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geschrieben von Dreibein.
Veröffentlicht: 12.07.2020. Rubrik: Unsortiert


Kuba 1989

Ja, ist schon ein paar Jährchen her. Damals gab es in Havanna einen Tangokongress. Und weil ich Inhaber einer Tanzschule war, wollte ich mir das nicht entgehen lassen. So flogen meine Verlobte und ich mit einer russischen Iljuschin nach Kuba. Ein Jahr vorher war übrigens genau solche eine Iljuschin in Havanna auf dem Flughafen verunglückt.

Der Flug ging pünktlich vom Flughafen Frankfurt am frühen Morgen los. Wir hatten einen Fensterplatz und konnten beobachten, wie die Flügelspitzen vibrierten - so wie das ganze alte Flugzeug. Eine Flugroutenübersicht gab es in diesem Flugzeug nicht, Ansagen wurden keine gemacht, aber nach einigen Stunden sahen wir unter uns Land.

Es sah allerdings überhaupt nicht nach der Karibik aus. War es auch nicht. Das Flugzeug landete in Gander, Neufundland. Damals durften kubanische Flugzeuge nicht den amerikanischen Flugraum benutzen. In Gander durften wir aussteigen und warten, bis das Auftanken beendet war. In der Flugpause sahen wir uns diesen Flughafen näher an. Was uns besonders auffiel, waren die winterlichen Fellmützen, die hier angeboten wurden. Und Souvenirs, die mit Elchen und Eisbären zu tun hatten. Nach etwas zwei Stunden hob die Maschine wieder ab. Der Flug ging immer an der Küste der USA entlang...Irgendwann konnten wir die Bahamas im türkisblauen Wasser entdecken und bald setzte unser Fluggerät auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna auf.

Im Vergleich zum Frankfurter Flughafen war hier alles noch sehr überschaubar. Wir bekamen unser Gepäck und mussten durch die Zollkontrolle. Hier bekam ich meine saftige Orange abgenommen, weil dies in Kuba nicht erlaubt war. Wir haben später die kubanischen Orangen probiert. Die waren wesentlich kleiner und saurer...Dem Zöllner wird sie gut geschmeckt haben. Dann sollten wir zu unserem gebuchten Hotel abgeholt werden. Das dauerte und dauerte, nichts passierte. So hatten wir die Gelegenheit, den Landeanflug einer Kakerlake auf dem Boden der Flughalle zu beobachten. Ein beachtliches Exemplar! Doch dann wurden wir Zeuge, wie ein beleibter Kubaner mit kräftigen Stiefeln einfach auf dieses Tierchen - unbeabsichtigt - trat. Wir hatten noch lange Zeit, die Überreste der Kakerlake zu bewundern, denn unser versprochenes Taxi kam und kam nicht.
Stunden später wurden wir dann doch abgeholt und wir sahen die flackernden Neonbuchstaben unseres Hotels in der beginnenden Nacht. Ein Buchstabe funktionierte überhaupt nicht und so war es schwierig, den Namen des Hotels zu entziffern. Aber - immerhin waren wir erwartet worden und das Hotelzimmer war einigermaßen akzeptabel. Allerdings roch es überall nach Desinfektion und die Nachtischlampen waren in Plastikhüllen eingepackt. Die gleiche Art der Verpackung habe ich Jahre später noch einmal gesehen, da bekamen wir unaufgefordert ein Paket aus China, in dem eine ähnliche Lampe drin war.
Das Hotel war ein fünfstöckiges Gebäude, das seine Glanzzeiten zu den Zeiten vor der Revolution gesehen hatte. Aber, es hatte ein Restaurant, eine Diskothek und einen Wintergarten. Am nächsten Tag sollte dann der Tangokongreß beginnen. Wir hatten eine Adresse in der Umgebung des Hotels genannt bekommen. So war es denn auch. Der Kongreß fand in einem Saal eines Veranstaltungshauses statt. Wir wurden namentlich begrüßt und dann gab es einen Vortrag über Carlos Gardel. Leider, damals waren unsere Spanischkenntnisse mehr als dürftig, verstanden wir nicht allzu viel von den Geschichten, die vorgetragen wurden. Eigentlich hatten wir auch mehr daran gedacht, den argentinischen Tango kennenzulernen. Es war leider anfangs nicht leicht, dem Lehrgang etwas Nützliches abzugewinnen. Ich kaufte aber noch eine Biographie über Gardel, die ich einige Zeit später sogar mit etwas Mühe lesen konnte. Immerhin hatten wir das Interesse der Veranstalter geweckt, waren wir doch die einzigen Europäer, die den weiten Weg auf sich genommen hatten. So kam es, das wir von einer jungen Kubanerin für den Rundfunk interviewt wurden. Die junge Dame konnte sogar etwas Französisch, so daß ich ihr einiges über unser Interesse am Tango mitteilen konnte.
Das Haus, in dem der Lehrgang stattfand war eine Art von Kulturstätte. An der Wand im Treppenhaus hing ein Wandbild von Amerika. Allerdings war das Bild äußerst eigenartig. Da gab es Kuba, Südamerika und gleich obendrüber Kanada zu sehen. Also Amerika ohne die USA. Das Ganze sah äußerst merkwürdig aus, es war aber auch nicht als Parodie oder Kunstwerk angelegt.
Leider war unser Spanisch nicht ausreichend, so verzichteten wir auf die weiteren Ausführungen zum Leben und Wirken des Carlos Gardel und sahen uns Havanna per Fuß an. Zu der damaligen Zeit war das schon etwas außergewöhnlich. Immerhin gab es noch die "DDR" und überall prangten die Parolen, die den erbitterten Gegner USA zum Ziel hatten. Aber, wir dachten nicht weiter darüber nach und sahen uns den Aquagarten an, in dem einige Prachtexemplare von Meeresschildkröten gehalten wurden. Dann gingen wir einfach immer so weiter, bis wir an eine Landzunge kamen, auf der ein Restaurant zu sein schien. Wir gingen die Treppen hinauf und sahen ein paar Militärs in ihren Uniformen am Tisch ins Gespräch vertieft sitzen. Es war offensichtlich nicht als öffentliche Gaststätte vorgesehen. Bei späteren Recherchen erfuhr ich, das dieses Gebäude eine Art Übergangsgefängnis war, was die afrikanischen Sklaven zu sehen bekommen hatten, wenn sie in Kuba angekommen waren. Ganz in der Nähe waren dann Kasernen und die Gegend wurde immer einsamer. Richtung Innenstadt konnten wir dann aber die intakten Villen der kubanischen Prominenz bewundern. Doch bald sahen wir auch sehr verkommene Häuser, die scheinbar nur noch durch den Außenputz zusammengehalten wurden. Aber - in diesen Häusern wohnten Menschen. Unser Spaziergang brachte uns dann an einen freien Platz, auf dem eine Kirche spanischer Machart prangte und gegenüber waren dann auch Menschen wie wir...Touristen, die allerdings in einer Gruppe angereist waren, um die berühmte Bodequita del Medio zu bewundern, der alten Stammkneipe von Hemingway, wie uns versichert wurde. Wir nahmen hier jeder einen Mojito zu uns und bewunderten die vollgekritzelten Wände mit den Namenszügen vieler Besucher. Es war nur ein wirklich kleiner Laden, aber immerhin gab es eine Toilette und viele Besucher. Zu essen gab es nichts und so verließen wir diese Kneipe ziemlich bald. Müde und hungrig waren wir auf der Suche nach einem Imbißladen. Doch vergeblich. Zu dieser Zeit gab es in Havanna so etwas nicht. Es gab lediglich kleine Eckgeschäfte, in denen die Kubaner ihre notwendigen Lebensmittelrationen auf Bezugsheftund gegen Peso erwerben konnten. Hunger, Durst und weit und breit nichts zu essen oder zu trinken. Dann schickte uns der Zufall einen Farbigen, der eine Orange in den Händen hielt. Offenbar hatte er unsere mißliche Lage richtig erkannt und ein gutes Herz gehabt. Er schenkte uns seine Apfelsine. Wir bedankten uns und verzehrten sie im Handumdrehen. Danach ging es uns etwas besser und wir spazierten weiter durch Havanna. Wir schauten uns eine Zigarrenfabrik an, fuhren mit einem alten amerikanischen Straßenkreuzer ein Stück durch die Stadt und fragten nach einem Restaurant. Es war übrigens eine Art Sammeltaxi und außer uns fuhr noch ein Kubaner mit. Der Mann stieg vor uns aus und schloss die Autotür mit sehr viel Schwung. "Burro!" entfuhr es dem Taxibesitzer.
Wir erreichten die" Floridita", das andere Lokal, von dem Hemingway schon geschrieben hatte. Gegen Dollar gab es hier ein vernünftiges Mittagessen und so gestärkt machten wir uns auf den langen Rückweg zu unserem Hotel. Dieses Hotel, ein Stadthotel, sollten wir dann in der zweiten Woche gegen ein Strandhotel austauschen. Wir mußten noch einige Stunden in der Lobby unseres ersten Hotels warten, bis uns ein kleiner Bus abholen sollten. So bekamen wir noch mit, wie sich das Hotelpersonal über die Kisten mit dem Weihnachtsschmuck freuten. Es war nichts Aussergewöhnliches dabei, hauptsächlich Lametta, aber das Hotelpersonal freute sich und lachte fröhlich beim Auspacken. So wie es den Anschein hatte, war das Dekomaterial schon etwas älter und hatte schon einige Weihnachtsfeiern hinter sich.
Dann kam endlich der Bus an, der uns in das Strandhotel bringen sollte, raus aus Havanna und irgenwie lag in der Luft ein leichter Geruch der inseleigenen Raffinerie. Das Strandhotel bestand aus einem Flachbau, in dem der Speisesaal und die Küche untergebracht war. Die Hotelzimmer waren in den umliegenden kleinen zweistöckigen Bauten rund um den Swimmingpool verteilt. Auch hier roch es in dem bescheidenen Zimmer nach Desinfektion. Immerhin.
Abends spielte ein Trio so bekannte Lieder wie Guantanamera.Und - es war am Pool ein Grill aufgebaut und es gab frisches Grillfleisch. Man hatte sich wirklich Mühe gegeben. Beim Essen konnten wir noch die Handwerker bewundern, die die Duschen neu anstrichen.
Es gab einen Fahrradverleih und später gab es auch noch Surfbretter, um das Balancieren im Pool zu üben. Auf der Straße vor unserem Hotel war ein großer Vogel gelandet, der irgendwas von der Straße auflas Wahrscheinlich eine Ratte oder eine Maus. Der Vogel sah wie ein dunkler Geier aus.
Am Abend konnte man im Gemeinschaftsraum im Fernsehen zusehen, wie Fidel Castro live eine Rede an Tausende seiner Landsleute richtete. Diese Reden dauerten üblicherweise mehrere Stunden, wurde uns versichert. Beim Blick in die Menschenmenge dachte ich nach, wie es sein mußte, dort zu stehen und pinkeln zu müssen. Tagsüber hatten wir übrigens schon offene LKWs gesehen, auf deren Ladefläche dichtgedrängt die Kubaner saßen, um nach Havanna zu kommen." Todos en la plaza" war die Devise und sicher ein Pflichtprogramm. Wir fuhren ein wenig mit den Fahrrädern herum und entschieden uns, für den nächsten Tag eine Busreise mitzumachen, die im Hotelfoyer angeboten wurde. Es sollte zur Schweinebucht gehen, zum Militärmuseum und zu einer Insel, auf der die Ureinwohner Kubas gelebt hatten. Dort gab es auch eine Krokodilfarm.

Als wir dort unseren Rundgang machten, sahen wir die Reptilien müde am Ufer eines angelegten Sees liegen. Ein Kubaner brachte uns ein etwa ein Meter langes Krokodil auf dem Arm heran. Die Schnauze des Krokodils war zugeklebt und so faßte ich aus Neugier dieses Tier an. Das hätte ich lieber sein lassen, doch dazu komme ich später. Höhepunkt der Krokodilfarm war dann ein Mittagessen mit Krokodilfleisch und einem kubanischen Schnaps. Krokodil schmeckt ähnlich wie Hühnchen und besteht aus weißem Fleisch. Das schmeckte uns recht gut, weil die Verpflegung im Hotel nicht besonders abwechslungsreich war .An der Schweinebucht gibt es ein "Kriegsmuseum", das an den glorreichen Sieg der Kubaner erinnert. Nicht sehenswert, aber hat wohl für Kuba eine Bedeutung. Dann führte unsere Tagesreiseweiter in ein dschungelähnliches Gelände entlang der Schweinebucht.

Nach einem zehnminütigen Gang gelangten wir an eine schöne Lagune. Am Ufer lagen die Schalen von Tausenden von Meerestieren aufgetürmt. Hier fanden wir auch eine große und schwere Muschel, die mit Kalk überzogen war. Die nahmen wir als Souvenir mit nach Hause, wo sie heute noch im Garten steht. Das Wasser war überaus klar und der Grund war sandig, aber zwischendrin gab es an allen möglichen Stellen Korallenfelsen und natürlich auch Seeigel. Meine Frau und ich hatten Tauchenbrillen dabei und so tümpelten wir vorsichtig zwischen den Korallenfelsen hin und her. Es gab viele kleine Fische, aber dann auch einen Pfeilhecht und schließlich einen einzelnen Barakuda, der uns mit großen Augen verfolgte. Unter Wasser sieht alles größer aus, so auch dieser Fisch. So machten wir uns vorsichtig wieder zurück ans Ufer. In unserer Reisegruppe waren allerdings auch Familien mit Kindern. Unvorsichtig rannten diese ins Wasser und verletzten sich prompft an den scharfen Korallenstücken, die überall verteilt waren. Es war eigentlich sehr gemütlich und beim Rückweg durch den Urwaldstreifen konnten wir die riesigen in den Bäumen hängenden Tillandsien bewundern. Doch auch in der Karibik geht die Sonne unter und so machte sich unsere Busgruppe wieder auf die Rückreise.

Auf einer Autobahn, auf der keine Autos zu sehen waren ging es wieder zurück nach Havanna. Es konnte auch schon einmal ein Eselsfuhrwerk überholt werden, ansonsten war kaum jemand unterwegs. Jahre später ist auf dieser Autobahn ein kleines Flugzeug notgelandet. Es gab dabei keine weiteren Komplikationen. Direkt an der Fahrstrecke gab es außer Zuckerrohrfeldern auch Plantagen mit Orangen. Der Busfahrer zögerte nicht lange. Er hielt einfach an und ging Apfelsinen pflücken. Schöne Autobahn!

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