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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Unbekannt.
Veröffentlicht: 23.06.2020. Rubrik: Persönliches


Ein Abend wie jeder andere

Ich schließe die Fenster und lasse die Rollladen vorsichtig runter. Jetzt ist es in meinem Zimmer dunkel, keiner sieht rein, keiner schaut raus. Meine Eltern sind am Schlafen, hoffe ich. Leise hole ich die zuvor geklaute Flasche Whiskey aus meinem Versteck. Ich begutachte sie. Mit ein wenig Kraft hebe ich sie an und lasse das braune Gold etwa zwei Fingerbreit in mein Glas fließen. Als nächstes hohle ich die Flasche Cola aus meiner Tasche. Das Billige zum Teuren und so entsteht eine akzeptable Mischung, für mein sechzehnjähriges Ich. Meine alte Musikanlage spielt die immer gleiche Musik von meinem Handy. Die Lautstärke ist genau richtig. Nicht zu laut, dass ich mich um meine Eltern sorgen müsste, aber auch nicht zu leise, dass ich sie mit dem Abstellen des Glases übertönen würde. Einfach perfekt.

Das erste Lied, das der mich nur zu gut kennende Spotify-Algorithmus anspielt, ist Nicht wecken von Alligatoah. Meine Gedanken kehren an das Konzert zurück, mein erstes Konzert. Ich weiß noch wie ich mit Sarah in die Bahn stieg, wir beide waren so aufgeregt. Auf der Fahrt äußerten wir, wie uns beiden dieses Lied aus dem Herzen sprach. Ich dachte immer, es sprach mehr von mir als von dir, da du doch so offen über deine Probleme sprichst und wenn nicht, ich es an deinen Armen sehe. In Bremen angekommen suchten wir den Konzertsaal und stellten uns an die Schlange an. Sie bestand aus sehr vielen unterschiedlichen Menschen, so unterschiedlich, dass ich so etwas nie wieder erlebt habe. Von jung bis alt, von betrunken über bekifft bis Nüchtern, war alles dabei. Das Paar hinter uns sprach darüber, ob es besser wäre zu erfrieren oder bis zum Tod zu schwitzen, und dass es doch komisch sei, dass es dafür kein Wort gibt. Wir diskutierten mit, es ist besser zu erfrieren. Am Eingang angekommen, wurde ich nicht nach meinem Muttizettel gefragt. Endlich sehe ich mal älter aus, dachte ich. Die Kontrolleure waren aber nur mit den ganzen Menschenmassen überfordert. Im Konzertsaal suchten wir uns schnell einen Platz in der Mitte. Wir trafen unsere Diskussionspartner wieder, die mittlerweile einen Plastikbecher, mit viel zu warmen Bier, in der Hand hielten. Sarah besorgte uns beiden auch einen. So saßen wir nun in einem riesigen Saal, mit Menschen, die größtenteils älter waren als wir. Man hat uns angesehen, dass wir neu waren. Überfordert mit der Situation versuchten wir andere zu imitieren, um nicht allzu sehr aufzufallen. Als die ständigen Blicke endlich durch die Musik der Vorband von uns gewandt wurden, hinterfragte ich alles. Jedem schien diese Musik zu gefallen, ich fand sie grauenhaft. Die Texte waren doch nur auf dem Niveau von billiger Selbstdarstellung. Etwas enttäuscht, kam dann doch endlich der Grund warum wir da waren. Ich kannte jedes Lied und sang es leise mit. Bloß nicht zu laut, meine Eltern könnten geweckt werden, hatte ich ihm Hinterkopf und musste darüber leise lachen. Bis alle um mich herum anfingen zu mutieren. Sie sprangen wild umher, schubsten sich um und halfen sich wieder auf, ich war in einem Moshpit. Als dann nun endlich unser Lied kam, der Grund wofür wir die viel zu hohen Kosten auf uns nahmen, breitete sich eine Stille im Saal aus. Niemand sang, niemand sprang, einfach Ruhe. Nur wir beide, wir sangen und wurden lebendig. Auf der Rückfahrt sprachen wir nicht, irgendetwas stand zwischen uns.

Mein Gedankenspiel wird unterbrochen von einem Klassiker. Einem Song, der mich durch sehr viele Tiefen begleitete. Radioactive von meiner Hassliebe, Imagine Dragons. Er half mir durch Zeiten, in denen ich mit dem Tod spielte. Ich fühlte mich allein. Freunde hatte ich keine, stattdessen bekam ich jede Menge Hass von Mitschülern. Ich fing an mich selbst zu verletzen. Erst nur mit harmlosen Dingen wie Nagelscheren bis es letzten Endes zu Klingen kam.

Aber das ist lange her. Ich nehme den letzten Schluck aus meinem minderwertigen Getränk und springe ein paar Songs vor. Bis mir ein bedeutsamer Song ins Blickfeld springt. Dame mit Auf die guten alten Zeiten. Was für ein Zufall, denke ich. Das erste Mal, dass meine Ohren diesen Song aufgenommen haben, saß ich mit Sarah auf dem Spielplatz, an Silvester, betrunken. Ich habe an diesem Abend das erste Mal die Wirkung von meinem jetzigen Tagesbegleiter gespürt. Wenn ich so zurückdenke, war es ein doch peinlicher, aber auch schöner Abend. Besser als die vorherigen einsamen Silvesterabende, war er allemal. Wir trafen uns bei mir. Meine Eltern hatten sich doch spontan umentschieden. Also hieß es leise sein, meine Eltern können uns hören. Nach dem einem oder anderen lieblosen Drink, entschlossen wir loszuziehen. Wir übten unser Sprechen und du meintest ich würde schon lallen. Egal, ich versuchte die Treppen langsam herrunterzugehen, was zu meinem Verblüffen gut funktioniert hat. Endlich aus dem Haus zogen wir zu unserem Platz, dem Spielplatz, quer durch die Stadt. Auf dem Weg benahm ich mich peinlich. Ich sprach Kinder an, sie sollten nicht so sein wie wir und konnte nicht mehr geradestehen. Nach einer Ewigkeit haben wir es auf unseren kleinen Turm geschafft. Meine müden Augen schauten zum Himmel, an dem ich bunte Funken vorfand, es war Mitternacht. Auf dem Rückweg musstest du mich fast Tragen, obwohl du doch so viel kleiner bist als ich.

Ich bemerke das ich mitgesummt habe. Hoffentlich haben meine Eltern nichts gehört. Vorsichtige greife ich nach der Whiskeyflasche, befühle mein Glas erneut und verstau sie in der Schublade, zwischen weiteren Flaschen und meinen Schulsachen. Die Schublade ist überfüllt, so wie alle anderen auch. Ich schalte das kleine Licht aus, dreh die Musik runter und warte ab. Nach einigen Minuten totstellen, schalte ich das Licht wieder an und dreh die Musik wieder auf. Der Refrain von The Friendship Song von Laura Jane Grace erklingt. Gar nicht so lang her, da habe ich ihn dir gewidmet, Mira. Doch mittlerweile sind wir nicht mehr so gut. Anfangs waren wir eine kleine Mädchengruppe aus vier Personen. Ich hatte Hoffnungen, dass die neue Schule endlich mein Schlüssel zum Glück sei. Sarah war weg, Ausbildung zum Koch in einer anderen Stadt. Wir sind älter geworden und das Wir blieb zwar ein Wir, bloß das es jetzt es dich und deinen Freund betraf. Aber ich hatte doch jetzt euch drei. Beim Klassentrinken beschlossen wir für immer zusammen zu bleiben. Was waren wir falsch. Na gut, so falsch auch nicht, Mira und Jenni wurden beste Freunde und wir beide, Jessica, blieben nur ein lästiges Anhängsel, das es zu verdrängen galt. Wir waren ganz unten in der Freundschaftshierarchie. Du wurdest aber wieder ein Teil der Gruppe, in dem du alles spendiertest, und ich blieb Allein. Aber etwas hielt uns zusammen. Etwas das so schnell nicht zu bewältigen war. Unsere Nikotinsucht. Jede Pause sehe ich euch, wie ihr zusammensteht, lacht, verabredet, und all das ohne mich. Ich spiele nur noch eine Rolle, wenn es um eine Zigarette oder die Hausaufgaben geht.

So langsam bin ich betrunken. Ich ziehe behutsam die Rollladen wieder hoch. So behutsam, wie man nach drei Gläsern, einigen Schmerzmitteln und, der daraus resultierenden Fettleber, noch sein kann. Draußen sehe ich die Sterne und ich denke an Silvester zurück, denke an die Zeit, an denen meine Probleme nur um bessere Noten gingen und nicht wie jetzt, um Alkohol und Zigaretten und um das Besorgen und Entsorgungen dieser. Ich denke an die Zeit, vor Sarah. Wäre ich ohne Freunde vielleicht besser dran?

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