt bin ich hier. Mit euch zusammen. Und ich teile meine Geschichten mit Menschen, die mir gerne zuhören und mehr erfahren möchten. Also ja, ich glaube, es hat mich weitergebracht und mir geholfen. Mir geht es gut und ich würde es heute nicht mehr zulassen, dass mich jemand fertig macht. Ich würde mich wehren und nein, nicht auf die Art wie das Mädchen in meiner Geschichte. Gewalt ist keine Lösung, vor allem wenn Worte viel härter sind… oder Schweigen.“ Gemeinsam verlassen wir das Gebäude. „Ich würde gerne mehr darüber erfahren. Lass uns noch was trinken gehen.“ Ich stimme zu. Er ist aufrichtig. Ehrlich. Und er will es wirklich hören. Anders als Lehrer oder andere Erwachsene, als ich damals zur Schule ging. Anders, als diese Menschen, die mir die Schuld für alles gegeben haben und die nur weggesehen haben. Ich bin einen anderen Weg gegangen. Viele andere Menschen, haben es so gemacht, wie die Figur in meiner Geschichte. Sie haben sich selbst getötet. Und vielleicht auch ihre Peiniger mit in den Tod gerissen. Weil die ihnen das Leben zur Hölle gemacht haben und es nicht anders verdient haben? Ich weiß es nicht. Und ich bin mir sicher, dass ich hier für viele andere Menschen spreche, wenn ich sage: Es geht vorbei. Es wird nicht für immer dunkel bleiben. Man wird es nie vergessen und wahrscheinlich ist es für mich endlich soweit, dass ich dieses Kapitel mit dieser Kurzgeschichte abschließe, um nach vorne zu sehen... Aber wir könnten es besser haben. Wenn wir aufeinander zugehen. Nicht zulassen, dass ein Mensch unter Mobbing leidet. Dass er nicht erst auf den Gedanken kommt, sich selbst oder jemand anderen zu verletzen. Es bleibt vielleicht nur ein Wunsch, aber ich persönlich glaube daran, dass es irgendwann besser werden wird.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Bifimaus am 18.06.2020:

Das ist wirklich toll.

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